Leerer, sonnenwarmer Weg in spätsommerlicher Landschaft mit Zitronenbäumen, mediterranes Licht, ruhige Atmosphäre ohne Menschen, sanfter Sizilien-Flair.

Der Weg nach dem Gehen.

Ombra Celeste Magazin


Ein Ort, der sich weiterbewegt, auch wenn niemand mehr auf ihm geht.


Bruchstücke eines ersten Besuchs

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Monat es war, nur dass die Luft kalt genug war, um die Hände in die Jackentaschen zu vergraben, aber nicht kalt genug, um wirklich zu frieren. Der Weg oben auf dem Brodtener Steilufer lag damals grauer im Licht, als ich ihn später wieder in Erinnerung hatte, ein diffuses, wolkenverhangenes Licht, das keine Schatten warf und die Bucht in ein einziges, flaches Blaugrau tauchte, ohne Kontur, ohne Horizontlinie, die sich vom Himmel hätte trennen lassen.

Was von diesem ersten Besuch geblieben ist, sind keine zusammenhängenden Bilder, sondern einzelne, fast willkürlich wirkende Ausschnitte. Der Geruch von nassem Gras kurz nach einem Regenschauer, der die letzten Meter des Wegs noch spürbar durchtränkt hatte. Ein Stück Absperrband, das jemand achtlos an einem Zaunpfahl zurückgelassen hatte, weiß-rot, halb verblasst, das im Wind ein trockenes, kaum hörbares Flattern erzeugte. Der schwere, dumpfe Klang eines Nebelhorns, weit draußen auf See, dessen Quelle ich nie ausmachen konnte, weil die Sicht zu schlecht war, um irgendein Schiff zu erkennen.

Ich erinnere mich an eine Bank, deren genaue Position ich heute nicht mehr sicher bestimmen könnte, weil sich mehrere Bänke entlang der Strecke ähneln und keine von ihnen eine erkennbare, einprägsame Markierung trägt. Ich saß dort eine Weile, ohne bewusst auf die Uhr zu schauen, während unten am Strand, kaum sichtbar durch den diesigen Dunst, eine einzelne Gestalt entlangging, zu weit entfernt, um mehr zu erkennen als eine dunkle, sich langsam bewegende Silhouette.

Ich erinnere mich auch an das Geräusch meiner eigenen Schritte auf dem festgefahrenen Kiesweg, ein Geräusch, das sich vom Untergrund im Wäldchen deutlich unterschied, härter, klarer, während im Wald selbst ein weicheres, gedämpfteres Knacken vorherrschte, wenn ich versehentlich auf einen abgebrochenen Ast trat. Diese beiden unterschiedlichen Geräusche, Kies und Waldboden, wechselten sich mit jedem Übergang zwischen offenem Feld und bewaldetem Abschnitt ab, ein Rhythmus, den ich damals nicht bewusst wahrnahm und der sich mir trotzdem tiefer eingeprägt hat als vieles andere, was ich an diesem Tag gesehen habe.

An einer Stelle, kurz bevor der Weg in eine der bewaldeten Passagen eintauchte, hörte ich für einen Moment Stimmen, offenbar von Wanderern etwas hinter mir, deren Worte der Wind aber so stark verwehte, dass ich keine einzelne Silbe verstehen konnte, nur eine unbestimmte, sich auf- und abbewegende Tonlage. Ich drehte mich nicht um, ging einfach weiter, und die Stimmen verloren sich irgendwann ganz, entweder weil die Sprechenden zurückblieben oder weil der Wind sich drehte und den Klang in eine andere Richtung trug.

Das Kliff selbst erschien mir damals höher, als es tatsächlich war, eine optische Täuschung vermutlich, verstärkt durch das trübe Licht und die eigene Unsicherheit, wie nah man der Abbruchkante überhaupt kommen durfte. Ich hielt größeren Abstand, als nötig gewesen wäre, ging lieber ein Stück weiter landeinwärts, wo der Weg an einigen Stellen von niedrigem, windgeformtem Gebüsch gesäumt war, dessen Zweige alle in dieselbe Richtung zeigten, weg vom Meer.

