Gewundener Kopfsteinpflasterweg zwischen Fels und alter Schlossmauer, Efeu an den Steinen, Schloss Waldeck

Die Hand am Stein

Ombra Celeste Magazin


Manche Fragen stellt man sich nicht, weil man eine Antwort erwartet, sondern weil die Mauer selbst danach verlangt.

Ein Weg an der Mauer

Der Weg führt in einer engen Kurve an der Außenmauer entlang, Kopfsteinpflaster unter den Füßen, rechts der nackte Fels, links das behauene Gestein, das seit Jahrhunderten hier steht. Efeu hängt von oben herab, hat sich in die Fugen gegraben, ohne sie zu sprengen, eine Art stiller Waffenstillstand zwischen Pflanze und Mauerwerk. Der Weg biegt sich, wie er will, nicht wie es ein moderner Planer vorgesehen hätte, sondern wie es der Fels vor Jahrhunderten vorgegeben hat.

Die Steine selbst sind unregelmäßig, mal faustgroß, mal so breit wie ein Türblatt, zusammengehalten von Mörtel, der an manchen Stellen ausgewaschen ist, an anderen fest und glatt wie Beton. Man bleibt kurz stehen, legt die Hand auf einen der größeren Blöcke, spürt die Kühle, die auch an einem warmen Nachmittag in diesem Gestein bleibt, als hätte der Stein sein eigenes, unabhängiges Klima.

Es ist ein Reflex, der sich nicht erst hier einstellt. Vor jeder alten Mauer, jedem Torbogen, jedem Gemäuer mit sichtbarer Geschichte passiert dasselbe: der Blick bleibt hängen, die Hand sucht die Oberfläche, und im Kopf beginnt eine Frage, die keine Antwort verlangt, nur gestellt werden will. Was hat dieser Stein gesehen. Wer hat hier gestanden, bevor man selbst hier stand.

Oben, wo der Weg endet, öffnet sich der Blick auf einen runden Turm, dahinter ein Fachwerkgiebel, eine Uhr im Mauerwerk eingelassen, die seit Generationen dieselbe Zeit zu verkünden scheint, nur eben immer eine andere. Zwischen Turm und Giebel liegt ein Innenhof, gepflastert, mit einer alten Kanone, die längst niemandem mehr etwas androht, nur noch dasteht, museal und stumm.

Ein Stein antwortet nie, und genau das macht die Frage an ihn so besonders.

Der Torbogen, durch den man tritt, ist so schmal, dass zwei Menschen nur mit Mühe nebeneinander hindurchpassen. Über Jahrhunderte muss das genauso gewesen sein, dieselbe Enge, derselbe kurze Schatten, bevor sich der Blick wieder weitet. Wie viele Schritte sind hier wohl schon durchgegangen, in wie vielen unterschiedlichen Schuhen, zu wie vielen unterschiedlichen Anlässen.

Ein Fenster im oberen Stockwerk steht einen Spalt offen, ein Vorhang bewegt sich leicht im Wind, mehr sieht man nicht. Es könnte ein Hotelzimmer sein, könnte aber ebenso gut vor dreihundert Jahren ein Amtszimmer gewesen sein, in dem Entscheidungen gefällt wurden, die heute niemand mehr kennt. Das Fenster selbst verrät nichts davon, es lässt nur den Vorhang wehen, gleichgültig gegenüber der Frage, die man ihm stellt.

Man geht weiter, den Hof entlang, an einer roten Holzbude vorbei, die offensichtlich viel jünger ist als alles andere ringsum, ein kleiner Bruch in der Zeitschicht, der eher stört als ergänzt. Und doch gehört auch sie inzwischen zum Bild, ein weiterer, sehr viel kleinerer Zeitpunkt, der sich den älteren hinzugesellt hat, ohne sie zu verdrängen.

