Orte, die man nicht teilt.
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Ombra Celeste Magazin
Eine kleine umbrische Stadt, ihre Zünfte und ein Morgen, der niemandem gehört.
Der Bogen am Morgen
Der Torbogen liegt noch im Schatten, wenn die ersten Fensterläden aufgehen. Efeu hängt von der Wölbung herunter, feucht vom Tau, und wer hindurchgeht, muss den Kopf ein wenig senken. Dahinter öffnet sich die Piazza Silvestri wie eine Bühne, auf der noch niemand seinen Platz eingenommen hat. Nur ein Mann mit einem Besen aus Reisig fegt Blätter vom Kopfsteinpflaster, ohne aufzusehen.
Bevagna liegt an der alten Via Flaminia, der Straße, die Rom mit der Adria verband. Man merkt es an der Geradlinigkeit einzelner Gassen, die sich nicht winden, sondern zielen. Zweitausend Jahre Verkehr haben eine Stadt geformt, die heute kaum noch jemand durchquert, um irgendwohin zu kommen. Man kommt hierher, um hier zu sein, nicht um weiterzureisen.
Der Brunnen in der Mitte des Platzes läuft schon, obwohl niemand da ist, der zusieht. Wasser fällt über drei Becken, leise, ohne Eile. Eine Katze trinkt am Rand, hebt kurz den Kopf, als der Besen näherkommt, und trinkt weiter. Die beiden Kirchen, San Silvestro und San Michele, stehen einander fast zugewandt gegenüber, romanisch, aus honigfarbenem Stein, mit Fassaden, die im ersten Licht fast atmen.
Ich setze mich auf die Stufen von San Silvestro, weil sie noch kühl sind von der Nacht. Der Stein drückt durch den Stoff der Hose, ein kleiner, konkreter Widerstand, der guttut. Von hier aus sieht man beide Kirchen zugleich, ohne den Kopf zu drehen, und man versteht, warum diese Piazza als einer der schönsten mittelalterlichen Plätze Italiens gilt, ohne dass hier je jemand dieses Wort benutzen würde.
Ein Geruch nach frisch gebackenem Brot zieht aus einer Seitengasse herüber, bevor die Bäckerei überhaupt zu sehen ist. Jemand öffnet eine Metalljalousie mit einem kurzen, harten Rattern, das durch die leere Piazza hallt und sofort wieder verklingt. Danach ist es noch stiller als zuvor, als hätte das Geräusch die Stille erst sichtbar gemacht.
Die Fensterläden der Häuser um den Platz sind unterschiedlich gestrichen, Ocker, ein verblasstes Grün, ein Blau, das kaum noch als Blau erkennbar ist. Keine zwei gleich. Es gibt hier keinen Anspruch auf Einheitlichkeit, eher eine stille Übereinkunft, dass jedes Haus für sich stehen darf, solange es zum Ganzen passt.
Ein älterer Mann tritt aus einer Tür, in Unterhemd, eine Espressotasse in der Hand, und stellt sich einfach auf die Schwelle, um zu trinken. Er sieht mich, nickt kurz, sagt nichts. Es ist keine Unfreundlichkeit darin, eher die Selbstverständlichkeit eines Ortes, an dem Fremde nichts Besonderes sind, aber auch nichts, dem man sich sofort zuwenden müsste.
Der Besen des Mannes kratzt weiter über den Stein, ein monotones, fast beruhigendes Geräusch. Kleine Haufen aus Blättern und Papierresten sammeln sich am Rand der Piazza. Er arbeitet, ohne Hast, ohne sichtbares Ziel außer dem nächsten Meter Pflaster. Niemand beobachtet ihn außer mir, und selbst das scheint ihm gleichgültig zu sein.
Das Licht verändert sich langsam. Es rutscht über die Fassade von San Michele, findet die Reliefs über dem Portal, zwei stilisierte Löwen, die seit Jahrhunderten denselben Platz bewachen, ohne je müde zu werden. Ein Tourist mit Kamera würde jetzt fotografieren. Ich bleibe einfach sitzen und sehe zu, wie der Schatten der Kirche kürzer wird.
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Ort ansehen und einem Ort beiwohnen. Auf der Piazza Silvestri, um diese Uhrzeit, ist es eindeutig das Zweite. Niemand hier verlangt eine Reaktion von mir. Kein Schild erklärt, was ich gerade sehe. Die Kirchen stehen einfach da, seit über achthundert Jahren, und warten auf nichts.
