Die Stunde auf dem Wasser
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Ombra Celeste Magazin
Ein Abend in den Gassen von Como, ein Morgen am Ufer, eine Stunde allein auf dem See, und die Rückkehr in ein Zimmer, in dem sich die Hitze staut.
Die Gassen, die sich nicht entscheiden
Am Abend führt keine der Gassen dorthin, wo man sie vermutet. Sie biegen ab, wo eigentlich eine Wand sein müsste, öffnen sich zu winzigen Plätzen, auf denen ein einzelner Brunnen steht, und schließen sich gleich darauf wieder zu einer Passage, kaum breiter als die eigenen Schultern. Der Stein unter den Füßen ist von Jahrhunderten glatt geschliffen, dunkel vom Tageslicht, das ihn nie ganz erreicht hat. Zwischen den Häusern hängt noch die Wärme des Nachmittags, dick und unbewegt, während oben, zwischen den Dachkanten, ein schmaler Streifen Himmel allmählich violett wird.
Es sind die Gelaterias, die den Rhythmus des Gehens bestimmen. Alle paar Schritte eine, mit Auslagen wie kleine Landschaften, Pistazie zu Bergen aufgetürmt, Zitrone in Rillen gezogen, dazwischen ein Schild mit der Aufschrift, hier werde nur mit natürlichen Zutaten gearbeitet, als müsste man das eigens beteuern. Man bleibt stehen, geht weiter, bleibt wieder stehen. Die Wahl fällt schwer, nicht weil man unentschlossen wäre, sondern weil jede Auslage die vorherige vergessen macht.
Zwischen zwei Gassen, unvermittelt, ein Rest Mauerwerk hinter Glas, beleuchtet von unten. Ein Hinweis darauf, dass hier einmal ein römisches Bad gestanden hat, zweite Hälfte des ersten bis Ende des dritten Jahrhunderts. Der Gedanke daran hält sich nicht lange. Er streift vorbei wie ein Fenster, an dem man im Zug sitzend vorbeifährt, kurz erfasst, schon wieder verschwunden, ersetzt vom nächsten Geruch aus einer offenen Küchentür.
Ein Mann in einem der Läden ruft etwas auf Italienisch zu seinem Kollegen hinüber, so schnell, dass die Worte ineinanderfließen, und beide lachen. Man versteht nichts davon und trotzdem etwas, weil das Lachen selbst eine Sprache ist, die keine Übersetzung braucht. Ein paar Meter weiter riecht es plötzlich nach gebratenem Knoblauch, dann nach kaltem Stein, dann wieder nach Zucker.
Die Gassen laufen nicht auf ein Ziel zu. Das ist das eigentlich Ungewohnte an ihnen. Man geht nicht irgendwohin, man geht durch etwas hindurch, und das Hindurchgehen selbst ist bereits die ganze Handlung des Abends. Kein Platz, den man ansteuert, keine Kirche, die man noch sehen müsste, bevor sie schließt. Nur das Weitergehen zwischen warmen Mauern, die sich näher zueinander neigen, je später es wird. Ein ähnliches Gehen ohne Ziel beschreibt Venedig – Eine stille Gasse voller Geschichten, nur dass dort das Wasser die Gassen selbst ersetzt, nicht nur begleitet.
An einer Straßenecke steht eine Frau mit einem Fahrrad, das sie nicht besteigt. Sie schaut in ein Schaufenster, in dem Schuhe stehen, offensichtlich zu teuer für den Alltag, aus reinem Leder, mit einer Sohle, die noch nie einen Bürgersteig berührt hat. Man geht weiter und denkt kurz an nichts, was mit Como zu tun hat, sondern an eine ganz andere Straße, an einem ganz anderen Abend, ohne dass sich der Gedanke einordnen ließe.
Später, viel später, ist es die schiere Zahl der Gelaterias, die im Kopf bleibt, nicht ihr Geschmack. Als hätte die Stadt beschlossen, dass Süße nicht rationiert werden darf, dass es an jeder zweiten Ecke etwas geben muss, das kühlt, während die Steine noch die Hitze des Tages abgeben. Ein Gegengewicht, notwendig gemacht durch das, was der Tag zuvor an Wärme angehäuft hat.
