Der Weg, der nicht mehr lockt.
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Ombra Celeste Magazin
Ein Nachmittag an der Trave, an dem ein vertrauter Weg aufhört, etwas zu versprechen.
Die Vorderreihe an einem Werktag
Der Kellner vor dem Fischrestaurant stapelt Stühle, drei auf einmal, mit einer Routine, die keine Eile kennt. Es ist kurz nach vier an einem Dienstag Ende September, und die Vorderreihe, die im August kaum genug Platz für alle Schritte bot, liegt jetzt so offen da, dass man mitten auf dem Pflaster stehen bleiben kann, ohne jemandem im Weg zu sein. Die Fassaden der alten Bürgerhäuser stehen in schrägem Licht, ein Fahrrad lehnt unangeschlossen an einer Laterne, als gäbe es hier nichts mehr zu befürchten.
Auf der Trave schiebt sich ein Frachter heran, zu groß für den schmalen Fluss, wie es scheint, und so langsam, dass er beinahe stillzustehen scheint. Sein Rumpf wirft einen langen Schatten über das Wasser, der sich mit jeder kleinen Welle leicht verschiebt. Zwei Möwen sitzen reglos auf einem Poller, ohne Interesse an den wenigen Fischbrötchen, die an einem Stand in der Nähe verkauft werden, wo die Verkäuferin gerade eine Zeitung liest, ungestört von Kundschaft.
Drüben am Priwall, auf der anderen Seite der Trave, liegt die Passat, die Viermastbark, die hier seit 1960 fest vertäut ist, unabhängig davon, ob jemand herüberschaut oder nicht. Ihre Masten überragen alles am Ufer. Ein einzelner Tourist fotografiert sie von der Vorderreihe aus, senkt die Kamera wieder, geht weiter. An Bord regt sich nichts, keine Führung, keine Gruppe, nur ein paar Wimpel, die im Wind schlagen.
In „Der Moment des Ankommens: Orte, die uns sammeln" wurde beschrieben, wie ein Ort manchmal erst dann wirklich zu einem selbst spricht, wenn der Andrang, der ihn sonst überlagert, nachgelassen hat. Genau das lässt sich hier beobachten: Dieselbe Vorderreihe, dieselben Häuser, dasselbe Wasser, aber ohne das Stimmengewirr, das im Sommer jede einzelne Fassade übertönt hätte.
Am Kai stehen heute nur zwei Verkaufswagen, einer mit Räucherfisch, einer mit Obst aus der Region. Der Fischhändler lehnt an seiner Theke, die Hände in den Taschen der Schürze vergraben, und ruft niemandem etwas zu. An einem Augustsamstag hätte er gegen das Stimmengewirr anbrüllen müssen, heute würde schon ein normaler Satz über den halben Kai tragen. Ein paar Äpfel liegen lose im Korb, offensichtlich vom eigenen Baum, kein aufgedrucktes Preisschild, nur eine handbeschriftete Karte mit einer Zahl darauf.
Der Weg selbst, das schmale Pflasterband zwischen den Ladenfronten und dem Kai, verspricht heute nichts. Keine Schaufensterauslage lockt mit einem Rabattschild, keine Eisdiele hat eine Schlange vor der Tür, kein Straßenmusiker spielt um die Gunst der Vorbeigehenden. Es gibt nur das Gehen selbst, den eigenen Schritt auf den unregelmäßigen Steinen, die an manchen Stellen von jahrzehntelangem Tritt glatt geworden sind.
Ein Weg, der nichts mehr verspricht, lässt einen endlich in Ruhe gehen.
Ein Café hat noch geöffnet, zwei Tische draußen besetzt, ein älteres Paar an dem einen, ein Mann allein mit Laptop an dem anderen, der gelegentlich aufblickt, um dem Frachter auf dem Wasser zuzusehen, bevor sein Blick zurück zum Bildschirm wandert. Niemand hier scheint in Eile. Die Kellnerin bringt Kaffee, ohne zu fragen, ob es sonst noch etwas sein dürfe, offensichtlich Stammgäste, die sie längst kennt.
