Arbeit, die nicht endet.
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Ombra Celeste Magazin
In einem Bürohochhaus brennt nachts noch in einzelnen Fenstern Licht, und in einer kleinen Kirche in Halberstadt spielt seit 2001 eine Orgel ein Stück, das erst im Jahr 2640 zu Ende sein wird.
Das Hochhaus, zehn nach zehn
Im zwölften Stock brennt noch Licht in vier Fenstern. Eines davon gehört der Frau mit den zwei Brillen. Die eine trägt sie auf der Nase, die andere steckt im Haar, seit dem Nachmittag, und sie hat vergessen, dass sie dort ist. Vor ihr auf dem Bildschirm steht eine Präsentation mit dreiundzwanzig Folien. Morgen um neun muss sie fertig sein.
Sie ist es fast. Die Folien sind gut. Die Zahlen stimmen, die Grafiken sind sauber, die Schrift hat sie zweimal geändert und dann wieder auf die erste zurückgesetzt. Was fehlt, ist der Schluss. Folie dreiundzwanzig ist weiß, bis auf eine Überschrift, die sie viermal umgeschrieben hat. Im Moment steht da: Ausblick. Sie mag das Wort nicht.
Um sie herum ist das Großraumbüro dunkel. Nur über ihrem Platz und über drei anderen Plätzen weiter hinten brennen die Lampen, und wenn sie den Kopf hebt, sieht sie in der Fensterscheibe sich selbst, gespiegelt über der Stadt. Die Stadt sieht von hier oben aus wie ein Schaltplan, rote und weiße Linien, die sich bewegen, und dazwischen Blöcke aus Dunkelheit.
Gegenüber steht ein zweites Hochhaus, genauso hoch, genauso gläsern. Auch dort sind Fenster hell. Sie zählt sie manchmal, wenn sie nicht weiterkommt. Heute sind es elf. In einem davon sitzt seit Wochen jeden Abend ein Mann in einem weißen Hemd und telefoniert im Stehen, mit einer Hand in der Hosentasche. Sie hat ihn nie sitzen sehen.
Von außen sieht das Gebäude in der Nacht aus wie ein Adventskalender, bei dem jemand nur ein paar Türchen geöffnet hat.
Um zehn vor elf kommt eine Mail. Betreff: nur kurz zur Info. Der Kollege, der sie schickt, sitzt nicht im Büro, er sitzt zu Hause, das sieht man an der Uhrzeit und daran, dass die Mail mit einem kleinen Tippfehler beginnt. Er schreibt, der Kunde habe noch einmal angerufen und wolle auf Folie sieben lieber eine andere Grafik. Nichts Dringendes. Nur zur Info.
Die Frau mit den zwei Brillen lacht kurz und laut in das leere Büro. Dann öffnet sie Folie sieben. Die Grafik, die der Kunde jetzt lieber hätte, ist die, die sie vor drei Tagen herausgenommen hat, weil der Kunde sie damals nicht wollte. Sie sucht die alte Datei, findet sie in einem Ordner, der „alt_wirklich_alt“ heißt, und setzt die Grafik wieder ein.
Die Reinigungskraft kommt um elf. Ein älterer Mann mit einem Staubsauger auf dem Rücken, wie einen Rucksack, und einem Kopfhörer, der ihm nur in einem Ohr steckt. Er nickt ihr zu, sie nickt zurück. Er saugt zwischen den leeren Tischen und macht einen großen Bogen um ihren Platz, als wäre er ein Stück Wald, das man nicht betreten soll.
Einmal bleibt er stehen und schaut auf ihren Bildschirm. Er fragt, ob das hier denn nie aufhöre. Sie weiß nicht genau, ob er die Arbeit meint oder die Präsentation oder sie selbst. Sie sagt, morgen um neun höre es auf. Er nickt, als glaube er ihr kein Wort, und saugt weiter.
Halberstadt, der Abend davor
Die Burchardikirche in Halberstadt ist ein schlichter romanischer Bau, um das Jahr 1050 errichtet, mit dicken Mauern und kleinen Fenstern. Wer am Abend vorbeigeht, sieht nichts Besonderes. Wer stehen bleibt, hört etwas. Ein Ton, eher ein Gewebe aus Tönen, sehr leise, durch die Mauern gedämpft. Er klingt seit Jahren. Er wird noch sehr lange klingen.