Die Mauern selbst tragen keine Erklärungstafeln an dieser Stelle, keine Jahreszahlen, keine Namen. Erst weiter innen, beim Museum, würde sich das ändern, würden Fakten die Vermutungen ablösen. Hier draußen, an der Außenmauer, bleibt alles offen, unbeschriftet, und genau das macht den Moment reizvoller als jede Tafel es könnte.

Ein Windzug trägt den Geruch von altem Stein und feuchtem Moos herüber, eine Mischung, die es nur an solchen Orten gibt, an denen Feuchtigkeit über Jahrhunderte denselben Weg durch dieselben Fugen gefunden hat. Der Geruch selbst ist schon eine Art Antwort, auch wenn er keine Worte liefert, nur eine Atmosphäre, in der sich die eigenen Vermutungen besser entfalten können.

Bevor man weitergeht, bleibt noch ein letzter Blick zurück auf die Mauer, auf den Weg, der sich in seiner Kurve verliert. Die Frage, die sich dabei stellt, wird nicht beantwortet werden, heute nicht und wahrscheinlich nie, und trotzdem bleibt sie nicht unbefriedigend zurück, eher wie ein Gedanke, der weitergetragen wird, statt sich aufzulösen.

Ein Stück weiter oben verengt sich der Weg noch einmal, zwängt sich zwischen zwei Vorsprüngen hindurch, an denen der Fels sichtbar bearbeitet wurde, mit Werkzeugspuren, die selbst nach Jahrhunderten noch zu erkennen sind. Jemand hat hier mit bloßer Hand und einfachem Werkzeug Stein für Stein bearbeitet, ohne zu wissen, dass genau diese Kerben eines Tages jemand betrachten würde, der nichts weiter tut, als spazieren zu gehen.

Ein Schild weist auf die Jahreszahl der ersten urkundlichen Erwähnung hin, knapp, ohne weiteren Kommentar. Die Zahl selbst wirkt fast zu groß, um sie wirklich zu begreifen, ein Zeitraum, der sich in keiner persönlichen Erfahrung mehr abbilden lässt, nur noch als abstrakte Größe im Kopf existiert, während die Hand auf dem Stein etwas ganz anderes fühlt, etwas sehr Konkretes und Gegenwärtiges.

An einer Stelle ist die Mauer notdürftig ausgebessert worden, mit Steinen, die sichtbar jünger sind als die umliegenden, in einer helleren Farbe, ohne die Patina der Jahrhunderte. Dieser Flicken stört das Gesamtbild nicht, im Gegenteil, er macht sichtbar, dass die Mauer kein starres, abgeschlossenes Ding ist, sondern etwas, das bis heute gepflegt, repariert, am Leben gehalten wird, von Menschen, die selbst längst nicht mehr hier sind, wenn man diesen Satz liest.

Der Blick fällt auf eine schmale Fensteröffnung, kaum breiter als ein Arm, tief in die Mauer eingelassen, wie ein Schlitz, durch den früher vielleicht Licht und Luft, aber kaum ein Blick nach draußen fielen. Man versucht sich vorzustellen, wie es gewesen sein muss, durch diese Öffnung zu schauen, mit einem Sichtfeld, das heute jeder Handybildschirm übertrifft, und trotzdem war es damals wahrscheinlich das Fenster zur ganzen bekannten Welt.

Was wäre, wenn sie sprechen könnten

Die Vorstellung ist immer dieselbe, ganz gleich, vor welcher Mauer man steht: Was, wenn die Steine erzählen könnten, was sie gesehen haben. Keine Chronik, keine Jahreszahlen, sondern die kleinen, alltäglichen Dinge, die kein Geschichtsbuch für wert befindet, festzuhalten. Ein Streit zwischen zwei Bediensteten im Hof. Ein Kind, das an genau dieser Stelle zum ersten Mal gelaufen ist. Ein Regen, der die Steine so nass gemacht hat wie heute, nur eben vor vierhundert Jahren.