Manchmal ist die Wahl selbst schon die ganze Erfahrung, nicht das, wofür man sich am Ende entscheidet.
Vor der Abfahrt
Der Morgen beginnt anders als der Abend geendet hat. Das Licht liegt jetzt flach über dem Wasser, noch ohne die Schärfe, die es zur Mittagszeit annehmen wird. An der Piazza Cavour rollen die ersten Rollläden hoch, ein Kellner stapelt Stühle vor einem Café, ein Mann mit einem Besen schiebt Laub in Richtung Bordstein, ohne Eile, so als hätte die Uhrzeit noch keine Macht über ihn.
Man setzt sich für einen Moment auf die Mauer am Ufer und schaut einfach zu. Nicht um irgendetwas Bestimmtes zu sehen, sondern um dem Ort beim Aufwachen zuzusehen, wie man jemandem beim Aufwachen zusieht, den man kaum kennt, und trotzdem etwas von ihm lernt, das später nicht mehr zugänglich sein wird, sobald der Tag vollständig begonnen hat. Ein Zustand, den Der Moment des Ankommens: Orte, die uns sammeln genauer beschreibt, jenes kurze Fenster, das sich nicht wiederholen lässt, sobald die Stadt vollständig erwacht ist.
Ein Fährschiff legt ab, noch fast leer, die Motoren wummern durch das Wasser, bevor sie sichtbar werden als Wellen, die gegen die Kaimauer schlagen. Ein Fischer sitzt weiter draußen in einem kleinen Boot, bewegungslos, die Angel kaum wahrnehmbar über dem Wasser. Zwischen ihm und dem Ufer liegt eine Ruhe, die nichts mit Stille zu tun hat, denn Möwen schreien, ein Bus bremst irgendwo hinter den Häusern, und trotzdem wirkt alles gedämpft, als läge ein dünner Film über den Geräuschen.
Der Weg zur Anlegestelle führt an denselben Gassen vorbei, durch die man am Abend zuvor gegangen ist, jetzt aber leer, die Auslagen der Gelaterias noch mit Tüchern verhängt. Es ist merkwürdig, denselben Ort zweimal zu betreten und ihn beide Male für einen anderen zu halten. Der Abend hatte etwas Drängendes, das Licht der Schaufenster, die Menschen, die aneinander vorbeigingen. Der Morgen hat nichts davon. Nur die Mauern, ungeschmückt, und der Geruch von feuchtem Stein.
Kurz vor dem Wasser liegt eine Markthalle, deren Eingang man fast übersehen würde, wäre da nicht der Geruch, der schon auf der Straße hängt, ein Gemisch aus Fisch, frischem Brot und etwas Süßlichem, das sich nicht sofort zuordnen lässt. Drinnen reihen sich die Stände dicht aneinander, Obst und Gemüse in ordentlichen Pyramiden, daneben Fleisch, das unter Glas liegt, weiter hinten ein Fischstand, an dem Eis unter den Auslagen glitzert. Um diese Uhrzeit sind es noch wenige, die zwischen den Ständen gehen, ein Händler stapelt Kisten, ein anderer wischt den Boden vor seinem Stand, und die Halle liegt in einem Halbdunkel, das erst später, wenn mehr Licht durch die hohen Fenster fällt, ganz verschwinden wird.
An der Anlegestelle liegen die Boote aufgereiht, Holzrümpfe, poliert, mit Namen, die auf den Heckplatten in geschwungener Schrift stehen. Ein Mann in kurzen Hosen wischt mit einem Lappen über eine Reling, ohne aufzublicken. Er nickt kurz, als man näherkommt, mehr Geste als Wort, und deutet auf ein Boot, das größer ist, als man es sich vorgestellt hatte, gebaut für acht, an diesem Morgen aber nur für einen bestimmt.
