Als die Mona Lisa verschwand
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Ombra Celeste Magazin
Im August 1911 verschwindet ein Bild aus dem Louvre, und zum ersten Mal stehen Menschen Schlange, um eine leere Wand zu sehen.
Ein Montag ohne Besucher
Der Louvre ist an diesem Morgen ein Haus ohne Publikum. Montag, der 21. August 1911, Ruhetag. Durch die hohen Fenster fällt ein Sommerlicht, das noch nicht weiß, wie heiß der Tag werden wird, und in den Sälen sind nur die unterwegs, die man sonst übersieht: Aufseher, Putzkolonnen, Handwerker in weißen Kitteln. Es riecht nach Bohnerwachs und nach dem Staub eines Wochenendes, der sich auf Rahmen und Sockel gelegt hat.
Einer dieser Kittel gehört einem Mann aus Dumenza, einem Dorf in den Hügeln über dem Lago Maggiore. Vincenzo Peruggia ist Glaser, knapp dreißig Jahre alt, und er kennt das Haus. Er hat hier gearbeitet, als der Louvre damit begann, seine kostbarsten Gemälde hinter Glas zu setzen. Er weiß, welche Türen klemmen. Er weiß, wann die Aufseher ihre Runden drehen. Vor allem weiß er, dass ein Mann im weißen Kittel in diesem Gebäude so gut wie unsichtbar ist.
Das Museum ist riesig und schlecht bewacht. Ein paar hundert Säle, ein paar Dutzend Aufseher, viele davon ältere Männer, die ihre Stühle lieber in den Schatten rücken als in die Gänge. Schlüssel hängen an Haken, Seitentüren stehen offen, weil gerade irgendwo gestrichen, gebohnert oder repariert wird. Niemand rechnet damit, dass sich jemand an einem Ruhetag für ein Bild interessieren könnte. Bilder sind an Ruhetagen einfach da.
Ein Mann im weißen Kittel ist im Louvre unsichtbar. Das Bild unter seinem Arm auch.
Im Salon Carré hängt sie an vier eisernen Haken. Ein Brustbild auf einer Tafel aus Pappelholz, nicht viel größer als ein aufgeschlagener Atlas, gemalt von einem Mann, der seit fast vierhundert Jahren tot ist. Leonardo da Vinci hatte das Bild bei sich, als er nach Frankreich zog, und dort ist es geblieben, über Könige, Revolutionen und Kaiser hinweg. Napoleon ließ es eine Zeit lang in seinem Schlafzimmer aufhängen. Jetzt hängt es zwischen anderen Meistern. Eines unter vielen.
Das ist der Punkt, den man heute kaum noch glauben mag. Die Mona Lisa ist 1911 ein geschätztes Bild, aber kein Heiligtum. Kenner verehren sie, Kunsthistoriker schreiben über ihr Lächeln, Kopisten stellen ihre Staffeleien vor ihr auf. Das große Publikum geht oft vorbei, auf dem Weg zu den mächtigen Leinwänden mit mehr Pferden, mehr Schlachten, mehr Gold. Sie ist berühmt in der Art, wie ein guter Jahrgang berühmt ist. Man muss sich auskennen.
Wer sich auskennt, sieht vor allem Licht, das keine Kanten hat. Leonardo malte die Übergänge zwischen Hell und Dunkel so weich, Lasur über Lasur, dass niemand sagen kann, wo die Wange aufhört und der Schatten beginnt. Die Italiener nennen das Sfumato, das Verrauchte. Es ist ein leiser Verwandter jenes harten Spiels von Hell und Dunkel, dem das Magazin unter dem Titel „Chiaroscuro“ nachgegangen ist. Leonardo flüstert dort, wo Caravaggio knapp hundert Jahre später ruft.
Für Sfumato hat Peruggia an diesem Morgen keinen Blick. Er hebt das Bild von den Haken. Mit dem schweren Rahmen und dem Schutzkasten aus Glas ist es mühsamer, als es aussieht. Er trägt es durch eine Seitentür in ein Treppenhaus, das den Angestellten vorbehalten ist. Dort, auf dem Absatz, löst er die Tafel aus Rahmen und Glas. Beides lässt er zurück, an die Wand gelehnt. Was er mitnimmt, ist ein Brett.
