Das Licht, das nichts mehr verspricht.
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Ombra Celeste Magazin
Spätsommerabend auf der Plaza Vázquez de Molina in Úbeda
Úbeda im späten Licht
Die Hitze des Tages hat sich in den Stein gezogen, bevor jemand sie bemerkt hat. Auf der Plaza Vázquez de Molina trifft das Licht jetzt flacher auf, fast waagerecht, und streicht über die Fassade des Palacio de las Cadenas, als würde es dort nach etwas suchen, das es schon kennt. Der Platz ist zu dieser Stunde fast leer. Ein Fensterladen klappert kurz im Wind und bleibt dann still. Von der Basílica de Santa María de los Reales Alcázares herüber schlägt eine Glocke, unregelmäßig, als zähle niemand mehr mit.
Der Stein hier ist honigfarben, von Generationen Sonne gleichmäßig durchgewärmt. Niemand hat ihn poliert. Die Jahrhunderte haben das selbst erledigt, mit Wind und Regen und der Hand jedes, der sich an einer Mauer kurz abgestützt hat. Andrés de Vandelvira, der im sechzehnten Jahrhundert fast die gesamte Platzfront entworfen hat, konnte nicht wissen, wie das Licht im Oktober hier fallen würde. Vielleicht hat er es trotzdem geahnt.
Man setzt sich auf eine der niedrigen Stufen vor der Sacra Capilla del Salvador und spürt die Wärme durch den Stoff der Hose. Es ist keine angenehme Geste, es ist einfach da. Der Körper nimmt sie an, ohne nachzudenken. Ein paar Tauben verschieben sich auf dem Vorsprung über dem Portal, ohne Grund, dann wieder still.
Der Platz verspricht nichts. Er hält nur, was der Tag ihm gegeben hat.
Ein alter Hund trottet über den freien Platz, bleibt mitten im Licht stehen, legt sich hin. Niemand ruft ihn zurück. Die Steinfassaden ringsum, Palacio del Deán Ortega auf der einen Seite, die Kirche auf der anderen, stehen so dicht beieinander, dass der Platz selbst wie ein Innenraum wirkt, nur ohne Dach. Die Luft steht. Nichts drängt.
Wer aus einer der schmalen Gassen hinter der Plaza kommt, braucht einen Moment, um sich an die Weite zu gewöhnen. Die Gassen dort sind kaum breiter als ein ausgestreckter Arm, der Himmel über ihnen nur ein schmaler Streifen. Dann, plötzlich, dieser offene Platz, dieses Licht. Der Unterschied selbst ist das Ereignis, nicht der Platz allein.
Ein Fensterladen in der Fassade des Deán-Ortega-Palasts, heute ein Parador, steht halb offen. Dahinter, kurz, eine Bewegung, ein Vorhang, der sich wieder legt. Mehr nicht. Der Palast hält seine Innenräume für sich, auch wenn seine Front dem ganzen Platz gehört.
So beginnt dieser Abend: mit einem Platz, der nichts verlangt, und einem Licht, das bleibt, solange es will.
Ein Wortwechsel vor der Capilla
Ein Mann sitzt auf der untersten Stufe der Kapelle, einen Strohhut neben sich, die Ärmel hochgekrempelt. Er nickt, als man vorbeigeht, nicht einladend, nicht abweisend. Nur ein Nicken, wie man es Nachbarn gibt, die man nicht kennt, aber auch nicht zum ersten Mal sieht.
„Hace calor todavía", sagt er, mehr zu sich selbst als an jemanden gerichtet. Es ist noch warm, ja. Man bleibt kurz stehen, nicht aus Höflichkeit, eher weil der Satz etwas Wahres hatte, das eine Antwort verdient. „Pero ya no aprieta", sagt er dann. Aber es drückt nicht mehr. Er meint die Hitze, vielleicht meint er mehr.
Er arbeitet, wie sich herausstellt, seit dreißig Jahren als Küster an der Kapelle, öffnet morgens die Tore, schließt sie abends. Die Fassade, von Esteban Jamate gestaltet, kennt er besser als die eigene Haustür, sagt er, und lacht kurz, ein trockenes Lachen ohne Nachdruck.
Man fragt nichts weiter. Er erzählt auch nichts weiter. Ein Satz, eine Pause, ein zweiter Satz, dann steht er auf, klopft sich den Staub von der Hose und geht, mit dem Strohhut in der Hand, in Richtung Calle Real davon, ohne sich umzudrehen.
Es ist nicht, was er gesagt hat. Es ist, dass er es gesagt hat, hier, an dieser Stufe, in diesem Licht, zu niemand Bestimmtem. Der Satz gehört jetzt dem Platz, nicht mehr nur ihm.