Eine Frau kommt mit einem leeren Wasserkrug zum Brunnen, füllt ihn, ohne ein Wort zu verlieren, und geht wieder. Der Ablauf wirkt geübt, alltäglich, keine Geste für einen Betrachter. Ich frage mich, wie oft sie diesen Weg schon gegangen ist, und merke gleichzeitig, dass die Frage falsch gestellt ist. Sie geht ihn, weil er zu ihrem Tag gehört, nicht weil er gezählt werden müsste.
Der Mann mit dem Besen erreicht schließlich die Stufen von San Michele, direkt neben mir, und hält kurz inne. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl es noch nicht heiß ist. Dann sagt er etwas auf Italienisch, das ich nur zur Hälfte verstehe, etwas über den Tag, der noch lang wird. Ich nicke, als hätte ich alles verstanden, und er lacht kurz, als wüsste er es besser.
Was an diesem Morgen bleibt, ist kein Bild, das sich einrahmen lässt. Es ist eher die Summe kleiner, unabgeschlossener Vorgänge: ein Besen, ein Wasserkrug, eine Jalousie, ein Espresso im Stehen. Ein Ort, der sich einem Fremden nicht erklärt, sondern ihn einfach mitlaufen lässt, so wie man einen Gast in eine Küche stellt, ohne ihm zu sagen, wo das Salz steht.
In „Der Moment des Ankommens: Orte, die uns sammeln“ wird beschrieben, wie ein Platz jemanden aufnimmt, bevor er selbst weiß, dass er angekommen ist. Auf der Piazza Silvestri geschieht das nicht durch eine Geste des Ortes, sondern durch das Ausbleiben jeder Geste. Die Stadt tut nichts, um mich willkommen zu heißen, und genau darin liegt eine Art von Aufnahme, die keine Rolle von mir verlangt.
Später, als die ersten Rollläden der Cafés hochgezogen werden und ein Tisch nach dem anderen auf die Piazza gestellt wird, verändert sich der Ton des Platzes merklich. Stimmen kommen dazu, ein Motorroller knattert durch eine Seitengasse, jemand ruft einen Namen über zwei Stockwerke hinweg. Der stille Morgen kippt in einen gewöhnlichen Tag, und ich merke, dass ich diesen Übergang nicht verpassen wollte.
Ich stehe auf, weil die Stufen langsam wärmer werden und weil der Kaffeegeruch aus der Bäckerei zu verlockend geworden ist. Der Mann mit dem Besen ist inzwischen am anderen Ende der Piazza angekommen, ein kleiner werdender Fleck zwischen den Fassaden. Die Katze liegt jetzt in der Sonne neben dem Brunnen und rührt sich nicht mehr.
Auf dem Weg zur Bäckerei komme ich an einer schmalen Gasse vorbei, die steil zwischen zwei Häusern nach oben führt, ohne erkennbares Ziel. Ich gehe ein paar Schritte hinein, nur um zu sehen, wohin sie führt, und finde nichts als eine weitere, noch schmalere Gasse. Es ist eine Art von Enttäuschung, die keine ist, weil ich gar nichts erwartet hatte.
Der Kaffee ist bitter und stark, im Stehen getrunken, an einem Tresen aus abgewetztem Marmor. Der Bäcker fragt nicht, woher ich komme. Er schiebt mir ein Stück Focaccia hin, das ich nicht bestellt habe, und wendet sich schon dem nächsten Kunden zu. Es ist keine Großzügigkeit, die etwas beweisen will. Es ist einfach der Ablauf eines Vormittags, in den ich für ein paar Minuten hineingeraten bin.
Als ich zurück auf die Piazza trete, ist der Platz ein anderer geworden, voller, lauter, gewöhnlicher. Und doch bleibt etwas vom frühen Morgen darin liegen, als hätte die Stadt eine Erinnerung an ihre eigene Stille, auch wenn sie längst darüber hinweg ist.