Ich weiß noch, dass mich damals eine kurze, unbegründete Sorge beschlich, der Weg könnte in dem schlechten Licht plötzlich enden oder mich näher an die Kante führen, als ich es beabsichtigte, eine Sorge, die sich als völlig unbegründet herausstellte, aber die mein Gehen für eine Weile vorsichtiger machte, kleinere Schritte, ein häufigeres Prüfen des Bodens vor mir. Diese Vorsicht löste sich erst wieder, als der Weg deutlich sichtbar vom Rand abrückte und stattdessen zwischen zwei niedrigen Hecken verlief, die selbst bei schlechter Sicht eine klare, verlässliche Führung boten.

An einer Stelle, die ich später nie wiedergefunden habe, lagen im Gras mehrere Betonbrocken, offenbar Reste eines älteren Bauwerks, vielleicht eines Bunkers oder einer früheren Befestigung, deren genaue Herkunft sich mir damals nicht erschloss und die ich auch nicht weiter untersuchte. Ich blieb kurz stehen, betrachtete die verwitterten, mit Moos überzogenen Kanten, und ging weiter, ohne diesem Fund irgendeine besondere Bedeutung beizumessen.

Was man sich merkt, entscheidet selten der Moment selbst, sondern das, was später danach fragt.

Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag nicht bis Niendorf durchgegangen bin, sondern irgendwann umkehrte, ohne einen klaren Grund dafür zu haben, vielleicht wegen der zunehmenden Kälte, vielleicht einfach, weil sich ein Gefühl von Genug einstellte, das keine weitere Erklärung brauchte. Der Rückweg selbst ist in der Erinnerung noch unschärfer als der Hinweg, fast vollständig verloren, bis auf ein letztes Bild: die Lichter von Travemünde, die in der Dämmerung angingen, während ich mich der Stadt wieder näherte, kleine, warme Punkte gegen das inzwischen fast vollständig dunkel gewordene Wasser.

Diese einzelnen Fragmente haben sich seither erstaunlich wenig verändert, obwohl bekannt ist, dass sich Erinnerung normalerweise verschiebt, neu zusammensetzt, Details verliert oder unbewusst hinzuerfindet. Vielleicht liegt das schlicht daran, dass ich diesen einen Besuch nie besonders oft erzählt oder innerlich wiederholt habe, sodass er in einer Art Rohzustand geblieben ist, weitgehend unbearbeitet, ohne die glättende Politur, die eine oft wiederholte, oft erzählte Geschichte für gewöhnlich bekommt.

Was seither geschehen ist

Das Brodtener Steilufer selbst hat in der Zwischenzeit nicht stillgestanden. Es gehört zu den sogenannten aktiven Kliffs entlang der Lübecker Bucht, was bedeutet, dass die Abbruchkante Jahr für Jahr weiter landeinwärts wandert, während das abgetragene Material unten am Strand landet und von dort mit den Strömungen weiterverteilt wird, ein Teil westwärts Richtung Niendorf und Scharbeutz, ein anderer Teil ostwärts zurück zur Trave-Mündung und zum Priwall.

Diese Bewegung vollzieht sich nicht gleichmäßig, sondern in Schüben, oft nach besonders starken Sturmfluten oder nach Phasen anhaltenden Regens, wenn das Material im Kliff zu durchnässt und zu schwer wird, um sich noch zu halten. Ein einzelner solcher Schub kann mehrere Meter Land auf einmal kosten, während in ruhigeren Jahren kaum sichtbare Veränderung eintritt. Über die Jahre summiert sich das zu einem Rückgang, der sich in alten Karten und Luftbildern klar nachvollziehen lässt, auch wenn er von einem einzelnen Besuch zum nächsten kaum spürbar ist.