Er wickelt es in seinen Kittel. Unter dem Arm sieht es aus wie irgendetwas, das Handwerker eben herumtragen. Dann die Tür am Fuß der Treppe. Sie ist verschlossen. Peruggia macht sich am Türknauf zu schaffen, ohne Erfolg, und genau in diesem Moment kommt ein Klempner die Stufen herunter. Er sieht einen Kollegen vor einer klemmenden Tür und tut, was man unter Kollegen tut. Er öffnet sie ihm.
Kein Wortwechsel ist überliefert, der es in die Geschichtsbücher geschafft hätte, kein ertapptes Zögern, kein Schweiß auf der Stirn. Nur eine Gefälligkeit zwischen zwei Männern an einem gewöhnlichen Montagmorgen. Warum hätte der Klempner auch etwas denken sollen. Ein Arbeiter mit einem Paket gehört in den Louvre wie ein Aufseher mit einem Schlüsselbund.
Draußen liegt der Hof in der Morgensonne. Peruggia geht über das Pflaster, durch ein Tor, hinaus auf die Straße. Paris wacht gerade auf. Ein Fiaker rollt vorbei, irgendwo wird eine Markise heruntergekurbelt, ein Café stellt die ersten Stühle hinaus. Unter seinem Arm, eingeschlagen in Baumwolle, trägt er ein Lächeln, das in zwei Jahren die ganze Welt kennen wird. An diesem Morgen kennt es auf der Straße niemand.
Im Salon Carré hängen jetzt vier leere Haken an der Wand. Niemand bemerkt sie. Es ist Ruhetag.
Vier eiserne Haken
Am Dienstag öffnet der Louvre wieder, und mit den ersten Besuchern kommt Louis Béroud. Er ist Maler, er hat seine Staffelei dabei, und er hat sich vorgenommen, an diesem Tag vor der Mona Lisa zu arbeiten. Maler und Kopisten gehören damals zum festen Inventar des Hauses. Sie haben ihre Plätze, ihre Gewohnheiten, ihre Lieblingsbilder, und die Aufseher kennen sie beim Namen. Béroud hat seine Farben schon angemischt.
Wo sie hängen sollte, sind vier Haken. Béroud fragt einen Aufseher. Die Antwort liegt nahe: die Fotografen. Das Museum ließ seine Bilder damals regelmäßig abnehmen, um sie im hauseigenen Atelier aufzunehmen, und manchmal blieb eine Stelle stundenlang leer. Man wartete eben. In einem Haus, das seit über hundert Jahren Museum ist, hat man gelernt, dass Dinge wiederkommen.
Béroud wartet. Die Stunden vergehen, das Licht wandert über das Parkett, und irgendwann wird ihm die Geduld knapp. Er bittet den Aufseher, bei den Fotografen nachzufragen. Der Mann geht. Er bleibt lange weg. Als er zurückkommt, sieht er anders aus als vorher. Bei den Fotografen ist die Mona Lisa nicht. Sie ist auch sonst nirgends.
Was nun folgt, hat etwas von einer Komödie, die sich innerhalb weniger Stunden in eine Staatsaffäre verwandelt. Erst suchen die Aufseher, dann die Kuratoren, dann die Verwaltung, dann die Polizei. Im Treppenhaus finden sie den Rahmen und den Glaskasten, ordentlich abgestellt, als hätte jemand aufgeräumt. Am Abend wird der Diebstahl offiziell bekannt gegeben. Am nächsten Morgen steht er auf den Titelseiten.
Der Louvre schließt für eine Woche. Ermittler gehen durch die Säle, durch Keller und Dachböden, öffnen Schränke, die seit Jahren niemand geöffnet hat. Sie befragen Aufseher, Restauratoren, Handwerker, jeden, der in den Wochen zuvor einen Schlüssel oder einen Kittel getragen hat. Grenzposten werden angewiesen, das Gepäck von Reisenden zu prüfen. Ein Brett aus Pappelholz ist plötzlich ein Fall für ganz Frankreich.