Die Frau in der Cartiera
Am frühen Nachmittag, wenn die Hitze die Piazza leer gefegt hat, führt eine Gasse hinunter zum alten Wasserlauf, der einst die Papiermühlen der Stadt trieb. Vier alte Handwerke prägen bis heute das Selbstbild der Stadt: Papierschöpfer, Seidenweber, Kerzenzieher und Maler. Jedes Jahr im Juni stellt die Stadt beim Mercato delle Gaite ihre eigene Vergangenheit nach, ohne Strom, ohne moderne Werkzeuge, tagelang.
Die Tür zur Werkstatt steht offen, mehr aus Notwendigkeit als aus Einladung, denn drinnen ist es stickig. Eine Frau steht an einem flachen Becken, aus dem sie ein Sieb hebt, langsam, gleichmäßig, ein dünner Film aus nasser Papiermasse darauf. Sie sieht kurz auf, als ich in der Tür stehenbleibe, sagt aber nichts, sondern kippt das Sieb mit einer Bewegung, die tausendfach geübt wirkt.
Ich frage, ob ich zusehen darf, auf einem Italienisch, das mehr Geste als Sprache ist. Sie nickt, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Der Raum riecht nach nassem Papier, nach Leim, nach etwas Süßlichem, das ich nicht zuordnen kann. An der Wand hängen Bögen zum Trocknen, unregelmäßig in Form und Dicke, jeder anders als der vorherige.
Sie erklärt, während sie arbeitet, ohne dass ich danach gefragt hätte, dass ihre Großmutter schon in dieser Werkstatt stand, und deren Mutter davor. Die Sätze kommen beiläufig, zwischen zwei Bewegungen, als wären sie nicht für mich bestimmt, sondern nur laut gedacht. Ich verstehe nicht jedes Wort, aber den Rhythmus, mit dem sie erzählt, verstehe ich sehr genau.
Manche Orte erklären sich nicht. Sie lassen einen nur eine Weile mitgehen.
Ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, taucht aus einem Hinterraum auf, mit Papierresten in der Hand, die er offenbar als Spielzeug benutzt. Die Frau ruft ihm etwas zu, streng, aber ohne echten Ärger, und er verschwindet wieder, nicht ohne mir vorher einen kurzen, neugierigen Blick zuzuwerfen. Es ist die einzige Reaktion in diesem Raum, die eindeutig mir gilt.
Auf einem Regal stehen fertige Bögen, zum Verkauf gestapelt, mit dem Wasserzeichen der Stadt. Ich nehme einen in die Hand, mehr aus Reflex als aus Kaufabsicht, und spüre, wie ungleichmäßig die Oberfläche ist, an manchen Stellen dicker, an anderen fast durchsichtig. Kein industrielles Papier hat diese Unruhe in sich.
Die Frau bemerkt meinen Blick und sagt etwas, das ich erst beim zweiten Versuch verstehe: dass die Unregelmäßigkeit kein Fehler sei, sondern das eigentliche Zeichen der Handarbeit. Ein Satz, der zu einfach klingt, um wahr zu sein, und der trotzdem genau das trifft, was ich in der Hand halte.
Ich frage, ob sie das Handwerk auch außerhalb der Festivalzeit betreibt, oder nur zum Mercato delle Gaite. Sie zuckt mit den Schultern, eine Geste, die mehr sagt als jede Antwort, und meint dann, dass die Unterscheidung für sie keinen Sinn ergibt. Die Hände wüssten es ohnehin nicht anders, sagt sie, ob Festival oder gewöhnlicher Dienstag.
Ein Missverständnis schiebt sich in unser Gespräch, ohne dass ich es sofort bemerke. Ich frage nach dem Preis eines Bogens, sie antwortet mit einer Zahl, die viel zu niedrig klingt, und ich frage nach, ob sie den Betrag vielleicht falsch gesagt hat. Sie schaut mich verwirrt an, wiederholt die gleiche Zahl, und irgendwann lassen wir das Thema einfach fallen, ungeklärt.
Draußen vor dem Fenster fährt ein Traktor vorbei, viel zu groß für die schmale Gasse, und für einen Moment verdunkelt sich der Raum. Die Frau reagiert nicht darauf, als wäre dieses Geräusch Teil des normalen Tagesablaufs, was es vermutlich auch ist. Ich zucke zusammen, sie nicht.
In „Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt“ wird von jenen kurzen, flüchtigen Begegnungen erzählt, die keinen Anfang und kein Ende im klassischen Sinn haben. Dieses Gespräch in der Cartiera gehört zu dieser Kategorie. Es beginnt mitten in ihrer Arbeit und endet, ohne dass irgendjemand es beendet hätte, einfach weil ihre Hände zum nächsten Sieb greifen.