Örtliche Vermessungen, die für den Küstenschutz regelmäßig durchgeführt werden, dokumentieren diesen Rückgang in Zahlen, die sich von Abschnitt zu Abschnitt unterscheiden, je nach Zusammensetzung des jeweiligen Kliffabschnitts und seiner Exposition gegenüber der vorherrschenden Windrichtung. Für einen einzelnen Wanderer bleiben diese Zahlen abstrakt, solange er sie nicht selbst nachschlägt. Was bleibt, ist eher ein diffuses Wissen darum, dass sich hier etwas bewegt, ohne dass sich dieses Wissen im unmittelbaren Erleben des Wegs in eine konkrete, greifbare Zahl übersetzen ließe.

Die Betonbrocken, an denen ich bei meinem ersten Besuch vorbeigegangen war, existieren in genau dieser Form vermutlich nicht mehr. Entlang des unteren Strandwegs finden sich zwar bis heute vergleichbare Trümmerreste, halb im Kies versunken, aber welche davon exakt jene waren, die ich damals sah, lässt sich unmöglich mehr feststellen. Manche derartigen Fundamentreste sind längst weiter abgerutscht, andere vom Meer weggespült, wieder andere möglicherweise erst nachträglich freigelegt worden, aus tieferen Schichten, die vorher noch unter Erde und Bewuchs verborgen lagen.

Auch die Uferschwalben, die in senkrechten Sandwänden entlang der Steilküste nisten, haben in dieser Zeit vermutlich mehrfach ihren Standort gewechselt. Ihre Kolonien bestehen, wie eine Informationstafel am Weg erläutert, oft über mehrere Jahre an derselben Stelle, sofern der jeweilige Wandabschnitt nicht zwischenzeitlich abgerutscht ist, was regelmäßig vorkommt. Eine Kolonie, die bei meinem ersten Besuch vielleicht existiert hätte, wäre inzwischen möglicherweise bereits zweimal umgezogen, jedes Mal ausgelöst von einem Ereignis, das ich selbst nicht miterlebt habe und über das es keine für mich zugängliche Aufzeichnung gibt.

Ein Ort hört nicht auf, sich zu verändern, nur weil niemand zusieht.

Der Weg selbst, oben auf der Steilküste, ist in seiner Linienführung erstaunlich stabil geblieben, was zunächst paradox wirkt angesichts der ständigen Erosion der Kante, an der er entlangführt. Die Erklärung liegt darin, dass der Weg selbst regelmäßig ein Stück weiter landeinwärts verlegt wird, sobald die verbleibende Distanz zur Abbruchkante zu gering und damit zu gefährlich wird. Der Weg, den ich heute begehe, verläuft an mehreren Abschnitten nicht exakt dort, wo ich vor Jahren gegangen bin, auch wenn er sich für einen Wanderer wie derselbe Weg anfühlt, weil die umgebende Landschaft, Feld, Wäldchen, Ausblick, weitgehend gleich geblieben ist.

Auch das Ausflugslokal Hermannshöhe, an dem der Weg vorbeiführt und von dem aus die steile Holztreppe zum unteren Strandweg abzweigt, hat sich vermutlich in dieser Zeit baulich verändert, wenn auch nur in Details, einem neuen Anstrich, veränderten Öffnungszeiten, einer erneuerten Terrasse, Details, die ich bei meinem ersten Besuch entweder nicht wahrgenommen oder inzwischen wieder vergessen habe. Der Ort selbst, als Landmarke entlang des Wegs, ist derselbe geblieben, auch wenn seine physische Substanz sich in kleinen Schritten weiterverändert hat.

Auch die Bepflanzung entlang des Wegs verändert sich kontinuierlich, ohne dass ein einzelner Wechsel jemals als Ereignis wahrgenommen würde. Bäume, die bei meinem ersten Besuch vielleicht noch jung und schmal waren, stehen heute möglicherweise bereits deutlich kräftiger da, während andere, ältere Exemplare in der Zwischenzeit gefällt oder durch Sturm umgeworfen worden sein könnten, ohne dass sich das im Gesamteindruck des Wegs sonderlich bemerkbar macht. Der Weg als Ganzes bleibt grün und bewaldet an denselben Abschnitten, auch wenn die einzelnen Bäume, die dieses Grün erzeugen, längst nicht mehr dieselben sein müssen.