Der Direktor des Louvre, Théophile Homolle, ist in diesen Tagen im Urlaub. Er kommt zurück in ein Haus, das zum Gespött der Welt geworden ist, und behält sein Amt nicht lange. Einer muss die Verantwortung tragen, und in einem Haus mit ein paar hundert Sälen und viel zu wenigen Wächtern trifft es den, dessen Name an der Spitze steht.
Auf dem Glas findet sich ein Abdruck. Ein Daumen, deutlich genug, um ihn zu sichern. Die Pariser Polizei ist zu dieser Zeit stolz auf ihren Erkennungsdienst, auf Karteien, Vermessungen und Fotografien, und Peruggia ist darin verzeichnet, wegen einer früheren Festnahme. Seine Karte liegt im Archiv. Der Abdruck liegt auf dem Glas. Nur kommt niemand auf die Idee, beides zusammenzubringen.
Es ist eine dieser Lücken, an denen Geschichten hängen bleiben. Eine Behörde, die alles sammelt und das Entscheidende nicht findet. Ein Täter, der mitten im System steht und trotzdem durch jedes Raster fällt. Wer sich heute über ein verlegtes Passwort ärgert, darf darin einen gewissen Trost finden. Auch die beste Ordnung braucht jemanden, der die richtige Schublade aufzieht.
Die Zeitungen haben derweil ihr Fest. Sie drucken das Gesicht der Mona Lisa auf ihre Seiten, Tag für Tag, in jeder Größe, und zum ersten Mal sehen Menschen, die nie einen Fuß in den Louvre gesetzt haben, dieses Lächeln aus der Nähe. Reporter spekulieren über Banden, über amerikanische Millionäre, über ausländische Agenten, über Verrückte. Die Illustrierte L'Illustration fragt in großen Lettern nach dem kühnen Verbrecher hinter dieser Entführung.
Entführung. Das Wort ist kein Zufall. Man spricht über die Mona Lisa wie über eine Person, eine Dame, die verschwunden ist, und ganz Paris beginnt, sich um sie zu sorgen, als könnte sie irgendwo frieren. Karikaturen zeigen sie, wie sie auf Zehenspitzen aus dem Museum schleicht. In den Varietés werden Lieder über sie gesungen. Noch im selben Jahr kommt eine Filmkomödie über den Diebstahl in die Kinos.
Und dann öffnet der Louvre wieder.
Die berühmteste Lücke der Welt
Am Tag der Wiedereröffnung bildet sich vor dem Museum eine Schlange, wie man sie dort selten gesehen hat. Menschen in Sonntagskleidern, Studenten, Hausfrauen, Arbeiter in der Mittagspause, Reisende mit dem Baedeker unter dem Arm. Sie steigen die Treppen hinauf, gehen durch die Galerien, an Rubens vorbei, an Tizian vorbei, und bleiben im Salon Carré stehen. Vor einer Wand. Vor vier Haken.
Sie schauen. Manche lange, manche nur einen Atemzug. Es wird geflüstert und gelacht, man zeigt auf die Stelle, als gäbe es dort etwas zu sehen, und gewissermaßen gibt es das auch. Ein helleres Rechteck auf der Wand, wo die Farbe jahrzehntelang vor dem Licht geschützt war. Der Abdruck einer Abwesenheit, genau so groß wie das, was fehlt.
Es ist eine seltsame Szene. Tausende kommen in eines der größten Museen der Welt, umgeben von Meisterwerken aus fünf Jahrhunderten, und betrachten das Einzige, was nicht da ist. Vor der Lücke stehen mehr Menschen, als in den Jahren zuvor vor dem Bild gestanden haben. Als hätte jemand der Stadt erst zeigen müssen, was sie besaß, indem er es ihr wegnahm.
Nie haben so viele Menschen so lange auf so wenig geschaut.
