Ein Ort, der nichts mehr will.
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Ombra Celeste Magazin
Ein Rand der Stadt, an dem nichts mehr beginnt und nichts mehr endet.
Ein Ort, der nichts mehr will
Der Beton ist rissig, an manchen Stellen so tief, dass Gras sich hindurchgeschoben hat, trocken und gelb vom Spätsommer. Kein Kran arbeitet mehr hier, keine Laderampe wird noch angefahren. Der alte Verladekai liegt am Rand des Reiherstiegs, dort, wo der Hafen aufhört, ein Hafen im eigentlichen Sinn zu sein, und zu einer Fläche wird, die niemand mehr braucht. Ein rostiger Poller steht noch, das Tau längst weg, nur eine Schlaufe aus verwittertem Metall, an der niemand mehr etwas festmacht.
Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Vor Jahren, als ich noch mit dem Motorrad öfter zwecklos durch diesen Teil der Stadt fuhr, bin ich einmal zufällig auf diesen Kai gestoßen, auf der Suche nach nichts Bestimmtem, einfach weil eine Straße mich hierher führte, die ich vorher nie gefahren war. Seitdem komme ich gelegentlich zurück, ohne einen festen Grund, ähnlich wie der Angler es vermutlich mit seiner Rute tut.
Ich stehe zwischen zwei alten Ladeschienen, die im Beton verlaufen, ohne noch irgendwohin zu führen. Sie enden einfach, mitten auf der Fläche, dort, wo früher wohl ein Gebäude stand, dessen Fundament nur noch als leicht erhöhte Kante zu erkennen ist. Das Wasser des Reiherstiegs liegt träge davor, dunkelgrau, mit einer dünnen Ölschicht, die sich in schmalen Streifen kräuselt, wenn der Wind über die Fläche zieht.
Ein Blick auf die andere Uferseite zeigt die Kräne einer Werft, die sich langsam drehen, Stahlteile heben, absetzen, in einem Takt, der von hier aus fast lautlos wirkt, obwohl er dort drüben vermutlich alles andere als leise ist. Diese Kräne arbeiten für einen Hafen, der weiterlebt, während dieser Kai daneben liegt wie ein stillgelegtes Organ, das der übrige Körper längst nicht mehr braucht, aber auch nicht amputiert hat.
Niemand hat diesen Kai für Besucher hergerichtet. Kein Schild erklärt, was hier einmal umgeschlagen wurde, keine Bank lädt zum Verweilen ein. Der Ort duldet, dass man hier steht, mehr nicht. Er verlangt keine Erklärung dafür, warum man gekommen ist, und er bietet auch keine an. Zwischen den Fugen im Beton wachsen einzelne Büschel Beifuß, deren Geruch sich mit dem nach Diesel und salzigem Schlick mischt, sobald der Wind vom Wasser her dreht.
An der Kaimauer klebt noch ein verblasster Aufkleber einer Spedition, die es vermutlich seit Jahren nicht mehr gibt, die Schrift fast unleserlich, das Logo nur noch als vager Umriss erkennbar. Jemand hat einmal hier gearbeitet, hat diesen Aufkleber vielleicht selbst angebracht, auf eine Kiste, eine Palette, ein Fahrzeug, das längst verschrottet ist. Der Aufkleber selbst hat das alles überlebt, ohne dass ihm dabei irgendeine Absicht zugrunde läge.
Ein Ort verlangt keine Erklärung, nur dass man ihn aushält.
Auf der gegenüberliegenden Kaimauer rostet eine alte Verladeschiene vor sich hin, in einem Rotton, der fast schon wieder schön wirkt, wenn man ihn nicht als Verfall liest, sondern als das, was er ist: Eisen, das seit Jahrzehnten der Luft ausgesetzt ist. Ein Kranarm liegt quer über zwei Betonpfeilern, ohne dass jemand ihn dort abgelegt hätte, er ist einfach stehen geblieben, als die Arbeit hier aufhörte, und niemand hat sich seither die Mühe gemacht, ihn wegzuräumen.