Ich bezahle den viel zu niedrigen Preis, den sie genannt hat, weil ich nicht weiß, wie ich das Missverständnis sonst auflösen sollte. Sie wickelt den Bogen in dünnes Papier, mit einer Sorgfalt, die in keinem Verhältnis zum Preis steht, und reicht ihn mir, ohne ein Wort des Abschieds.
Auf dem Rückweg zur Piazza denke ich über das Gespräch nach und merke, dass ich weder ihren Namen kenne noch den ihres Sohnes. Es fühlt sich nicht wie eine Lücke an, eher wie ein Detail, das gar nicht zur Sache gehört hat. Manche Begegnungen brauchen keinen Namen, um vollständig gewesen zu sein.
Die Hitze steht jetzt schwer zwischen den Häusern, fast greifbar. Ein Hund liegt quer über der Gasse, im schmalen Schatten einer Hauswand, und rührt sich nicht, als ich um ihn herumgehe. Irgendwo klappert Geschirr, jemand bereitet zu Mittag, ohne dass Küchengerüche bis auf die Straße dringen.
Ich bleibe kurz an der Stelle stehen, an der der alte Wasserlauf sichtbar wird, ein schmaler, fast ausgetrockneter Kanal zwischen zwei Grundstücken. Vor Jahrhunderten trieb dieses Rinnsal die Räder der Papiermühlen. Heute wächst Unkraut aus den Fugen, und niemand scheint das als Verlust zu empfinden.
Das Papier in meiner Tasche fühlt sich schwerer an, als es ist. Nicht wegen seines Gewichts, sondern wegen der Geschichte, die jetzt daran hängt, ohne dass ich sie weitererzählen müsste. Ein Gegenstand, der niemandem etwas beweisen muss, um bei mir zu bleiben.
Als ich zurück auf die Piazza komme, sind die Cafétische inzwischen fast alle besetzt, Teller mit Pasta, Gläser mit kühlem Wein, Stimmen, die sich überlagern. Der Vormittag mit dem Besen, der Brunnen, die stille Werkstatt, all das liegt schon eine gefühlte Ewigkeit zurück, obwohl seit dem Torbogen erst wenige Stunden vergangen sind.
Unter der Piazza
Ein handgeschriebenes Schild neben einer unscheinbaren Tür am Rand der Piazza weist auf die Mosaici Romani hin, mit einem Pfeil, der nach unten zeigt, als führte er in einen Keller und nicht in die Antike. Eine junge Frau an einem kleinen Tisch verkauft Eintrittskarten, mehr gelangweilt als geschäftig, und deutet auf eine steile Treppe hinter sich.
Der Abstieg dauert nur wenige Sekunden, aber die Temperatur fällt spürbar, feucht und kühl, ein Kontrast, der den Körper mehr überrascht als der Anblick selbst. Unten liegt ein einziger Raum, niedrig, aus Stein, mit einem Boden aus Mosaiksteinchen, die seit fast zweitausend Jahren dort liegen, wo Römer sie einst verlegt haben.
Delfine, ein Oktopus, geometrische Muster in Schwarz und Weiß, alles unter einer schwachen Beleuchtung, die eher an eine Werkstatt erinnert als an ein Museum. Kein Absperrband, keine Vitrine, nur ein schmaler Steg aus Holz, über den man den Raum umrunden kann, ohne die Steine zu berühren.
Über diesem Frigidarium, dem kalten Baderaum einer römischen Therme, liegt heute ein gewöhnliches Wohnhaus. Jemand geht dort oben gerade über den Boden, man hört gedämpfte Schritte durch die Decke, ein Alltag, der über einer versunkenen Vergangenheit weitergeht, ohne sich davon stören zu lassen.
Ich stehe eine Weile allein in diesem Raum, weil sonst niemand die Treppe heruntergekommen ist. Die Stille hier unten ist anders als die auf der Piazza am frühen Morgen. Sie hat kein Wasser, keinen Vogel, keinen Besen. Nur das leise Summen einer alten Lüftung und das gelegentliche Knarren der Dielen über mir.