Neugier, Ehrfurcht, ein wenig Schadenfreude über die blamierte Verwaltung: Es sind sehr verschiedene Zustände, die sich da vor derselben Wand treffen. Ein älterer Herr nimmt den Hut ab, als stünde er an einem Grab. Zwei Schülerinnen kichern. Ein Mann notiert etwas in ein kleines Heft, vielleicht ein Journalist, vielleicht nur jemand, der später erzählen will, dass er dabei war.
Unter den Besuchern dieses Spätsommers sollen auch zwei junge Männer aus Prag gewesen sein. Franz Kafka und Max Brod reisen 1911 gemeinsam über Lugano und Mailand nach Paris, und der Louvre liegt auf ihrem Weg. Was Kafka vor der leeren Wand dachte, ist nicht überliefert. Man ahnt nur, dass ein Schriftsteller, der so genau über das Fehlende, das Ausbleibende, das nie Ankommende schreiben konnte, sich an diesem Ort nicht gelangweilt haben dürfte.
Dass hinter jedem sichtbaren Raum noch ein zweiter liegt, einer aus Erwartung und Erinnerung, davon erzählt „Der Raum hinter dem Raum“. Im Salon Carré lässt sich dieser zweite Raum im Herbst 1911 regelrecht besichtigen. Die Wand ist dieselbe wie vorher. Die Haken sind dieselben. Und doch ist der Saal ein anderer geworden, aufgeladen mit Gerede und einem Staunen, das sich auf nichts richtet und gerade deshalb so groß ist.
Paris hat seinen Spaß. Kabarettisten spotten über ein Museum, das seine Bilder nicht festhalten kann. Zeichner zeigen Aufseher, die tief schlafen, während Gemälde durch die Säle davonspazieren. Das Gesicht der Mona Lisa ist auf einmal überall, in Schaufenstern, auf Reklame, auf Postkarten, die man sich gegenseitig schickt. Ein Bild, das fehlt, wird öfter gesehen als jemals zuvor.
Dann kippt die Komödie ins Absurde. Im September wird Guillaume Apollinaire verhaftet, der Dichter, der Freund der jungen Maler, die gerade dabei sind, die Kunst auf den Kopf zu stellen. Mit der Mona Lisa hat das nur über Umwege zu tun. Ein Bekannter Apollinaires hatte Jahre zuvor kleine iberische Steinfiguren aus dem Louvre gestohlen, einfach so, unter dem Mantel, und einige davon waren in einem Atelier gelandet. Bei Pablo Picasso.
Apollinaire verbringt einige Tage im Gefängnis La Santé. Picasso wird vorgeladen und verhört, und die Legende erzählt, der junge Spanier sei vor dem Richter so durcheinander gewesen, dass er behauptete, den Dichter kaum zu kennen. Beide kommen frei. Mit dem Diebstahl hatten sie nichts zu tun. Aber für ein paar Tage stand die Avantgarde im Verdacht, das berühmteste Bild der Renaissance entwendet zu haben, und ganz Paris fand das ungeheuer passend.
Die Monate vergehen. An die leere Stelle hängt man schließlich ein anderes Bild, Raffaels Bildnis des Baldassare Castiglione, einen ernsten Herrn mit Pelzkragen, der höflich den Platz einer Dame einnimmt. An der Wand ist die Lücke damit geschlossen. In den Köpfen nicht. Briefe treffen ein, Hinweise, Geständnisse von Leuten, die nichts damit zu tun haben. Hellseher melden sich. Die Mona Lisa wird überall gesehen und nirgends gefunden.
Während die Welt sucht, liegt sie nur ein paar Kilometer vom Louvre entfernt in einem kleinen Zimmer.
Ein Zimmer in Paris
Das Zimmer liegt in einer Straße ohne jeden Glanz. Ein Bett, ein Tisch, ein Ofen, ein Fenster zum Hof. Hier wohnt Peruggia, und hier wohnt nun auch die Mona Lisa, zwei Jahre und fast vier Monate lang. Sie liegt, so wird es erzählt, in einer Holztruhe mit doppeltem Boden, unter Wäsche und Werkzeug. Ob er sie manchmal herausholt und was er dann mit ihr tut, weiß niemand.