Bevor es losgeht, gibt es diesen kurzen Moment des Zögerns, der sich nicht recht erklären lässt. Nicht Angst, eher eine Art Innehalten davor, etwas zu tun, das man selten tut, allein auf einem großen Wasser zu sein, ohne jemanden neben sich, der die Stille mit Worten füllt. Der Kapitän löst die Leine, das Boot schwankt leicht, und die Stadt beginnt sich vom Ufer zu lösen.
Auf dem Wasser
Sobald die Kaimauer hinter einem liegt, verändert sich etwas an der Größe der Dinge. Die Häuser, eben noch massiv und nah, werden zu einer Linie aus hellen Fassaden, gerahmt vom Grün der Hänge dahinter, die steil aus dem Wasser aufsteigen, bis sie in einem Dunst verschwinden, der weder Nebel noch Wolke ist, sondern etwas Drittes, das dieser See offenbar selbst herstellt.
Der Motor läuft ruhig, ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das sich in den Planken fortsetzt und durch die Füße nach oben wandert. Man sitzt in einem Boot aus Holz, das für acht gebaut wurde, und ist allein darin, und diese Lücke zwischen der Kapazität des Bootes und der Anzahl der Menschen an Bord fühlt sich seltsam bedeutsam an, ohne dass sich sagen ließe, warum.
Der Kapitän zeigt auf eine Villa am gegenüberliegenden Ufer, nennt einen Namen, den man sofort wieder vergisst, weil der Blick längst weitergewandert ist, zu einem Boot, das quer über den See fährt, weit entfernt, kaum mehr als ein weißer Strich mit Kielwasser dahinter. Es gibt keine Eile in diesem Blick. Nichts, das gesehen werden muss, bevor man weiterfährt.
Mitten auf dem Wasser, dort wo das Ufer auf beiden Seiten gleich weit entfernt ist, kommt ein Gedanke, der nichts mit diesem See zu tun hat. Eine Erinnerung an ein Gespräch, das man vor Jahren geführt hat, mit jemandem, dessen Gesicht sich nicht mehr genau rekonstruieren lässt, nur der Klang der Stimme, und ein Satz, an dem man sich damals gestoßen hat, ohne genau zu wissen, warum. Der Gedanke bleibt eine Weile, ungelöst, und verschwindet dann so beiläufig, wie er gekommen ist, ohne dass er zu Ende gedacht worden wäre. Ein Zusammenhang, den Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt aus einer anderen Perspektive beschreibt.
Der Wind auf dem offenen Wasser ist anders als der in den Gassen. Er kommt nicht in Böen, sondern gleichmäßig, aus einer Richtung, die sich mit jeder Kurve des Boots leicht verschiebt, sodass man ihn ständig neu einschätzen muss, wie einen Gesprächspartner, der seine Meinung nicht ändert, aber seine Position im Raum. Er trägt den Geruch von Diesel und Wasser zugleich, eine Mischung, die eigentlich unangenehm sein müsste und es nicht ist.
Es gibt einen Moment, kurz bevor das Boot wendet, in dem die Stadt vollständig aus dem Blickfeld verschwindet, verdeckt von einer Landzunge, und für diese wenigen Sekunden ist da nur Wasser, Hang, Himmel, ohne ein einziges Zeichen menschlicher Anwesenheit außer dem Boot selbst. Man merkt, wie ungewohnt das ist, so wenig zu sehen, das gebaut wurde. Der Impuls, danach zu suchen, verschwindet erst, als die ersten Dächer wieder auftauchen.
Auf dem Rückweg sitzt man anders im Boot, näher am Rand, eine Hand am kühlen Holz der Reling. Die Stadt wächst wieder, Fassade um Fassade, bis die Details zurückkehren, ein Fensterladen, eine Wäscheleine, ein Mann, der von der Kaimauer aus zusieht, wie das Boot einläuft. Die Stunde, die eben noch endlos schien, hat sich als genau eine Stunde herausgestellt, nicht mehr, nicht weniger, und trotzdem lässt sie sich schwer in Minuten zurückrechnen.
