Leerer, funktionaler Durchgangsraum aus Beton mit neutralem Tageslicht, gleichmäßig beleuchtet, ohne Personen. Der Blick folgt dem Gang in Laufrichtung, der ohne sichtbaren Endpunkt leicht abknickt.

Der Durchgang ohne Ziel.

Ombra Celeste Magazin


Ein Ort, der nichts verspricht und genau deshalb betreten wird.

Der Raum zwischen zwei Türen

Der Flur, um den es hier geht, verbindet ein Treppenhaus mit einer Tiefgarage, etwa vierzig Meter lang, mit einer leichten Biegung in der Mitte, die verhindert, dass man das Ende sieht. Der Boden ist geschliffener Estrich, an manchen Stellen dunkler als an anderen, dort, wo seit Jahren dieselbe Spur gegangen wird. Die Wände sind ungestrichener Beton, roh belassen, mit kleinen Abplatzungen auf Kniehöhe, wo Gepäck oder Fahrradlenker über Jahre entlanggestreift sind. Licht kommt aus Deckenleuchten in gleichmäßigem Abstand, keine wärmer als die andere, keine heller, keine, die etwas betonen würde.

In „Die unsichtbare Architektur des Lichts“ wurde beschrieben, wie stark unauffällige Gestaltung das Erleben eines Raums prägt, gerade weil sie nicht bemerkt wird. Genau diese gleichmäßigen Deckenleuchten sind ein Beispiel dafür: Sie setzen keinen Akzent, betonen nichts, und wirken gerade dadurch am stärksten auf das Gefühl, das der Raum hinterlässt.

Man betritt diesen Flur nicht, um dort zu sein. Man betritt ihn, weil das Treppenhaus zur Garage führt und dieser Abschnitt notwendig dazwischenliegt, ohne eigenen Anspruch. Es gibt keine Hinweisschilder außer einem einzelnen Pfeil auf halber Strecke, der zur Ausfahrt zeigt. Keine Werbung, keine Kunst, keine Sitzgelegenheit. Der Raum ist auf ein einziges Kriterium hin gebaut: dass man durch ihn hindurchkommt, ohne aufgehalten zu werden. Alles Weitere wäre bereits zu viel.

Baurechtlich ist ein solcher Flur streng normiert, auch wenn er das nicht zeigt. Mindestbreite, Mindesthöhe, maximale Fluchtweglänge, Beleuchtungsstärke in Lux: Diese Vorgaben bestimmen die Proportionen des Raums, lange bevor irgendjemand über Gestaltung nachdenkt. Die Deckenhöhe von knapp zweieinhalb Metern ergibt sich aus Mindestmaßen und Baukosten, mit Ästhetik hat sie wenig zu tun. Auch die Biegung in der Mitte folgt meist keiner architektonischen Idee. Sie richtet sich nach den tragenden Wänden darüber, die einem ganz anderen Grundriss gehorchen.

Im Sommer verändert sich der Flur kaum wahrnehmbar. Die Temperatur bleibt konstant kühl, unabhängig von der Hitze draußen, weil der Beton Wärme langsam aufnimmt und noch langsamer wieder abgibt. Im Winter ist es umgekehrt: Der Raum bleibt milder als die Außenluft, ohne dass eine Heizung dafür sorgen würde. Diese thermische Trägheit ist eine Eigenschaft des Materials, keine Absicht der Planung, und doch prägt sie, wie sich der Durchgang anfühlt, je nach Jahreszeit ein wenig anders, obwohl sich an seiner Erscheinung nichts verändert.

Wer dort an einem Winterabend einmal stehen bleibt, ohne bewussten Grund, den Autoschlüssel in der Hand, hört für einen Moment nur das eigene Atmen und ein fernes Summen der Lüftungsanlage. Es ist keine besondere Erfahrung, eher das Gegenteil: eine Abwesenheit von allem, was normalerweise Aufmerksamkeit beansprucht. Kein Blick, der etwas sucht. Kein Gedanke, der sich festsetzt. Nur der Beton, das Summen, die eigene Anwesenheit in einem Raum, der davon nichts registriert.