Man kann sich die Szene ausmalen, und vielleicht ist das Ausmalen hier sogar erlaubt, weil es niemand besser weiß. Ein Mann sitzt abends an einem wackeligen Tisch, das Licht einer Lampe fällt auf eine Holztafel, und auf der Tafel sitzt eine Frau mit übereinandergelegten Händen und sieht ihn an. Sie hat Könige angesehen und einen Kaiser. Jetzt sieht sie einen Glaser an, der morgen früh wieder zur Arbeit muss.
Die Polizei klopft tatsächlich an seine Tür. Die Ermittler gehen in diesen Monaten die Handwerker durch, die im Louvre gearbeitet haben, und auch Peruggia wird befragt. Man stellt ihm Fragen, man sieht sich um, man geht wieder. Wo genau das Bild in diesem Moment lag, erzählen die Quellen unterschiedlich. Dass es da war, erzählen sie alle.
Was treibt einen Menschen zu so etwas? Peruggia wird später eine einfache Antwort geben. Er habe das Bild nach Italien zurückbringen wollen, wohin es gehöre. Er glaubte, Napoleon habe es geraubt, wie so vieles, was während der französischen Feldzüge aus Italien nach Paris geschafft worden war. Für viele Gemälde war das ein berechtigter Vorwurf. Für dieses eine war es ein Irrtum.
Leonardo selbst hatte das Bild nach Frankreich gebracht. Er war als alter Mann der Einladung König Franz I. gefolgt und hatte seine letzten Jahre in Amboise an der Loire verbracht, mit einigen Gemälden im Gepäck, von denen er sich offenbar nicht trennen mochte. Nach seinem Tod im Jahr 1519 gelangte die Mona Lisa in die königliche Sammlung. Niemand hatte sie gestohlen. Bis zu diesem Montag im August.
Die Geschichte hat auch eine nüchternere Seite. Es ging Peruggia um Italien, und es ging ihm vermutlich ebenso um Geld. Er wartete, ob sich ein Käufer fände. Er wartete lange. Patriot und Geschäftsmann schließen sich nicht aus, schon gar nicht bei einem Mann, der in einem kleinen Zimmer lebt und ein unbezahlbares Bild unter dem Bett hat, das er nirgends zeigen kann, ohne sich zu verraten.
Tagsüber geht das Leben weiter, als wäre nichts. Peruggia steht morgens auf, trinkt seinen Kaffee, nimmt die Werkzeugtasche und geht zur Arbeit. Er setzt Scheiben in fremde Fenster, misst Rahmen aus, kittet Fugen. An der Ecke hängt am Zeitungskiosk wieder ihr Gesicht, groß auf der ersten Seite, darunter eine neue Vermutung. Er kauft eine Ausgabe und liest, wer er angeblich ist: ein Amerikaner, ein Wahnsinniger, eine internationale Bande.
Auf den Baustellen reden die Männer in der Pause über den Fall, wie über ein Fußballspiel. Einer schwört auf die Deutschen, einer auf einen reichen Sammler in New York, einer behauptet, die Mona Lisa sei längst verbrannt. Peruggia isst sein Brot und hört zu. Er könnte etwas sagen. Er sagt nichts. Abends geht er nach Hause, schließt die Tür hinter sich, und das Gerede bleibt draußen auf der Treppe.
Das Merkwürdigste an diesen zwei Jahren ist ihre Ruhe. Draußen tobt eine Suche, die Zeitungen haben ihren Fall, die Polizei ihre Akten, die Kabaretts ihre Pointen. Drinnen, in diesem Zimmer, geschieht nichts. Ein Bild liegt im Dunkeln und wartet. Leonardo hat über viele Jahre an dieser Tafel gemalt, immer wieder, Schicht um Schicht. Warten kennt sie.
Berühmt wurde sie in der Zeit, in der niemand sie sah.