Am auffälligsten verändert hat sich vermutlich der Strand selbst am Fuß des Kliffs, jener Bereich, der am direktesten von der fortlaufenden Erosion betroffen ist. Steine, die bei meinem ersten Besuch vielleicht noch tief im Kliff eingeschlossen waren, liegen heute möglicherweise schon am Strand, während andere, die damals sichtbar am Ufer lagen, längst von der Strömung weitergetragen oder unter neu abgerutschtem Material begraben wurden. Der Strand als Ganzes bleibt derselbe Ort, besteht aber, materiell betrachtet, kaum noch aus denselben Bestandteilen.

Geologisch betrachtet enthält das Kliff mehrere unterschiedliche Schichten, abgelagert während verschiedener Phasen der letzten Kaltzeit, die je nach Zusammensetzung unterschiedlich schnell erodieren. Sandigere, lockerere Schichten geben schneller nach als dichtere, lehmhaltigere Abschnitte, was zu einem unregelmäßigen, oft zerklüfteten Profil der Steilwand führt, das sich Jahr für Jahr in seiner genauen Form verschiebt, auch wenn die grundsätzliche Abfolge der Schichten über längere Zeiträume erkennbar bleibt.

Zwischen den Jahren

Was in der Zeit zwischen dem ersten Besuch und heute geschehen ist, außerhalb dieses einen Orts, lässt sich nicht chronologisch nacherzählen, ohne dass die eigentliche Frage dabei verloren ginge, um die es hier geht. Es waren andere Jahre, mit anderen Wegen, anderen Beschäftigungen, die mit diesem einen Steilufer nichts zu tun hatten und die ich hier auch nicht aufzählen will. Wichtiger ist, dass der Ort in all dieser Zeit weiterexistierte, ohne mein Zutun, ohne meine Beobachtung, unabhängig davon, ob ich an ihn dachte oder nicht.

Diese Gleichzeitigkeit zweier getrennter Zeitläufe, der eigene, mit all seinen wechselnden Beschäftigungen, und der des Orts, mit seiner eigenen, geologischen Zeitrechnung, berührt sich nur an den seltenen Punkten, an denen man tatsächlich zurückkehrt. Dazwischen laufen beide unabhängig voneinander weiter, ohne dass eine Seite von der anderen weiß. Das Kliff wusste nichts von den Jahren, die ich anderswo verbrachte, und ich wusste nichts von den einzelnen Sturmfluten, die in dieser Zeit ein Stück seiner Kante mit sich genommen hatten.

Erst im Moment der Rückkehr treffen diese beiden Zeitläufe wieder aufeinander, und was dabei auffällt, ist selten das, was sich offensichtlich verändert hat, sondern eher das, was sich der Erinnerung entzieht, weil es sich zu langsam, zu allmählich vollzogen hat, um als einzelnes Ereignis wahrgenommen zu werden. Man erkennt den Ort wieder, in seiner grundsätzlichen Form, seiner Lage, seinem Licht, und übersieht dabei leicht, wie viel an Substanz sich in der Zwischenzeit tatsächlich verschoben hat.

Diese Unauffälligkeit der langsamen Veränderung unterscheidet sich grundlegend von Veränderungen, die sich an einem einzelnen Tag ereignen, einem Sturm, einem Unfall, einem plötzlichen Umbau. Solche Ereignisse hinterlassen einen klaren Bruch im Erleben, ein Vorher und ein Nachher, das sich benennen lässt. Die Erosion eines Kliffs kennt diesen Bruch nicht. Sie bewegt sich in einem Tempo, das für einen einzelnen Menschen, der nur gelegentlich zurückkehrt, praktisch unsichtbar bleibt, auch wenn die Summe dieser unsichtbaren Schritte am Ende genauso real ist wie jeder plötzliche Einschnitt.