Solche Räume sind in der Architekturtheorie selten Gegenstand eigener Betrachtung. Sie gelten als Verbindungsstücke, als notwendiges Übel zwischen den eigentlichen Orten, dem Zuhause, der Arbeit, dem Ziel der Fahrt. Genau diese Nebenrolle macht sie interessant. Sie werden nicht gestaltet, um zu wirken. Sie werden gebaut, um zu funktionieren, und diese Funktion ist so eng umrissen, dass jede zusätzliche Geste überflüssig wäre. Ein Handlauf, weil er gebraucht wird. Ein Lichtschalter, weil Dunkelheit ein Risiko wäre. Nichts, das darüber hinausginge.

Der Boden zeigt, bei genauerem Hinsehen, eine eigene Geschichte. Keine einzelne Person hat sie geschrieben. Es ist die kollektive Spur vieler Durchquerungen, verdichtet zu einer matten Bahn in der Mitte des Gangs, während die Ränder heller geblieben sind. Niemand hat diese Spur geplant. Sie ist das Ergebnis von Gewohnheit, von tausenden Schritten, die alle denselben kürzesten Weg gewählt haben, ohne sich je abzustimmen. Was hier entsteht, ist eine Art unbeabsichtigte Kartografie, geschrieben von niemandem, gelesen von kaum jemandem.

Ein Boden erinnert sich an jeden Weg, den niemand geplant hat.

Auch akustisch ist der Raum eigen. Schritte hallen kurz nach und verschwinden dann, ohne dass der Nachhall lange genug bliebe, um als Echo wahrgenommen zu werden. Das Summen der Lüftung liegt konstant im Hintergrund, weder störend noch beruhigend, einfach vorhanden. Zusammen ergibt das eine Geräuschkulisse, die sich von jeder gestalteten Umgebung unterscheidet: von niemandem komponiert, zufällig entstanden aus der Summe technischer Notwendigkeiten, die niemals aufeinander abgestimmt wurden.

Am Ende des Flurs, dort wo er in die Garage mündet, verändert sich Licht und Geräusch abrupt. Das gleichmäßige Deckenlicht weicht dem kälteren, bläulicheren Schein der Garagenbeleuchtung, das Summen der Lüftung wird vom tieferen Grollen einlaufender Fahrzeuge abgelöst. Dieser Übergang dauert wenige Schritte, ist aber deutlich spürbar, eine kleine Schwelle innerhalb der größeren Schwelle, die der ganze Flur darstellt. Niemand hat diesen Übergang gestaltet. Er ergibt sich aus zwei aneinandergrenzenden technischen Systemen, die unabhängig voneinander geplant wurden.

Wer diesen Flur zum ersten Mal geht, registriert meist nichts von alledem. Erst bei Wiederholung, wenn derselbe Weg zum wiederkehrenden Teil des Alltags wird, treten solche Details hervor: die Biegung, die das Ende verbirgt, der eine hellere Fleck an der Wand, das Summen, das je nach Tageszeit minimal in der Tonhöhe schwankt. Der Raum bleibt gleich. Was sich verändert, ist die Aufmerksamkeit, die ihm irgendwann doch zugewendet wird, obwohl er darauf nie angelegt war.

Manchmal, selten, öffnet sich am Ende des Flurs automatisch das Garagentor, ausgelöst von einem Fahrzeug, das die Rampe hinauffährt. Für ein paar Sekunden dringt dann Tageslicht bis in den vorderen Teil des Gangs, verändert kurz die Schattenverhältnisse an der Betonwand, bevor das Tor sich wieder schließt und der gleichmäßige Kunstlichtzustand zurückkehrt. Dieses kurze Ereignis ist das Einzige, was den Flur regelmäßig aus seiner Konstanz holt, und selbst das geschieht nur als Nebenwirkung eines Vorgangs, der anderswo beginnt und anderswo endet.

