Die Rückseite des Sichtbaren.
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Ombra Celeste Magazin
Bevor ein Gemälde etwas zeigt, erzählt seine Rückseite bereits eine eigene Geschichte.
Der Keilrahmen
In der Restaurierungswerkstatt liegt das Gemälde verkehrt herum auf zwei gepolsterten Böcken, die Bildseite nach unten, sodass zunächst nur der Keilrahmen sichtbar ist, vier schmale Holzleisten, an den Ecken durch schräg eingesetzte Verbindungsstücke zusammengehalten. Das Holz ist ungestrichen, leicht vergraut, mit feinen Rissen an den Stellen, an denen es über Jahrzehnte hinweg der wechselnden Luftfeuchtigkeit unterschiedlicher Räume ausgesetzt war. Ein Restaurator beugt sich darüber, eine Lupe in der einen Hand, mit der anderen fährt er vorsichtig über die Kante, während im Hintergrund ein Luftentfeuchter leise summt, der die Werkstatt konstant auf einem bestimmten Feuchtigkeitswert hält.
Die Rückseite eines Bildes ist nicht für Blicke gemacht. Gerade deshalb erzählt sie die Wahrheit.
An jeder der vier Ecken stecken kleine, dreieckige Holzkeile in schmalen Schlitzen, mit denen sich die Spannung der aufgezogenen Leinwand nachjustieren lässt. Einige dieser Keile sind sichtbar älter als andere, dunkler im Ton, an den Kanten abgerundet von häufigem Anfassen, während zwei Keile in der oberen linken Ecke deutlich heller wirken, offenbar erst kürzlich ausgetauscht. Der Restaurator notiert sich diese Beobachtung auf einem Klemmbrett, ohne dabei bereits zu wissen, wann genau dieser Austausch stattgefunden haben könnte, und markiert die Stelle vorläufig nur mit einem Fragezeichen, das er später, nach Abgleich mit dem Archiv, entweder auflösen oder stehen lassen wird.
Die Rückseite der Leinwand selbst zeigt sich rau und ungleichmäßig, an manchen Stellen dunkler verfärbt, wo Feuchtigkeit über die Jahre durchgezogen ist, an anderen mit kleinen, kaum sichtbaren Ausbesserungen, wo ein Riss von hinten mit einem passenden Leinwandflicken und Klebstoff stabilisiert wurde. Diese Flickstellen sind sorgfältig ausgeführt, fast unsichtbar, wenn man nicht gezielt danach sucht, und doch tragen sie einen erheblichen Teil dazu bei, dass das Bild auf der Vorderseite überhaupt noch intakt erscheint. Der Restaurator misst mit einem kleinen Feuchtigkeitsmesser mehrere Stellen der Leinwand ab und trägt die Werte in eine Tabelle ein, die später mit früheren Messungen verglichen werden soll.
Ein zweiter Mitarbeiter der Werkstatt bringt ein tragbares UV-Licht heran, hält es dicht über die Leinwandrückseite, wodurch bestimmte, mit bloßem Auge kaum erkennbare Bereiche plötzlich in einem anderen Farbton aufleuchten, ein Hinweis auf frühere Restaurierungsarbeiten, die mit anderen Materialien ausgeführt wurden als die ursprüngliche Grundierung. Der Restaurator macht mehrere Fotografien dieser Stellen, bevor er das Licht wieder ausschaltet und sich der nächsten Ecke des Rahmens zuwendet. Auf einem der Fotos zeichnet sich schwach eine rechteckige Fläche ab, deren Ränder nicht mit der eigentlichen Leinwandkante übereinstimmen, möglicherweise der Abdruck eines früheren, kleineren Rahmens.
Der Praktikant fragt, warum man für eine derart unscheinbare Fläche überhaupt eigenes UV-Equipment vorhält, wo die entscheidenden Befunde doch ohnehin meist auf der Vorderseite lägen. Der Restaurator antwortet, dass sich gerade an der Rückseite Eingriffe früherer Restauratoren oft leichter nachweisen lassen als an der Malschicht selbst, weil dort niemand damit gerechnet habe, dass später noch einmal genau hingesehen würde, und deshalb weniger sorgfältig gearbeitet worden sei als an der sichtbaren Seite.