Die Tür der Kapelle, die er zuvor noch offengehalten hatte, fällt mit einem dumpfen Laut ins Schloss. Ein Schlüssel dreht sich zweimal. Dann ist es wieder still, bis auf das Klappern des Fensterladens, der sich erneut bewegt hat.
Ein Kind läuft quer über den Platz, ein Ball voraus, eine Mutter zwei Schritte hinterher, ruft etwas, das im offenen Raum sofort verfliegt. Niemand hier hat es eilig, außer diesem einen Ball.
Unter der Basílica
Die Basílica de Santa María de los Reales Alcázares steht an der Stelle einer ehemaligen Moschee. Das sieht man ihr von außen kaum an. Innen schon eher. Gotische Bögen stehen neben Renaissance-Zutaten, barocke Verzierungen darüber, als hätte jedes Jahrhundert eine eigene Schicht hinterlassen, ohne die vorherige ganz zu überdecken.
Der Innenraum ist kühl, fast kalt nach der Hitze draußen. Licht fällt nur durch wenige hohe Fenster, trifft Säulen, verliert sich im Rest des Schiffs. Eine Frau kniet in einer der vorderen Bänke, allein, den Kopf gesenkt. Niemand sonst ist hier um diese Uhrzeit.
Ein Hinweisschild erklärt knapp, dass die Kirche im Spanischen Bürgerkrieg schwer beschädigt wurde und die Restaurierung sich über Jahrzehnte zog, von 1983 bis 2011. Fast dreißig Jahre, um etwas wiederherzustellen, das in wenigen Tagen zerstört worden war. Die Zahl allein sagt mehr als jedes Bild davon.
Manches braucht länger, um zurückzukommen, als es gebraucht hat, um zu verschwinden.
An einer Seitenwand, halb im Schatten, ein Rest maurischer Ornamentik, freigelegt bei einer der späteren Restaurierungen, stehen gelassen, nicht überputzt. Ein schmaler Streifen aus geometrischem Muster, der nicht zum Rest der Kirche passt und trotzdem dazugehört.
Ein Mann in Arbeitskleidung, offenbar mit Wartungsarbeiten beschäftigt, deutet kurz darauf, als man länger davorsteht. „De la mezquita", sagt er nur. Von der Moschee. Mehr Erklärung gibt er nicht, geht weiter zu einer Leiter am anderen Ende des Schiffs.
Draußen wartet noch immer das Licht des späten Nachmittags. Drinnen ist es schon fast Abend. Zwischen Tür und Portal liegen, so scheint es, nicht nur ein paar Schritte, sondern mehrere Jahrhunderte, die sich nicht stören, nur nebeneinander bestehen.
Durch die Calle Real
Die Calle Real beginnt dort, wo die Plaza aufhört, ohne dass eine Grenze sichtbar wäre. Sie ist die belebteste Straße der Altstadt, Geschäfte, Terrassen, Fensterläden, die noch offenstehen. Nach der Stille des Platzes wirkt sie fast laut, aber es ist eine andere Art von Geräusch, eines, das zu einem Ort gehört, nicht gegen ihn arbeitet.
Ich gehe diese Straße zum zweiten Mal an diesem Tag, und sie zeigt sich anders als am Vormittag. Die Schatten liegen jetzt auf der anderen Seite. Ein Café, das mittags halb leer war, hat jetzt vier besetzte Tische. Jemand stellt Stühle nach draußen, ein anderer räumt sie gerade hinein. Beides gleichzeitig, ohne dass es sich widerspricht.
Der Geruch von Olivenöl liegt in der Luft, dezent, aus einer Garküche, die Kartoffeln in großen Pfannen brät. Jaén ist Olivenland, mehr Ölbäume als irgendwo sonst auf der Welt, aber hier, in der Gasse, ist das kein Fakt, sondern ein Geruch, der an der Kleidung hängen bleibt.
Zwischen zwei Häuserfronten blitzt kurz der Platz wieder auf, dann schließt sich die Gasse erneut. Es ist wie Atmen: offen, eng, offen, eng. Die Straße selbst bleibt dabei beiläufig. Sie führt nicht zu etwas Bestimmtem, sie ist einfach die Art, wie man sich hier bewegt.
Mir fällt ein Fenster auf, in dem ein Teller mit Pfefferminzblättern zum Trocknen ausgelegt ist, direkt auf der Fensterbank, ungeschützt. Niemand nimmt sie weg, niemand stiehlt sie. Es ist eine kleine, fast private Geste, die trotzdem jeder sehen kann, der vorbeigeht.