Was der Blick nicht findet

In Räumen mit klarer Funktion, einem Museum, einer Kirche, einem Theaterfoyer, wird der Blick geführt. Es gibt einen Mittelpunkt, eine Sichtachse, ein Objekt, auf das hin die Architektur komponiert ist. In einem Verbindungsflur fehlt diese Führung vollständig. Es gibt nichts, das den Blick beanspruchen würde, keinen Punkt, der Bedeutung ankündigt. Die Folge ist eine Art Wahrnehmung, die selten beschrieben wird, weil sie so wenig hergibt: ein Blick, der nicht sucht, sondern gleitet, ohne Ziel, ohne Widerstand.

Diese gleitende Wahrnehmung unterscheidet sich grundlegend von der konzentrierten Betrachtung, die etwa vor einem Gemälde entsteht. Dort verengt sich der Blick, sucht Details, vergleicht, ordnet ein. Im Durchgangsraum bleibt der Blick auf mittlerer Distanz, registriert Oberflächen, ohne an ihnen hängen zu bleiben. Psychologisch lässt sich das als eine Form von Entlastung beschreiben, Wahrnehmung, die nicht bewerten muss, weil es nichts gibt, das eine Bewertung verlangt, kein Etikett, das gelesen werden will.

Wahrnehmungspsychologisch lässt sich das als Wechsel zwischen zwei Modi beschreiben, einem gerichteten, der Ziele verfolgt und Details prüft, und einem ambienten, der Umgebung nur grob erfasst, um Orientierung zu sichern. Kuratierte Räume fordern fast ausschließlich den ersten Modus. Durchgangsräume erlauben, für die Dauer der Strecke, fast ausschließlich den zweiten. Dieser ambiente Modus ist nicht weniger anspruchsvoll, nur anders verteilt, über viele schwache Reize statt über einen starken.

Statt sich auf einen Punkt zu konzentrieren, verarbeitet die Wahrnehmung viele schwache Reize gleichzeitig, das Geräusch der eigenen Schritte, die Temperatur der Luft, die Position der nächsten Biegung. Nichts davon wird bewusst, und doch orientiert sich der Körper zuverlässig daran. Ein Museum verlangt aktive Aufmerksamkeit über eine begrenzte Zeit. Ein Durchgangsraum verlangt beiläufige Wachsamkeit über eine unbegrenzte Zeit, ein Zustand, der sich kaum erschöpft, weil er nie konzentriert genug ist, um zu ermüden.

Ein Bürokorridor unterscheidet sich von diesem Flur nur graduell, meist durch Teppichboden statt Estrich und durch Türen, die in regelmäßigen Abständen unterbrechen, was sonst durchgehend wäre. Auch dort gilt derselbe Wahrnehmungsmodus: Der Blick registriert Türschilder, ohne sie zu lesen, Lichtschalter, ohne sie anzusehen. Erst wenn ein Schild fehlt oder ein Licht ausfällt, kippt die Wahrnehmung vom ambienten in den gerichteten Modus, und plötzlich wird sichtbar, wie viel an diesen Räumen tatsächlich vorhanden war.

Interessant wird dieser Zustand, wenn man ihn mit stark kuratierten Räumen vergleicht. Eine Ausstellung ist darauf angelegt, dass jedes Objekt gelesen wird, jede Wandfarbe, jeder Abstand zwischen zwei Werken eine Entscheidung trägt. Der Durchgangsraum kennt solche Entscheidungen kaum. Was dort an Gestaltung stattfindet, folgt technischen Vorgaben, Brandschutz, Fluchtwegbreite, Mindestbeleuchtung, nicht ästhetischen Überlegungen. Der Raum ist das Ergebnis von Normen, nicht von Absicht, und genau das unterscheidet ihn von jedem kuratierten Ort.