Am unteren Rand des Keilrahmens ist mit blasser Bleistiftschrift eine Zahl notiert, halb verwischt, kaum noch zu entziffern, vermutlich eine frühere Inventarnummer, die mit keinem der später aufgeklebten Etiketten übereinstimmt. Solche Diskrepanzen sind in der Restaurierungsarbeit keine Seltenheit, erklärt der Restaurator einem Praktikanten, der interessiert über seine Schulter blickt, sie deuten oft auf einen Besitzerwechsel hin, bei dem die neue Sammlung ihr eigenes Nummerierungssystem eingeführt hat, ohne die alte Kennzeichnung zu entfernen.
Die Querstrebe in der Mitte des Rahmens, die verhindert, dass sich die Leinwand bei größeren Formaten durchbiegt, trägt an ihrer Unterseite eine weitere, deutlich jüngere Markierung, ein aufgedruckter Barcode-Aufkleber eines Transportunternehmens, wie er bei internationalen Ausstellungsleihgaben üblich ist. Der Kontrast zwischen der handschriftlichen, verblassten Zahl von vermutlich vor hundert Jahren und dem maschinell gedruckten Barcode von vor wenigen Jahren macht auf einen Blick sichtbar, wie viele unterschiedliche Systeme der Verwaltung dieses eine Objekt im Lauf seiner Geschichte durchlaufen hat, von der handschriftlichen Karteikarte bis zur digitalen Sendungsverfolgung.
Der Praktikant fragt, ob man aus dem Zustand des Rahmens allein schon etwas über das Alter oder die Herkunft des Bildes ablesen könne, ohne die Vorderseite überhaupt gesehen zu haben. Der Restaurator überlegt kurz, bevor er antwortet, dass sich zumindest die grobe Zeitspanne der Rahmenkonstruktion, die Art der verwendeten Nägel und die Holzart oft schon erste, vorsichtige Hinweise liefern, auch wenn eine genaue Datierung natürlich erst durch den Abgleich mit weiteren Quellen möglich werde. Er zeigt dem Praktikanten die charakteristische Form eines handgeschmiedeten Nagelkopfs im Vergleich zu einem maschinell gefertigten, ein Unterschied, den man erst erkennt, wenn man beide nebeneinanderhält.
Bevor das Bild für die eigentliche restauratorische Untersuchung der Malschicht umgedreht wird, verbringt die Werkstatt also regelmäßig eine ganze Weile mit genau dieser Seite, die später niemand mehr zu Gesicht bekommen wird, sobald das Gemälde wieder an der Wand hängt. Diese sorgfältige Aufmerksamkeit für eine Fläche, die nie ausgestellt werden soll, gehört zum festen Ablauf jeder gründlichen Untersuchung, unabhängig davon, wie bekannt oder unbekannt der spätere Künstler auf der Vorderseite sein mag. Der Restaurator sagt, dass er in all den Jahren gelernt habe, diese Rückseiten nicht als notwendiges Übel zu betrachten, sondern als eigenständigen Untersuchungsgegenstand, der seine eigene, vollständige Aufmerksamkeit verdient.
Für die Bestimmung der Holzart entnimmt der Restaurator mit einem winzigen Hohlmeißel an einer bereits beschädigten Stelle des Rahmens eine kaum stecknadelkopfgroße Probe, die später unter dem Mikroskop mit Referenzproben verschiedener Holzarten verglichen wird. Diese Entnahme geschieht ausschließlich an Stellen, die ohnehin schon beschädigt sind, nie an intaktem Material, und wird sorgfältig in der Akte vermerkt, samt Foto der genauen Entnahmestelle, damit ein späterer Restaurator sofort erkennt, woher die fehlende Substanz stammt.
Neben der Holzart interessiert die Werkstatt auch die Machart der Nägel, mit denen die Leinwand ursprünglich auf den Rahmen gespannt wurde. Handgeschmiedete Nägel besitzen einen unregelmäßigen, leicht schiefen Kopf, während maschinell gefertigte Exemplare auffallend gleichmäßig ausfallen, ein Unterschied, der sich mit bloßem Auge erkennen lässt, sobald man einmal weiß, worauf man achten muss. An diesem Rahmen finden sich beide Varianten nebeneinander, ein weiteres Indiz dafür, dass die Leinwand irgendwann neu aufgespannt worden sein muss, ohne dass dabei sämtliche älteren Nägel entfernt wurden.