Dieses Nebeneinander von Öffentlichem und Privatem, ohne klare Grenze dazwischen, erinnert an etwas, das in einem anderen Artikel schon einmal zur Sprache kam, in „Gehen ohne Richtung" beschrieben als ein Weg, der keine Bestimmung braucht, nur eine Richtung, die sich im Gehen selbst erst zeigt.
Am Ende der Straße, kurz bevor sie sich zu einem weiteren Platz öffnet, bleibt eine alte Frau in einer Tür stehen und beobachtet den Verkehr aus nichts als Gewohnheit. Sie grüßt niemanden, sie wird von niemandem gegrüßt. Trotzdem gehört sie zu diesem Bild, als hätte man etwas vermisst, wenn sie fehlte.
So verändert sich der Blick auf eine Stadt, von einem Platz zur nächsten Straße: nicht durch das, was neu dazukommt, sondern durch das, was derselbe Ort zu verschiedenen Stunden zeigt.
Ein Laden voller Krüge
Ein kleiner Laden in einer Seitengasse der Calle Real hat kaum mehr Platz als ein Wohnzimmer, und doch stehen hier an die zwanzig verschiedene Sorten Olivenöl, in Flaschen, Kanistern und bauchigen Tonkrügen. Jaén, die Provinz, in der Úbeda liegt, erzeugt nach offiziellen Zahlen rund ein Fünftel des weltweit gepressten Olivenöls, mehr als Italien insgesamt. Mehr als sechzig Millionen Ölbäume stehen hier, über eine halbe Million Hektar verteilt. Das klingt wie eine abstrakte Zahl, bis man in diesem Laden steht.
Eine Frau hinter der Theke füllt gerade eine Flasche für einen Kunden ab, über einen kleinen Trichter, ohne hinzusehen, routiniert bis in die Fingerspitzen. Sie fragt, ob man probieren möchte, reicht ein Stück Brot, das schon bereitliegt, bevor die Antwort überhaupt fällt.
Das Öl schmeckt nach frisch geschnittenem Gras, fast scharf im Nachklang, ganz anders als das milde, gelbliche Öl aus dem Supermarkt zu Hause. Sie nennt den Namen der Olivensorte, picual, die hier in der Gegend fast ausschließlich angebaut wird, hart im Ertrag, resistent gegen Trockenheit, bekannt für genau diese Schärfe.
Ein Geschmack kann einen Ort erklären, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren.
An der Wand hängt ein altes Foto, schwarzweiß, eine Olivenpresse aus Stein, von einem Maultier im Kreis gezogen. Die Frau sagt, das sei die Presse ihres Großvaters gewesen, noch bis in die Sechziger in Betrieb, dann abgelöst durch Maschinen, die schneller, aber nicht unbedingt besser pressen. Sie sagt das ohne Bedauern, eher wie eine Tatsache, die man mitgibt.
Draußen vor dem Laden wartet jemand mit einem leeren Kanister, offenbar ein Stammkunde, tauscht ein paar Worte mit der Frau, bevor er selbst an die Reihe kommt. Ein kurzes Lachen, ein Nicken, dann wieder Stille im engen Raum, nur das Tropfen des Öls in die Flasche.
Man verlässt den Laden mit einer kleinen Flasche und einem Geruch an den Händen, der sich den ganzen restlichen Abend nicht verliert, auch nicht in der nächsten Gasse, auch nicht auf dem Platz, zu dem der Weg zurückführt.
Der Blick vom Mirador del Salvador
Am Rand der Altstadt, wo die letzten Häuser aufhören, liegt der Mirador del Salvador, ein einfacher, frei zugänglicher Aussichtspunkt ohne Geländer aus Glas oder Eintrittskarte, nur eine niedrige Mauer aus demselben Stein wie der Rest der Stadt. Dahinter fällt der Blick abrupt in die Tiefe.
Was sich dort öffnet, ist kein einzelnes Tal, sondern ein Meer. Olivenbäume, Reihe um Reihe, bis zum Horizont, in einem Grün, das von hier oben fast silbern wirkt, wenn der Wind durch die Blätter geht und ihre helle Unterseite zeigt. Kein Baum steht für sich. Jeder gehört zu einer Linie, jede Linie zu einem Feld, jedes Feld zum nächsten, ohne erkennbares Ende.
Die Sonne steht jetzt tief genug, um lange Schatten zwischen die Baumreihen zu legen, Streifen aus Licht und Dunkel, die sich mit jeder Windböe leicht verschieben. Von hier aus wirkt die Stadt hinter einem, mit ihren honigfarbenen Fassaden, fast klein, ein einzelner heller Fleck zwischen so viel Grün.
