Leerer Arbeitsplatz in einem reduzierten Atelier mit Staffelei ohne Werk, sachlichem Vormittagslicht und leicht genutzten Oberflächen; Werkzeuge liegen unberührt auf dem Tisch.

Der Künstler nach dem Werk.

Ombra Celeste Magazin


Ein Raum, nachdem alles aufgehört hat zu arbeiten.

Der Raum kurz nach dem Verlassen

Die Tür steht einen Spalt offen, keine Absicht dahinter erkennbar, vielleicht nur ein Türstopper, der etwas zu weit vorsteht, vielleicht ein Zug, der längst wieder verschwunden ist. Später Vormittag, das Licht kommt flach durch das einzige Fenster, ohne den Raum wirklich zu erhellen, eher ihn gleichmäßig zu grundieren, jede Fläche mit demselben stumpfen Grauweiß zu überziehen. Ich bleibe im Türrahmen stehen, einen Moment länger als nötig, bevor ich einen Fuß hineinsetze.

Der Tisch steht mittig, ein schwerer, abgenutzter Arbeitstisch, dessen Platte an einer Ecke leicht abgerundet ist, dort, wo über Jahre hinweg irgendetwas immer wieder dagegengestoßen sein muss. Auf der Oberfläche liegt ein loser Zusammenhang aus Dingen, ein Bleistift quer über einer aufgeschlagenen Skizze, ein geschlossener Cutter, ein Tuch, dessen Ecken sich nicht mehr richtig übereinanderlegen lassen, weil es zu oft benutzt und zu selten neu gefaltet wurde. Der Anblick erinnert mich flüchtig an meinen eigenen Schreibtisch nach einem langen Arbeitstag, dieselbe Art von Unordnung, die keine Absicht kennt, nur Erschöpfung.

An der Wand gegenüber lehnt eine zweite Staffelei, leer, ohne aufgespannte Leinwand, nur das nackte Holzgestell, an dem sich getrocknete Farbspritzer wie eine eigene, kleinteilige Landschaft über Jahre angesammelt haben, Blau über Ockergelb, Ockergelb über einem verblassten Rot, dessen ursprünglicher Zweck sich nicht mehr rekonstruieren lässt. Diese Staffelei trägt keine Erinnerung an ein bestimmtes Bild, sie trägt nur die Summe vieler Bilder, übereinandergelegt wie eine geologische Schicht.

Der Boden ist kühl und glatt, ein Schritt darauf hörbar, aber merkwürdig kurzlebig, als würde der Raum ihn sofort wieder verschlucken, statt ihn zurückzuwerfen. Kein Echo hier, keine Verstärkung, nur ein Raum, der Geräusche aufnimmt und sie stiller macht, als sie eigentlich sind.

An der Decke hängt eine einzelne Lampe, ausgeschaltet, der Schirm aus mattem Glas leicht angestaubt. Auch sie trägt nichts bei zu diesem Licht, das ganz vom Fenster kommt, gleichmäßig, ohne Richtung. Ein Kabel führt von der Lampe zu einer Steckdose am Boden, nicht straff gespannt, sondern in einer weichen Kurve, die eher an Zufall erinnert als an eine bewusste Verlegung.

Der Stuhl steht zurückgeschoben, nicht ordentlich, eher so, wie man ihn wegschiebt, wenn man aufsteht, ohne weiter darüber nachzudenken, ob er gerade steht oder schief. Die Sitzfläche ist matt und kühl, kein Rest von Wärme, als wäre die Person, die zuletzt hier saß, schon vor Stunden gegangen, nicht vor Minuten.

An der Rückenlehne, dort wo sie sich normalerweise gegen einen Rücken lehnt, ist der Stoff etwas dunkler als am Rest der Fläche, eine kaum merkliche Verfärbung, die sich über Jahre durch wiederholten Kontakt eingeprägt hat. Solche Abnutzungsstellen sind seltsam persönlich, obwohl sie niemandem konkret zugeordnet werden können, sie zeigen nur, dass ein Körper, welcher auch immer, hier regelmäßig genau diese Haltung eingenommen hat.