Wer sich mit Malerei beschäftigt, kennt den Gedanken, dass ein Bild ein Gegenstand ist, ein Ding aus Holz, Leim, Pigment und Firnis, und zugleich etwas, das sich mit Händen nicht festhalten lässt. Wie eng in der Malerei Schatten und Gestalt zusammengehören, darum kreist „Zwischen Schatten und Form“. Im Zimmer des Glasers ist die Mona Lisa ganz Ding. Ein Brett in einer Truhe. Ihr Ruhm hängt währenddessen leer im Louvre.
Die halbe Welt kennt jetzt dieses Gesicht, und kaum einer hat es je gesehen. Im Salon Carré stand man früher ein paar Minuten davor, zwischen anderen Besuchern, mit einem Aufseher im Rücken. In diesem Zimmer gibt es keinen Aufseher, kein Glas, keine Schlange. Es gibt eine Lampe, einen Tisch und einen Mann, der Zeit hat. Vielleicht ist er in diesen zwei Jahren der einzige Mensch, der sie wirklich lange ansieht.
Im Herbst 1913 entschließt sich Peruggia, etwas zu unternehmen. Vielleicht ist es das Geld, vielleicht die Ungeduld, vielleicht das Gefühl, dass zwei Jahre genug sind. Er schreibt einen Brief nach Florenz. Er unterschreibt ihn mit einem Namen, der kaum auffälliger hätte gewählt sein können. Leonardo.
Dann packt er die Truhe.
Florenz, Dezember
Alfredo Geri handelt in Florenz mit Kunst und Antiquitäten, und wie jeder Händler bekommt er merkwürdige Post. Der Brief aus Paris ist trotzdem merkwürdiger als alles, was er bisher gelesen hat. Ein Mann, der sich Leonardo nennt, bietet ihm die Mona Lisa an. Sinngemäß schreibt er, er wolle sie nach Italien heimbringen, und eine Belohnung wäre ihm dabei nicht unangenehm. Geri hält das für einen Scherz. Dann antwortet er doch.
Im Dezember 1913 steigt Peruggia in Florenz aus dem Zug, die Truhe im Gepäck. Er nimmt ein Zimmer in einem bescheidenen Haus, dem Hotel Tripoli-Italia. Geri kommt, und er bringt jemanden mit: Giovanni Poggi, den Direktor der Uffizien. Ein Händler, ein Museumsmann und ein Glaser steigen eine enge Treppe hinauf. Was sie oben erwarten, kann keiner von ihnen sicher wissen.
Peruggia öffnet die Truhe. Er nimmt Wäsche heraus, Schuhe, Werkzeug, ein paar Kleinigkeiten, dann hebt er den doppelten Boden an. Darunter liegt, eingeschlagen in rotes Tuch, wie es heißt, eine Holztafel. Er legt sie auf das Bett. Es ist ein gewöhnliches Hotelbett in einem gewöhnlichen Zimmer, und auf der Decke lächelt die Frau, nach der eine halbe Welt gesucht hat.
Poggi bleibt ruhig, so ruhig, wie ein Museumsdirektor in diesem Augenblick eben bleiben kann. Er trägt die Tafel ans Fenster, ins Tageslicht, und dreht sie um. Auf der Rückseite einer alten Holztafel steht ihre Biografie: Nummern, Stempel, Zeichen der Sammlungen, Spuren von Händen, die sie über Jahrhunderte gehalten haben. Poggi vergleicht, was er sieht, mit dem, was er weiß. Es stimmt alles.
Er erklärt Peruggia, man müsse das Bild zur genaueren Prüfung in die Uffizien bringen, und Peruggia ist einverstanden. Er lässt die Mona Lisa mit zwei Fremden davongehen, so wie er sie zwei Jahre zuvor selbst aus dem Louvre getragen hat, unter dem Arm, ohne viel Aufhebens. Dann wartet er in seinem Hotel auf die gute Nachricht. Wenig später klopft die Polizei an seine Tür.