Diese Mauern hier haben lange als Wohnsitz gedient, Generationen hindurch, bevor sich das Leben anderswohin verlagerte und der Ort andere Aufgaben übernahm. Man kann sich das kaum vorstellen, wie viele Mahlzeiten in diesen Räumen eingenommen wurden, wie viele Gespräche am selben Fenster geführt, wie viele Kerzen an genau diesem Fensterbrett heruntergebrannt sind, bevor es überhaupt elektrisches Licht gab.

Es gab sicher auch dunklere Kapitel in dieser langen Geschichte, wie es sie bei fast jedem alten Gemäuer gibt, das über Jahrhunderte genutzt wurde. Man weiß darum, streift den Gedanken kurz, ohne bei ihm zu verweilen, denn die eigentliche Frage, die einen hier bewegt, ist eine andere, leisere: nicht was Schreckliches geschehen ist, sondern was ganz Gewöhnliches, was Alltägliches, das nirgendwo aufgeschrieben wurde.

Das Große wird aufgeschrieben. Das Gewöhnliche bleibt nur in den Steinen selbst.

Ein Handlauf aus Eisen, blank poliert an der Stelle, wo Generationen von Händen entlanggeglitten sind, erzählt auf seine Weise mehr als jede Tafel. Die polierte Stelle ist genau da, wo eine Hand am natürlichsten greift, unabhängig von der Zeit, unabhängig davon, wer diese Hand besaß. Ein Kind vor zweihundert Jahren hätte an derselben Stelle gegriffen wie ein Erwachsener heute.

Man setzt sich für einen Moment auf eine steinerne Bank im Hof, die selbst schon Dutzende, vielleicht Hunderte Jahre alt sein könnte. Die Oberfläche ist glatt geworden, nicht durch Politur, sondern durch schlichtes Sitzen, immer wieder, über lange Zeit. Wie viele Menschen haben hier wohl auch schon gesessen, mit demselben Blick auf denselben Hof, nur eben in völlig anderen Kleidern, mit völlig anderen Sorgen im Kopf.

Genau in diesem Zusammenhang, in dem ein einzelner Ort ganz unterschiedliche Menschen über Jahrhunderte gesammelt hat, ohne dass sie voneinander wüssten, bewegt sich auch Der Moment des Ankommens: Orte, die uns sammeln, nur dort ist es der Moment des Ankommens selbst, der die Menschen verbindet, hier ist es die schiere Dauer.

Ein Uhrenschlag ertönt vom Turm, gedämpft, aber deutlich genug, um wahrgenommen zu werden. Diese Uhr, oder eine ihrer Vorgängerinnen, hat vermutlich seit Jahrhunderten zu ähnlichen Zeiten geschlagen, unabhängig davon, wer gerade zuhörte, unabhängig davon, ob überhaupt jemand zuhörte. Ein Klang, der die Zeit misst, ohne selbst von ihr betroffen zu sein.

Man stellt sich kurz vor, wie der Hof wohl an einem gewöhnlichen Tag vor dreihundert Jahren ausgesehen haben mag, mit Pferden vielleicht, mit Handwerkern, die etwas reparieren, mit Bediensteten, die zwischen den Gebäuden hin und her eilen. Kein besonderes Ereignis, nur ein ganz normaler Tag, wie es ihn Tausende gegeben haben muss, von denen keiner einzeln irgendwo verzeichnet ist.

Diese Vorstellung lässt sich nicht beweisen und nicht widerlegen, sie bleibt reine Fantasie, gespeist von den paar sichtbaren Details, die die Mauern preisgeben: eine polierte Handlaufstelle, eine glattgesessene Bank, ein Fenster, das schon immer genau dort war. Mehr braucht es nicht, um sich einen ganzen imaginären Alltag zusammenzusetzen, auch wenn er der Wahrheit vielleicht in keinem einzigen Detail entspricht.