Drinnen steht eine kleine Orgel, ganz anders als die großen Instrumente, die man aus Kirchen kennt. Ein paar Pfeifen, ein Gebläse, sonst nicht viel. Auf einigen Tasten liegen kleine Säckchen mit Sand. Sie drücken die Tasten nieder, Tag und Nacht, damit niemand spielen muss. Die Orgel spielt ein Stück von John Cage. Es heißt „ORGAN²/ASLSP“.
Die vier Buchstaben am Ende stehen für eine Spielanweisung: As Slow As Possible. So langsam wie möglich. Cage hat nicht gesagt, wie langsam das ist. In Halberstadt hat man es wörtlich genommen. Die Aufführung begann im September 2001 und soll im Jahr 2640 enden. Sechshundertneununddreißig Jahre. Einzelne Akkorde halten hier Jahre, bevor ein Ton dazukommt oder einer verschwindet.
An diesem Abend ist die Frau mit dem Werkzeuggürtel noch einmal da. Sie gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich um die Orgel kümmern, und morgen ist Klangwechsel. Dann kommt eine neue Pfeife hinzu. Aus sieben Tönen werden acht. Sie prüft die Halterung, in die die Pfeife gesteckt wird, wischt mit einem Tuch darüber, obwohl kein Staub darauf ist, und steckt das Tuch wieder in den Gürtel.
Nachts ist niemand in der Kirche. Die Tür ist abgeschlossen. Die Orgel spielt trotzdem, für die Mauern, für den Steinboden, für eine Maus vielleicht, die irgendwo in einer Ecke wohnt und sich längst an den Akkord gewöhnt hat. Wer nachts am Gitter steht und das Ohr an den Spalt der Tür hält, hört ihn noch. Es ist ein Klang, der weder anfängt noch aufhört. Er ist einfach da.
An den Wänden hängen kleine Schilder, Dutzende, in Reihen. Jedes steht für ein Klangjahr. Menschen haben für ein Jahr dieses Stücks eine Patenschaft übernommen, und auf die Plaketten haben sie Namen geschrieben, Daten, manchmal einen Satz. Manche Jahre liegen weit in der Zukunft. Das Jahr 2640, das letzte, ist schon vergeben.
Man kann im Dunkeln nur ahnen, was auf den Schildern steht. Einige sind Geburtstage. Einige sind Hochzeitstage. Auf einem steht nur ein Name und darunter ein Wort, das jemand für wichtig genug hielt, um es für ein Jahr in sechshundert Jahren aufzuschreiben. Wer es geschrieben hat, wird dieses Jahr nicht erleben. Vermutlich wusste er das. Es hat ihn nicht gestört.
Die Orgel weiß von alldem nichts. Sie hält ihre sieben Töne. Das Gebläse summt dazu, kaum hörbar. Es gibt einen Titel, der in dieser Kirche wörtlich wird: „Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt.“ Hier liegen zwischen zwei Tönen manchmal Jahre.
Das Hochhaus, Mitternacht
Um Mitternacht setzt die Frau mit den zwei Brillen die Kopfhörer auf. Sie braucht jetzt etwas, das sie wach hält, ohne sie abzulenken. Sie hat seit ein paar Wochen ein Stück, das sie in solchen Nächten hört, in zwei Versionen: eine ruhige, fast klassische, und eine mit einem Bass, der wie ein zweiter Herzschlag unter ihr pocht. Um Mitternacht ist es die laute. Sie heißt „Sogni nell’Ombra – Zwei Wege durch die Nacht“, und um Mitternacht nimmt sie den schnelleren Weg.
Sie tippt im Takt. Folie zwölf, Folie dreizehn, Folie vierzehn. Ein Komma hier, eine Zahl dort, die Achse einer Grafik, die bei zehn statt bei null beginnt und deshalb lügt. Sie korrigiert sie. Niemand würde es bemerken. Sie bemerkt es. Sie lehnt sich zurück und reckt die Arme über den Kopf, und dabei fällt die zweite Brille aus ihrem Haar auf den Teppich.