Eine Bucht ohne Namen
Etwa auf halber Strecke drosselt der Kapitän den Motor, ohne dass er etwas ankündigt, und das Boot gleitet in eine kleine Bucht, die auf keiner Karte einen eigenen Namen zu haben scheint, nur eine Einbuchtung zwischen zwei Landzungen, geschützt vor dem Wind, der eben noch das Wasser gekräuselt hat. Hier liegt die Oberfläche fast glatt, ein dunkles Grün, in dem sich die Hänge spiegeln, verzerrt und doch erkennbar.
Ein anderes Boot liegt bereits dort, kleiner, ohne Kapitän, nur ein Paar an Bord, das schweigend nebeneinandersitzt, die Füße im Wasser. Sie heben kurz die Hand, mehr aus Gewohnheit als aus echtem Gruß, und man winkt zurück, obwohl man einander nie sprechen wird. Es ist eine merkwürdige Nähe, die zwischen zwei Booten entsteht, die für ein paar Minuten denselben Fleck Wasser teilen, ohne dass ein Wort fällt.
Der Motor ist jetzt ganz aus. Die Stille, die entsteht, ist keine echte Stille, sondern eine, die aus vielen kleinen Geräuschen zusammengesetzt ist, dem Klatschen des Wassers gegen den Rumpf, einer Zikade irgendwo am Ufer, einem entfernten Kirchenglockenschlag, der über den See trägt, ohne dass sich sagen ließe, aus welchem der Dörfer ringsum er kommt.
An der Uferlinie steht ein einzelnes Haus, ockerfarben, mit grünen Fensterläden, halb hinter Zypressen verborgen. Kein Boot liegt davor, keine Treppe führt sichtbar zum Wasser hinunter. Es wirkt, als sei es seit Jahrzehnten unbewohnt, und trotzdem hängt eine Wäscheleine zwischen zwei Bäumen, mit einem einzelnen weißen Laken, das sich im schwachen Wind kaum bewegt.
Der Kapitän deutet nicht darauf, erklärt nichts. Er lehnt sich zurück, die Arme über der Reling verschränkt, und schaut selbst zum Ufer, als sähe er es zum ersten Mal, obwohl er vermutlich hundertmal hier vorbeigefahren ist. Diese Geste, das bloße Schauen ohne Kommentar, sagt mehr über den Ort als jede Erklärung es könnte.
Ein Schwimmer taucht auf, weit draußen, kaum mehr als ein Kopf über der Wasserlinie, der sich mit gleichmäßigen Zügen der Bucht nähert. Man verfolgt ihn eine Weile, ohne bewusst hinzusehen, so wie man dem Flug eines Vogels folgt, ohne ihn wirklich zu beobachten. Er wechselt die Richtung, kurz, unerklärlich, und schwimmt dann doch weiter geradeaus, als hätte er sich nur an etwas erinnert und es gleich wieder verworfen.
Die Hitze liegt jetzt anders auf der Haut als noch am Vormittag, dichter, weil kein Fahrtwind mehr dagegenhält. Man zieht das Hemd über den Kopf und legt sich für einen Moment auf die Bank am Bug, das Holz warm im Rücken, während das Boot leicht schaukelt, ein Rhythmus, der sich schnell in den Körper einprägt, so als hätte man ihn schon lange gekannt.
Von hier aus, liegend, verschiebt sich der Blick auf die Hänge. Sie kippen fast, werden zu einer Wand aus Grün, die senkrecht in den Himmel wächst, durchbrochen nur von den hellen Flecken einzelner Villen, die höher liegen, als man es vom Ufer aus vermutet hätte. Ein Falke, oder etwas, das wie ein Falke aussieht, zieht eine Schleife über einem der Hänge und verschwindet hinter einer Kuppe.
Das Paar im Nachbarboot beginnt, leise miteinander zu sprechen, in einer Sprache, die nicht Italienisch ist, vielleicht Niederländisch, vielleicht etwas anderes. Man versteht kein Wort, und trotzdem liegt in der Tonlage etwas Vertrautes, das Auf und Ab eines Gesprächs zwischen zwei Menschen, die sich schon lange kennen, bei dem die Bedeutung der Worte fast zweitrangig geworden ist.