Am Ende bleibt von all diesen Vorstellungen nichts als das eigene Kopfkino, das sich beim Weitergehen so schnell wieder auflöst, wie es entstanden ist. Die Mauer selbst hat sich davon nicht berühren lassen. Sie stand schon vor der Vorstellung da und wird auch danach noch dastehen, gleichgültig gegenüber jeder Geschichte, die man ihr andichtet.

In einer Ecke des Hofes steht ein alter Brunnen, längst trocken, mit einem eisernen Gitter darüber, das verhindern soll, dass jemand hineinfällt. Man beugt sich kurz darüber, blickt in die Dunkelheit hinab, ohne den Grund erkennen zu können. Wie viele Eimer Wasser sind wohl aus diesem Brunnen gezogen worden, für wie viele Küchen, für wie viele durstige Pferde, bevor irgendwann eine Leitung diese Aufgabe übernahm und der Brunnen zu einem reinen Erinnerungsstück wurde.

Ein Wappen ist über einem der Türstürze eingemeißelt, verwittert, kaum noch zu entziffern, aber trotzdem klar als Wappen erkennbar. Es hat einmal eine Familie bezeichnet, eine Zugehörigkeit, eine Position in einer Ordnung, die längst nicht mehr existiert. Heute geht man einfach daran vorbei, ohne die Bedeutung zu kennen, und trotzdem bleibt ein Rest an Würde in diesem verwitterten Zeichen erhalten, auch ohne dass man weiß, wofür es stand.

Man stellt sich einen Wintertag vor, hundert oder zweihundert Jahre zurück, mit Schnee auf denselben Steinen, mit Atem, der in der Kälte sichtbar wird, mit Feuer, das hinter kleinen Fenstern brennt, um die dicken Mauern wenigstens ein bisschen zu wärmen. Diese Mauern haben Wärme so schlecht gehalten wie heute, das ist eine der wenigen Konstanten, die sich mit Sicherheit behaupten lässt, ganz gleich, wie viele Jahrhunderte dazwischenliegen.

Eine Steinbank neben dem Brunnen zeigt eine flache Mulde, dort, wo unzählige Menschen vermutlich gesessen und gewartet haben, auf Wasser, auf Besuch, auf irgendetwas, das die eigene Gegenwart bestimmte. Diese Mulde lässt sich nicht mit einem einzelnen Ereignis erklären, nur mit der schieren Wiederholung derselben Handlung, über eine Zeitspanne, die sich kaum noch fassen lässt.

Ein Muster, das sich wiederholt

Es ist nicht das erste Mal, dass sich dieser Reflex einstellt, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Vor jeder alten Mauer, jedem Kopfsteinpflaster, jedem verwitterten Torbogen kehrt dieselbe Bewegung wieder, fast automatisch, ohne dass man sie bewusst hervorrufen müsste. Es ist, als hätten alte Steine eine Art Signal, das genau diesen einen Gedanken auslöst, unabhängig vom Land, von der Sprache, von der konkreten Geschichte, die dahintersteckt.

Manchmal ist es eine einzelne Kerbe im Stein, die den Anstoß gibt, ein Zeichen, das jemand vor Jahrhunderten mit einem Werkzeug hinterlassen hat, absichtlich oder aus Versehen. Manchmal ist es nur die schiere Dicke einer Mauer, drei Meter oder mehr, die einem klarmacht, wie viel Arbeit, wie viele Hände, wie viel Zeit in diesem einen Bauwerk stecken, lange bevor es Maschinen gab, die diese Arbeit hätten übernehmen können.

Manche Fragen kehren immer wieder, nicht weil sie unbeantwortet bleiben, sondern weil sie gar keine Antwort suchen.

