Ruhiger, leerer Innenhof in einer europäischen Stadt. Helle Steinflächen, zurückhaltende Fassaden und weiches Spätherbstlicht schaffen einen offenen, drucklosen Raum ohne Ziel oder Bewegung.

Der Ort, an dem nichts mehr drängt.

Ombra Celeste Magazin

Ein falsches Tor am Cours Mirabeau in Aix-en-Provence führt in einen Hof, in dem eine Stunde lang niemand etwas von mir will, nicht einmal die Erinnerung daran, warum ich eigentlich gekommen war.


Das falsche Tor

Ich hatte einen Zettel in der Jackentasche. Darauf stand eine Adresse, in der Handschrift des Hotelportiers, der mir am Morgen versichert hatte, es gebe in Aix noch genau einen Uhrmacher, der ein Lederarmband ersetzt, ohne gleich die ganze Uhr verkaufen zu wollen. Das Armband meiner Uhr war in der Nacht am Steg gerissen. Seitdem trug ich sie in der Hosentasche, wo sie bei jedem Schritt gegen den Schlüssel schlug.

Der Cours Mirabeau war an diesem Oktobervormittag so voll, wie er es offenbar immer ist. Unter den Platanen schoben sich Kinderwagen, Lieferroller und Gruppen mit Fähnchen aneinander vorbei. Vor den Cafés wurden Stühle zurechtgerückt, die niemand brauchte, weil um diese Zeit noch keiner saß. Ein Mann verkaufte Lavendelsäckchen aus einem Korb. Er rief nichts. Er hielt nur den Korb ein bisschen höher, wenn jemand vorbeikam.

Die Hausnummern auf der Südseite sind nicht leicht zu finden. Sie sitzen klein und verwittert neben Toren, die eher nach Burg aussehen als nach Laden. Hinter diesen Fassaden liegt das Quartier Mazarin, im siebzehnten Jahrhundert als neue Stadt jenseits der alten Mauern angelegt, mit Stadtpalais, deren Pracht fast immer nach innen zeigt. Von der Straße aus sieht man davon wenig.

Ich zählte mich an den Türen entlang, verzählte mich, fing noch einmal an. Dann stand ich vor einem Tor, das halb offen war, und glaubte, die Nummer stimme. Sie stimmte nicht. Das merkte ich aber erst später, und da war es schon egal. Ich ging hinein, weil das Tor offen war und weil ich dachte, der Uhrmacher habe seine Werkstatt im Hinterhaus.

Der Lärm brach ab. Nicht allmählich, wie wenn man eine Straße hinuntergeht und die Stadt hinter sich lässt. Er brach ab wie ein Radio, dem man den Stecker zieht. Zwei Schritte durch die Einfahrt, und das Rufen, das Hupen, das Klappern der Stühle waren nur noch ein dünnes Rauschen über dem Dach, als liefe die Stadt in einem anderen Zimmer weiter.

Vor mir lag ein Hof. Heller Kalkstein, rechts eine Fassade mit hohen Fenstern und Läden in einem ausgeblichenen Grau, links eine glatte Mauer mit einer schwarzen Laterne. Hinten drei Rundbögen, eine Art offene Halle, dunkel im Inneren. Davor eine Platane, schon halb gelb. Darunter eine Holzbank. An der Hauswand standen Kübel mit Buchs und einem Olivenbäumchen, das aussah, als habe man es vergessen.

Ein Uhrmacher war nirgends. Kein Schild, keine Klingel mit Namen, nichts. Ich hätte umkehren können. Aber ich war nun einmal drin, und umzukehren hätte ausgesehen, als hätte ich mich verlaufen. Was stimmte. Ich wollte nicht, dass es jemand sah. Also tat ich das, was Menschen tun, die sich verlaufen haben und es nicht zugeben wollen. Ich setzte mich hin, als hätte ich genau das vorgehabt.

Die Bank war kalt, das Holz noch feucht vom Morgen. Ich zog den Zettel aus der Tasche, sah ihn an, als stünde etwas Neues darauf, und legte ihn neben mich. Dann die Uhr. Sie ging. Zwölf Minuten nach elf. Ich hatte um halb zwölf beim Uhrmacher sein wollen, weil der Portier gesagt hatte, er mache pünktlich Mittag und dann sehr lange.

Ein Blatt fiel von der Platane und landete auf meinem Knie. Ein großes, ledriges Blatt, an den Rändern schon braun, in der Mitte noch grün, mit fünf Spitzen wie eine Hand, die sich nicht entscheiden kann, ob sie winken oder zugreifen soll. Ich nahm es in die Hand, drehte es, wusste nicht wohin damit und legte es zu dem Zettel.