Ein Raum vergisst schneller als ein Körper sich erinnert.

Auf dem Boden, halb unter dem Tisch, liegt ein Stück Papier, grau vom Staub, zusammengeknüllt, aber nicht ganz, eher achtlos fallen gelassen als bewusst weggeworfen, ein kleines Fragment, das niemand mehr beansprucht.

Ein zweites, kleineres Papierstück liegt etwas abseits, halb unter dem Stuhlbein, kaum größer als eine Visitenkarte, mit einer einzelnen Bleistiftlinie darauf, die nirgendwohin führt. Auch dieses Fragment gehört zum Bestand, ohne dass jemand es je einer Bedeutung zuordnen würde.

Ein Stück weiter, in Richtung Tür, steht ein kleiner Mülleimer, nicht ganz voll, obenauf ein zerknülltes Taschentuch und ein Rest Klebeband. Der Deckel fehlt, wurde vielleicht nie angeschafft oder ist irgendwann verloren gegangen, jedenfalls bleibt der Eimer offen, sichtbar für jeden, der hier hereinkommt, ohne dass das jemanden zu stören scheint. Auch das gehört zu einem Arbeitsraum, der auf niemanden außer sich selbst Rücksicht nehmen muss.

Am Fenster hängt kein Vorhang, nur ein dünner Streifen Klebeband an der oberen Kante des Rahmens, wo früher vielleicht etwas befestigt war, eine Skizze, ein Foto, irgendetwas, das inzwischen fehlt. Das Klebeband ist vergilbt, an einer Ecke abgelöst, aber niemand hat sich die Mühe gemacht, es ganz zu entfernen. Es bleibt, ohne Funktion, ein kleiner Rest von etwas, das einmal wichtig genug war, um festgeklebt zu werden.

Auf der Fensterbank selbst liegt eine kleine Ansammlung von Dingen, die keinen erkennbaren gemeinsamen Zweck haben, ein Stück Kreide, halb aufgebraucht, eine leere Streichholzschachtel, deren Reibefläche fast vollständig abgenutzt ist, und eine kleine, verstaubte Glasscherbe, die vermutlich von einer zerbrochenen Vase oder einem Glas stammt und aus irgendeinem Grund nie weggeräumt wurde. Solche Fensterbänke entwickeln sich in jedem Arbeitsraum von selbst zu kleinen, unbeabsichtigten Sammlungen, ohne dass irgendjemand je bewusst entschieden hätte, hier etwas anzuhäufen.

Neben der Glasscherbe liegt ein einzelner Knopf, aus hellem Horn, die Fäden längst abgerissen, die ihn einmal an einem Stoff hielten. Woher er stammt, welches Kleidungsstück ihn verloren hat, lässt sich nicht mehr sagen. Er liegt einfach zwischen den anderen kleinen Dingen, genauso beiläufig gültig wie die Kreide und die Scherbe.

Zwischen Tisch und Wand bleibt ein schmaler Streifen frei, gerade breit genug für einen Menschen, um hindurchzugehen, ohne die Kante zu streifen. Unter dem Tisch, halb im Schatten, steht eine niedrige Kiste, ihr Deckel schräg aufgelegt, nicht ganz geschlossen. Darin liegen mehrere gerollte Bögen Papier, einige leicht angeschimmelt an den Kanten, offenbar schon länger dort verstaut, vergessen eher als aufbewahrt. Eine solche Kiste sammelt sich in jedem Arbeitsraum irgendwann an, ein stiller Speicher für Dinge, die weder wichtig genug zum Behalten noch endgültig genug zum Wegwerfen erschienen.