Der Wind kommt in unregelmäßigen Stößen von der See her, kühler als noch vor zwei Wochen, mit einem Salzgeruch, der sich mit dem Duft von gebratenem Fisch aus einer offenen Küchentür mischt. Ein Strandkorb wird auf einem kleinen Anhänger vorbeigeschoben, einer von vielen, die in den kommenden Tagen offenbar eingesammelt und für den Winter eingelagert werden, ein stilles Zeichen dafür, dass sich die Saison, auch wenn sie offiziell noch läuft, bereits neigt.
Man geht diesen Weg nicht, weil er heute etwas Neues verspricht. Man geht ihn, weil er da ist, vertraut aus vielen früheren Besuchen, und weil das Gehen selbst an diesem Nachmittag ausreicht, ohne dass ein Ziel dahinterstehen müsste. Die Schritte fallen in einen eigenen, langsamen Takt, bestimmt allein von der Länge der Promenade.
Vor einem kleinen Laden für maritimes Kunsthandwerk, eingeklemmt zwischen einer Boutique und einem geschlossenen Eiscafé, hängt ein handgeschriebenes Schild: ab Oktober nur noch am Wochenende geöffnet. Die Besitzerin räumt gerade das Schaufenster um, tauscht die Sommerdekoration, Muscheln und Strandtücher, gegen Windlichter und dickere Wollpullover, mit einer Ruhe, die verrät, dass sie diesen Wechsel schon oft vollzogen hat. Ein Kunde betritt den Laden nicht, aber sie blickt trotzdem kurz auf und nickt zum Gruß, als würde die bloße Anwesenheit draußen schon zählen.
Zwei Häuser weiter steht ein Fahrradverleih, die Räder ordentlich aufgereiht, aber ohne die Schlange von Kunden, die im Sommer den halben Gehweg blockiert hätte. Ein junger Mann in Arbeitskleidung prüft die Reifen eines der Räder, pumpt Luft nach, ohne Eile, als würde er die Zeit selbst nutzen, die sonst für Vermietungen draufgegangen wäre.
Am Ende der ersten paar hundert Meter, dort wo die Vorderreihe sich leicht zur Marina hin öffnet, bleibt man kurz stehen, ohne bewussten Grund, und sieht, wie sich das Licht auf dem Wasser bricht, in einem Muster, das sich nie genau wiederholt und das heute niemand sonst zu bemerken scheint.
Was der Sommer hier war
Vor gut zwei Monaten stand man an fast derselben Stelle, im vollen Gedränge eines Augustnachmittags, als die Vorderreihe kaum noch als einzelner Weg erkennbar war. Sie war eine dichte, sich langsam vorwärtsschiebende Menschenmasse zwischen Eiswaffeln, Sonnenhüten und Kinderwagen. Die Warteschlange vor der Fähre zum Priwall reichte damals bis zur nächsten Straßenecke, und das Deck des kleinen Bootes füllte sich innerhalb weniger Minuten vollständig, sodass ein Schaffner mit erhobener Hand die Nachzügler abweisen musste.
Ich erinnere mich, wie ich damals selbst in dieser Schlange stand, mit einer Tüte Fischbrötchen in der Hand, ungeduldig, ohne genau zu wissen, worauf eigentlich die Ungeduld zielte, da ohnehin kein fester Zeitplan bestand. Das Gedränge selbst schien den Puls vorzugeben, ein kollektives Vorwärtsdrängen, dem man sich kaum entziehen konnte, ohne selbst zum Hindernis zu werden. Musik aus einer mobilen Box irgendwo hinter mir, ein Kind, das laut nach Eis verlangte, der Geruch von Sonnencreme, vermischt mit dem der Trave.