Irgendwo über mir wurde ein Fenster geöffnet. Jemand schüttelte ein Tuch aus. Krümel oder Staub rieselten in der Sonne herab, und eine Stimme sagte etwas, das ich nicht verstand, zu jemandem, den ich nicht sah. Dann wurde das Fenster wieder geschlossen. Es klang nicht, als hätte man mich bemerkt. Es klang, als gehöre ich schon dazu, wie die Kübel und die Bank.

Der Besen

Die Concierge kam aus einer Tür neben den Bögen, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Eine kleine Frau in einer blauen Kittelschürze, vielleicht siebzig, mit einem Reisigbesen, der fast so groß war wie sie. Sie sah mich, nickte, als sitze dort jeden Tag jemand, und begann zu fegen. Sie fing nicht in der Mitte an. Sie fing an der Laterne an, ganz links.

Sie fegte in langen, flachen Zügen, den Besen schräg geführt, sodass die Blätter nicht aufflogen. Sie rutschten vor ihr her. Ein Geräusch wie Papier auf Stein. Sie schob die Blätter zu einem Haufen an der Mauer, ging zurück, holte die nächsten. Ihr Tempo änderte sich nicht. Es war nicht langsam. Es war genau das Tempo, in dem man eine Sache den ganzen Herbst lang tun kann.

Die Platane hatte ein anderes Tempo. Während die Concierge an der Laterne fegte, fielen hinter ihr, in der Mitte des Hofs, neue Blätter auf die Stelle, die sie gerade sauber gemacht hatte. Ich sah es. Sie sah es auch, davon bin ich überzeugt, denn einmal blieb sie kurz stehen, schaute nach oben in die Krone und dann auf den Boden. Dann fegte sie weiter.

Ich nahm all meinen Mut und mein Schulfranzösisch zusammen und fragte, ob dies ein privater Hof sei. Ich wollte höflich sein. Ich wollte auch wissen, ob ich gehen sollte. Sie antwortete lange, freundlich und sehr schnell. Ich verstand das Wort platane, das Wort tous les ans und etwas, das wie Monsieur le juge klang. Ich nickte, als hätte ich alles verstanden.

Sie lachte kurz, ein trockenes, kleines Lachen, und sagte noch etwas, das eindeutig eine Frage war. Ich sagte oui. Das war offenbar die falsche Antwort, denn sie schüttelte den Kopf, immer noch lachend, und zeigte mit dem Besenstiel auf die Bank, auf mich und dann auf den Himmel. Ich habe nie herausgefunden, was ich da bejaht hatte.

Sie fegte gegen einen Baum, der schneller war als sie, und fegte trotzdem, als sei das ein fairer Handel.

Im Schatten der Bögen wechselte das Licht auf dem Stein von Gelb zu Grau, als hätte jemand eine Linie gezogen. Die Concierge fegte genau bis an diese Linie und keinen Zentimeter weiter. Über das Verhältnis von hellen Flächen und dunklen Kanten, von dem, was eine Form erst sichtbar macht, steht vieles in „Zwischen Schatten und Form“. Die Concierge brauchte keinen Text dafür. Sie hatte einen Besen.

Gegen halb zwölf, die Zeit, zu der ich beim Uhrmacher hätte sein sollen, hatte sie drei Haufen. Einen an der Laterne, einen unter dem Fenster, einen bei den Kübeln. Sie holte einen großen Leinensack aus der Tür und begann, die Haufen mit bloßen Händen hineinzuschaufeln. Ein paar Blätter flogen ihr davon. Sie sah ihnen nach und ließ sie fliegen. Dann band sie den Sack mit einer Schnur zu und stellte ihn neben die Laterne.

Ich hätte ihr helfen können. Ich überlegte es ernsthaft, stand sogar halb auf. Dann setzte ich mich wieder, weil ich nicht wusste, wie man auf Französisch fragt, ob man beim Laubsammeln helfen darf, ohne dass es klingt, als wolle man eine Wohnung mieten. Sie bemerkte das halbe Aufstehen. Sie lächelte und schüttelte leicht den Kopf.

Sie sagte noch einmal etwas, diesmal langsamer, als habe sie gemerkt, mit wem sie es zu tun hatte. Ich verstand: Der Baum sei älter als sie. Ich sagte, das sei gut. Sie nickte. Das immerhin hatte gestimmt.