Die Luft riecht nach nichts Bestimmtem, kein Farbgeruch, kein Holz, kein Klebstoff, nur eine neutrale, leicht kühle Raumluft, die eher an einen unbeheizten Flur erinnert als an einen Ort, an dem gerade noch gearbeitet wurde. Vielleicht ist es das Fehlen dieses Geruchs, das am meisten daran erinnert, dass hier etwas aufgehört hat, mehr noch als die Unordnung auf dem Tisch.

Ein Heizkörper unter dem Fenster ist kalt, obwohl die Jahreszeit das eigentlich nicht verlangt. Seine Rippen tragen eine dünne Staubschicht, gleichmäßig verteilt, ein Zeichen dafür, dass er lange nicht in Betrieb war. Auch das gehört zu diesem Zustand, ein Gerät, das bereitsteht, ohne gebraucht zu werden, ähnlich den Werkzeugen auf dem Tisch.

Vor dem einzigen Fenster liegt ein schmaler Hinterhof, auf dem nichts Besonderes geschieht, ein paar Mülltonnen, ein Fahrrad ohne Vorderrad, an eine Regenrinne gelehnt. Zwischen den Mülltonnen liegt ein umgekippter Blumentopf, die Erde daraus über das Pflaster verteilt, eine tote Pflanze noch darin, deren Stängel schon länger keine Blätter mehr trägt. Auch dieser kleine Ausschnitt draußen wirkt wie ein Echo dessen, was der Raum dahinter zeigt, etwas, das aufgehört hat, ohne dass jemand den Zeitpunkt genau hätte benennen können, an dem das geschah.

Was an den Dingen bleibt

Es sind selten die großen Gesten, die einen Arbeitsraum nach dem Ende einer Arbeit definieren, eher die kleinen, fast beiläufigen Reste, die niemand extra hingelegt hat und die trotzdem genau dort liegen, wo sie zuletzt gebraucht wurden. Der Cutter zum Beispiel, dessen Klinge eingefahren ist, nicht aus Vorsicht, sondern schlicht, weil die letzte Bewegung damit ein Zurückschieben war, kein bewusstes Wegräumen.

Das Lineal liegt nicht parallel zur Tischkante, sondern in einem leichten Winkel, der nichts bedeutet außer der Tatsache, dass es zuletzt in Eile oder Gedankenverlorenheit hingelegt wurde. Seine Kanten sind stumpf geworden, an mehreren Stellen leicht ausgefranst, dort, wo eine Klinge zu oft entlanggeführt wurde, ohne dass jemand je überlegt hätte, es auszutauschen. Werkzeuge dieser Art verschwinden selten, weil sie kaputt sind. Sie bleiben, bis der ganze Raum sich verändert.

Ein solches Lineal zu berühren, nur um seiner Materialität willen, das kühle, leicht raue Gefühl von Metall unter den Fingern zu spüren, wäre ein kleiner Eingriff in einen Zustand, der keinen Besuch erwartet. Es bleibt liegen, aus einer Art unausgesprochener Regel, dass man Dinge in einem fremden, verlassenen Raum besser dort belässt, wo sie liegen, auch wenn niemand da ist, der das je bemerken würde.

Auf dem Maßband, halb ausgezogen, zwei Fingerbreit über die Tischkante hinausragend, lassen sich die Zahlen noch ablesen, schwarz auf vergilbtem Gelb, obwohl niemand mehr etwas misst. Es ist nicht eingerollt, weil das Einrollen ein Abschluss gewesen wäre, eine kleine Handlung, die andeutet, dass mit dieser Aufgabe wirklich Schluss ist. Stattdessen bleibt es offen, als könnte in der nächsten Minute doch noch eine Zahl gebraucht werden.