Rückkehr zeigt selten, was sich verändert hat. Sie zeigt vor allem, was man selbst nicht bemerkt hat.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Charakter eines Wegs nach dem Gehen: nicht das, was während der Bewegung selbst geschieht, sondern das, was sich in der Pause dazwischen angesammelt hat, unbemerkt, ohne Zeugen, bis zu jenem Moment, in dem man zurückkommt und feststellt, dass der Ort zwar derselbe geblieben ist, aber eben nicht identisch mit dem, was man in Erinnerung trug. Diese Differenz lässt sich selten genau benennen. Sie zeigt sich eher als ein diffuses Gefühl von Vertrautheit und Fremdheit gleichzeitig, das sich nicht sauber auflösen lässt.

Auch die eigene Person verändert sich in dieser Zwischenzeit, was den Vergleich zusätzlich erschwert. Wer heute an dieselbe Stelle zurückkehrt, bringt einen anderen Blick mit als damals, andere Erfahrungen, eine andere Aufmerksamkeit für bestimmte Details, die früher vielleicht übersehen wurden. Es lässt sich daher kaum sagen, ob sich in erster Linie der Ort verändert hat oder die Art, wie man ihn betrachtet, wahrscheinlich beides gleichzeitig, in einem Verhältnis, das sich nicht sauber trennen lässt.

Ein Gedanke zu genau dieser Verschränkung zwischen sich veränderndem Ort und sich veränderndem Blick findet sich auch unter Gehen ohne Richtung, wo ebenfalls untersucht wird, wie stark die Wahrnehmung eines Weges vom inneren Zustand dessen abhängt, der ihn geht, unabhängig davon, was am Weg selbst objektiv vorhanden ist.

Ein Nachmittag an derselben Stelle

Ich stehe heute an einer Stelle, die vermutlich, aber nicht mit letzter Sicherheit, jener Bank nahekommt, an der ich vor Jahren gesessen hatte. Der Wind kommt aus einer ähnlichen, aber nicht identischen Richtung wie damals, während das Licht heute deutlich klarer und schärfer ist, ganz ohne den diesigen Grauschleier, der jenen ersten Besuch so stark geprägt hatte. Die Bucht liegt heute in einem deutlich kräftigeren Blau, mit einer klar erkennbaren Linie zwischen Wasser und Himmel, die es damals in dieser Schärfe schlicht nicht gegeben hatte. Zwei oder drei Bänke weiter, in beide Richtungen, sehen einander so ähnlich, dass eine sichere Zuordnung ohnehin unmöglich bleibt, selbst wenn die Erinnerung präziser gewesen wäre, als sie tatsächlich ist. Ich entscheide mich schließlich für diese eine Bank, nicht weil ich sicher bin, sondern weil ihr Blickwinkel auf die Bucht am ehesten dem entspricht, was ich in Erinnerung habe, ein pragmatischer, letztlich beliebiger Kompromiss zwischen Erinnerung und tatsächlicher Örtlichkeit.

Ich suche kurz nach den Betonbrocken, an denen ich vorbeigegangen war, finde an ungefähr der vermuteten Stelle nichts Vergleichbares, nur gewöhnliches Gras und ein paar verstreute, deutlich kleinere Steine, die genauso gut von irgendwoher anders stammen könnten. Ob die ursprünglichen Reste inzwischen abgerutscht, überwachsen oder einfach nie an dieser Stelle gewesen waren, weil meine Erinnerung an den genauen Ort ungenau ist, lässt sich nicht klären.

Ich gehe ein Stück weiter landeinwärts, dorthin, wo ich mich an das windgeformte Gebüsch erinnere, und finde tatsächlich vergleichbare Sträucher, niedrig, alle in dieselbe Richtung geneigt, auch wenn ich nicht mit Sicherheit sagen könnte, ob es dieselben Pflanzen sind, die ich vor Jahren gesehen habe, oder ob sie in der Zwischenzeit nachgewachsen sind, an derselben Stelle, aber nicht in derselben Substanz.

