Der Weg nach der Entscheidung.
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Ombra Celeste Magazin
Manchmal liegt zwischen einer Entscheidung und dem, was danach kommt, nur ein paar hundert Meter Gasse, mitten durch eine Stadt, die davon nichts weiß.
Der Bogen aus der Carrer de la Princesa
Wer von der Carrer de la Princesa aus in eines der steinernen Tore nach El Born abbiegt, verlässt für wenige Sekunden den Verkehrslärm der breiten Straße und tritt in einen schmalen, kühlen Durchgang. Die Mauern hier sind alt, dunkel vom Ruß vergangener Jahrhunderte, das Licht fällt nur noch als schmaler Streifen von oben herein. Stimmen aus dem Inneren des Viertels dringen gedämpft durch den Stein, ein Klappern von Geschirr, ein Lachen, Schritte auf Kopfsteinpflaster, verstärkt und verzerrt durch die enge Röhre des Durchgangs. Nach wenigen Metern öffnet sich der Bogen auf eine Gasse, die sofort lauter, heller und voller wird. El Born, eines der ältesten Viertel Barcelonas, war im Mittelalter die Gegend der Händler, Handwerker und Seeleute, die vom nahen Hafen lebten, und bis heute hat sich an der Enge und Dichte der Gassen kaum etwas geändert.
Die Straßennamen selbst erzählen noch von dieser Vergangenheit, auch wenn die Berufe längst verschwunden sind. Carrer dels Flassaders, benannt nach den Deckenwebern, die hier einst ihre Werkstätten hatten, Carrer dels Sombrerers, der Hutmacher, Carrer de l’Argenteria, der Silberschmiede. Wer durch diese schmalen Gassen geht, folgt damit unbewusst einer alten Zunftordnung, in der jedes Gewerbe seine eigene, oft nur wenige Meter breite Straße besaß. Heute haben sich an denselben Adressen Modeboutiquen, kleine Designstudios und Weinbars eingerichtet, die neuen Gewerbe einer Stadt, die ihre Gassen nicht aufgibt, sondern immer wieder neu füllt.
Der Übergang vom Dunkel des Torbogens ins Licht der Gasse dauert kaum zwei Schritte, doch er fühlt sich an wie ein eigener kleiner Moment für sich. Hinter einem liegt die breite, anonyme Straße mit ihrem Verkehr, vor einem ein Gewirr aus Fassaden, Balkonen mit Wäscheleinen, kleinen Läden mit offenen Türen, aus denen Musik oder der Geruch von frisch gebratenem Fisch dringt. Jemand, der kurz zuvor eine Entscheidung getroffen hat, über die noch nachzudenken wäre, findet in diesem kurzen, dunklen Durchgang fast automatisch eine Pause, bevor die Stadt dahinter wieder alle Aufmerksamkeit beansprucht.
Solche Tore sind Überbleibsel der mittelalterlichen Stadtmauer, die Barcelona einst vollständig umschloss und erst im neunzehnten Jahrhundert größtenteils abgerissen wurde, um Platz für die Erweiterung der Stadt zu schaffen. Nur in den engen Gassen von Ciutat Vella, dem historischen Kern, in dem auch El Born liegt, lässt sich die alte Struktur noch nachvollziehen, ein Gewirr aus Durchgängen, die ursprünglich dem Schutz der Hafenanlagen und Handelswege dienten. Wer heute durch einen dieser Bögen tritt, folgt damit einer Route, die seit Jahrhunderten kaum verändert wurde, auch wenn aus den einstigen Wachposten längst Boutiquen und Weinbars geworden sind.
Zwei Schritte reichen manchmal, um eine Entscheidung hinter sich zu lassen, nicht weil sie sich erledigt hätte, sondern weil der nächste Schritt schon etwas anderes verlangt.