Sie bückt sich, hebt sie auf, betrachtet sie verwirrt. Dann setzt sie die Brille auf, die schon auf ihrer Nase sitzt, und hat für einen Moment zwei übereinander. Die Welt verschwimmt. Sie lacht wieder, diesmal leiser, und denkt, dass es niemand gesehen hat. Im Fenster gegenüber hat der Mann im weißen Hemd aufgehört zu telefonieren. Er sieht zu ihr herüber.
Sie winkt. Er zögert, dann winkt er zurück, die freie Hand, die andere hat er noch in der Hosentasche. Sie haben nie ein Wort miteinander gewechselt. Sie wissen nicht, wie der andere heißt, was er macht, warum er hier ist um diese Uhrzeit. Für eine Sekunde sind sie die einzigen beiden Menschen in dieser Stadt, die verstehen, was die beiden anderen hier tun.
Um zehn nach eins hat sie Hunger. Sie bestellt eine Pizza, wie sie es in solchen Nächten immer tut, und vergisst jedes Mal, dass der Lieferant um diese Uhrzeit nicht ins Gebäude kommt. Ihr Telefon klingelt. Eine Stimme sagt, er stehe vor einer Glastür, und die Glastür sei zu. Sie sagt, sie komme. Dann ruft sie unten beim Nachtwächter an.
Der Nachtwächter bringt die Pizza selbst herauf. Er trägt den Karton waagerecht vor sich her wie ein Kellner in einem besseren Restaurant, und als er ihn auf ihren Tisch stellt, sagt er, Salami, gute Wahl. Sie bietet ihm ein Stück an. Er lehnt ab, dann nimmt er doch eins und isst es im Stehen, während er auf die Stadt hinunterschaut.
Unten fahren Kehrmaschinen durch die leeren Straßen, orangefarbene Lichter, die sich langsam bewegen und Bürsten, die sich drehen. Sie arbeiten jede Nacht, sagt der Nachtwächter, und jeden Morgen ist die Stadt wieder dreckig. Er sagt es ohne Klage. Er sagt es, wie man über das Wetter spricht. Dann wischt er sich die Finger an einer Serviette ab und geht weiter auf seine Runde.
Sie isst den Rest am Fenster. Der Karton ist das einzige Warme im ganzen Stockwerk. Die Präsentation leuchtet hinter ihr auf dem Bildschirm, Folie neunzehn, und sie dreht ihr für zehn Minuten den Rücken zu. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass sie nicht auf die Folien schaut. Es fühlt sich an, als hätte sie heimlich eine Tür aufgemacht.
Halberstadt, kurz nach sechs
Kurz nach sechs schließt die Frau mit dem Werkzeuggürtel die Kirche auf. Sie hat eine Tüte mit Brötchen dabei, für die anderen Helfer, und eine Thermoskanne, die so alt ist, dass das Logo darauf nicht mehr zu lesen ist. Drinnen ist es kühl. Der Akkord empfängt sie wie jeden Morgen, und sie sagt laut guten Morgen, zur Orgel, weil sonst niemand da ist.
Auf einem Tisch neben dem Eingang liegt ein Gegenstand, nach dem an Tagen wie diesem immer jemand fragt. Eine Eintrittskarte aus Edelstahl. Sie gilt für das letzte Konzert, im Jahr 2640, und sie kostet 2640 Euro. Man kann sie vererben. Wer sie kauft, wird nicht dabei sein, aber irgendein Urenkel eines Urenkels vielleicht, mit einem Stück Metall in der Tasche, von dem er nicht mehr weiß, woher es kommt.
Der erste Besucher des Tages ist ein Mann im Anorak, der schon um halb sieben vor der Tür steht. Er fragt nach der Karte, hält sie in der Hand, wiegt sie, als prüfe er ihr Gewicht gegen den Preis. Er fragt, ob man in Raten zahlen könne. Die Frau mit dem Werkzeuggürtel sagt, über sechshundert Jahre gerechnet seien das ungefähr vier Euro im Jahr.
Der Mann lacht so laut, dass es durch die Kirche hallt, und für einen Moment klingt der Akkord, als hätte er seinen achten Ton ein paar Stunden zu früh bekommen. Dann legt er die Karte zurück, sehr vorsichtig, und sagt, er überlege es sich. Er hat noch Zeit, sagt er. Sie sagt, das hätten hier alle. Dann bietet sie ihm ein Brötchen an.