Die Etiketten
Über die Jahrzehnte haben sich auf dem Keilrahmen und der angrenzenden Leinwandkante mehrere Schichten von Papieretiketten abgelagert, manche vollständig erhalten, andere nur noch als abgerissene Ecke mit einem Rest gedruckter Schrift sichtbar. Ein ovales, leicht vergilbtes Etikett in der oberen rechten Ecke trägt den gedruckten Namen einer Galerie, die, wie sich bei kurzer Recherche herausstellt, bereits seit den 1970er Jahren nicht mehr existiert, mit einer handschriftlich ergänzten Ausstellungsnummer darunter.
Direkt daneben, teilweise überklebt, findet sich ein zweites, jüngeres Etikett eines Auktionshauses, mit einer maschinell gedruckten Losnummer und einem kleinen Strichcode, der sich mit einem Scanner auslesen lässt und in der internen Datenbank des Hauses zu einem vollständigen Katalogeintrag führt, samt Verkaufsdatum und damaligem Schätzpreis. Der Restaurator hält beide Etiketten nebeneinander ins Licht, fotografiert sie einzeln, bevor er sie in seiner Dokumentation den jeweiligen Jahrzehnten zuordnet, wobei er jedes Etikett zusätzlich mit einer laufenden Nummer versieht, die sich später im digitalen Bericht wiederfindet.
Ein drittes, deutlich kleineres Papierstück, handschriftlich in blasser Tinte beschriftet, lässt sich nur noch in Teilen entziffern, ein Nachname, vermutlich der eines früheren Privatbesitzers, und eine Ortsangabe, die auf eine Stadt in einem nicht mehr existierenden Länderzuschnitt verweist. Solche Fragmente sind für die Provenienzforschung von besonderem Wert, erklärt der Restaurator, weil sie oft die einzige verbliebene Spur eines Besitzerwechsels sind, der in keinem anderen Dokument mehr auftaucht. Der Praktikant fotografiert das Fragment mehrfach aus unterschiedlichen Winkeln, in der Hoffnung, dass sich unter verändertem Lichteinfall noch weitere Buchstaben erkennen lassen.
In „Zwischen Schatten und Form" wurde beschrieben, wie sehr sich die Bedeutung eines Objekts oft nicht aus seiner offensichtlichen Gestalt erschließt, sondern aus den Spuren, die es im Lauf seiner Existenz angesammelt hat. Genau das lässt sich an dieser Etikettenschicht ablesen: Jedes einzelne Papierstück für sich genommen ist unscheinbar, ein Stück Klebeetikett mit ein paar gedruckten Zeichen, aber in ihrer Summe ergeben sie eine lückenhafte, aber durchaus lesbare Kette von Stationen, die das Gemälde durchlaufen hat.
Manche der Etiketten überlappen sich so stark, dass ein späteres vollständig über ein früheres geklebt wurde, ohne dass jemand das ältere zuvor entfernt hätte. An einer Stelle lässt sich, wenn man das obenliegende Etikett vorsichtig anhebt, unter starkem Licht noch ein Teil der darunterliegenden Beschriftung erkennen, eine Schicht unter der Schicht, die eigentlich schon als verloren galt. Der Restaurator entscheidet sich in solchen Fällen bewusst dagegen, ein Etikett zu entfernen, selbst wenn es das darunterliegende vollständig sichtbar machen würde, weil jede dieser Schichten selbst schon Teil der Objektgeschichte geworden ist. Für den aktuellen Zustand des Werks hält er stattdessen ein separates Blatt fest, auch das eine Bestandsaufnahme jener Zustände, die ein Objekt im Lauf der Zeit durchläuft, auf dem jede Schicht einzeln beschrieben wird, ohne dass dafür etwas abgelöst werden müsste.