Heute liegt dieselbe Fähranlegestelle fast verwaist da. Ein einzelner Fahrradfahrer wartet, die Hände locker am Lenker, während das Boot noch auf der anderen Seite des Flusses zu sehen ist, gerade erst ablegend. Kein Gedränge, keine erhobene Hand, kein Schaffner, der Grenzen ziehen müsste. Der Kai selbst, dieselben Steinplatten, dasselbe Geländer, wirkt heute größer, als er es im Sommer je hätte sein können, einfach weil niemand ihn ausfüllt.
Diese Erinnerung drängt sich nicht auf, sie kommt eher beiläufig, während der Blick über das leere Wartefeld gleitet, und sie bringt keine Wehmut mit sich. Es ist eher eine Art stiller Vergleich, zwei Versionen desselben Ortes, die sich in der eigenen Erfahrung überlagern, ohne dass die eine die andere entwerten würde. Der Sommer war laut und voll, dieser Nachmittag ist es nicht, beides gehört zum selben Weg.
Damals, im August, waren viele in der Schlange Tagesausflügler, aus Hamburg, aus Lübeck, von weiter her, Menschen, die in wenigen Stunden möglichst viel sehen wollten. Ihre Stimmen, oft mehrsprachig, füllten den ganzen Kai, während Reiseleiter mit erhobenen Schildchen versuchten, ihre Gruppen zusammenzuhalten. Heute ist von alledem nichts geblieben. Wo sich die Gruppen gesammelt haben, liegt ein leerer Streifen Pflaster, auf dem eine Möwe ein verlorenes Stück Waffel untersucht.
Ein Schild an der Anlegestelle informiert über den reduzierten Fährfahrplan, der offenbar erst vor wenigen Tagen in Kraft getreten ist, handschriftlich mit einem zusätzlichen Klebezettel korrigiert. Diese kleine, unprofessionelle Geste, ein aufgeklebter Zettel über gedrucktem Fahrplan, sagt mehr über den Übergang der Jahreszeiten als jede Statistik es könnte: Die Infrastruktur selbst zieht sich zurück, Schritt für Schritt, sobald die Nachfrage nachlässt.
Weiter hinten, an einem der Marina-Stege, wird ein Segelboot aus dem Wasser gehoben, der Kran quietscht bei jeder Bewegung, zwei Männer in Overalls dirigieren den Vorgang mit knappen Handzeichen. Auch das gehört zu diesem Übergang, eines der letzten Boote, das für den Winter aufgeslippt wird, während im August noch täglich neue Segel zwischen den Stegen aufgetaucht wären.
Im Hochsommer war in dieser Marina kaum ein freier Gastliegeplatz zu bekommen, Boote liefen ständig ein und aus, Musik von Bordlautsprechern, die sich mit der Musik des Nachbarbootes vermischte, und einer ständigen Geräuschkulisse aus Motoren, Rufen und klappernden Fendern. Heute liegen die meisten Stege zur Hälfte leer, das Wasser zwischen ihnen ist so ruhig, dass sich die Positionslichter der wenigen verbliebenen Boote klar darin spiegeln, ungestört von jeder Bugwelle.
In „Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt" wurde beschrieben, wie sich derselbe Ort innerhalb weniger Wochen fundamental verändern kann, ohne dass sich an seiner physischen Substanz irgendetwas verschoben hätte. Genau das zeigt sich hier: Steine, Geländer, Wasser, alles unverändert, und doch ist der Ort im August ein anderer gewesen als heute.
Was auffällt, ist die Abwesenheit von Bedauern in dieser Beobachtung. Der Wunsch, den vollen, drängenden Sommer zurückzuholen, meldet sich nicht. Was bleibt, ist eher eine nüchterne Anerkennung, dass beide Zustände zum selben Weg gehören, und dass der heutige, leisere Zustand seine eigene, durchaus eigenständige Qualität hat, die im Trubel des Sommers gar keinen Raum gehabt hätte.
Der Fahrradfahrer an der Anlegestelle steigt schließlich ab, lehnt sein Rad gegen das Geländer, und wartet weiter, ohne sichtbare Ungeduld, den Blick auf das nahende Boot gerichtet, das sich nur langsam über das Wasser bewegt.