Ein Umweg über den Mercat de Santa Caterina
Von der ersten Gasse hinter dem Torbogen führt der Weg zunächst nicht direkt weiter ins Viertel hinein, sondern macht einen kurzen Abstecher zum Mercat de Santa Caterina, einer Markthalle am Rand von El Born, deren wellenförmiges, vielfarbiges Keramikdach schon von Weitem zwischen den umliegenden Dächern auffällt. Die katalanischen Architekten Enric Miralles und Benedetta Tagliabue gestalteten diese auffällige Überdachung im Rahmen einer umfassenden Sanierung, die 2005 abgeschlossen wurde, während die Markthalle selbst bereits aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt. Unter dem geschwungenen Dach verkaufen Händler frisches Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Obst und Gemüse neben Feinkostständen mit Ölen und Konserven, dazwischen kleine Garküchen mit mediterranen, asiatischen oder vegetarischen Gerichten für den schnellen Imbiss zwischendurch.
Der Kontrast zwischen der lebhaften, oft lauten Halle und den stillen Gassen von El Born gleich nebenan ist unmittelbar spürbar, Rufe der Marktstände, das Schaben von Messern auf Schneidebrettern, der salzige Geruch frischen Fischs, der sich mit dem süßlichen Duft reifer Früchte mischt. Wer hier eine Weile zwischen den Ständen umhergeht, ohne etwas kaufen zu müssen, bekommt einen Eindruck vom alltäglichen Barcelona, das sich von den touristischeren Gassen des Viertels deutlich unterscheidet, nicht kuratiert, nicht auf Besucher ausgerichtet, sondern einfach ein Ort, an dem Nachbarn seit Generationen einkaufen.
Der Platz vor der Santa Maria del Mar
Wenige Gassen weiter öffnet sich der Weg auf den Platz vor der Basilika Santa Maria del Mar, deren schlichte, schmucklose Fassade aus dem vierzehnten Jahrhundert einen deutlichen Kontrast zu den meisten anderen großen Kirchen Barcelonas bildet. Die Kirche wurde von den Bewohnern des Viertels selbst finanziert, von Händlern und Hafenarbeitern, nicht von Adel oder Klerus, was ihr bis heute einen eigenen, fast bürgerlichen Charakter verleiht. Der Grundstein wurde 1329 gelegt, und der gesamte Bau, ungewöhnlich einheitlich in seinem gotischen Stil, war bereits 54 Jahre später vollendet, eine für die damalige Zeit bemerkenswert kurze Bauzeit. Möglich wurde das auch durch die sogenannten Bastaixos, Lastträger aus dem Hafenviertel, die über Jahrzehnte hinweg Steinblöcke vom Berg Montjuïc bis zur Baustelle schleppten, oft unentgeltlich, als eine Art kollektiver Beitrag des gesamten Viertels zu seiner eigenen Kirche. Ein steinernes Relief über einem der Seitenportale erinnert noch heute an diese Träger, gebeugt unter ihrer Last, ein seltenes Denkmal, das nicht einem Stifter oder Bischof gilt, sondern den Arbeitern selbst. Der spanische Autor Ildefonso Falcones machte diese Geschichte später einem breiten Publikum bekannt, mit seinem Roman "La Catedral del Mar", auf Deutsch unter dem Titel "Die Kathedrale des Meeres" erschienen, der die Entstehung der Kirche aus der Perspektive eines fiktiven Bastaixos-Sohns erzählt und sich millionenfach verkaufte. Wer heute vor der Fassade steht, sieht damit ein Bauwerk, dessen Geschichte längst nicht mehr nur Kunsthistorikern bekannt ist, sondern auch jenen, die den Roman oder seine spätere Fernsehserie kennen, ohne je selbst in Barcelona gewesen zu sein. Wenige Schritte vom Platz entfernt, zur Hafenseite hin, steht zudem die Llotja de Mar, die ehemalige Börse der Stadt, deren gotischer Handelssaal aus dem vierzehnten Jahrhundert zu den besterhaltenen seiner Art in Europa zählt, ein weiterer stiller Beleg dafür, wie dicht Handel, Glaube und Alltag in diesem Viertel historisch beieinanderlagen. Die Llotja diente über Jahrhunderte als Treffpunkt für Kaufleute, die hier Verträge schlossen, Waren begutachteten und Streitigkeiten vor einem eigenen Handelsgericht klärten, bevor das Gebäude im neunzehnten Jahrhundert zusätzlich um klassizistische Anbauten erweitert wurde, die bis heute den äußeren Eindruck prägen, während der gotische Kern im Inneren weitgehend unverändert blieb.