Der Bote

Der Kurier kam mit dem Paket unter dem Arm durch die Einfahrt, außer Atem, mit einem Helm in der anderen Hand und einem Handy zwischen Schulter und Ohr. Er war jung, vielleicht fünfundzwanzig, in einer orangefarbenen Jacke mit dem Logo eines Lieferdienstes. Er sah sich um, suchte etwas, fand es nicht und blieb mitten im Hof stehen.

Er klingelte an der Tür neben den Fenstern. Er wartete. Er klingelte noch einmal, länger. Er rief eine Nummer an, hielt das Handy ans Ohr, wartete, sagte etwas sehr Höfliches auf eine Mailbox. Dann sah er auf die Uhr seines Handys, auf das Paket und auf die Bank. Auf der Bank saß ich. Er kam herüber und setzte sich ans andere Ende.

Wir sahen uns kurz an, wie sich Leute ansehen, die beide nicht ganz freiwillig an einem Ort sind. Er stellte das Paket zwischen seine Füße. Es war nicht groß, ein brauner Karton, etwa so groß wie ein Schuhkarton, mit mehreren Aufklebern und einem handgeschriebenen Namen. Er betrachtete ihn wie einen alten Bekannten, der ihn ein bisschen nervt.

Dann holte er eine Mandarine aus der Jackentasche und schälte sie. Er machte das sorgfältig, in einem Stück, die Schale spiralförmig, und als er fertig war, legte er die Spirale neben sich auf die Bank wie etwas, das man noch braucht. Er teilte die Mandarine in zwei Hälften und hielt mir eine hin. Ohne Frage. Ich nahm sie.

Es war eine dieser kleinen, sehr süßen Mandarinen, die im Herbst in Frankreich überall auf den Märkten liegen, mit Blatt am Stiel. Sie schmeckte nach Zucker und ein bisschen nach der Jackentasche. Wir aßen schweigend. Die Concierge an ihrer Wand beobachtete uns, so schien es mir, mit einem gewissen Wohlwollen.

Er sprach langsam, als er merkte, dass ich nicht von hier war. Mit Händen und ein paar englischen Wörtern erklärte er mir, dass er dieses Paket in dieser Woche zum dritten Mal bringe. Montag, Mittwoch, heute. Nie war jemand da. Er musste es dreimal versuchen, dann durfte er es zurückbringen. Heute war der dritte Versuch.

Ich fragte, ob ihn das ärgere. Er zuckte mit den Schultern und zeigte auf den Hof, die Platane, die Bank, die Sonne. Dann sagte er auf Englisch, mit einem sehr französischen Akzent: Best address of the week. Er lachte über seinen eigenen Satz. Ich lachte mit. Für ihn war die Lieferung, die nie ankam, offenbar die beste Pause der Woche.

Nach einer Weile stand er auf, nahm das Paket und ging zur Concierge. Er fragte etwas. Sie schüttelte entschieden den Kopf und zeigte auf die Tür, dann auf ihn, dann auf das Paket. Er hob die Hände, lächelte, sagte etwas Charmantes. Sie schüttelte wieder den Kopf, aber schon weniger entschieden. Ich verstand kein Wort und verstand trotzdem alles.

Er griff in die Jackentasche und holte eine zweite Mandarine hervor. Er hielt sie ihr hin, ganz ernst, wie man ein Pfand übergibt. Die Concierge sah die Mandarine an, dann ihn, dann mich, als solle ich entscheiden. Ich hob nur die Hände. Sie seufzte, nahm die Mandarine und das Paket und verschwand in ihrer Tür.

Der Kurier kam noch einmal zur Bank zurück, sammelte seine Mandarinenschale ein, die Spirale, und steckte sie in die Tasche. Er nickte mir zu. Ich nickte zurück. Er setzte den Helm auf, ging durch die Einfahrt, und ein paar Sekunden später hörte ich draußen, ganz dünn, einen Motorroller anspringen und im Rauschen des Cours verschwinden.

Auf der Bank lag mein Zettel. Daneben das Platanenblatt und die Uhr. Der Uhrmacher machte jetzt vermutlich schon Mittag. Ich hatte noch den Geschmack einer halben Mandarine im Mund.

Das Echo

Das Mädchen kam aus der Tür mit den grauen Läden, einen roten Ball unter dem Arm. Acht Jahre vielleicht, in Strumpfhosen und einem viel zu großen Pullover, der ihr bis über die Hände reichte. Sie sah mich auf der Bank, entschied sofort, dass ich keine Rolle spielte, und ging zu den Bögen. Dort stellte sie sich auf, legte den Ball ab und schoss.