Der Mann am Kiosk
Am Rand der Vorderreihe, dort wo die Häuserzeile eine kleine Lücke lässt, steht ein Fischbrötchen-Kiosk, dessen Besitzer draußen auf einem Klapphocker sitzt und in die Sonne blinzelt. Er trägt eine Schürze, die schon bessere Tage gesehen hat, und raucht eine Zigarette mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass in den nächsten zwanzig Minuten ohnehin niemand kommen wird. Ein kurzes Nicken, als man vorbeigeht, dann eine beiläufige Bemerkung über das Wetter, die sich zu einem kurzen Gespräch ausweitet.
Er redet von der Saison, nicht mit Wehmut, sondern mit der pragmatischen Distanz eines Menschen, für den dieser Ort in erster Linie Arbeitsplatz ist. Der August, sagt er, habe die Kasse gefüllt, mehr als genug für die mageren Monate, die jetzt kommen. Die Ruhe, die man selbst gerade als angenehm empfindet, bedeutet für ihn schlicht weniger Umsatz, kürzere Öffnungszeiten, vielleicht schon in zwei Wochen ganz geschlossen bis zum nächsten Frühjahr.
Diese Nüchternheit überrascht mich mehr, als sie eigentlich sollte. Man selbst war gerade dabei, den leeren Weg als eine Art persönliches Geschenk zu lesen, eine Ruhe, die sich einem schenkt, weil man zur richtigen Zeit hier ist. Für den Mann am Kiosk ist genau diese Ruhe ein Problem, das er lösen muss, mit Kalkulationen, die mit der eigenen Wahrnehmung des Weges nichts zu tun haben.
Er erzählt, fast beiläufig, von einem Kollegen weiter die Straße hinunter, der seinen Stand schon vor einer Woche für den Winter geschlossen hat, weil die Fixkosten die wenigen Kunden nicht mehr rechtfertigten. Ein anderer, der Souvenirladen an der Ecke, habe die Öffnungszeiten bereits auf drei Tage die Woche reduziert. Diese Details, unspektakulär vorgetragen, zeichnen ein Bild der Vorderreihe, das sich deutlich von dem unterscheidet, das der bloße Anblick der Fassaden vermittelt.
Auf die Frage, wie lange er selbst den Kiosk noch offen halte, zuckt er kurz mit den Schultern und rechnet halblaut vor: Im August habe er an guten Tagen über zweihundert Brötchen verkauft, jetzt seien es an einem Dienstag wie diesem vielleicht zwanzig. Ab Mitte Oktober lohne sich das Öffnen gar nicht mehr, dann fahre er für ein paar Wochen zu seiner Schwester nach Rostock, bevor im nächsten Frühjahr wieder alles von vorne beginne. Er sagt das ohne jede Klage, eher wie jemand, der eine Rechnung aufstellt, die seit Jahren aufgeht.
Ruhe ist auch eine Frage davon, wer sie bezahlt.
Ein Windstoß lässt eine der Speisekarten am Kiosk umklappen, der Mann greift automatisch danach, ohne den Satz zu unterbrechen, den er gerade begonnen hat, über die Wassertemperatur, die in diesem Jahr ungewöhnlich lange warm geblieben sei, was zumindest die Fischbrötchen-Nachfrage etwas gestreckt habe. Diese Mischung aus Wetterkunde und Betriebswirtschaft hat etwas Erdendes, das dem eigenen, eher kontemplativen Blick auf den Nachmittag eine zweite, härtere Ebene hinzufügt.
Man bedankt sich für das Gespräch, kauft am Ende doch noch ein Fischbrötchen, mehr aus einem Gefühl der Verbundenheit heraus als aus tatsächlichem Hunger. Der Mann wickelt es routiniert ein, drei Handgriffe, die er vermutlich tausendfach wiederholt hat, und wünscht einen schönen Rest des Tages, schon wieder mit dem Blick auf die menschenleere Vorderreihe, als würde er dort doch noch jemanden erwarten.