Auf dem Platz davor spielt an den meisten Nachmittagen irgendeine Straßenmusik, mal eine einzelne Gitarre, mal ein kleines Ensemble mit Geige und Akkordeon, umringt von Touristen, Einheimischen auf dem Weg zur Arbeit und Kindern, die zwischen den Tauben hindurchlaufen.
Im Inneren der Basilika, deren drei schlanke, nahezu gleich hohe Schiffe eine für die katalanische Gotik typische Weite erzeugen, fällt sofort auf, wie wenig Schmuck die Wände tragen, verglichen mit anderen großen Kirchen Spaniens. Ein Brand im Jahr 1936, während des Spanischen Bürgerkriegs, zerstörte große Teile der barocken Innenausstattung, die im Lauf der Jahrhunderte hinzugekommen war, und freigelegt blieb danach weitgehend die ursprüngliche, nüchterne gotische Struktur. Viele Besucher empfinden gerade diese Kargheit als eindrucksvoller als eine vollständig erhaltene barocke Ausstattung es gewesen wäre, eine Kirche, die durch den Verlust ihres Schmucks näher an ihre ursprüngliche, von Handwerkern errichtete Form zurückgekehrt ist.
Der Lärm hier ist ein anderer als im Torbogen, nicht gedämpft und verzerrt, sondern offen und vielschichtig, Stimmen in mehreren Sprachen, das Klappern von Caférollläden, die hochgezogen werden, gelegentlich eine Kirchenglocke. Wer hier eine Weile auf einer der Steinstufen sitzt, merkt, wie wenig dieser Trubel von einem verlangt. Man muss nichts beobachten, nichts einordnen, man kann sich einfach mittreiben lassen, während der Platz um einen herum weiterlebt, unabhängig davon, was man selbst gerade entschieden oder nicht entschieden hat.
Eine Kirche, die von Lastträgern errichtet wurde, verlangt von niemandem Ehrfurcht, sie nimmt einen einfach mit auf, so wie sie selbst einst aufgenommen wurde.
Mehr dazu, wie sich Licht und Schatten in historischer Architektur begegnen, in Die unsichtbare Architektur des Lichts.
Die Paläste der Carrer de Montcada
Nur eine Gasse vom Platz entfernt liegt die Carrer de Montcada, eine der ältesten Straßen des Viertels, gesäumt von gotischen Stadtpalästen, die einst wohlhabenden Kaufmannsfamilien gehörten. Viele dieser Gebäude beherbergen heute Museen und Galerien, darunter das Museu Picasso, das sich gleich über fünf aneinandergrenzende mittelalterliche Paläste aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert erstreckt, deren Innenhöfe mit steinernen Treppen und schmalen Arkaden noch immer an die ursprüngliche Bauweise erinnern. Die Idee zu diesem Museum stammte von Jaume Sabartés, Picassos langjährigem Sekretär und engem Freund, der es ursprünglich in Málaga ansiedeln wollte, bis Picasso selbst auf Barcelona bestand, der Stadt, in der er als junger Mann gelebt und gearbeitet hatte. Eröffnet wurde das Museum 1963, noch zu Picassos Lebzeiten, als bis heute einziges Museum, das unter aktiver Mitwirkung des Künstlers selbst entstand. Sein Schwerpunkt liegt bezeichnenderweise nicht auf dem späten, weltberühmten Kubisten, sondern auf den frühen Jahren zwischen 1890 und 1917, einschließlich der sogenannten Blauen Periode, lange bevor der Name Picasso zum Synonym für die Moderne wurde. Von der schmalen, oft im Schatten liegenden Straße aus wirken die Fassaden zurückhaltend, fast unscheinbar, erst im Inneren der Höfe zeigt sich der frühere Reichtum ihrer Besitzer.