Irgendwann, ohne dass ein bestimmter Moment dafür gewählt worden wäre, startet der Kapitän den Motor wieder. Das Geräusch zerreißt die Bucht sofort, der Schwimmer wird kleiner, das Paar winkt ein zweites Mal, diesmal mit mehr Nachdruck, fast wie ein Abschied unter Bekannten, obwohl keine zehn Sätze zwischen den Booten gewechselt wurden.
Beim Hinausfahren aus der Bucht dreht sich der Blick noch einmal zurück, zum ockerfarbenen Haus, zur Wäscheleine, zum Fleck Wasser, der schon wieder zu kräuseln beginnt, sobald man die schützende Landzunge verlässt. Es bleibt der Eindruck, einen Ort gesehen zu haben, der nicht für einen selbst bestimmt war, sondern zufällig geteilt wurde, für ein paar Minuten, mit einem Schwimmer, einem Paar und einem Kapitän, der nichts erklären musste.
Ein Ort muss nicht für einen bestimmt sein, um sich einzuprägen.
Der Rest der Fahrt zurück zur Stadt verläuft schneller, als es die Uhr eigentlich zulässt. Die Bucht ohne Namen bleibt hinter einer Landzunge zurück, nicht auffindbar auf keiner Karte, nur im Kopf, als ein Ort, an dem für eine Weile nichts geschehen musste, damit etwas blieb.
Der Rückweg durch die Mittagsstadt
Von der Anlegestelle bis zum Hotel sind es keine zehn Minuten zu Fuß, aber es sind zehn Minuten, in denen der Körper etwas anderes tut als der Kopf. Der Kopf registriert noch das Boot, das Wasser, die Bucht. Der Körper registriert nur die Hitze, die mit jedem Schritt zunimmt, ein Druck, der sich zuerst im Nacken meldet, dann über die Schultern zieht, dann irgendwo zwischen den Schulterblättern festsetzt, als hätte sich dort etwas verkeilt.
Die Rollläden sind jetzt alle oben, die Tische vor den Cafés besetzt, aber all das nimmt man nur am Rand wahr, wie durch eine Scheibe, hinter der sich die Stadt normal weiterbewegt, während man selbst zunehmend nur noch auf den eigenen Puls hört. Der Mund wird trocken, bevor der Verstand das Wort Durst überhaupt formt. Es ist ein Zustand, der sich von innen nach außen ausbreitet, nicht umgekehrt.
Vor der Markthalle, die am Morgen noch fast leer war, stehen jetzt Kisten bis auf den Bürgersteig hinaus, ein Händler ruft einen Preis, den niemand zu hören scheint, und aus der offenen Tür schlägt für einen Moment kühlere Luft heraus, ein kurzer, fast körperlicher Trost, der schon nach zwei Schritten wieder verschwindet, sobald man an der Halle vorbei ist.
Genau dort, an dieser Stelle, wo die kühle Luft der Halle in die Hitze der Straße übergeht, bleibt ein Mann stehen und fragt nach dem Weg zum Dom, auf Englisch, mit einer Karte in der Hand, die er in der Sonne kaum lesen kann. Man zeigt in eine Richtung, die vermutlich stimmt, ohne es genau zu wissen, und er bedankt sich, verschwindet in die falsche oder richtige Richtung, es lässt sich nicht mehr nachprüfen.
Danach ist die Unterbrechung vorbei, und die Hitze übernimmt wieder vollständig. Die Schatten unter den Arkaden sind schmal geworden, kaum breit genug, um darin zu gehen, ohne die Sonne trotzdem im Nacken zu spüren, und man wechselt von einem schmalen Streifen Schatten zum nächsten, wie über Trittsteine in einem Fluss, den man eigentlich lieber ganz vermeiden würde.
Die letzten Meter bis zum Hotel führen durch eine schmale Gasse, in der die Hitze sich noch einmal verdichtet, weil kein Wind vom See mehr hineinreicht. Die Beine werden schwerer, nicht dramatisch, nur genug, um den eigenen Gang zu verlangsamen, ohne dass man es bewusst beschließt. Ein Ventilator surrt hinter einer offenen Ladentür, sein Luftzug reicht bis auf die Straße, für drei, vier Schritte, dann ist er wieder vorbei.