Während er das Wechselgeld abzählt, kommt tatsächlich noch ein zweiter Kunde vorbei, eine Frau mit Hund, die routiniert dasselbe bestellt wie offenbar immer, ohne die Karte anzusehen. Die beiden wechseln ein paar Sätze über den Hund, der ungeduldig an der Leine zieht, und über das nahende Wochenende, an dem noch einmal wärmeres Wetter angekündigt sei. Der Kiosk-Besitzer wirkt für einen Moment lebendiger, fast erleichtert über die kleine Unterbrechung seiner Wartezeit, bevor die Frau mit ihrem Hund weiterzieht und wieder Stille einkehrt.
Beim Weitergehen bleibt dieser kurze Wortwechsel hängen, nicht als Störung der eigenen Ruhe, aber als eine Art Korrektur. Der leere Weg ist nicht neutral. Er bedeutet für verschiedene Menschen, die an ihm leben und arbeiten, ganz unterschiedliche Dinge, Erholung für die einen, Sorge für die anderen, und beide Lesarten sind gleichermaßen berechtigt, ohne dass die eine die andere aufheben würde.
Ein zweiter Blick zurück zum Kiosk zeigt, wie der Mann wieder auf seinem Hocker Platz nimmt, die Zigarette inzwischen fast heruntergebrannt, den Blick erneut über den Weg vor ihm hinweg gerichtet, irgendwohin, vielleicht schon beim nächsten Frühjahr, vielleicht bei etwas ganz anderem.
Diese kleine Begegnung ändert nichts an der grundsätzlichen Stimmung des Nachmittags, aber sie verschiebt ihren Ton. Die Ruhe bleibt, doch sie bekommt eine zweite Bedeutung dazu, eine, die man sich selbst nicht ausgedacht hätte, wäre man nicht kurz stehen geblieben, um mit einem Fremden über das Wetter zu reden.
Der Leuchtturm im letzten Licht
Der Rückweg führt an der Vorderreihe entlang, vorbei am Blick hinüber zur Passat, vorbei am inzwischen leeren Fährsteg, bis zum alten Leuchtturm am Leuchtenfeld, der seit fast fünfhundert Jahren an derselben Stelle steht. Das Licht hat sich in der letzten Stunde merklich verändert, tiefer geworden, wärmer, mit langen Schatten, die von den wenigen Passanten über das Pflaster gezogen werden.
Am Fuß des Turms sitzen zwei Jugendliche auf einer Bank, Kopfhörer im Ohr, ohne sich zu unterhalten, jeder in seine eigene Musik vertieft, während unten am Strand ein Hund seinem Ball hinterherjagt, den ein älterer Mann immer wieder ins flache Wasser wirft. Die Wellen sind ruhig, fast reglos, nur ein leichtes Kräuseln, das sich in unregelmäßigen Abständen an den Sand schiebt.
In „Gehen ohne Richtung" wurde beschrieben, wie ein Weg manchmal erst am Ende seiner ursprünglichen Bestimmung entkommt und zu etwas Eigenem wird. Der Rückweg hierher, entlang derselben Vorderreihe, die man vor zwei Stunden zum ersten Mal betreten hat, fühlt sich tatsächlich anders an als der Hinweg, weniger auf ein Ziel gerichtet, mehr auf das bloße Gehen selbst.
Der Frachter vom Nachmittag ist längst in Lübeck, ein zweiter gleitet jetzt flussaufwärts, sein Horn ertönt einmal, tief und lang, als Signal für ein entgegenkommendes kleineres Boot. Die beiden Jugendlichen auf der Bank blicken kurz auf, dann wieder auf ihre Handys, unbeeindruckt von der Größe des Schiffs, das an ihnen vorbeizieht.
Man setzt sich für einen Moment auf eine zweite Bank daneben, mehr aus Neugier als aus Erschöpfung. Zwischen den Häusern hindurch ist ein Stück der Trave-Mündung zu sehen, dahinter die Masten der Marina, und irgendwo weiter vorn, längst außer Sicht, der Kiosk, an dem der Mann vermutlich gerade seinen letzten Kunden des Tages bedient.