Die Straße selbst ist schmal genug, dass sich Fußgänger an belebten Nachmittagen aneinander vorbeidrängen müssen, vorbei an kleinen Galerien, einem Laden für handgemachte Keramik, einem Café mit drei winzigen Tischen auf dem Gehweg. Zwischen den alten Mauern bleibt kaum Raum für Weite, und doch entsteht gerade durch diese Enge eine Art Konzentration, ein Gefühl, mitten in etwas zu stecken, das viel älter ist als die eigene, gerade erst getroffene Entscheidung. Die Jahrhunderte, die diese Fassaden schon gesehen haben, relativieren, ohne es zu beabsichtigen, die Dringlichkeit des eigenen Tages.
An einigen der Fassaden lassen sich noch Reste von Sgraffito erkennen, einer Putztechnik, bei der zwei unterschiedlich gefärbte Putzschichten übereinander aufgetragen werden und die obere anschließend mit feinen Linien durchkratzt wird, sodass geometrische Muster oder florale Ornamente entstehen. Diese Technik war in Barcelona vor allem im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert verbreitet, deutlich jünger als die gotischen Paläste selbst, ein Hinweis darauf, dass viele Gebäude in der Carrer de Montcada über die Jahrhunderte mehrfach umgestaltet wurden, bevor sie ihre heutige, museal gepflegte Form erhielten. Zwischen zwei Palastfassaden hat sich ein kleiner Keramikladen eingerichtet, kaum breiter als die Ladentür selbst, in dem handbemalte Fliesen im traditionellen katalanischen Stil verkauft werden, blaue und gelbe Muster auf weißem Grund, wie man sie auch an vielen Hauseingängen des Viertels findet.
Neben dem Museu Picasso haben sich in den vergangenen Jahrzehnten weitere Häuser der Straße der zeitgenössischen Kunst geöffnet, darunter kleine, unabhängig geführte Galerien, die in den gewölbten Erdgeschossräumen ehemaliger Lagerhäuser junge katalanische Künstler ausstellen, oft nur für wenige Wochen, bevor die nächste Ausstellung folgt. Diese Mischung aus musealer Schwere und wechselnder, oft experimenteller Gegenwartskunst gibt der Straße eine eigentümliche Doppelbödigkeit, Jahrhunderte alte Steinportale, hinter denen sich manchmal nur eine einzige, grell beleuchtete Installation befindet. Wer von einer Galerie zur nächsten geht, bewegt sich damit ständig zwischen zwei Zeitebenen, der sichtbaren Architektur und dem, was gerade erst entstanden ist.
In einem der Innenhöfe, zwischen zwei Galerien, verkauft ein älterer Buchhändler an einem einfachen Klapptisch antiquarische Stadtpläne und vergilbte Postkarten von Barcelona, manche davon noch aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Er sitzt dort an den meisten Nachmittagen, erzählt Vorbeigehenden auf Nachfrage knapp die Geschichte eines Gebäudes oder eines Platzes, ohne sich aufzudrängen, und packt seinen Tisch zusammen, sobald es dunkel wird. Solche kleinen, informellen Wissensquellen, nicht in Reiseführern verzeichnet, gehören zu jenen Details eines Viertels, die sich nur durch tatsächliches Durchqueren erschließen, nicht durch eine vorab geplante Route.