Ein Ausstellungsstempel aus violetter Tinte, inzwischen stark verblasst, weist auf eine Wanderausstellung hin, die in den 1950er Jahren durch mehrere europäische Städte tourte, mit handschriftlich nachgetragenen Stationsnamen, von denen zwei bereits so verblasst sind, dass sie sich nur noch unter der Lupe erahnen lassen. Der Praktikant vergleicht die verbliebenen Ortsnamen mit einer alten Ausstellungsliste aus dem Archiv, in der Hoffnung, die fehlenden Stationen anhand der zeitlichen Reihenfolge rekonstruieren zu können, und findet nach einer Weile zumindest zwei plausible Kandidaten, deren Reihenfolge sich mit den überlieferten Reiserouten der Ausstellung deckt.
Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der violette Stempel an einer Stelle leicht doppelt gesetzt wurde, ein winziger Versatz von wenigen Millimetern, als hätte die Person, die ihn aufgedrückt hat, kurz gezögert oder das Papier verrutschen lassen. Solche kleinen, ungeplanten Unregelmäßigkeiten lassen sich in keinem Katalog nachlesen, sie sind reine Zufälligkeiten eines einzelnen Augenblicks vor siebzig Jahren, und doch sind sie es, die dem Restaurator manchmal mehr über die konkreten Arbeitsbedingungen jener Zeit verraten als jede offizielle Aufzeichnung.
Zwischen den offiziellen Etiketten findet sich auch ein kleiner, informeller Vermerk, mit Bleistift direkt auf das Holz des Rahmens geschrieben, offenbar von einem Transportarbeiter, der schlicht "Vorsicht, oben schwer" notiert hat, ohne Datum, ohne Namen. Diese Art von beiläufiger, unautorisierter Beschriftung gehört ebenso zur Geschichte des Objekts wie die offiziellen Stempel, auch wenn sie nie in einem Katalog auftauchen wird. Der Restaurator lässt solche Vermerke grundsätzlich unangetastet, selbst wenn sie den optischen Gesamteindruck der Rückseite stören, weil sie einen Moment im Leben des Bildes festhalten, den kein anderes Dokument bewahrt hat.
Am Ende dieser Untersuchung liegt vor dem Restaurator eine grobe Zeitleiste, zusammengesetzt aus Fragmenten, die sich stellenweise widersprechen oder überlappen, aber in ihrer Gesamtheit ein deutlich dichteres Bild der Objektgeschichte ergeben, als es das Gemälde selbst, betrachtet von vorne, jemals liefern könnte. Die Farben und Formen auf der Leinwand erzählen von der künstlerischen Absicht eines einzelnen Moments. Die Rückseite erzählt von allem, was seitdem geschehen ist, von jeder Station, jedem Besitzer, jedem Transport, der das Bild bis in diese Werkstatt gebracht hat.
Die Vorderseite zeigt einen Augenblick. Die Rückseite zeigt ein ganzes Leben.
Der Praktikant vergleicht die zusammengetragene Zeitleiste noch einmal mit den älteren Berichten früherer Restaurierungen desselben Bildes, die sich im Archiv der Werkstatt finden, drei an der Zahl, verteilt über mehr als sechzig Jahre. Jeder dieser Berichte wurde von einer anderen Person verfasst, mit unterschiedlichem Schwerpunkt und unterschiedlicher Sorgfalt, und keiner der drei erwähnt das kleine, handschriftliche Herkunftsfragment, das heute im Zentrum der aktuellen Untersuchung steht, offenbar übersehen oder für unwichtig befunden, bis es jetzt, Jahrzehnte später, plötzlich an Bedeutung gewinnt.
Die Spuren der Hände
Neben den aufgeklebten Etiketten trägt der Keilrahmen auch mechanische Spuren, die keine Beschriftung, sondern reine Abnutzung sind. An mehreren Stellen zeigen sich kleinere Löcher im Holz, die von früher verwendeten, inzwischen entfernten Aufhängevorrichtungen stammen, jedes einzelne ein stiller Hinweis darauf, dass das Bild im Lauf der Zeit mehrfach neu gerahmt oder zumindest anders aufgehängt worden sein muss. Der Restaurator zählt insgesamt vier verschiedene Bohrlochgruppen, von denen nur eine aktuell noch in Gebrauch ist, und skizziert deren Anordnung auf einem kleinen Blatt, das er der Akte beilegt.