Gegen zehn steht vor der Burchardikirche eine Schlange. Mehrere hundert Menschen sind gekommen, aus der Stadt, aus anderen Städten, aus anderen Ländern. Manche haben Thermoskannen dabei, manche Klappstühle. Vor der Kirche steht eine Videoleinwand, weil nicht alle hineinpassen. Sie kommen, um zu hören, wie ein einziger Ton dazukommt. Dafür sind einige die Nacht durchgefahren.
Ein Mann mit einem Hut aus Stroh erzählt jedem, der in seiner Nähe steht, dass er beim letzten Klangwechsel auch schon da war und beim vorletzten. Er sagt es mit dem Stolz eines Mannes, der bei einem Fußballspiel jedes Tor gesehen hat. Eine junge Frau neben ihm fragt, wie es gewesen sei. Er überlegt lange. Dann sagt er: anders.
Ein Junge, vielleicht sieben, steht an der Hand seines Vaters und will wissen, wann das Lied vorbei ist. Der Vater sagt: im Jahr 2640. Der Junge rechnet. Man sieht, wie er rechnet, mit den Lippen und mit den Fingern, und man sieht, wie er an eine Grenze kommt, hinter der Zahlen keinen Sinn mehr ergeben. Dann fragt er, ob man in der Kirche wenigstens ein Eis bekommt.
Hinten in der Schlange steht eine ältere Frau mit einem Strauß Feldblumen. Sie hat vor Jahren ein Klangjahr gekauft, erzählt sie der Frau vor ihr, ein Jahr weit im nächsten Jahrhundert, für ihren Mann, der damals noch lebte. Auf der Plakette steht sein Name und ein Spruch, den er immer gesagt hat, wenn ihm etwas zu lange dauerte. Sie verrät nicht, welcher. Sie lächelt nur.
Das Hochhaus, halb drei
Um halb drei kommt der Nachtwächter vorbei. Er macht seine Runde mit einer Taschenlampe, die er nicht braucht, weil im zwölften Stock ohnehin noch Licht brennt, und mit einer Zeitung unter dem Arm, auf deren Rückseite ein halb ausgefülltes Kreuzworträtsel ist. Er bleibt an ihrem Platz stehen, wie jede Nacht, in der sie hier sitzt.
Er fragt sie nach einem Wort. Ein anderes Wort für Ende, fünf Buchstaben. Sie überlegt. Schluss ist zu lang. Ziel ist zu kurz. Sie denkt an Folie dreiundzwanzig, auf der immer noch Ausblick steht, und sagt: Pause. Der Nachtwächter zählt mit dem Kugelschreiber nach, nickt und trägt es ein. Es passt, sagt er. Komisch eigentlich.
Ein anderes Wort für Ende, fünf Buchstaben, und das einzige, das in die Kästchen passte, war Pause.
Sie wechselt die Musik. Die laute Version ist zu Ende, und jetzt, um diese Uhrzeit, will sie den anderen Weg durch die Nacht, den ruhigen. Er klingt wie ein Raum, in dem jemand ganz hinten ein Fenster offen gelassen hat. Sie schreibt den Schluss. Er wird kurz. Drei Sätze. Sie streicht das Wort Ausblick und schreibt nichts darüber.
Dann speichert sie die Datei. Der Dateiname ist „Praesentation_final_final_v7“. Sie überlegt, ihn zu ändern, in etwas, das so klingt, als wäre es diesmal wirklich das Ende. Sie lässt ihn, wie er ist. Sie weiß, dass es eine Version acht geben wird. Vielleicht schon um zehn nach neun, wenn der Kunde Folie sieben gesehen hat.
Um Viertel nach drei springt im Dunkeln der Drucker an. Er steht am anderen Ende des Großraumbüros, neben der Kaffeemaschine, und er beginnt ohne Vorwarnung zu rattern. Die Frau mit den zwei Brillen erschrickt so sehr, dass sie den Kaffeebecher umstößt. Er ist zum Glück leer. Der Drucker spuckt Blatt um Blatt aus, und niemand ist da, der es abholt.