Man betritt das Hotel, und die Kühle der Lobby fällt einen fast an, ein Unterschied, der sich körperlich bemerkbar macht, ein kurzes Frösteln, bevor sich der Körper an die neue Temperatur gewöhnt. Erst hier, im Übergang, merkt man, wie sehr der Weg durch die Stadt eben noch alles andere verdrängt hatte, das Boot, die Bucht, sogar den eigenen Namen des Manns mit der Karte, den man schon wieder vergessen hat.
Dreißig Grad im Zimmer
Zurück im Hotel liegt eine Hitze über dem Zimmer, die anders wirkt als jede Hitze zuvor an diesem Tag. Draußen auf dem Wasser hatte der Fahrtwind sie noch verdeckt, jetzt, hinter geschlossenen Fensterläden, steht sie im Raum wie etwas, das sich nicht bewegen lässt. Über dreißig Grad, und die Klimaanlage braucht ihre Zeit, um dagegen anzukommen, ein leises Summen, das sich erst nach und nach durchsetzt.
Man setzt sich auf den Balkon, obwohl es dort noch heißer ist als drinnen, aus keinem anderen Grund, als dass der See von hier aus zu sehen ist, klein zwischen den Dächern, ein Streifen Blau, der genau dort liegt, wo vor einer Stunde noch das Boot fuhr. Es ist merkwürdig, einen Ort, an dem man eben noch war, jetzt nur noch als Bild zu sehen, flach, ohne das Schwanken unter den Füßen.
Die Haut fühlt sich noch salzig an vom Wind, obwohl der See kein Salzwasser hat. Es muss die Sonne sein, oder die Vorstellung davon, dass Wasser und Wind zusammen immer diesen Effekt hinterlassen, ganz gleich, ob er tatsächlich vorhanden ist. Ein Glas Wasser aus der Leitung steht auf dem Tisch, das Glas beschlägt sofort, kleine Tropfen laufen daran herunter, bevor man überhaupt getrunken hat.
Von unten, aus der Gasse, klingt das Geschirr eines Restaurants herauf, das den Mittagstisch vorbereitet, Teller, die aneinanderstoßen, eine Stimme, die etwas anweist. Die Stadt geht weiter, während man selbst für eine Weile aussteigt, in dieses Zimmer, in diese Hitze, die eigentlich unangenehm sein sollte und trotzdem nicht ganz unwillkommen ist, weil sie erzwingt, was der Tag zuvor freiwillig kaum zugelassen hätte, nämlich nichts zu tun.
Der Blick bleibt am Streifen Wasser hängen, ohne dass ein Gedanke daraus wird. Kein Fazit über den Tag, keine Ordnung, in die sich die Gassen, das Bad unter Glas, der Morgen an der Mauer und die Stunde auf dem Wasser fügen ließen. Nur das Nebeneinander dieser Bilder, unverbunden, wie Dinge, die zufällig in derselben Schublade liegen.
Nicht jedes Bild verlangt danach, verstanden zu werden.
Irgendwann, viel später am Nachmittag, wenn die Hitze im Zimmer endlich nachgibt, wird man wieder hinuntergehen, in dieselben Gassen, an denselben Gelaterias vorbei, und es wird sich nicht wiederholen, was am Abend zuvor war, auch wenn die Straßen dieselben sind. Der See bleibt, wo er ist, ruhig, unverändert vom Balkon aus betrachtet, während sich unten in der Stadt längst wieder alles verschiebt.
Auf dem Nachttisch liegt noch die Erinnerung an das Mauerwerk hinter Glas, das man am Vorabend fast übersehen hätte, und an die kleine Bucht ohne Namen, die auf keiner Karte verzeichnet ist. Zwei Bilder, die sich nicht berühren und die trotzdem zum selben Tag gehören, so wie die Hitze im Zimmer zur Kühle des Sees gehört, ohne dass eines das andere aufheben würde.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.