Der Passeig del Born
Am Ende der Carrer de Montcada öffnet sich der Weg auf den Passeig del Born, einen langgestreckten, von Platanen gesäumten Boulevard, der im Mittelalter Schauplatz von Turnieren, Märkten und öffentlichen Festen war. Heute reihen sich hier Bars und Restaurants mit Terrassen aneinander, die bis spät in den Abend besetzt bleiben, und an seinem östlichen Ende steht die ehemalige Markthalle, deren gusseiserne Konstruktion aus dem neunzehnten Jahrhundert heute als Kulturzentrum dient. Unter dem Boden dieser Halle liegen, für Besucher über Stege sichtbar gemacht, die Überreste des ehemaligen Viertels La Ribera, rund sechzig Häuser in elf Blöcken, Abschnitte von neun Straßen und ein alter Stadtkanal. Barcelona kapitulierte am 11. September 1714 vor den Truppen Philipps V. im Spanischen Erbfolgekrieg, und ein großer Teil dieses Viertels wurde im Zuge der anschließenden Besetzung abgerissen, um Platz für eine Zitadelle zu schaffen, die die Stadt fortan kontrollieren sollte. Die geborgenen Fundstücke stammen größtenteils aus der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts bis 1717, doch die Spuren auf dem Gelände reichen von römischer Zeit bis ins frühe achtzehnte Jahrhundert zurück. Die Zitadelle selbst wurde erst 1869 abgerissen, nachdem die Stadt sie den Bürgern Barcelonas als Geste der Versöhnung übergeben hatte, und an ihrer Stelle entstand der heutige Parc de la Ciutadella, in dem noch immer einzelne Gebäude der ehemaligen Festung stehen, darunter das Arsenal, das heute das katalanische Parlament beherbergt.
Wer über den Boulevard geht, läuft damit buchstäblich über mehrere Schichten derselben Stadt hinweg, die mittelalterliche Festwiese, die zerstörten Häuser darunter, die Markthalle des neunzehnten Jahrhunderts und die heutigen Terrassen obenauf. Keine dieser Schichten verdrängt die andere vollständig, sie liegen übereinander, so wie eine getroffene Entscheidung nicht die vorherigen Überlegungen auslöscht, sondern sie nur nicht mehr an die Oberfläche lässt. Der Boulevard selbst verlangt nichts von denen, die ihn entlanggehen, kein Innehalten, keine Andacht, nur das gewöhnliche Weitergehen zwischen Tischen, Kinderwagen und Fahrrädern.
Am frühen Abend füllen sich die Terrassen entlang des Boulevards zusehends, Kellner balancieren Tabletts mit Vermut und kleinen Tellern zwischen den Tischen hindurch, während von den umliegenden Balkonen gelegentlich Wäsche hereingeholt wird, bevor die Abendluft feucht wird. Die Platanen, die den Boulevard säumen, wurden im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt, als der Passeig del Born nach dem Verlust seiner mittelalterlichen Funktion als Fest- und Turnierplatz zu einer der ersten baumbestandenen Flaniermeilen der Stadt umgestaltet wurde. Ihr Schatten liegt heute über denselben Pflastersteinen, auf denen einst Ritter aufeinandertrafen und später, nach 1714, Soldaten patrouillierten, während die Zitadelle über dem geschleiften Viertel wachte.
An einem der runden Tische am Rand des Boulevards beginnt gegen frühen Abend, was hier zur Institution geworden ist: die Hora del Vermut, ein Glas Wermut mit einer Olive, dazu ein kleiner Teller eingelegtes Gemüse. Ein Kellner stellt es ab, ohne zu fragen, ob man bleiben will oder nur kurz verschnauft, und verschwindet wieder zwischen den Tischen. Niemand am Nachbartisch nimmt Notiz von jemandem, der hier allein sitzt und den Platanen beim Schattenwerfen zusieht.
Ein Boulevard, der schon Turniere, Belagerungen und Märkte gesehen hat, kennt die Dringlichkeit eines einzelnen Nachmittags nicht.
Eine verwandte Betrachtung dazu, wie sich mehrere Zeitschichten an einem Ort überlagern können, in Der Raum hinter dem Raum.
Der Rückweg durch den Bogen
Am frühen Abend, wenn das Licht tiefer steht und die Fassaden der Carrer de Montcada in ein warmes Orange tauchen, führt derselbe Weg zurück durch denselben Torbogen, durch den man am Nachmittag gekommen ist. Der Durchgang wirkt jetzt anders, nicht mehr nur kühl und dunkel, sondern auch Zufluchtsort vor der zunehmenden Geschäftigkeit, die sich in den Gassen hinter einem ausbreitet, während Restaurants ihre Tische für den Abend herrichten und die ersten Lichterketten über den schmalen Straßen angehen. Für einen Moment, zwischen dem lauten Platz hinter einem und der breiten Straße vor einem, liegt wieder diese kurze Stille, die man am Nachmittag schon einmal durchquert hat.