An der oberen Querleiste hat sich eine deutliche, glattpolierte Fläche gebildet, dort, wo über Jahre hinweg immer wieder Finger entlanggeglitten sind, vermutlich beim wiederholten Abnehmen und Aufhängen des Bildes, ein Effekt, den frisches, unbehandeltes Holz an dieser Stelle normalerweise nicht zeigen würde. Diese Politur lässt sich weder fälschen noch nachträglich erzeugen, sie entsteht ausschließlich durch tatsächliche, wiederholte Berührung über einen langen Zeitraum, und genau deshalb ist sie für den Restaurator ein wertvoller Hinweis auf das Alter eines Rahmens.
In einer Ecke des Rahmens ist ein feiner Riss mit einer inzwischen leicht vergilbten Leimschicht stabilisiert worden, offensichtlich eine frühere, nicht professionell ausgeführte Reparatur, vermutlich von einem Vorbesitzer selbst vorgenommen, statt das Bild dafür in eine Werkstatt zu geben. Diese Art der Laienreparatur, erklärt der Restaurator, sei häufiger, als man annehmen würde, besonders bei Bildern, die über Generationen im Familienbesitz geblieben sind, ohne dass sich zwischenzeitlich je die Gelegenheit für eine fachgerechte Restaurierung ergeben hätte.
Ich erinnere mich an ein Ölbild aus dem Atelier meines Vaters, das jahrelang mit der Malfläche zur Wand gedreht auf dem Dachboden stand, weil es ihm selbst nicht mehr gefiel, und wie ich als Kind einmal heimlich die Rückseite betrachtete, den staubigen Keilrahmen, eine handschriftliche Jahreszahl in seiner eigenen, mir vertrauten Schrift, ohne die Vorderseite überhaupt zu kennen. Erst Jahre später sah ich das fertige Bild selbst, und es fühlte sich seltsam vertraut an, obwohl ich es zuvor nie gesehen hatte, nur eben seine Rückseite, und diese Jahreszahl, die ich als Kind so oft angestarrt hatte, ohne zu wissen, was sie einmal bedeuten würde.
Der Staub, der sich in den unteren Ecken vieler älterer Rahmen ansammelt, verrät ebenfalls etwas über die Lagerungsgeschichte eines Bildes. Eine gleichmäßige, dicke Staubschicht deutet auf eine lange Zeit ungestörten Hängens hin, während unregelmäßige, fleckige Staubmuster eher auf häufigeres Bewegen, Reinigen oder Umlagern schließen lassen. An diesem Gemälde findet sich eine deutlich unregelmäßige Verteilung, mit auffallend staubfreien Streifen an den Stellen, an denen offenbar wiederholt Transportgurte angelegt wurden, ein Muster, das der Restaurator mit den Barcode-Etiketten des Transportunternehmens in Verbindung bringt.
Ein winziger, kaum sichtbarer Fingerabdruck im getrockneten Leim einer der Flickstellen stammt vermutlich vom Restaurator einer früheren Reparatur, unbeabsichtigt hinterlassen, während der Klebstoff noch nicht vollständig ausgehärtet war. Solche zufälligen, nie beabsichtigten Spuren sind in gewisser Weise die ehrlichsten Zeugnisse, die ein Objekt tragen kann, weil sie niemand bewusst hinterlassen wollte und die trotzdem über Jahrzehnte erhalten bleiben. Der Praktikant fotografiert den Abdruck mit einer Makrolinse, obwohl klar ist, dass sich sein Urheber vermutlich nie mehr identifizieren lassen wird.
An zwei Stellen der Leinwandrückseite finden sich außerdem feine, parallel verlaufende Kratzspuren, zu regelmäßig, um zufällig zu sein, vermutlich verursacht durch das wiederholte Ein- und Ausführen des Bildes aus einem zu eng bemessenen Transportrahmen. Der Restaurator vermisst den Abstand der Kratzer mit einer kleinen Schieblehre und vergleicht ihn mit den bekannten Innenmaßen mehrerer gängiger Transportkisten aus dem Bestand des Hauses, bis sich ein Modell findet, dessen Maße nahezu exakt übereinstimmen.