Mevania hieß dieser Ort, bevor er Bevagna wurde, eine Station an der Via Flaminia, mit Thermen, einem Theater, dessen Rundung sich bis heute im Bogen später gebauter Häuser ablesen lässt. Von alldem ist über der Erde fast nichts geblieben. Was blieb, liegt hier, unter einem Keller, unter einem Wohnhaus, unter dem gewöhnlichen Leben einer Stadt, die längst andere Dinge zu tun hat.
Ein Riss zieht sich quer durch eines der Mosaikfelder, ungeflickt, wahrscheinlich seit einem Erdbeben vor Jahrhunderten. Niemand hat versucht, ihn zu kaschieren. Die Delfine schwimmen weiter über den Riss hinweg, unbeeindruckt von der Grenze, die mitten durch sie verläuft.
Was unter einer Stadt liegt, verlangt nicht, gesehen zu werden. Es liegt einfach da, seit langer Zeit.
In „Dijon: Die Stille einer alten Straße“ geht es um ein ähnliches Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, dort oberirdisch, in einer alten Handelsstraße, die weiterlebt, ohne ihre Geschichte auszustellen. Hier unter der Piazza Silvestri liegt dieselbe Erfahrung buchstäblich übereinandergeschichtet, Stockwerk für Stockwerk, Jahrhundert für Jahrhundert.
Ich zähle die Minuten nicht, die ich hier unten verbringe, aber es müssen mehr sein, als ich vorhatte. Die Kassiererin oben ruft irgendwann etwas die Treppe hinunter, vermutlich eine Frage, ob alles in Ordnung sei, und ich rufe zurück, dass ich gleich komme, ohne mich wirklich zu beeilen.
Beim Hinaufsteigen blendet das Tageslicht für einen Moment, hart und weiß nach der gedämpften Dunkelheit unten. Die Piazza empfängt mich lauter, als ich sie verlassen habe, mit dem Klirren von Besteck, einem Kinderlachen von irgendwo, dem Motor eines Lieferwagens, der rückwärts in eine Gasse einbiegt.
Ich setze mich an einen freien Tisch vor einem der Cafés, ohne wirklich Hunger zu haben, nur um noch eine Weile hier zu bleiben, bevor der Nachmittag in den Abend kippt. Der Kellner bringt Wasser, ohne dass ich danach gefragt habe, stellt es einfach ab und verschwindet wieder.
Die Sonne steht jetzt tiefer, wirft lange Schatten der Kirchtürme quer über den Platz, bis fast zum Brunnen. Der Mann mit dem Besen ist nirgends mehr zu sehen. Vermutlich hat er längst Feierabend, oder er kehrt gerade an einem anderen Ende der Stadt, das ich nicht sehe.
Eine ältere Frau am Nachbartisch spricht mit ihrer Enkelin über etwas, das ich nicht verstehe, aber am Tonfall erkenne ich eine milde Ermahnung, die die Enkelin mit hochgezogenen Schultern abtut. Ein winziger, universeller Streit, der überall auf der Welt gleich klingt, egal in welcher Sprache.
Ich denke an das Papier in meiner Tasche, an die Mosaike unter meinen Füßen, an einen Besen, der längst weitergezogen ist. Nichts davon lässt sich zu einer runden Geschichte zusammenfügen, und ich merke, dass ich das auch nicht versuchen möchte. Manche Tage bleiben ein loses Nebeneinander, kein Bogen.
Das Theater im Ratspalast
Gegen Abend fällt mir am alten Ratspalast der Piazza eine Seitentür auf, die ich am Morgen übersehen habe. Erst die kleine Messingtafel daneben verrät, dass sich im Obergeschoss ein Theater verbirgt, das Teatro Francesco Torti, eingerichtet im Palazzo dei Consoli aus dem dreizehnten Jahrhundert und 1886 in seiner heutigen Form neu gestaltet. Die Tür steht einen Spalt offen, Licht fällt in einem schmalen Streifen auf das Pflaster.
Drinnen ist es dunkel, bis sich die Augen an das gedämpfte Licht gewöhnen, und dann öffnet sich ein winziger Saal, kaum größer als ein Wohnzimmer, mit Logenrängen aus Holz, die sich in engen Kurven übereinanderstapeln. Wo einst die Konsuln der Stadt tagten, sitzt heute das Publikum. Die Mauern sind dieselben geblieben, nur die Nutzung hat sich verändert.