Die Geräusche des Viertels verändern sich mit der Tageszeit deutlich. Am Nachmittag dominieren Stimmen, Gläserklirren und das gelegentliche Aufheulen eines Motorrollers, der sich durch die engen Gassen zwängt. Am Abend treten andere Töne hinzu, das leise Summen von Gesprächen auf den Terrassen, Besteckklappern aus offenen Restauranttüren, irgendwo eine Gitarre, die jemand auf einem Balkon stimmt. Wer denselben Weg zweimal am selben Tag geht, einmal hinein, einmal wieder hinaus, bemerkt, wie sehr sich eine Stadt innerhalb weniger Stunden verändern kann, ohne dass sich an ihren Mauern auch nur ein Stein verschoben hätte.
Die Läden, die am Nachmittag noch mit weit geöffneten Türen zum Verweilen einluden, ziehen am Abend langsam ihre Rollläden herunter, während gegenüber ein Restaurant gerade erst die ersten Kerzen auf den Tischen entzündet. Zwischen diesen beiden Rhythmen, dem Schließen der Geschäfte und dem Öffnen der Lokale, liegt ein kurzes Fenster, in dem die Gasse fast menschenleer wirkt, bevor sie sich für den Abend neu füllt. Wer genau in diesem Moment durch den Torbogen zurücktritt, erlebt damit eine Version des Viertels, die weder dem geschäftigen Nachmittag noch dem belebten Abend entspricht, sondern einem kurzen, übersehbaren Dazwischen, das die meisten Besucher verpassen, weil sie entweder zu früh oder zu spät unterwegs sind.
Was sich auf diesem Weg durch das Viertel verändert hat, lässt sich schwer an einem einzelnen Punkt festmachen. Keine der Gassen, keiner der Plätze hat etwas gefordert oder eine Antwort verlangt. Die Stadt ist einfach weitergegangen, mit ihrer eigenen Geschwindigkeit, ihrem eigenen Lärm, ihren eigenen Jahrhunderten, während ein einzelner Nachmittag mitten hindurchgeführt hat. Wer am Ende wieder auf die Carrer de la Princesa hinaustritt, in den Verkehr und die Geschäfte der breiteren Straße, trägt von diesem Weg durch El Born nichts Sichtbares mit sich, nur die Erfahrung, dass eine Stadt weiterlebt, ganz gleich, was an diesem Tag entschieden wurde.
Der Weg selbst, vom Torbogen über den Kirchplatz, die Palastgasse und den Boulevard zurück zum Ausgangspunkt, lässt sich in weniger als einer Stunde gehen, ohne Eile, mit mehreren Pausen auf Steinstufen oder an Café-Tischen. Was auf diesem kurzen Rundgang zusammenkommt, Jahrhunderte Bauzeit, Handwerkernamen in Straßenschildern, ein Roman über Lastträger, ein Museum für die frühen Jahre eines später weltberühmten Malers, eine tägliche Stunde für ein Glas Wermut, hat mit der Entscheidung, die am Anfang dieses Nachmittags stand, nichts unmittelbar zu tun. Und doch liegt genau darin vielleicht die eigentliche Wirkung eines solchen Wegs: Er verlangt keine Auseinandersetzung mit dem, was gerade entschieden wurde, er bietet nur, beiläufig und ohne es zu beabsichtigen, so viel anderes an, dass die eigene Entscheidung für die Dauer eines Nachmittags nicht mehr das einzige ist, womit man sich beschäftigt.
Manchmal braucht eine Entscheidung keine Antwort, nur eine Stadt, die lange genug weitergeht, bis sie von selbst kleiner wird.
Wer diesem Gedanken noch weiter folgen möchte, auch über die Frage, wie Vergangenheit in sichtbaren Spuren fortbesteht, in Zwischen Schatten und Form.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.