An der Innenseite eines der Rahmenschenkel ist mit spitzem Gegenstand eine kleine, kaum lesbare Initiale eingeritzt, vermutlich die eines Handwerkers, der den Rahmen ursprünglich angefertigt hat, eine Signatur, die niemals für ein Publikum gedacht war, sondern nur für den eigenen internen Gebrauch der Werkstatt, in der der Rahmen entstand. Diese Art von unsichtbarer Urheberschaft existiert bei vielen historischen Rahmen, ohne dass sie je Teil der offiziellen Objektgeschichte wird, und doch bleibt sie über Jahrhunderte hinweg lesbar für jeden, der genau genug hinsieht.
Der Restaurator fasst am Ende dieses Untersuchungsschritts zusammen, dass sich allein aus den mechanischen Spuren, ohne ein einziges Etikett zu berücksichtigen, bereits eine grobe Chronologie ableiten lässt, wie oft das Bild bewegt, wie es transportiert und wie unterschiedlich sorgfältig es über die Jahrzehnte behandelt wurde. Diese Chronologie ist Teil der Objektgeschichte, so wie die Etiketten und die Malschicht selbst, und keine dieser drei Ebenen lässt sich ohne Verlust an Information weglassen, wenn man das Bild als Ganzes verstehen will.
Der Praktikant hält am Ende dieses Kapitels der Untersuchung fest, wie viel Zeit allein auf die Interpretation dieser stummen, nicht beschrifteten Spuren entfallen ist, deutlich mehr als auf das Lesen der Etiketten zuvor. Eine Beschriftung erklärt sich weitgehend selbst, sobald man sie entziffert hat, während eine Politurstelle oder ein Bohrloch erst durch Vergleich, Abgleich und wiederholtes Nachdenken zu einer belastbaren Aussage wird.
Eine der Bohrlochgruppen liegt auffällig nah an der oberen Kante, näher, als es für eine stabile Aufhängung ratsam gewesen wäre, was darauf hindeutet, dass das Bild an dieser Stelle über längere Zeit leicht schief gehangen haben muss. Der Restaurator fotografiert die Neigung, die sich aus der Position der Löcher rekonstruieren lässt, und notiert dazu, dass eine derart ungünstige Befestigung heute nicht mehr empfohlen würde, damals aber offenbar niemanden gestört hat, solange das Bild an der Wand blieb.
Was von hinten bleibt
Nach Abschluss der Untersuchung wird das Gemälde schließlich umgedreht, vorsichtig, mit vier Händen gleichzeitig, sodass die Bildseite zum ersten Mal seit Beginn der Arbeiten wieder nach oben zeigt. Der Praktikant, der die letzten Stunden fast ausschließlich mit der Rückseite verbracht hat, betrachtet das eigentliche Motiv nun mit einem Blick, der sich merklich von dem unterscheidet, mit dem er ein unbekanntes Bild sonst zum ersten Mal ansehen würde.
Er weiß inzwischen, dass diese Leinwand mindestens einmal ausgebessert wurde, dass sie durch mehrere Sammlungen und mindestens eine internationale Ausstellungstournee gewandert ist, dass sie über Jahre unregelmäßig transportiert und irgendwann von einem Laien notdürftig repariert wurde. Keine dieser Informationen ist auf der Vorderseite selbst abzulesen, und doch verändert dieses Wissen, wie er das fertige Bild jetzt betrachtet, so als würde er es zusammen mit allem sehen, was zwischen seiner Entstehung und diesem Moment in der Werkstatt geschehen ist.
Der Restaurator beobachtet diese Veränderung im Blick seines Praktikanten mit einer gewissen Zufriedenheit, weil sie ihm zeigt, dass die vergangenen Stunden auch einer Art von Ausbildung gedient haben, die sich schwer in Lehrbüchern vermitteln lässt. Wer einmal gelernt hat, eine Rückseite so gründlich zu lesen, betrachtet danach kaum noch ein Bild, ohne sich zumindest kurz zu fragen, was sich wohl auf der anderen Seite verbirgt.
Der Restaurator dokumentiert abschließend beide Seiten des Gemäldes in seinem Bericht, mit gleichwertigem Umfang, obwohl nur eine der beiden Seiten später öffentlich gezeigt werden wird. Für die Versicherung, für zukünftige Restauratoren, für die Provenienzforschung bleibt die Rückseite genauso wichtig wie das Motiv selbst, auch wenn kein Museumsbesucher sie je zu sehen bekommen wird, sobald das Bild einmal gerahmt an der Wand hängt. Der Bericht wird am Ende mehr Seiten über die Rückseite als über die Malschicht selbst enthalten.