Von manchen Orten aus sieht man erst, wie klein das ist, worin man sich den ganzen Tag bewegt hat.
Ein paar Schwalben jagen tief über die ersten Baumreihen, kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Insekten tiefer fliegen. Sie ziehen enge Kurven, fast lautlos, dann verschwinden sie hinter der Mauer, auf der man lehnt.
Zwei Jugendliche sitzen etwas abseits auf der Mauer, Kopfhörer im Ohr, teilen sich eine Tüte Chips, ohne viel zu reden. Sie schauen nicht besonders oft auf die Landschaft. Für sie ist das kein Ausblick, sondern einfach der Ort, an dem man nach der Schule sitzt.
Der Wind hier oben ist stärker als unten in den Gassen, kühler auch, trägt den Geruch nach trockenem Gras und, von weit her, nach Rauch, vielleicht ein Feuer auf einem der Felder. Die Weite selbst macht nichts mit einem, sie zeigt nur, wie viel von der Welt hinter dem liegt, was man gerade einen Ort nennt.
Der Innenhof des Parador
Ein Schritt durch das Portal des ehemaligen Palacio Deán Ortega, heute als Parador geführt, reicht, um in eine andere Temperatur zu wechseln. Draußen die Hitze des Platzes, drinnen ein kühler Innenhof mit zwei Stockwerken offener Galerien, Säulen aus demselben honigfarbenen Stein wie die Fassaden draußen, nur hier vor direktem Licht geschützt.
Das Licht fällt nur von oben ein, durch eine quadratische Öffnung im Dach, senkrecht, fast wie durch ein Fenster in der Decke einer Kirche. Es trifft den Boden in einem einzigen hellen Feld, während die Galerien ringsum im Schatten bleiben. Wer hier steht, sieht das Licht von außen zum ersten Mal von innen.
Ein Angestellter poliert in aller Ruhe ein Treppengeländer, ohne aufzusehen. Zwei Gäste sitzen in Korbsesseln am Rand des Hofes, sprechen leise, ihre Worte verlieren sich in der Höhe der Galerien, bevor sie den anderen Flügel erreichen.
Es ist eine andere Art von Stille als auf dem Platz draußen. Dort war Stille etwas, das der Raum zuließ. Hier ist sie etwas, das die Architektur selbst erzeugt, durch dicke Mauern, durch die Entfernung zur Straße, durch die Distanz zwischen den Stockwerken.
Vandelvira, der diesen Palast für den Dekan der Kathedrale von Málaga gebaut hat, hat offenbar gewusst, dass ein Haus nicht nur eine Fassade braucht, sondern ein Inneres, das sich davon unterscheidet. Draußen Repräsentation, drinnen ein Hof zum Durchatmen.
Eine Katze überquert den hellen Lichtfleck in der Mitte des Hofes, bleibt kurz mittendrin stehen, als würde sie die Wärme prüfen, und geht dann weiter in den Schatten der gegenüberliegenden Galerie.
Man könnte lange hierbleiben, ohne dass sich etwas verändert, und das wäre kein Verlust. Der Hof braucht keine Handlung, um seinen Zweck zu erfüllen. Er hält nur den Unterschied zwischen drinnen und draußen sichtbar, solange jemand hindurchgeht.
Blaue Stunde auf dem Platz
Zurück auf der Plaza Vázquez de Molina hat sich das Licht verschoben. Es ist nicht mehr golden, sondern blau, mit einem letzten rötlichen Rand über den Dächern Richtung Westen. Die Steine, die mittags noch Wärme abgaben, kühlen jetzt spürbar ab. Man merkt es an den Händen, wenn man sich kurz an einer Mauer abstützt.
Eine Frau schließt den Laden ihres kleinen Geschäfts an der Ecke zum Platz, zieht das Metallrollo herunter, schließt zweimal ab, prüft es noch einmal mit der Hand. Sie tut das jeden Abend, das sieht man an der Selbstverständlichkeit der Bewegung. Kein Blick zum Platz, kein Blick zur Kirche. Nur die Tür, der Schlüssel, der Griff.
Die Fenster des Rathauses, des früheren Palacio de las Cadenas, werden von innen erleuchtet, eines nach dem anderen, als würde jemand durch die Räume gehen und das Licht hinter sich anlassen. Von außen wirkt das Gebäude dadurch weniger imposant und mehr bewohnt.