Sie geht hinüber. Es ist eine Tabelle, vierzig Seiten, Zahlenkolonnen, Kopfzeile mit dem Namen einer Kollegin aus der Buchhaltung, die sie nur vom Sehen kennt. Die Kollegin muss den Druckauftrag von zu Hause abgeschickt haben, versehentlich, oder absichtlich, damit die Seiten morgen früh bereitliegen. Um drei Uhr nachts. Irgendwo in dieser Stadt sitzt noch jemand wach.
Sie nimmt den Stapel, klopft ihn auf der Kante gerade und trägt ihn zum Platz der Kollegin. Dort steht eine Tasse mit dem Aufdruck einer Katze und eine Pflanze, die dringend Wasser bräuchte. Sie legt den Stapel neben die Tasse. Dann gießt sie die Pflanze, mit dem Rest aus ihrer Wasserflasche, und klebt einen Zettel auf den Stapel: Gute Nacht.
Auf dem Rückweg zu ihrem Platz überlegt sie, ob sie noch Folie zwanzig ändern soll. Sie ändert sie nicht. Sie setzt sich, schaut eine Weile auf den Zettel, den sie von hier aus nicht sehen kann, und stellt sich vor, wie die Kollegin ihn morgen findet. Es ist ein seltsam gutes Gefühl, für jemanden, den man nicht kennt, eine Pflanze gegossen zu haben.
Halberstadt, der Klangwechsel
Drinnen ist es eng. Die Menschen stehen dicht, sie sitzen auf dem Boden, auf den Klappstühlen, auf den Stufen. Niemand spricht. Der Akkord der letzten Jahre füllt den Raum, sieben Töne, die so lange schon klingen, dass sie wie das Rauschen des Raumes selbst wirken. Die Frau mit dem Werkzeuggürtel steht neben der Orgel, die neue Pfeife in beiden Händen, als hielte sie ein Neugeborenes.
Dann steckt sie die Pfeife in die Halterung. Es gibt kein Signal, keinen Gong, keinen Applaus vorher. Für eine halbe Sekunde passiert gar nichts. Dann kommt der neue Ton hinzu, das a, hell und ein bisschen schief gegen die anderen, und der ganze Klang verschiebt sich, als hätte jemand in einem Zimmer ein Möbelstück an eine andere Wand gerückt.
Ein paar Leute weinen. Der Mann mit dem Strohhut nickt langsam, als hätte er genau das erwartet. Der Junge zieht seinen Vater am Ärmel und flüstert laut, dass sich gar nicht so viel verändert habe. Die ältere Frau mit den Feldblumen steht still, die Augen geschlossen. Sie legt den Strauß unter ihre Plakette an der Wand. Niemand fragt warum.
Und dann bleiben die meisten. Das ist das Merkwürdige an diesem Tag. Der Klangwechsel ist vorbei, das Ereignis, für das sie gekommen sind, hat stattgefunden, und trotzdem bleiben sie sitzen, auf den Stufen, auf dem Boden. Sie hören zu. Sie hören einem Akkord zu, der jetzt wieder Jahre klingen wird, und es scheint ihnen zu genügen, eine Weile darin zu sitzen.
Am Nachmittag sitzen noch immer Menschen in der Kirche. Nicht mehr Hunderte, aber Dutzende. Eine Gruppe junger Leute mit Rucksäcken hat sich auf den Boden gelegt, die Köpfe in die Mitte, die Füße nach außen, wie die Speichen eines Rades. Einer von ihnen ist eingeschlafen. Die anderen lassen ihn schlafen. Niemand sagt etwas dagegen. Es scheint hier eine Art Gesetz zu sein.
Dann summt jemand. Eine Frau auf den Stufen, vielleicht eine Chorsängerin, man merkt es an der Art, wie sie den Ton trifft. Sie summt das neue a mit, leise, genau auf der Höhe der Pfeife. Ein Mann neben ihr fällt ein, eine Oktave tiefer. Dann noch einer. Für ein paar Atemzüge hat der Akkord in der Burchardikirche nicht acht Töne, sondern elf.
Die Frau mit dem Werkzeuggürtel steht im Eingang und hört zu. Sie könnte etwas sagen. Sie tut es nicht. Die Summenden hören von selbst wieder auf, einer nach dem anderen, und als die letzte Stimme verklungen ist, ist der Akkord wieder, was er war, acht Töne, ruhig, unbeeindruckt. Jemand lacht leise. Die Chorsängerin zuckt mit den Schultern, als wolle sie sagen: Musste sein.