Neue Gebäude lösen diesen Reflex fast nie aus, egal wie beeindruckend sie konstruiert sind. Ein Glasturm, so hoch er auch sein mag, lädt kaum dazu ein, sich zu fragen, was seine Wände wohl erlebt haben, denn die Antwort ist bekannt, dokumentiert, oft sogar öffentlich einsehbar. Es ist gerade die Lücke, das Nichtwissen, das den alten Mauern ihre besondere Anziehungskraft verleiht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Mensch selbst nur wenige Jahrzehnte lebt, während ein Gemäuer wie dieses hier locker das Zehnfache oder Mehrfache an Zeit überdauert. Die eigene Lebensspanne wirkt neben so einem Zeitraum plötzlich winzig, fast schon zerbrechlich, und genau dieses Ungleichgewicht erzeugt eine Art Sog, sich mit der Frage zu beschäftigen, was in dieser überwältigend langen Zeit wohl alles geschehen ist.

Es gibt Orte, an denen dieser Reflex besonders stark ausfällt, meist dort, wo die Spuren menschlicher Nutzung noch deutlich sichtbar sind, nicht museal aufbereitet, sondern einfach nur da, unkommentiert. Eine ausgetretene Treppenstufe. Eine Fensterbank, in die sich Ellenbogen über Generationen eingedrückt haben. Ein Türrahmen, an dem Kinder unterschiedlicher Jahrhunderte ihre Körpergröße mit dem Messer markiert haben könnten, auch wenn keine solche Markierung sichtbar ist.

Ein ähnliches Gefühl, dass zwischen zwei ganz unterschiedlichen Zuständen, zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist, eine ganze eigene Welt liegt, beschreibt Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt, nur dort geht es um den Raum zwischen zwei Ufern, hier um den Abstand zwischen zwei Zeiten, die sich an genau diesem einen Ort berühren.

Der eigene Körper reagiert auf solche Orte oft schneller als der Verstand, eine Gänsehaut, die sich einstellt, bevor überhaupt ein klarer Gedanke geformt ist. Diese körperliche Reaktion lässt sich schwer erklären, vielleicht ist es einfach die schiere Masse an vergangener Zeit, die spürbar wird, ohne dass sie sich in Worte fassen ließe. Genau dieses Zusammenspiel von Körper und Moment beschreibt auch Der Körper, der weiß, wann ein Moment beginnt, wenngleich dort ein ganz anderer Anlass dafür sorgt.

Man könnte versuchen, diesen Reflex zu erklären, mit Begriffen wie Ehrfurcht oder Demut, aber jedes dieser Worte greift zu kurz, macht aus einem spontanen, körperlichen Moment ein abstraktes Konzept, das ihm nicht gerecht wird. Es ist einfacher, den Reflex einfach geschehen zu lassen, ihn nicht zu benennen, sondern nur zu bemerken, jedes Mal aufs Neue, an jedem neuen alten Gemäuer.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Wert dieses immer wiederkehrenden Musters: dass es sich nicht abnutzt, egal wie oft man es schon erlebt hat. Jede Mauer stellt die Frage neu, auch wenn die Frage im Kern immer dieselbe bleibt, und jedes Mal fühlt sie sich an, als wäre sie zum ersten Mal gestellt worden.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Ruine und einem noch genutzten alten Gebäude, der diesen Reflex unterschiedlich stark auslöst. Eine reine Ruine, halb eingestürzt, überlässt viel der eigenen Fantasie, weil kaum noch Funktion erkennbar ist. Ein Ort wie dieser hier, halb Museum, halb Hotel, halb weiterhin genutzt, mischt dagegen die alte Frage mit der ganz gegenwärtigen Realität von Kaffeetassen, Zimmerschlüsseln und WLAN-Passwörtern, was der Sache eine eigene, fast komische Note gibt.