Ich lege eine Hand auf einen der Pfeiler, die Oberfläche rau, kleine Kiesel, die sich beim Gießen mit in den Beton gemischt haben, jetzt fühlbar unter den Fingerspitzen. Irgendwo in diesem Beton steckt noch die Wärme des Tages, obwohl die Sonne längst hinter den Kränen der anderen Uferseite verschwunden ist. Diese gespeicherte Wärme wird bis in die Nacht hinein bleiben, lange nachdem ich gegangen bin, unbeachtet von jedem, der nicht zufällig seine Hand genau hierhin legt.
Der Boden unter meinen Schuhen fühlt sich uneben an, kleine Absätze, wo Betonplatten sich im Laufe der Jahre gegeneinander verschoben haben. An einer Stelle steht Wasser in einer flachen Mulde, schon leicht grün, mit ein paar Mückenlarven, die sich unter der Oberfläche bewegen. Niemand hat diese Pfütze weggewischt oder den Boden ausgebessert. Sie ist einfach Teil der Fläche geworden, wie alles andere hier.
An einer der Betonplatten ist mit weißer Farbe eine Zahl aufgesprüht, eine Vermessungsmarkierung wahrscheinlich, längst verblasst, halb von Moos überwachsen. Sie gehört zu einem System, das jemand einmal angelegt hat, um diese Fläche zu erfassen, zu kategorisieren, vielleicht für einen Bauplan, der nie umgesetzt wurde. Die Zahl bedeutet nichts mehr für niemanden, außer vielleicht für jemanden, der zufällig genau dieses alte Vermessungsprotokoll noch besitzt und sich nicht mehr daran erinnert, wofür es einmal gedacht war.
Weiter hinten, dort, wo der Kai an eine alte Lagerhalle grenzt, deren Fenster längst keine Scheiben mehr haben, hängt ein Stück Plane vom Dach, das sich im Wind leicht bewegt, ein trockenes Flattern, das in unregelmäßigen Abständen aufkommt und wieder verstummt. Die Halle selbst ist zu groß, um sie zu ignorieren, und zu leer, um ihr eine neue Bedeutung zu geben. Sie steht einfach da, wie der Kai, wie der Kranarm, wie alles andere.
Durch eine der zerbrochenen Scheiben lässt sich ein Stück des Innenraums erahnen, hohe, leere Weite, in der noch vereinzelt Stahlträger die Decke halten, während der Boden mit einer dünnen Schicht aus Laub und Taubenkot bedeckt ist. Irgendwo dort drinnen ruft eine Taube, das Geräusch hallt kurz zwischen den Wänden, bevor es sich in der Weite der Halle verliert. Niemand hat je vor, hier wieder etwas zu lagern. Die Halle wartet auf nichts, sie steht nur, weil ein Abriss teurer wäre als das Stehenlassen.
Der Lärm der Stadt erreicht diesen Ort nur gedämpft. Der Verkehr auf der nahen Brücke wird zu einem gleichmäßigen Rauschen, das sich mit dem Klatschen kleiner Wellen gegen die Kaimauer vermischt. Dazwischen, in unregelmäßigen Abständen, das ferne Signal eines Schiffshorns, irgendwo weiter draußen im Hafen, wo noch gearbeitet wird. Hier, an diesem Kai, gibt es nichts mehr zu verladen.
Ein solcher Ort widersteht der Logik, mit der eine Stadt sonst über ihre Flächen entscheidet: nutzbar oder nicht, entwickelt oder brachliegend, Kategorien, die diesem Kai gleichgültig zu sein scheinen, weil er sich weder dem einen noch dem anderen wirklich zuordnen lässt. Ein Zusammenhang, der sich auch in anderen Betrachtungen über das Verhältnis von Nähe und Distanz findet, näher beschrieben unter Zwischen Schatten und Form, wo ebenfalls ein Ort seine Bedeutung eher aus dem gewinnt, was an ihm nicht entschieden wurde, als aus dem, was an ihm festgelegt ist.
Ich setze mich auf einen der Betonpfeiler, kalt und rau unter den Handflächen. Von hier aus sieht man über das Wasser bis zu den Kränen der Köhlbrandbrücke, weit genug entfernt, um wie eine andere Stadt zu wirken. Zwischen dort und hier liegt kein Übergang, keine Ankündigung. Man steht einfach an diesem Rand, an dem der Hafen aufgehört hat, gebraucht zu werden, und die Stadt noch nicht angefangen hat, ihn sich zurückzuholen.