Das Tuch, mit dem offensichtlich häufig Farbe oder Staub abgewischt wurde, trägt an einer Stelle einen dunkleren, längst getrockneten Fleck, dessen Ursprung sich nicht mehr bestimmen lässt. Vielleicht Farbe, vielleicht Öl, vielleicht nur Wasser, das mit Schmutz vermischt eingetrocknet ist. Der Fleck erzählt keine Geschichte, er ist einfach da, ein Beleg dafür, dass hier über längere Zeit gearbeitet wurde, ohne dass sich daraus ein bestimmtes Ereignis rekonstruieren ließe. Die schiefe Kante des Tuchs bleibt unangetastet, so unordentlich sie für einen aufgeräumten Blick auch wirken mag. Diesen Zustand zu korrigieren wäre nicht die Aufgabe eines Besuchers.

Nicht jede Spur will etwas bedeuten. Manche sind einfach übrig.

An der Stuhllehne, in der Nähe der rechten Armlehne, findet sich ein winziger Kratzer, kaum länger als ein Fingernagel, vermutlich von einem Ring oder einem Schlüsselbund, der einmal zu schnell dagegengestoßen ist. Solche Kratzer häufen sich in jedem Arbeitsraum, an Stellen, an denen ein Körper sich immer wieder auf dieselbe Weise bewegt, ohne dass ihm das je bewusst würde.

Am Rand des Tisches klebt noch ein kleines Stück durchsichtiges Klebeband, das sich an einer Ecke bereits gelöst hat, aber nicht ganz. Es könnte mit einem einzigen Griff entfernt werden, doch niemand hat das getan. Solche Reste bleiben oft genau deshalb bestehen, weil ihre Entfernung keinen erkennbaren Nutzen mehr hätte, während ihr Verbleib niemanden stört.

Etwas weiter, am Rand der Tischplatte, verläuft eine feine Linie aus getrockneter Farbe, kaum breiter als ein Faden, offenbar von einem Pinsel, der einmal über die Kante geführt wurde. Sie ist zu schmal, um beim ersten Blick aufzufallen, zu beständig, um sich mit einem Wischtuch entfernen zu lassen. Solche Linien entstehen nebenbei, während der eigentlichen Arbeit, und bleiben oft länger erhalten als das Werk, dem sie entstammen.

Der Bleistift daneben ist stumpf geworden, die Spitze schräg abgenutzt, wie sie es wird, wenn eine Hand über längere Zeit denselben Winkel zum Papier hält. Daneben ein Radiergummi, an einer Ecke abgerundet, mit dunklen Verfärbungen, die sich in das Material eingearbeitet haben. Beide Gegenstände tragen die Form einer Gewohnheit, ohne dass diese Gewohnheit noch irgendjemand ausübt.

Neben dem Radiergummi liegt ein kleines Notizheft, die Ecken abgestoßen, der Einband an mehreren Stellen mit Farbflecken übersät. Es ist nicht aufgeschlagen, nur zugeklappt, das Gummiband darum locker, fast schon abgenutzt genug, um seine Spannung verloren zu haben. Was darin steht, bleibt verborgen, und genau diese Verborgenheit macht das Heft zu einem der wenigen Gegenstände hier, die tatsächlich noch etwas zu bergen scheinen, im Unterschied zu den offen liegenden Werkzeugen, deren Zustand sich vollständig von außen ablesen lässt. Ein Gedanke zu genau solchen halb verschlossenen Objekten, die mehr andeuten als zeigen, findet sich auch unter Die Architektur eines Gedankens, wo es um jene Dinge geht, die ihre eigentliche Form erst im Verborgenen behalten.

Was diese Dinge gemeinsam haben, ist eine Art Halbgültigkeit. Sie sind nicht mehr im Gebrauch, aber auch nicht bewusst außer Dienst gestellt. Niemand hat sie in eine Schublade gelegt oder entsorgt. Sie liegen einfach weiter an der Stelle, an der die letzte Bewegung sie zurückgelassen hat, und genau das macht diesen Raum lesbarer als jede aufgeräumte Werkstatt es je sein könnte.