Manchmal reicht ein einziges Detail, um den ganzen Reflex auszulösen, etwas, das im ersten Moment kaum auffällt. Eine Delle im Handlauf. Ein Türgriff, der viel zu niedrig angebracht ist für heutige Maße, ein stiller Hinweis darauf, dass Menschen früher im Durchschnitt kleiner waren. Solche kleinen Abweichungen von der Gegenwart erzeugen mehr Fragen als jede große, dramatische Inszenierung es könnte.

Es fällt auf, dass dieser Reflex fast nie bei Nachbildungen funktioniert, bei Gebäuden, die zwar alt aussehen, aber erst vor wenigen Jahrzehnten in diesem Stil errichtet wurden. Der Körper scheint zu wissen, oder zu ahnen, ob echte Zeit in einem Gemäuer steckt oder nur eine Behauptung von Zeit. Woran genau das liegt, lässt sich schwer benennen, vielleicht an winzigen Unregelmäßigkeiten, die sich nicht künstlich erzeugen lassen, egal wie sorgfältig man es versucht.

Am Rand des Hofes liegt ein einzelner loser Stein, offensichtlich aus der Mauer gefallen, nie wieder eingesetzt, nur zur Seite geräumt. Man hebt ihn kurz auf, spürt sein Gewicht, legt ihn wieder zurück, genau dorthin, wo er lag. Ein winziger, folgenloser Moment, und trotzdem einer, der die ganze Frage noch einmal konzentriert: dieser eine Stein, irgendwann behauen, irgendwann verbaut, irgendwann herausgefallen, jetzt kurz in einer fremden Hand, bevor er wieder liegen bleibt.

Am Abend über dem See

Am späten Nachmittag liegt die Terrasse im goldenen Licht, das flach über den Edersee streicht und die Sandbank am gegenüberliegenden Ufer in ein warmes Beige taucht. Von hier oben wirkt der See wie ein einziges ruhiges Band, das sich zwischen den bewaldeten Hügeln entlangzieht, ohne Anfang und ohne Ende, jedenfalls nicht von diesem Blickwinkel aus erkennbar.

Die Mauern, an denen man vor Stunden noch die Hand entlanggeführt hat, liegen jetzt hinter einem, außer Sichtweite, aber nicht aus dem Kopf. Die Frage von vorhin ist nicht verschwunden, nur leiser geworden, überlagert vom Ausblick, der jetzt alle Aufmerksamkeit beansprucht. Beides existiert nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu stören, die alte Frage und die neue Aussicht.

Ein Segelboot, kaum größer als ein weißer Punkt, zieht draußen auf dem Wasser seine Bahn, unbeeindruckt von der Geschichte, die auf dem Felsen über ihm liegt. Für das Boot ist der Fels nur ein markanter Punkt zur Orientierung, keine Frage, kein Rätsel, nur eine Landmarke, die schon immer da war, seit es Segelboote auf diesem See gibt.

Der Stein fragt nicht zurück. Vielleicht ist das seine eigentliche Antwort.

Ein Kellner räumt am Nachbartisch Gläser ab, das leise Klirren mischt sich mit dem Rascheln der Blätter in den Bäumen unterhalb der Terrasse. Ein ganz gewöhnlicher Moment, wie es ihn hier vermutlich täglich gibt, und doch fühlt er sich in diesem Licht, an diesem Ort, nicht gewöhnlich an, sondern wie ein weiterer, sehr kleiner Baustein zu allem, was dieser Ort schon gesehen hat.

Die Sonne sinkt tiefer, wirft lange Schatten über den Innenhof, den man von der Terrasse aus nur teilweise sehen kann. Irgendwo dort unten liegt der Torbogen, durch den man am Nachmittag getreten ist, jetzt schon im Halbdunkel, unsichtbar für den Blick, aber nicht für die Erinnerung, die noch frisch genug ist, um ihn sich vorzustellen.