Der Leuchtturm selbst ist ein wuchtiger Backsteinturm, gebaut 1539, einer der ältesten an der deutschen Küste. Fast 450 Jahre lang hat er Schiffen den Weg in die Trave gewiesen. 1972 ging er außer Dienst, seitdem sitzt das Leuchtfeuer auf dem Dach des Maritim-Hochhauses ein paar hundert Meter weiter, in fast 115 Metern Höhe und deutlich weniger romantisch. Im alten Turm ist heute ein kleines maritimes Museum untergebracht. Die meisten Besucher nehmen ihn trotzdem eher als Fotomotiv wahr. Er hat seine Arbeit abgegeben und ist einfach stehen geblieben, und niemand käme auf die Idee, ihm das übelzunehmen.
Manche Dinge geben ihre Arbeit ab und bleiben trotzdem stehen.
Ein kühler Windstoß kommt von der offenen See her, kräftiger als zuvor, und man zieht die Jacke enger um sich, ein kleiner, fast automatischer Handgriff, der signalisiert, dass der Tag sich seinem Ende zuneigt. Die Sonne steht inzwischen tief genug, dass ihr Licht in einem schmalen goldenen Streifen über das Wasser fällt, direkt auf den fahrenden Frachter gerichtet, der für einen Moment fast silhouettenhaft wirkt.
Der Hund unten am Strand hat seinen Ball endlich verloren, irgendwo im flachen Wasser, und bellt jetzt aufgeregt in dessen Richtung, während der Mann geduldig hineinwatet, um ihn zu holen. Die beiden Jugendlichen packen ihre Kopfhörer weg, stehen auf, gehen in Richtung der Stadt davon, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, aber mit einer selbstverständlichen Gleichzeitigkeit, die auf eine lange gemeinsame Gewohnheit schließen lässt.
Auf dem Rückweg an der Vorderreihe entlang steht die Tür des Kunsthandwerkladens inzwischen offen, die Besitzerin fegt den Eingangsbereich, das neue Schaufenster mit den Windlichtern fertig arrangiert. Sie erkennt einen wohl vom kurzen Vorbeigehen am Nachmittag wieder, hebt kurz die Hand zum Gruß, ohne dass Worte gewechselt werden müssten. Ein paar Schritte weiter ist der Fahrradverleih bereits geschlossen, die Räder alle wieder eingeräumt, nur eine einzelne Lampe brennt noch im Inneren.
Beim Aufstehen von der Bank bleibt der Blick noch einen Moment auf dem Wasser, auf dem goldenen Streifen, der sich mit jeder Sekunde etwas verschiebt, während der Frachter langsam hinter der Flussbiegung verschwindet. Ein letzter Blick zurück zur Vorderreihe, wo der Kellner vor dem Fischrestaurant inzwischen die ersten Stühle wieder von den Tischen nimmt, für die wenigen Abendgäste, die vielleicht noch kommen werden.
Auf dem Parkplatz hinter der Promenade, dort wo im August kaum ein freier Platz zu finden war, stehen jetzt nur ein paar vereinzelte Autos, ihre Scheiben schon leicht beschlagen von der abendlichen Kühle. Ein Wohnmobil mit Lübecker Kennzeichen ist für die Nacht hier abgestellt, die Vorhänge bereits zugezogen, ein schwacher Lichtschein dahinter, der von einer kleinen Lampe im Inneren stammen dürfte.
Die Jackentasche ist noch leicht warm vom eingewickelten Fischbrötchenpapier, das man vorhin dort verstaut hat, ohne es wegzuwerfen. Man geht in Richtung Auto, während hoch oben auf dem Dach des Maritim das Leuchtfeuer sein erstes Licht des Abends zeigt, in seinem gleichmäßigen Takt, der die ganze Nacht anhalten wird. Der alte Turm unten am Leuchtenfeld bleibt dunkel. Er hat Feierabend, seit 1972.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.