Ein kurzer Windstoß trägt den Geruch von gebratenem Fisch über den Platz, aus einer Richtung, die man nicht genau bestimmen kann. Irgendwo wird zu Abend gegessen. Stimmen, Geschirr, ein Lachen, alles gedämpft durch Entfernung und dicke Mauern.
Die Glocke der Basílica schlägt wieder, diesmal regelmäßiger, zur vollen Stunde. Ein paar Tauben steigen auf, drehen eine Runde über dem Platz und landen genau dort, wo sie vorher saßen.
Wer jetzt hier sitzt, sucht nichts mehr. Der Platz verlangt am Abend weniger Aufmerksamkeit als am Nachmittag, nicht, weil weniger geschieht, sondern weil die Dämmerung die Dinge zusammenzieht, statt sie zu trennen. Alles rückt etwas näher aneinander.
Ein letzter Blick zur Capilla del Salvador, deren Fassade im blauen Licht fast grau wirkt, bevor die ersten Scheinwerfer angehen und sie wieder golden erscheinen lassen, künstlich diesmal, aber nicht weniger echt für den Moment.
Der Weg zurück zu den Gassen
Der Rückweg führt wieder durch eine der schmalen Gassen hinter der Plaza, dieselbe, aus der man am Nachmittag gekommen war. Sie sieht jetzt anders aus. Die Fensterläden, vorher geschlossen gegen die Hitze, stehen jetzt teilweise offen, Licht fällt aus einzelnen Wohnungen auf das Kopfsteinpflaster.
Ein Fernseher läuft irgendwo, man hört ihn durch ein offenes Fenster, eine Nachrichtensendung, dann wieder Stille. Zwei Männer stehen in einer Haustür, sprechen leise, ein Hund wartet geduldig zwischen ihnen, die Leine lose in einer Hand.
Die Gasse ist so schmal, dass man den Himmel darüber kaum noch sieht, nur einen schmalen, jetzt fast schwarzen Streifen zwischen den Dächern. Der Kontrast zur Weite des Platzes, den man gerade verlassen hat, ist größer geworden, nicht kleiner, mit jedem Schritt.
Am Ende der Gasse, kurz bevor sie auf eine größere Straße trifft, ein kleiner Schrein in einer Mauernische, eine Kerze davor, fast heruntergebrannt. Niemand ist zu sehen, der sie angezündet hat. Sie brennt trotzdem weiter, wie seit vermutlich Jahrzehnten jeden Abend eine neue angezündet wird, von jemandem, den man nie sieht.
Dieses Wechselspiel zwischen dem, was ein Ort öffentlich zeigt, und dem, was er nur andeutet, ist etwas, das einem erst auffällt, wenn man einen ganzen Tag in ihm verbracht hat. Ähnliches findet sich, mit anderem Licht und anderer Jahreszeit, in „Die unsichtbare Architektur des Lichts", wo Licht selbst zur Struktur eines Ortes wird, nicht nur zu seiner Beleuchtung.
Was von diesem Tag bleibt, ist kein Bild, das man festhalten müsste, eher eine Reihenfolge: Stein, Stimme, Innenhof, Dämmerung, Kerze. Jedes für sich unscheinbar, zusammen ein Ort, der sich nicht zusammenfassen lässt, nur durchqueren.
Das passt, in gewisser Weise, zu dem, was an anderer Stelle über innere Zustände gesagt wurde: dass sie sich selten durch eine einzelne Erkenntnis einstellen, sondern eher dadurch, dass genug verschiedene Dinge am selben Tag nebeneinander Platz gefunden haben.
Úbeda und Baeza wurden 2003 gemeinsam zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, zwei Renaissance-Städte, neun Kilometer voneinander entfernt, die sich die Auszeichnung teilen, ohne sich zu ähneln. Baeza ist kleiner, heller, offener. Úbeda hält mehr zurück. Beides lässt sich an einem Tag kaum fassen, nur anreißen.
In Baeza hat Antonio Machado sieben Jahre lang gelebt, von 1912 an, als Französischlehrer am örtlichen Gymnasium. Der Dichter ging oft zu Fuß hinaus zwischen die Ölbäume, und das Land um Baeza und Úbeda wanderte in seine Verse, die Hügel, die Wege, das silbrige Grün. Wer am Mirador steht und über die Reihen blickt, sieht dieselbe Landschaft, die er gesehen hat. Sie hat sich kaum verändert. Nur die Bäume sind ein Jahrhundert älter.
Der letzte Bus nach Baeza fährt in zwanzig Minuten, von der Haltestelle unten an der Ringstraße. Genug Zeit, um stehen zu bleiben, die Kerze noch einmal anzusehen, und dann weiterzugehen, ohne Eile, aber auch ohne zu zögern.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.