Das Haus hat diesen Nachmittag nie wieder vergessen. Später nimmt es einen neuen Namen an, Hotel La Gioconda, nach dem italienischen Namen des Bildes. Über dem Eingang steht nun eine Frau, die nur ein einziges Mal hier war, für eine knappe Stunde auf einer Bettdecke. Kein Gast hat dem Haus je so viel hinterlassen.
Man könnte meinen, die Geschichte endet hier mit Handschellen. Sie endet mit einem Fest. Italien jubelt. Die Mona Lisa wird in den Uffizien gezeigt, dann in Rom, dann in Mailand, und überall drängen sich die Menschen, um die Heimgekehrte zu sehen, die eigentlich nur auf der Durchreise ist. Zeitungen feiern, Politiker halten Reden, und für ein paar Wochen ist ein Bild aus Pappelholz eine Nationalheldin.
Peruggia wird in Florenz der Prozess gemacht. Viele Italiener sehen in ihm keinen gewöhnlichen Dieb, eher einen etwas wirren Patrioten, und das Gericht urteilt milde. Ein Jahr und fünfzehn Tage lautet die Strafe, nach der Berufung sitzt er nur etwa sieben Monate ab. Danach verschwindet er aus der großen Geschichte. Ein Glaser aus Dumenza, der zwei Jahre lang den bekanntesten Gegenstand der Welt in seinem Zimmer hatte.
Im Januar 1914 kehrt die Mona Lisa nach Paris zurück, gut bewacht und gefeiert wie ein Staatsgast. Der Louvre hängt sie wieder in den Salon Carré, und in den ersten beiden Tagen sollen mehr als hunderttausend Menschen gekommen sein, um sie zu sehen. Es ist dieselbe Tafel, dasselbe Lächeln, dieselbe Frau mit den ruhigen Händen. Und doch ist sie ein anderes Bild geworden.
Vorher war sie ein Meisterwerk unter vielen. Jetzt ist sie die Mona Lisa. Ihr Gesicht ist zwei Jahre lang durch die Zeitungen der Welt gegangen, durch Karikaturen, Lieder, Witze und Kinosäle, und hat sich dabei in ein Bild verwandelt, das jeder kennt, auch wer es nie gesehen hat. Der Diebstahl hat getan, was kein Kritiker gekonnt hätte. Er hat sie allen gezeigt, indem er sie allen wegnahm.
Spätere Künstler werden sich an dieser Berühmtheit reiben. Marcel Duchamp malt 1919 einer billigen Reproduktion einen Schnurrbart ins Gesicht. Andy Warhol vervielfältigt sie in den Sechzigerjahren im Siebdruck. Sie wird zum meistkopierten, meistparodierten, meistbesuchten Bild der Welt. Vielleicht wäre das alles auch ohne den August 1911 gekommen. Dann aber langsamer, leiser und weniger schön verrückt.
Heute hängt sie im Louvre in der Salle des États, hinter Panzerglas, auf Abstand gehalten durch eine Absperrung. Jeden Tag schieben sich Tausende an ihr vorbei. Sie halten Telefone in die Höhe, fotografieren das Bild, fotografieren sich mit dem Bild, fotografieren die anderen, die das Bild fotografieren. Viele sehen sie kaum. Sie sehen vor allem, dass sie da waren. Für einen Blick bleiben ein paar Sekunden. Ein Glaser hatte einmal zwei Jahre.
Und manchmal, in einem stillen Moment zwischen zwei Gruppen, sieht man doch etwas. Das weiche Licht auf der Stirn. Die Landschaft im Hintergrund, deren Horizont links und rechts nicht ganz auf derselben Höhe liegt. Die Hände, gelassen übereinandergelegt, als hätte diese Frau alle Zeit der Welt. Sie hatte sie ja auch. Zwei Jahre davon in einer Truhe.
Draußen steht die Sonne über der Glaspyramide. In der Schlange vor dem Eingang wartet ein Mädchen mit einem Rucksack, den Kopf im Nacken, und fragt ihren Vater, ob die Mona Lisa wirklich so klein sei, wie alle sagen. Der Vater zuckt die Schultern. Er war noch nie drin. In einer Stunde werden sie es beide wissen.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.