Ich gehe ein Stück weiter, bis zur Treppe bei Hermannshöhe, steige hinunter zum Strand, wo der Wind schwächer wird, geschützter durch die Steilwand. Der Strand selbst wirkt vertraut und fremd zugleich, dieselbe grundsätzliche Beschaffenheit, Kies, größere Steine, Treibholz, und doch keine einzige konkrete Stelle, die ich mit Sicherheit wiedererkennen würde. Ich hebe einen Stein auf, drehe ihn in der Hand, ohne dass er mir irgendetwas Bestimmtes sagen würde, und lege ihn zurück, ungefähr an dieselbe Stelle, an der er lag.

An der Treppe selbst, deren Stufen mir heute solider und neuer vorkommen, als ich sie in Erinnerung hatte, bemerke ich ein kleines, angeschraubtes Metallschild mit einer Jahreszahl, offenbar ein Hinweis auf eine Erneuerung der Konstruktion, die irgendwann in der Zwischenzeit stattgefunden haben muss. Diese Jahreszahl liegt später als mein erster Besuch, ein konkreter, überprüfbarer Beleg dafür, dass zumindest dieses eine Detail des Wegs sich tatsächlich, nachweislich verändert hat, während so vieles andere nur vage vermutet werden kann.

Man kehrt selten an denselben Ort zurück. Man kehrt an einen Ort zurück, der inzwischen ein anderer geworden ist.

Ein Gedanke zu genau dieser Art von Rückkehr, bei der ein vertrauter Ort sich als subtil verändert erweist, ohne dass sich diese Veränderung an einem einzelnen Detail festmachen ließe, findet sich auch unter Der Weg im Nebel, wo es ebenfalls um jene Unschärfe geht, die zwischen Erinnerung und tatsächlichem Zustand eines Ortes entsteht.

Ich steige die Treppe wieder hinauf, langsamer als beim Abstieg, und bleibe oben noch einmal stehen, den Blick über die Bucht gerichtet, die sich heute in aller Klarheit zeigt, ohne den Dunst des ersten Besuchs. Irgendwo weiter draußen fährt ein Schiff, deutlich zu erkennen diesmal, kein fernes Nebelhorn, sondern eine sichtbare, langsame Bewegung über das Wasser, die mich für einen Moment an das andere, unsichtbare Schiff von damals erinnert, ohne dass sich beide Bilder wirklich zur Deckung bringen ließen.

Ich bleibe länger stehen, als eigentlich nötig wäre, den Blick zwischen dem sichtbaren Schiff und der Stelle wandernd, an der ich das unsichtbare Schiff von damals nur akustisch verortet hatte, irgendwo in derselben allgemeinen Richtung, aber ohne dass sich je hätte klären lassen, ob es sich überhaupt um dasselbe Fahrwasser gehandelt hat. Zwei Schiffe, Jahre auseinander, die ich nie wirklich miteinander vergleichen kann, außer in der vagen, unbeweisbaren Vermutung, dass beide denselben Kurs durch dieselbe Bucht genommen haben könnten.

Ein weiterer Gedanke, der sich mit dieser Art von zeitlicher Doppelbelichtung eines Ortes beschäftigt, findet sich auch unter Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt, wo es ebenfalls darum geht, wie zwei zeitlich getrennte Erfahrungen desselben Orts sich im Rückblick überlagern, ohne sich vollständig zu vereinen.

Auf dem gesamten Rückweg nach Travemünde denke ich nicht mehr bewusst an den direkten Vergleich zwischen damals und heute. Der Gedanke bleibt zwar präsent, aber er drängt sich nicht mehr auf, sondern begleitet die einzelnen Schritte eher beiläufig, wie ein Hintergrundgeräusch, das man irgendwann nicht mehr bewusst wahrnimmt, obwohl es die ganze Zeit über da ist. Die Lichter von Travemünde gehen noch nicht an, es ist noch zu früh am Nachmittag dafür, aber ich stelle mir kurz vor, wie sie es tun würden, wären es jetzt dieselben Stunden wie beim ersten Besuch, kleine, warme Punkte gegen ein Wasser, das inzwischen ein anderes ist, auch wenn es denselben Namen trägt.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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