Auch eine kleine Metalldose, ohne Etikett, mit leicht verbeultem Deckel, gehört zu diesem Bestand. Sie ist halb geöffnet, im Inneren ein Durcheinander aus Reißzwecken, einer verrosteten Büroklammer, einem Radiergummi-Rest. Nichts davon würde einzeln irgendjemandem fehlen. Zusammen ergeben sie trotzdem eine Art stiller Inventarliste eines Alltags, der hier stattfand, ohne dass er je aufgeschrieben wurde.

Ein anderer Raum, viele Jahre später

Ich habe einen ähnlichen Zustand einmal in der Werkstatt meines Vaters erlebt, an einem Nachmittag, an dem er gerade ein Bild abgeschlossen hatte und für eine Weile hinausgegangen war, ohne dass ich wusste, wohin. Die Leinwand stand noch auf der Staffelei, die Farbe an mehreren Stellen noch feucht genug, um im Licht leicht zu glänzen. Auf einem kleinen Beistelltisch lagen Pinsel quer übereinander, in einer Unordnung, die nichts mit Nachlässigkeit zu tun hatte, sondern eher mit der Geschwindigkeit, mit der er offenbar plötzlich aufgehört hatte zu malen.

Draußen vor dem Fenster lag ein kleiner Garten mit Apfelbäumen, deren Äste im Spätsommer schwer genug hingen, um fast den Boden zu berühren, das Licht durch die Blätter gefiltert warf einen unruhigen, sich ständig verändernden Schatten auf den Boden, während in der Tür gewartet wurde, ohne genau zu wissen, worauf.

Ich erinnere mich, wie ich damals eine Weile einfach nur dastand, ohne dass sich in mir das Bedürfnis regte, näher an die Staffelei zu treten. Der Geruch nach Terpentin hing schwer im Raum, vermischt mit etwas, das ich erst viel später als den typischen Geruch alter Ölfarbe erkannte.

Was damals am meisten irritierte, war nicht das unfertige Bild selbst, sondern die Pinsel, wie sie dort lagen, mitten in einer Bewegung sozusagen eingefroren, ohne dass diese Bewegung je zu Ende geführt worden wäre. Bis heute lässt sich nicht sagen, warum er an diesem Nachmittag so abrupt aufgehört hat, ob ihn etwas gestört hat, ob ihm die Idee ausgegangen ist, oder ob er einfach spürte, dass für diesen Tag genug getan war. Die Frage wurde nie gestellt, und irgendwann war die Gelegenheit dafür einfach verstrichen.

Ein Pinsel lag damals quer über einem halb ausgedrückten Farbtiegel, die Borsten schon leicht angetrocknet an der Spitze, ein kleiner Schaden, der die Arbeit an diesem einen Werkzeug für den Rest seines Daseins verändert haben dürfte. Solche kleinen Verluste gehören offenbar dazu, wenn eine Bewegung abrupt endet, ohne dass jemand sie zu Ende führt.

Manche Fragen stellt man nicht, weil der Moment dafür sich nie richtig anfühlt.

Dieser Arbeitsraum jetzt, mit dem Cutter und dem Maßband und dem vergilbten Klebeband am Fenster, hat mit jener Werkstatt aus der Kindheit äußerlich wenig gemeinsam, und doch stellt sich ein ähnliches Gefühl ein, kaum dass die Tür geöffnet wird. Eine Art respektvolle Zurückhaltung, die zögern lässt, etwas zu berühren, obwohl es dafür keinen konkreten Grund gibt, niemand hier hat je gesagt, dass etwas tabu wäre.

Später, als Jugendlicher, wurde einmal versucht, eine ähnliche Werkstatt in einer Ecke der Garage einzurichten, mit einer alten Tischplatte auf zwei Böcken und wenigen zusammengeliehenen Werkzeugen. Es funktionierte nie richtig, nicht weil die Werkzeuge fehlten, sondern weil die Geduld fehlte, die dort mühelos vorhanden schien, stundenlang an einer einzigen Fläche zu arbeiten, ohne dass sich für einen Außenstehenden sichtbar etwas veränderte.