Gerade diese Normbindung erzeugt eine eigentümliche Ehrlichkeit. Nichts an dem Raum behauptet, mehr zu sein, als er ist. Es gibt keine Inszenierung, die enttäuschen könnte, weil keine Erwartung geweckt wird. Ein Museum kann scheitern, indem es seine Ambition nicht einlöst. Ein Verbindungsflur kann in diesem Sinn nicht scheitern, weil er nie den Anspruch erhoben hat, etwas zu bedeuten. Er muss nur funktionieren, und das tut er in aller Regel zuverlässig, Tag für Tag, ohne Ausfall.

Ein Raum, der nichts verspricht, kann auch nicht enttäuschen.

Aus dieser Zuverlässigkeit entsteht eine Form von Vertrauen, die selten benannt wird. Man weiß, dass der Flur morgen noch da ist, unverändert, ohne dass sich jemand darum kümmern müsste. Diese Beständigkeit unterscheidet ihn von Orten, die sich verändern, umgestaltet, renoviert, neu bespielt werden, je nach Saison, je nach Trend. Der Durchgangsraum bleibt, weil niemand einen Grund hat, ihn zu verändern, solange er seine Funktion erfüllt und keine Norm verletzt.

In „Der Raum hinter dem Raum“ wurde beschrieben, wie Wahrnehmung sich verändert, sobald ein Ort keine Geschichte anbietet, die gelesen werden will. Genau das gilt für den Verbindungsflur in besonderem Maß. Er bietet keine Geschichte an. Übrig ist allein die Erfahrung von Bewegung durch einen Raum, der sich nicht erklärt, und die Wahrnehmung, die sich dadurch verändert, ohne dass ein Ziel dafür verantwortlich wäre.

Daraus ergibt sich ein Befund, der über den einzelnen Flur hinausweist: Aufmerksamkeit reagiert auf das, was sie umgibt. Wo nichts verlangt wird, entspannt sie sich. Wo alles verlangt wird, wie in einem dicht kuratierten Museum, ermüdet sie schneller, als man gemeinhin denkt. Der Durchgangsraum zeigt, in seiner Nebenrolle, etwas über die Grenzen der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, das aufwendig gestaltete Räume kaum je offenlegen.

Man denke an ein Ölbild, das seit zwanzig Jahren in einem solchen Verbindungsgang hängt, ein Landschaftsbild unbekannter Herkunft, zurückgeblieben beim Auszug einer Firma, die es längst nicht mehr gibt. Niemand weiß, wer es gemalt hat, niemand hat je gefragt. Es hängt einfach da, leicht schief, weil es seit dem ersten Tag niemand gerade gerückt hat, und ist Teil des Inventars geworden, so selbstverständlich wie der Feuerlöscher daneben. Auffallen wird es erst, wenn das Gebäude saniert wird, in dem Moment, in dem jemand es abhängen soll.

Ein Werk ohne Rahmen

Gelegentlich findet Kunst in solche Räume hinein, selten aus Absicht, meist aus Zufall oder Verlegenheit: ein Wandbild, das eine Hausverwaltung in Auftrag gegeben hat, um Vandalismus vorzubeugen, eine Fotografie, die niemand mehr abgehängt hat, seit eine Ausstellung längst vorbei ist. Was in einem Museum sorgfältig gerahmt, beleuchtet und beschriftet würde, hängt hier ungeschützt an einer rohen Betonwand, ohne Erklärung, ohne Abstand, ohne die Gesten, die sonst signalisieren: Dies ist wichtig, betrachte es aufmerksam.

Der Statusverlust, den ein Werk in dieser Umgebung erfährt, ist auffällig. Ein Gemälde, das in einer Galerie zentrale Aufmerksamkeit beanspruchen würde, wird im Durchgangsraum zu einer Fläche unter vielen, konkurriert mit Rissen im Putz, mit Kabelkanälen, mit dem Schatten einer Deckenleuchte. Niemand bleibt stehen, um es zu betrachten, so wie niemand vor einem Feuerlöscher stehen bleibt. Es ist da, ohne dass seine Anwesenheit besonders vermerkt würde, Tag für Tag.