Für die Versicherungspolice muss der Restaurator zusätzlich eine kurze Zustandszusammenfassung in einfacher Sprache verfassen, ohne Fachbegriffe, verständlich für jemanden, der das Bild nie im Original gesehen hat. Er schreibt darin von vier alten Aufhängespuren, drei Etikettengenerationen und einer fachgerecht ausgeführten Rissreparatur, ohne die kleinen, informellen Spuren zu erwähnen, die zwar für die Objektgeschichte, nicht aber für die Bewertung des Versicherungswerts von Bedeutung sind.
In „Der Raum hinter dem Raum" wurde die Idee entwickelt, dass sichtbare Zustände oft nur die Oberfläche einer tieferliegenden, nicht direkt beobachtbaren Struktur sind. Bei diesem Gemälde lässt sich das nicht nur als Idee, sondern als konkreter, dokumentierter Befund festhalten: vier Bohrlochgruppen, drei überlappende Etikettenschichten, ein handschriftlicher Vermerk eines namenlosen Transportarbeiters, eine Initiale eines vergessenen Rahmenbauers.
Das Gemälde wird in den kommenden Tagen gerahmt und für eine Ausstellung vorbereitet, bei der ausschließlich die Vorderseite zu sehen sein wird, wie es der Konvention entspricht. Die Rückseite verschwindet dann endgültig aus dem Blickfeld der Besucher, bleibt aber, fotografisch dokumentiert, in den Archiven der Werkstatt erhalten, zugänglich für jeden künftigen Restaurator, der dieses Bild irgendwann erneut in die Hand nehmen wird, vielleicht in zwanzig Jahren, vielleicht erst in hundert.
Die digitale Fotodokumentation der Rückseite umfasst am Ende weit über hundert Einzelaufnahmen, hochauflösend, mit genauer Angabe von Lichtquelle und Aufnahmewinkel, gespeichert in einem Archivsystem, das eigens für solche Materialstudien eingerichtet wurde. Sollte das Gemälde in Zukunft die Sammlung wechseln, geht diese Dokumentation mit, oft ausführlicher als jede schriftliche Beschreibung der Vorderseite, weil sich an der Rückseite ablesen lässt, was auf der Malschicht selbst längst überlackiert oder restauriert wurde.
Der Praktikant fragt beim Aufräumen der Werkstatt, ob es ihm eigenartig vorkomme, so viel Zeit mit einer Seite zu verbringen, die am Ende niemand außer ihnen beiden je wieder betrachten werde. Der Restaurator antwortet, während er die letzten Fotografien sortiert, dass genau darin für ihn der eigentliche Reiz dieser Arbeit liege, an einem Ort zu stehen, an dem niemand sonst je hinsieht, und trotzdem genau hinzusehen.
Manche Spuren hinterlässt niemand mit Absicht, und gerade sie bleiben am längsten.
Am Nachmittag wird das gerahmte Bild in einen gepolsterten Transportkarton gelegt, die Rückseite nach unten, wie es sich für den Weg zur Ausstellungshalle gehört. Bevor der Deckel geschlossen wird, streicht der Restaurator noch einmal kurz mit der flachen Hand über den Keilrahmen, über die Etiketten, über die polierte Stelle, an der so viele Hände vor ihm schon entlanggeglitten sind, dann schließt er den Karton, und für die kommenden Wochen wird dieses Gemälde wieder nur von einer Seite bekannt sein.
Der Praktikant begleitet den Karton bis zur Tür der Werkstatt, wo ihn ein Transportdienst übernimmt, derselbe Dienst vermutlich, dessen Barcode-Aufkleber schon auf der Querstrebe des Rahmens klebt. Er notiert sich im Gehen, für seinen eigenen, privaten Lernzettel, dass er künftig jedes Bild, das ihm begegnet, zumindest kurz gedanklich umdrehen wird, auch wenn er es nie tatsächlich in die Hand nehmen kann.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.