Der Ball traf den mittleren Pfeiler und kam zurück. Das Geräusch war ein dumpfes Plopp, gefolgt von einem zweiten, helleren, das aus dem Inneren der Halle zu kommen schien, einen Bruchteil später. Das Mädchen fing den Ball mit dem Fuß, legte ihn sich zurecht und schoss wieder, diesmal gegen den linken Pfeiler. Wieder das doppelte Geräusch, aber anders gestimmt.

Sie spielte nicht, um zu treffen. Das merkte ich nach ein paar Schüssen. Sie spielte, um zu hören. Sie schoss gegen den Pfeiler, gegen die Mauer neben den Bögen, einmal mitten hinein in die dunkle Halle, und jedes Mal kam der Ball anders zurück und klang anders. Gegen die glatte Mauer flach und kurz. In die Halle hinein lang, mit einem Nachhall, der unter dem Gewölbe herumlief.

Sie legte den Kopf schräg dabei. Wie die Concierge, als sie in den Baum geschaut hatte. Wie ein Mensch, der etwas prüft, für das er kein Wort hat. Ich kenne Erwachsene, die viel Geld bezahlen, um in Konzertsälen genau so zu hören. Dieses Mädchen hatte einen Hof und einen roten Ball.

Die Sonne stand jetzt fast im Süden, über dem Dach, und fiel schräg durch die Platane. Auf dem Kalkstein lag ein Muster aus hellen Flecken, das sich bewegte, sobald der Wind in die Krone ging. Wenn der Ball durch diese Flecken rollte, leuchtete er auf, verschwand im Schatten, leuchtete wieder auf. Ein rotes Signal, das an- und ausgeschaltet wurde.

Wie Licht in einem Hof wie diesem gebaut ist, wie es nicht einfach da ist, sondern von Mauern, Bäumen und Öffnungen geführt wird, beschreibt „Die unsichtbare Architektur des Lichts“. Ich musste an den Titel denken, weil dieses Mädchen die Architektur mit dem Fuß abtastete, als wolle es sie vermessen. Gegen jede Wand anders. Durch jeden Lichtfleck anders.

Ein Kind mit einem Ball hatte den Hof in zehn Minuten besser verstanden als ich in einer Stunde Sitzen.

Beim zwölften oder fünfzehnten Schuss traf sie die Kante des Pfeilers. Der Ball sprang schräg ab, hüpfte zweimal über den Stein und rollte direkt auf mich zu. Er blieb einen halben Meter vor meinen Schuhen liegen. Das Mädchen sah mich an. Zum ersten Mal spielte ich eine Rolle. Ich musste ihn zurückschießen.

Ich bin nie ein guter Fußballspieler gewesen, und das letzte Mal, dass ich gegen einen Ball getreten hatte, lag viele Jahre zurück. Ich stand auf, nahm einen Anlauf von einem Schritt, der ganz unnötig war, und traf den Ball mit der Spitze. Er stieg auf, flog in einem Bogen, der nirgends hingehörte, und landete mitten im Kübel mit dem Olivenbäumchen.

Er blieb dort liegen, eingeklemmt zwischen Stamm und Topfrand, und ein paar Blätter des Olivenbaums rieselten herab. Das Mädchen sah den Ball an, dann mich. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Der Blick war deutlich genug. Ich spürte, wie mir das Blut in die Ohren stieg, wie einem Jungen, der vor der ganzen Klasse den Ball verschossen hat.

Die Tür der Concierge ging auf. Sie hatte offenbar alles gehört. Sie kam heraus, ohne Eile, ging zu dem Kübel, nahm den Ball heraus, prüfte kurz das Bäumchen, als habe es einen Unfall gehabt, und warf den Ball dem Mädchen zu. Mit einer Präzision, die mich verblüffte. Über die Schulter sagte sie noch etwas zu mir. Ich glaube, es war ein Witz.

Das Mädchen lachte. Es war ein lautes, unverschämtes Kinderlachen, das unter den Bögen widerhallte und doppelt so lang klang, wie es war. Ich lachte schließlich mit, weil mir nichts anderes übrig blieb. Die Concierge verschwand wieder in ihrer Tür. Aus einem der oberen Fenster rief eine Frauenstimme einen Namen, zweimal, ungeduldig.