Ein Angler, der nichts erwartet
Ein Mann mit einer Angelrute kommt über die Fläche, in Gummistiefeln, die bei jedem Schritt leicht auf dem Beton quietschen. Er nickt kurz, sagt nichts, stellt seinen Eimer neben einem der Poller ab und beginnt, seine Rute aufzubauen, mit einer Routine, die verrät, dass er das schon oft getan hat, genau hier, an genau dieser Stelle. Ich frage, ob hier überhaupt etwas beißt. Er zuckt mit den Schultern. "Manchmal ein Aal. Meistens nichts."
Er wirft aus, ein kurzer Schwung, die Schnur zischt durch die Luft und landet mit einem leisen Klatschen weiter draußen im Wasser. Dann setzt er sich auf einen umgedrehten Eimer, die Rute zwischen den Knien, und schaut aufs Wasser, ohne dass sich in seinem Gesicht irgendeine Erwartung abzeichnet. Er wirkt nicht wie jemand, der auf einen Fang hofft. Er wirkt wie jemand, der genau hier sein wollte, und der Fisch ist eher ein Vorwand als ein Ziel.
Neben ihm liegt eine kleine Kühlbox, auf der ein Aufkleber eines Angelvereins klebt, dessen Name ich nicht kenne. Er öffnet sie kurz, holt eine Thermoskanne heraus, schenkt sich Kaffee in einen abgestoßenen Blechbecher, ohne mir einen anzubieten, was mir nicht unhöflich vorkommt, eher wie eine Selbstverständlichkeit zwischen zwei Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben und beide wissen, dass daraus nichts weiter werden muss.
Ich frage, wie oft er herkommt. "Immer, wenn meine Frau Besuch von ihrer Schwester hat", sagt er, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen, und lacht kurz, ein trockenes, in sich gekehrtes Lachen, das eher sich selbst zu gelten scheint als mir. Mehr sagt er dazu nicht, und ich frage nicht weiter. Es reicht als Antwort, auch wenn sie offenlässt, wie ernst sie gemeint war.
Seine Jacke ist an den Ärmeln ausgefranst, die Kapuze mit einem Klettverschluss geflickt, der nicht ganz zur ursprünglichen Farbe passt. Nichts an seiner Ausrüstung wirkt neu oder besonders gepflegt, alles trägt Spuren von häufigem Gebrauch, genau wie der Kai selbst. Zwischen ihm und diesem Ort scheint eine Art stillschweigende Übereinkunft zu bestehen, die keine Worte braucht, nur die Wiederholung derselben Handgriffe an derselben Stelle, immer wieder.
Manche Orte sind kein Ziel, sondern ein Vorwand, um woanders nicht zu sein.
Eine Weile sitzen wir beide da, ohne zu reden, er auf seinem Eimer, ich auf dem Betonpfeiler, während die Schnur reglos ins Wasser hängt. Ein Küstenmotorschiff zieht weit draußen auf dem Fahrwasser vorbei, so langsam, dass man erst nach einer Weile merkt, dass es sich überhaupt bewegt. Die Wellen, die es auslöst, erreichen den Kai erst Minuten später, klatschen gegen die alten Poller, ziehen sich zurück, klatschen noch einmal, schwächer.
Der Angler beobachtet das Schiff kurz, kommentiert es mit einem knappen "Kommt von der Schleuse, will vermutlich rüber zur Norderelbe", ohne dass ich wüsste, woran er das genau erkennt, an der Fahrtrichtung vielleicht, am Tiefgang. Er wirkt vertraut mit diesen Details, so wie man mit den Zügen vertraut ist, die täglich am selben Bahnsteig vorbeifahren, ohne dass man je bewusst gelernt hätte, sie zu unterscheiden.
Der Angler zieht die Schnur kurz ein, prüft den Köder, wirft erneut aus, mit derselben knappen, geübten Bewegung wie zuvor. Er scheint sich nicht daran zu stören, dass nichts beißt. Es wirkt, als gehöre das Nichtbeißen genauso zu diesem Nachmittag wie das Wasser, der Wind, die ferne Brücke. Er ist nicht enttäuscht. Er ist einfach da, mit einer Geduld, die kein Ziel zu brauchen scheint.