Später wird die Frau mit dem Werkzeuggürtel erzählen, das passiere fast bei jedem Klangwechsel. Die Leute halten es irgendwann nicht mehr aus, nur zuzuhören. Sie wollen mitmachen, für einen Moment, ein paar Sekunden lang Teil eines Stücks sein, das länger dauert als sie selbst. Dann hören sie wieder auf und gehen nach Hause, und das Stück macht ohne sie weiter.
Das Hochhaus, halb fünf
Um halb fünf schaltet die Frau mit den zwei Brillen den Bildschirm aus. Er wird schwarz, und in ihm spiegelt sich ihr Gesicht, müde und ein bisschen zufrieden. Sie nimmt die Brille aus dem Haar, endlich, steckt sie ins Etui und das Etui in die Tasche. Die andere behält sie auf. Sie braucht sie für den Weg nach Hause.
Im Fenster gegenüber ist das Licht aus. Der Mann im weißen Hemd ist gegangen, irgendwann, sie hat es nicht bemerkt. Unten in der Lobby sitzt der Nachtwächter und hat das Kreuzworträtsel fertig. Er hält es ihr hoch, als sie vorbeigeht, wie einen Pokal. Sie applaudiert. Draußen ist es noch dunkel, aber über den Dächern im Osten wird der Himmel schon ein wenig heller.
Morgen, also heute, um neun, wird sie präsentieren. Danach wird es Rückfragen geben. Eine Version acht. Eine neue Präsentation für einen neuen Kunden, ein neues Projekt, das in ein anderes übergeht. Die Arbeit hört nicht auf. Das weiß sie. Sie steht trotzdem einen Moment auf dem Gehweg vor dem Haus und schaut zu ihrem dunklen Fenster im zwölften Stock hinauf.
Von dieser Minute, in der die Nacht in den Morgen kippt, erzählt auch „Ein Moment zwischen Nacht und Leben“. Die Frau mit der Brille geht zur Straßenbahn. Unterwegs merkt sie, dass sie die ruhige Version des Stücks noch im Kopf hat, und summt sie, falsch, und es stört sie nicht.
Halberstadt, wieder Nacht
Am Abend ist die Kirche wieder leer. Die Leinwand vor der Tür ist abgebaut, die Klappstühle sind weg, die Thermoskannen auch. Auf dem Boden liegt noch ein Kaugummipapier und unter einer Plakette ein Strauß Feldblumen, der langsam die Köpfe hängen lässt. Die Frau mit dem Werkzeuggürtel schließt die Tür ab, rüttelt einmal, wie jeden Abend, und geht nach Hause.
Drinnen klingen jetzt acht Töne. Der neue klingt noch ein bisschen fremd, wie ein Gast, der als Letzter an einen Tisch gekommen ist und noch nicht weiß, wo er die Hände hinlegen soll. In ein paar Wochen wird er dazugehören. In ein paar Monaten wird niemand mehr wissen, wie es ohne ihn klang. Der nächste Klangwechsel ist schon geplant.
Irgendwann wird es in Halberstadt Menschen geben, die das Ende dieses Stücks erleben. Sie sind noch nicht geboren. Ihre Ur-Ur-Urgroßeltern sind noch nicht geboren. Und die Menschen, die heute auf den Stufen saßen, haben das gewusst, und sie sind trotzdem gekommen, mit Klappstühlen und Thermoskannen und einem Strauß Feldblumen, für einen einzigen Ton.
Hier hat jemand eine Arbeit, die nicht endet, mit Absicht so gebaut, und die Menschen kommen, um ihr beim Nichtenden zuzuhören.
Wer jetzt am Gitter vor der Kirche stehen bleibt, hört den Akkord durch die Mauern. Leise, gedämpft, wie aus einem anderen Zimmer. Er wird morgen noch da sein. Und übermorgen. Und an dem Tag, an dem in einem Hochhaus in einer anderen Stadt eine Frau mit einer Brille im Haar Version acht abschickt, wird er auch noch da sein, und er wird sich nicht beeilen.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.