Und doch verändert dieser Kontext, was das Werk bedeuten kann. Befreit von der musealen Erwartung, gelesen und verstanden zu werden, kann ein Bild in einem solchen Raum etwas anderes leisten: Es kann einfach vorhanden sein, wie die Betonwand, wie das Licht, wie das Summen der Lüftung. Diese Art von Präsenz ist unspektakulär, aber nicht bedeutungslos. Sie zeigt, dass ein Werk nicht zwingend auf Aufmerksamkeit angewiesen ist, um zu wirken, zumindest nicht auf die konzentrierte Art.

Kunsthistorisch ist dieser Zustand kaum dokumentiert, weil er sich den üblichen Kategorien entzieht. Es gibt keine Kuratorin, die über Hängung entscheidet, keinen Katalog, der das Werk kontextualisiert. Es gibt nur die bloße physische Koexistenz von Objekt und Ort, ohne die vermittelnden Schichten, die sonst zwischen beiden liegen. Ein Bild in einem Durchgangsraum ist näher an seinem rohen Materialzustand als jedes Bild in einer Ausstellung, so paradox das im ersten Moment klingt.

Diese Nähe erzeugt eine eigene Form der Wahrnehmung. Wer das Werk zufällig bemerkt, tut das ohne Vorbereitung, ohne den Modus, in dem man ein Museum betritt. Es gibt keinen Moment des bewussten Umschaltens von Alltag zu Betrachtung. Das Bild wird registriert, so wie ein Kratzer im Boden registriert wird, beiläufig, im Vorübergehen, und gerade diese Beiläufigkeit erlaubt eine Wahrnehmung, die von keiner Erwartung vorgeprägt ist und sich erst im Moment selbst entscheidet.

Vergleichbares zeigt sich an Pinnwänden in Treppenhäusern von Universitäten, an denen sich über Jahre studentische Plakate, Veranstaltungshinweise und private Notizen überlagern, ohne dass jemand für eine Ordnung sorgt. Was zuoberst hängt, wird gesehen, was darunter liegt, verschwindet, durch bloße Überdeckung, ohne dass es jemand beschlossen hätte. Diese Form von Kuratierung ohne Kuratorin erzeugt Zufallskonstellationen, die kein Ausstellungskonzept je herstellen würde, ein Konzertplakat neben einer Vermisstenanzeige für eine Katze, ein Seminarhinweis über einem verblassten Kunstdruck.

Niemand hat diese Nachbarschaften gewollt, und doch entstehen sie, Woche für Woche, aus der bloßen Wiederholung des Anschlagens und Überklebens. Solche Konstellationen sind flüchtig in einem anderen Sinn als museale Ausstellungen, die nach einem festen Datum enden. Sie enden nicht, sie werden überschrieben, kontinuierlich, ohne Zeremonie. Ein Werk, das heute sichtbar ist, kann in zwei Wochen unter drei neueren Blättern verschwunden sein, nicht entfernt, nur verdeckt, wie unter einer neuen Sedimentschicht.

Auch Graffiti und Tags folgen in solchen Zwischenräumen einer eigenen, ungeplanten Logik. Sie entstehen dort, wo Kontrolle am geringsten ist, überlagern sich gegenseitig, werden übersprüht und neu gesetzt, in einem Zyklus ohne festen Rhythmus. Anders als ein Werk in einer Galerie hat ein Tag in einem Durchgangsraum keine garantierte Lebensdauer. Er existiert, solange niemand Grund sieht, ihn zu entfernen, und verschwindet, sobald jemand diesen Grund findet. Diese Verletzlichkeit ist Teil seiner Bedeutung, nicht ihr Gegenteil.