Ich frage ihn, ob er schon einmal etwas Größeres gefangen hat, hier, an genau dieser Stelle. Er überlegt kurz, als müsse er in einer langen Liste blättern, dann sagt er, vor drei Jahren einen Zander, knapp über sechzig Zentimeter, den er fotografiert und wieder zurückgesetzt habe, weil das Wasser hier ohnehin niemand essen wolle. Die Geschichte erzählt er ohne Stolz, eher wie eine Randnotiz, die ihm gerade eingefallen ist, weil ich gefragt habe, nicht weil sie ihm wichtig gewesen wäre.
Irgendwann packt er zusammen, ohne dass etwas Besonderes geschehen wäre. Kein Fisch, kein Grund, gerade jetzt zu gehen. Er wickelt die Schnur auf, klappt die Rute zusammen, hebt den leeren Eimer auf. "Morgen vielleicht", sagt er, mehr zu sich selbst als zu mir, und geht über den rissigen Beton zurück in Richtung Straße, die Gummistiefel quietschend bei jedem Schritt, bis das Geräusch sich im Wind verliert.
Kurz bevor er außer Sichtweite ist, dreht er sich noch einmal um, hebt die Hand, keine große Geste, nur ein kurzes Anheben der Finger, wie man es bei jemandem tut, den man vielleicht wiedersieht und vielleicht auch nicht. Ich hebe zurück, obwohl ich nicht sicher bin, ob er es überhaupt noch registriert, so weit ist er inzwischen schon weg, eine Silhouette gegen das Licht, die zwischen zwei Lagerhallen verschwindet.
Ich bleibe noch eine Weile sitzen, an der Stelle, wo eben noch zwei Menschen waren und jetzt nur einer ist. Die Angelstelle im Wasser, wo die Schnur gehangen hatte, ist längst wieder glatt, kein Zeichen, dass hier jemand gestanden hätte. Der Kai nimmt diese kurze Begegnung genauso wenig zur Kenntnis wie alles andere, was hier geschieht und wieder vergeht.
Was bleibt, wenn niemand mehr kommt
Das Licht steht inzwischen tiefer, wirft lange Schatten von den Betonpfeilern über die rissige Fläche. Die Lagerhalle im Hintergrund verliert langsam ihre Kontur, wird zu einer dunklen Masse gegen den Himmel, der sich orange und blassrosa färbt, ohne dass hier jemand da wäre, der das besonders schön fände. Der Kai selbst verändert sich nicht mit dem Licht. Er nimmt es auf, wie er alles aufnimmt, ohne Reaktion.
Ein Fahrrad kommt vorbei, gefahren von jemandem, der offenbar den Weg über den Kai als Abkürzung nutzt, ohne dabei stehen zu bleiben oder sich umzusehen. Für ihn ist dieser Ort vermutlich nur ein Stück Beton zwischen zwei Straßen, keine Sehenswürdigkeit, kein Ausflugsziel, einfach ein Weg. Auch das gehört zu diesem Kai: dass die meisten Menschen ihn queren, ohne ihn je wirklich zu betreten.
Ein zweites Fahrrad folgt kurz darauf, diesmal ein Kind, das lauthals irgendetwas ruft, das ich nicht verstehe, gefolgt von einem Erwachsenen, der ruhig hinterherfährt, ohne sich zur Eile drängen zu lassen. Ihre Stimmen verklingen genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind, verschluckt vom Wind und der Weite der Fläche, die keinen Nachhall zulässt. Der Kai registriert diese Durchquerungen so wenig wie das Wasser die Wellen eines vorbeifahrenden Schiffs registriert, nachdem sie längst wieder glatt geworden sind.