Das Mädchen klemmte sich den Ball unter den Arm und ging zu ihrer Tür. Bevor sie hineinging, drehte sie sich noch einmal um, schoss ohne Ankündigung den Ball gegen den mittleren Pfeiler, fing ihn auf, als er zurückkam, und war verschwunden. Das letzte Plopp lief noch eine Sekunde unter dem Gewölbe herum. Dann war der Hof wieder still.

Was ich wollte

Von irgendwo in der Altstadt schlug eine Glocke zwölf. Die Concierge kam ein letztes Mal heraus, diesmal ohne Besen, und ging zur Einfahrt. Sie zog einen Flügel des Tors zu, den anderen ließ sie offen, so weit, dass ein Mensch hindurchpasste. Dann sah sie mich an. Sie sagte nichts. Es war keine Aufforderung. Es war eher eine Auskunft.

Ich verstand sie trotzdem. Ich griff nach meinen Sachen. Die Uhr steckte ich ein. Das Platanenblatt lag noch da, inzwischen ganz trocken, ich ließ es liegen. Der Zettel nicht. Der Zettel war weg. Ich sah unter die Bank, neben die Bank, in meine Jackentasche, in die andere Jackentasche. Nichts.

Ich brauchte einen Moment. Dann fiel mein Blick auf den prallen Leinensack neben der Laterne. Die Concierge hatte vorhin, als sie die Haufen einsammelte, auch an der Bank vorbeigefegt. Ich hatte zugesehen, wie sie mit beiden Händen Laub in den Sack schaufelte, und dabei nicht gemerkt, dass sie meinen Zettel gleich mitnahm. Oder der Wind hatte ihn ihr gebracht.

Ich stand vor dem Sack und überlegte ernsthaft, ihn aufzuschnüren. Ich sah mich schon zwischen nassen Platanenblättern nach einem kleinen Stück Papier suchen, mit einer Handschrift, die ich nur halb lesen konnte, während die Concierge mir aus ihrer Tür heraus zusah. Ich ließ die Schnur, wo sie war. Manche Dinge gehören nach einer Stunde einfach dem Hof.

Ich wusste die Adresse nicht mehr. Ich wusste nur noch, dass es eine Nummer auf der Südseite war und dass der Uhrmacher jetzt ohnehin Mittag machte, sehr lange. Ich konnte den Portier im Hotel noch einmal fragen. Ich wusste schon, dass ich es nicht tun würde. Die Uhr ging ja. Sie lag nur in der Tasche statt am Handgelenk.

Ich ging zur Einfahrt. Im Halbdunkel zwischen den Torflügeln blieb ich stehen und drehte mich um. Der Hof lag in der Mittagssonne, die Bank leer, das Blatt darauf, die Laterne, die Bögen, der Sack an der Laterne. Auf dem eben gefegten Stein lagen schon wieder ein paar frische Blätter. Morgen würde die Concierge wieder an der Laterne anfangen. Von hier aus sah der Hof anders aus als von der Bank, tiefer, als liege hinter dem ersten noch ein zweiter. Ich musste an „Der Raum hinter dem Raum“ denken und ging hinaus.

Ich hatte eine Stunde lang nichts erledigt, und nichts davon fühlte sich verloren an.

Draußen war der Cours Mirabeau noch voller als vorher. Die Cafés hatten sich gefüllt, die Kellner balancierten Teller über die Köpfe hinweg, und unter den Platanen roch es nach Bratfett und Kaffee, und in jedem zweiten Schaufenster lagen Calissons, die rautenförmigen Mandelkonfekte, für die Aix berühmt ist. Der Lärm war sofort wieder da. Er störte mich weniger als am Morgen.

Mitten auf dem Cours steht ein Brunnen, der fast vollständig von Moos überwachsen ist, die Fontaine Moussue. Ihr Wasser kommt aus einer Thermalquelle und tritt mit etwa achtzehn Grad aus, im Sommer kühl, im Oktober beinahe warm. Ich hielt die Hand hinein. Das Wasser war wärmer als die Luft. Das Moos fühlte sich an wie ein nasser Teppich.

Ich ging den Cours hinunter, ohne Adresse, mit der Uhr in der Tasche, die bei jedem Schritt gegen den Schlüssel schlug. Das Geräusch hatte mich am Morgen genervt. Jetzt hörte ich es fast gern. An einer Ecke kaufte ich zwei Mandarinen, mit Blatt am Stiel, und steckte eine davon in die Jackentasche, für den Fall, dass mir jemand begegnen sollte, der ein Paket trägt.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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