Ein Mann steht allein auf der kleinen Bühne, mit einem Klemmbrett in der Hand, und probt offenbar Lichteinstellungen für etwas, das erst in den kommenden Wochen aufgeführt wird. Er bemerkt mich in der Tür, hebt kurz die Hand, eine Geste, die sowohl Gruß als auch Erlaubnis bedeuten kann, und richtet seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf einen Scheinwerfer über sich.
Das Licht wechselt mehrmals, von warmem Gelb zu einem kühlen Blau und wieder zurück, während er etwas in sein Klemmbrett notiert. Der Saal fasst nur rund zweihundertfünfzig Menschen, und trotzdem, sagt er mir später, ohne dass ich danach gefragt hätte, sei hier schon Oper gesungen worden, mit derselben Ernsthaftigkeit wie in den großen Häusern Roms oder Mailands.
Ich setze mich in eine der unteren Logen, auf eine Bank, deren rote Polsterung an den Kanten durchgesessen ist, und lasse den leeren Saal auf mich wirken. Es gibt etwas Widersprüchliches an einem Ort, an dem einmal über die Geschicke der Stadt entschieden wurde und an dem heute Stimmen erklingen, die nur für eine Aufführung existieren und danach wieder verklingen.
Manche Räume behalten ihre Form, auch wenn sich alles andere an ihnen ändert.
Der Mann auf der Bühne unterbricht seine Arbeit kurz, zündet sich draußen vor der Tür eine Zigarette an, kommt zurück und fragt mich beiläufig, ob ich aus Deutschland komme. Als ich bejahe, erzählt er, ohne dass ein Gespräch daraus wird, von einem Sommer vor Jahren, den er selbst einmal in der Nähe von Hamburg verbracht hat, kalt sei es gewesen, aber schön.
Er kehrt zu seiner Arbeit zurück, ohne die Unterhaltung fortzuführen, und ich verstehe das nicht als Abweisung. Es ist einfach das Ende eines Satzes, der nichts weiter nach sich ziehen muss. Draußen wird es langsam dunkel, man merkt es an dem Licht, das durch den schmalen Türspalt hereinfällt und allmählich seine Farbe verliert.
Eine Frau kommt herein, offenbar seine Kollegin, mit einer Kiste voller Kabel, die sie ohne ein Wort neben die Bühne stellt. Die beiden arbeiten eine Weile nebeneinander, kurze Sätze, ein Lachen, das ich nicht einordnen kann, weil mir der Zusammenhang fehlt. Ich bin nur Zuschauer eines Vorgangs, der nicht für mich bestimmt ist und trotzdem etwas mit mir macht.
Als ich schließlich aufstehe, um zu gehen, bemerkt der Mann es kaum. Er hebt kurz die Hand, dieselbe Geste wie zu Beginn, und wendet sich wieder dem Scheinwerfer zu, der jetzt in einem satten Rot leuchtet. Die Tür fällt hinter mir mit einem dumpfen Laut ins Schloss, und die Straße draußen liegt bereits im Blau der beginnenden Nacht.
Ich gehe zurück zur Piazza, die jetzt von den Lichtern der Cafés erhellt wird, gelb und warm gegen den dunkleren Himmel. Der Brunnen läuft immer noch, unverändert, gleichgültig gegenüber der Tageszeit. Die beiden Kirchen wirken jetzt massiger, dunkler, als hätten sie den ganzen Tag nur darauf gewartet, dass das Licht sie wieder loslässt.
Unter dem Torbogen, durch den ich am Morgen gekommen bin, bleibt es kühl, selbst jetzt am Abend. Das Efeu hat sich seit dem Morgen kaum bewegt. Ich drehe mich kurz um, bevor ich hindurchgehe, und sehe die Piazza ein letztes Mal, hell, belebt, ohne jede Erwartung an mich.
Draußen vor dem Bogen liegt die Straße, die weiter nach Foligno führt, oder in die andere Richtung nach Cannara, wo Franz von Assisi der Überlieferung nach seine Predigt an die Vögel gehalten haben soll, wenige Kilometer von hier entfernt. Mir wäre in diesem Moment jede der beiden Richtungen recht. Ich gehe los, ohne mich zu entscheiden, welche es sein soll, und lasse die Stadt hinter mir zurück, ohne dass sie danach fragt, wohin ich gehe.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.