Ich gehe die letzten Meter bis zur Kaimauer, wo das Wasser gegen den Beton schlägt, in einem Rhythmus, der sich nicht an die Uhrzeit hält. Ein Stück verrostete Kette hängt von einem der Poller, das andere Ende längst im Wasser verschwunden. Niemand hat sie je entfernt. Sie hängt da, tut nichts, wartet auf nichts, genau wie der Rest dieses Orts. Wie beiläufig liegen gebliebene Dinge zu einem eigenen Bestand werden können, ohne dass sie je gesammelt wurden, beschreibt in einem anderen Kontext auch Der Raum hinter dem Raum, wo ebenfalls das Zurückgelassene mehr über einen Ort verrät als das, was gezielt dort platziert wurde.
Manches bleibt nicht, weil es gebraucht wird, sondern weil niemand es entfernt hat.
Weiter draußen schaltet sich ein Leuchtfeuer ein, automatisch, ohne dass jemand es angeknipst hätte, ein einzelnes rotes Blinken im zunehmenden Dämmerlicht, das den Fahrwasserrand markiert, nicht für mich, sondern für Schiffe, die hier vorbeifahren, lange nachdem ich gegangen sein werde. Der Kai selbst braucht kein Licht. Er ist nicht dafür gemacht, gesehen zu werden.
Ein solches Blinken, das für niemand Bestimmtes da ist und trotzdem zuverlässig arbeitet, jede Nacht, unabhängig davon, ob ein Beobachter zufällig hersieht, findet eine Entsprechung in der Art, wie manche stille Signale erst im Rückblick ihre eigentliche Bedeutung zeigen, ein Gedanke, der sich vertiefen lässt unter Die unsichtbare Architektur des Lichts, wo Licht ebenfalls weniger als Botschaft denn als reine, unbeteiligte Anwesenheit beschrieben wird.
Ich denke an den Angler, der jetzt vermutlich zu Hause ist, vielleicht noch immer mit der Schwägerin am Tisch sitzend, während sein Eimer irgendwo im Flur trocknet. Der Nachmittag, den wir hier geteilt haben, hat für ihn vermutlich kaum mehr Gewicht als jeder andere, an dem nichts beißt. Für mich bleibt er als eine der wenigen konkreten Spuren, die dieser Ort überhaupt zulässt, ein Gesicht, ein Satz über seine Frau und deren Schwester, mehr nicht.
Ich erinnere mich an ein anderes Ufer, weiter flussaufwärts, an dem ich vor einigen Jahren mit meinem Vater gestanden habe, während er mit dem Fernglas nach Frachtern Ausschau hielt, eine Angewohnheit, die er sich in seiner Zeit als junger Mann in Uetersen zugelegt hatte und die ihn bis heute nicht ganz losgelassen hat. Er zeichnete die Schiffsnamen in ein kleines Notizbuch, ohne dass ich je verstanden hätte, wozu, und ich verstehe es auch jetzt nicht wirklich besser, nur dass es zu diesem Wasser gehörte, so wie der Eimer zu diesem Angler gehört.
Der Wind dreht, bringt jetzt stärker den Geruch von Diesel vom nahen Fahrwasser herüber, vermischt mit etwas, das nach nassem Rost riecht. Ich stehe auf, klopfe den Staub von der Hose, der sich vom Betonpfeiler dort abgesetzt hat. Der Kranarm liegt noch immer quer über den beiden Pfeilern, wird jetzt zur schwarzen Silhouette gegen den letzten Streifen Licht am Horizont.
Ein letztes Mal drehe ich mich um, bevor ich den Kai in Richtung Straße verlasse. Die Pfütze mit den Mückenlarven liegt noch genau dort, wo sie vorhin lag, jetzt fast schwarz im schwindenden Licht. Der Aufkleber der längst verschwundenen Spedition ist von hier aus nicht mehr zu erkennen, verschluckt von der Dämmerung, so wie vieles an diesem Ort, das man erst aus der Nähe überhaupt bemerkt.
Auf dem Rückweg über die rissige Fläche höre ich noch einmal das ferne Signal eines Schiffshorns, diesmal von der anderen Seite, aus Richtung der Werften. Der Kai bleibt hinter mir zurück, unverändert, bereit, morgen denselben Angler wiederzusehen oder auch nicht, denselben Radfahrer, dieselbe Pfütze mit den Mückenlarven, während das rote Leuchtfeuer weiter in die Dunkelheit blinkt, für niemanden bestimmt und für jeden sichtbar, der zufällig hersieht.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.