Vielleicht liegt es daran, dass ein Arbeitsraum kurz nach dem Verlassen etwas Unfertiges in sich trägt, das sich einer fremden Anwesenheit entzieht, auch wenn niemand mehr da ist, um diese Anwesenheit tatsächlich abzuweisen. Man betritt einen Zustand, der nicht für einen selbst gedacht war, und diese Erkenntnis reicht offenbar aus, um die eigenen Bewegungen kleiner werden zu lassen, vorsichtiger, fast entschuldigend. Verschiedene Menschen würden auf einen solchen Raum vermutlich sehr unterschiedlich reagieren, manche würden sofort aufräumen wollen, aus einem Reflex heraus, der Ordnung mit Respekt gleichsetzt, andere würden einfach durchgehen, ohne den leisen Unterschied zwischen einem bewohnten und einem gerade erst verlassenen Raum überhaupt wahrzunehmen.

Es gibt vermutlich eine dritte Gruppe, zu der auch ich gehöre, die genau in diesem Zwischenzustand hängen bleibt, ohne recht zu wissen, was sie damit anfangen soll, weder aufräumend noch gleichgültig, sondern einfach verweilend, länger als nötig, ohne klaren Grund dafür.

Diese dritte Haltung erklärt vielleicht am besten, warum ein solcher Raum überhaupt beschrieben werden kann, statt nur betreten und wieder verlassen zu werden. Wer sofort aufräumt oder achtlos durchgeht, nimmt keine Details mit. Wer verweilt, sammelt sie, ohne es zu beabsichtigen.

Ein Zusammenhang, der sich auch in anderen Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Werk und dem Raum, der es umgibt, wiederfindet, näher beschrieben unter Zwischen Schatten und Form, wo ebenfalls untersucht wird, was von einer Handlung übrig bleibt, sobald die Handlung selbst vorüber ist.

Wessen Werkstatt das hier eigentlich ist, wessen Bleistift, wessen Tuch, wessen Skizze unter der Staubschicht auf dem Tisch liegt, bleibt offen. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Der Raum selbst braucht diesen Namen nicht, um genau das zu sein, was er gerade ist, ein Ort kurz nach dem Ende von etwas, dessen genauer Anfang ebenso verborgen bleibt wie sein genaues Ende. Die Tür bleibt auf demselben schmalen Spalt zurück, den sie schon vorher hatte.

Der Blick bleibt noch einmal kurz an der leeren Staffelei hängen, an den übereinandergelegten Farbspritzern, die sich zu keinem erkennbaren Bild mehr zusammenfügen lassen. Ob irgendjemand diese Staffelei je wieder bespannen wird, oder ob sie so stehen bleibt, bis der ganze Raum eines Tages geräumt wird, lässt sich von hier aus nicht beantworten.

Die Farbspritzer selbst reichen von einem tiefen, fast schwarzen Blau bis zu einem verblassten Zinnoberrot, Schichten aus Jahren, die sich niemand die Mühe gemacht hat zu reinigen. Jede einzelne Farbe markiert vermutlich ein anderes Bild, eine andere Phase, aber ohne Datierung lässt sich keine Reihenfolge mehr herstellen. Die Staffelei selbst kennt diese Reihenfolge auch nicht mehr, sie trägt nur die Summe.

Ein Gedanke, der sich mit ganz ähnlichen offenen Fragen zu Übergängen und dem, was zwischen zwei Zuständen liegt, beschäftigt, findet sich auch unter Der Raum hinter dem Raum, dort allerdings mit einem anderen Ausgangspunkt, dem eines Betrachters, der nie ganz sicher sein kann, was er tatsächlich vor sich hat und was er selbst hinzudenkt.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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