In „Zwischen Schatten und Form“ wurde untersucht, wie stark der Rahmen eines Werks dessen Wirkung mitbestimmt, oft mehr als der Inhalt selbst. Der ungeschützte Durchgangsraum ist das radikale Gegenbeispiel: kein Rahmen, keine Beleuchtung, keine Beschriftung, und trotzdem eine Form von Wirkung, die aus der puren Anwesenheit entsteht, nicht aus der Inszenierung, die man ihr sonst mitgeben würde.

Damit stellt sich, über einzelne Werke hinaus, die Frage, wie viel Schutz Bedeutung tatsächlich braucht. Ein Werk, das ohne jede Vorbereitung auf sein Publikum trifft, verliert die Kontrolle über seine Deutung vollständig. Es kann ignoriert, übersehen, beschädigt werden. Es kann aber auch, gerade weil niemand es dazu anhält, auf eine direktere Weise wahrgenommen werden als in jedem kuratierten Rahmen, den man ihm sonst geben würde.

Manches Werk wird erst gesehen, wenn niemand es ankündigt.

Auffällig ist, wie widerständig solche Räume gegenüber dem allgemeinen Trend zur Gestaltung bleiben. Fast jede Fläche der Gegenwart wird inzwischen bespielt, mit Botschaften, mit Marken, mit Hinweisen darauf, wie man sich zu fühlen habe. Verbindungsflure wie dieser entziehen sich diesem Trend aus purer Gleichgültigkeit. Niemand hat je einen Grund gesehen, hier zu investieren, weil niemand hier verweilt, und aus diesem wirtschaftlichen Desinteresse entsteht, ungewollt, eine der letzten wirklich unkommentierten Flächen im Alltag vieler Menschen.

Diese Widerständigkeit hat auch eine ökonomische Seite, die selten benannt wird. Gestaltung kostet Geld, Wartung ebenso, und ein Raum, der niemandem gehört im Sinne einer Verantwortung für sein Erscheinungsbild, bleibt oft genau deshalb über Jahrzehnte unverändert. Dahinter steckt weniger Nachlässigkeit als eine Kalkulation, die nie ausdrücklich getroffen wurde: Warum in einen Raum investieren, den niemand bewusst wahrnimmt? Aus dieser stillen Rechnung entstehen die unauffälligsten, beständigsten Orte einer Stadt, gerade weil sich für sie nie jemand ausdrücklich zuständig gefühlt hat.

Die Gleichgültigkeit des Ortes

Das alles ist kein Plädoyer dafür, Kunst grundsätzlich aus ihren Schutzräumen zu entfernen, und auch kein romantisiertes Bild vom Zufall als bessere Kuratorin. Es ist eine nüchterne Beobachtung: Der Verbindungsflur zwischen Treppenhaus und Garage funktioniert, weil er nichts verspricht, und genau darin liegt eine andere Art von Verlässlichkeit als die, die gestaltete Räume anbieten. Er täuscht nicht, weil er nichts behauptet.

Diese Verlässlichkeit hat einen Preis. Der Raum bleibt anonym, seine Spuren tragen keine Namen, seine Geschichte lässt sich nicht erzählen, nur beschreiben: Estrich, Beton, ein Pfeil zur Ausfahrt, eine dunklere Bahn in der Mitte des Bodens. Wer hier nach Bedeutung sucht, findet keine, die ihm entgegenkäme. Er muss sie selbst mitbringen, so wie bei jenem kurzen Stillstand an einem Winterabend, mit dem Autoschlüssel in der Hand, der plötzlich zur einzigen bewussten Erfahrung eines Ortes wird, der auf solche Erfahrungen nie angelegt war.

Ein solcher Winterabend ist schnell Jahre her, und der Flur hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Dieselbe Biegung, dieselbe matte Bahn im Estrich, dasselbe Summen der Lüftung. Verändert hat sich nur die Erinnerung an den kurzen Stillstand, die mit der Zeit unschärfer wird, während der Raum, der sie hervorgebracht hat, bleibt, wie er war. Der Ort ist gleichgültig. Die Erfahrung ist es nicht.

Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche kulturelle Wert solcher Räume. Sie erinnern daran, dass nicht jeder Ort eine Botschaft tragen muss, um sinnvoll zu sein. Sie funktionieren, indem sie Funktion und Anspruch trennen: Der Raum erfüllt seine Aufgabe vollständig, ohne dass diese Aufgabe je über das Technische hinausgehen müsste. Diese Trennung ist selten geworden, in einer Zeit, in der kaum eine Fläche ohne Gestaltungsabsicht bleibt, kaum eine Wand ohne Botschaft.

Der Flur wird auch morgen noch da sein, unverändert, mit derselben Biegung, demselben Summen, derselben matten Bahn im Boden. Niemand wird ihn dafür feiern, niemand wird ihn abreißen, um ihn zu ersetzen. Er wird einfach weiter das tun, wofür er gebaut wurde: Menschen von einem Ort zu einem anderen bringen, ohne selbst zum Ort zu werden, ohne je danach zu fragen, wer da geht und warum.

Der Durchgangsraum ist die konsequenteste Form dieser Unauffälligkeit: Architektur, die vollständig hinter ihrer Funktion verschwindet und genau dadurch etwas über das Wesen von Räumen zeigt, das aufwendig gestaltete Orte selten offenlegen können.

In „Ein Raum für Licht, Klang und Gedanken“ wurde beschrieben, wie sich Wahrnehmung entfaltet, wenn ein Ort ihr keine vorgefertigte Lesart anbietet. Der Verbindungsflur ist ein Extremfall dieser Beobachtung, ein Raum, der so konsequent auf Funktion reduziert ist, dass jede Deutung von außen kommen muss, nie vom Ort selbst. Genau darin liegt sein Unterschied zu jedem gestalteten Raum, der immer schon eine Lesart mitliefert. Es ist, in diesem Sinn, weniger ein Ereignis als einer jener Zustände, die man betritt, ohne dass sich dadurch etwas ändert, und die man verlässt, ohne dass sie sich an einen erinnern.

Solche Räume finden sich, kaum verändert, in jeder Stadt, in Bahnhofsunterführungen, in Parkhaustreppenhäusern, in den Verbindungsgängen zwischen Terminals an Flughäfen. Wer einmal beginnt, auf sie zu achten, sieht sie überall, unauffällig, funktional, gleichgültig gegenüber jedem, der sie durchquert. Sie tragen keinen Namen, der sich einprägen würde, und doch kennt jeder mindestens einen solchen Ort, an dem er über Jahre hinweg täglich vorbeigegangen ist, ohne ihn je bewusst wahrgenommen zu haben.

Man könnte versuchen, eine Liste solcher Orte aus der eigenen Biografie zu führen, ein Kellerflur aus der Kindheit, ein Parkdeck der ersten Arbeitsstelle, ein Verbindungsgang zwischen zwei Schulgebäuden. Kaum einer dieser Orte ließe sich heute detailliert beschreiben, obwohl man ihn hunderte Male durchquert hat. Im Gedächtnis ist bestenfalls ein diffuses Gefühl, kühl, still, leicht hallend, ohne konkretes Bild dazu. Diese Lücke im Gedächtnis ist die logische Folge eines Ortes, der genau darauf ausgelegt war, nicht erinnert zu werden.

Von diesem Flur trägt man kein Bild mit sich und keine Anekdote, die sich gut erzählen ließe. Man trägt eine stille Kenntnis mit sich darüber, dass Räume auch ohne Anspruch tragfähig sein können, dass Aufmerksamkeit sich erholt, wenn nichts von ihr verlangt wird, und dass ein Ort, der nichts verspricht, sein Versprechen darin bereits eingelöst hat, jeden Tag aufs Neue, ohne dass es jemand bemerken müsste. Man verlässt ihn, wie man ihn betreten hat, unverändert, und genau das ist an manchen Tagen mehr wert als jeder Ort, der etwas von einem verlangt.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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