Man fragt sich, ob dieselbe Frage morgen, an einem anderen alten Gemäuer, genauso wieder auftauchen wird, mit derselben Intensität, demselben kurzen Innehalten, derselben Gänsehaut. Vermutlich ja. Es ist ein Muster, das sich offenbar nicht abnutzt, ganz gleich, wie oft man es schon durchlebt hat, an wie vielen unterschiedlichen Orten, in wie vielen unterschiedlichen Ländern.

Der Wein im Glas hat inzwischen Zimmertemperatur angenommen, was eigentlich niemanden stört, weil das Trinken selbst längst zur Nebensache geworden ist. Der Blick bleibt auf dem See, auf dem letzten Streifen Licht, der sich langsam zusammenzieht, bis er nur noch ein schmaler Faden zwischen Wasser und Himmel ist.

Die Lichter am gegenüberliegenden Ufer gehen nach und nach an, vereinzelt zuerst, dann in größerer Zahl, kleine gelbe Punkte, die sich im Wasser spiegeln und die Dunkelheit in eine sanftere Form bringen, als sie es ohne diese Lichter wäre. Auch das ein Bild, das sich hier seit Jahrzehnten wiederholt haben dürfte, nur mit anderen Lampen, anderem Licht, aber demselben grundlegenden Ablauf.

Die Frage von heute Nachmittag bleibt am Ende genau da, wo sie am Anfang stand: unbeantwortet, aber nicht unbefriedigt. Man weiß nicht, was diese Mauern erlebt haben, wird es nie wissen, und trotzdem bleibt genau dieses Nichtwissen der eigentliche Reiz, der einen morgen, an der nächsten alten Mauer, wieder dieselbe Hand ausstrecken lassen wird.

Der See liegt jetzt fast vollständig im Dunkeln, nur die Lichter am Ufer und ein schwacher letzter Schimmer am Horizont erinnern noch an den Tag, der gerade zu Ende geht. Die Steine über einem, die man nicht mehr sehen kann, stehen trotzdem weiter da, unverändert, gleichgültig gegenüber der Dunkelheit, gleichgültig gegenüber der Frage, die man ihnen heute gestellt hat.

Von drinnen dringt gedämpftes Besteckklappern durch die Fenster, jemand deckt für das Abendessen, ein Geräusch, das genauso gut aus jedem beliebigen Jahrzehnt stammen könnte, in dem hier gegessen wurde. Der Übergang von der alten Frage zur ganz gewöhnlichen Gegenwart eines Abendessens geschieht dabei fast unmerklich, ohne Bruch, als gehörten beide Zeitebenen ganz selbstverständlich zusammen.

Ein letzter Blick geht zurück zum Turm, dessen Silhouette sich jetzt dunkel gegen den nur noch schwach erhellten Himmel abzeichnet. Morgen wird man weiterfahren, zu einem Besuch, dann nach Hause, und dieser Ort wird zurückbleiben wie so viele andere zuvor, als eine weitere Station, an der dieselbe alte Frage kurz aufgetaucht ist, bevor sie sich wieder zurückzieht, bis zur nächsten Mauer.

Vielleicht ist es gerade diese Wiederholung, die den eigentlichen Wert ausmacht, nicht die einzelne Antwort, die es ohnehin nie geben wird, sondern die Verlässlichkeit, mit der die Frage zurückkehrt. Ein Muster, das sich durch das eigene Leben zieht, von einer alten Mauer zur nächsten, ohne dass es jemals müde würde, ohne dass es sich abnutzte, so verlässlich wie der Schlag der Turmuhr, der gerade eben wieder zu hören war.

Die Terrasse leert sich langsam, ein Kellner löscht eine der Kerzen auf dem Nachbartisch, ein kleiner, unauffälliger Moment, der in hundert Jahren vielleicht genauso wenig überliefert sein wird wie all die anderen kleinen Momente, die diese Mauern schon gesehen haben. Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Trost dieses Abends: dass es nicht wichtig ist, ob irgendetwas davon überliefert wird, solange es in diesem Moment tatsächlich geschehen ist.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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