Wege, die keinen Übergang brauchen.
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Ombra Celeste Magazin
Im Neuen Museum in Berlin führt eine Treppe aus hellem Beton nach oben, und an manchen Tagen gehört sie ausgerechnet denen, die gar nicht oben ankommen wollen.
Die Aufsicht
Ihr Stuhl steht auf dem ersten Absatz, links, mit dem Rücken zur Wand. Ein schlichter Stuhl mit grauem Polster, wie es ihn in jedem Museum gibt. Daneben ein kleines Pult für das Funkgerät und eine Flasche Wasser, die sie während der Schicht kaum anrührt. Von hier aus sieht sie die Treppe hinauf und hinunter. Mehr muss sie nicht sehen.
Die Treppenhalle im Neuen Museum ist eine der großen Gesten der Berliner Museumsinsel. Ein breiter, heller Lauf aus Betonfertigteilen, gemischt aus Weißzement und sächsischem Marmor, steigt zwischen alten, ausgeräumten Ziegelwänden auf. Das Haus war im Krieg schwer zerstört und stand jahrzehntelang als Ruine. Seit 2009 ist es wieder offen, wiederaufgebaut nach Plänen des britischen Architekten David Chipperfield. Die Treppe ist neu. Die Wände sind es nicht.
Die Frau auf dem Stuhl arbeitet seit elf Jahren hier. Das sagt sie, wenn jemand fragt, und es fragt öfter jemand, als man denken würde. Sie hat graue, kurz geschnittene Haare, eine Brille an einer Kette und ein Namensschild, das sie mit einem Pflaster überklebt hat. Warum, hat sie nie erklärt. Niemand traut sich, nachzuhaken.
Sie kennt die Treppe am Geräusch. Turnschuhe quietschen auf der dritten Stufe von unten, weil dort, sagt sie, die Putzmaschine morgens immer etwas länger stehen bleibt. Absätze klingen anders, je nachdem, ob jemand hinauf oder hinunter geht. Hinauf ein Klopfen. Hinunter ein Tropfen. Kinderwagen hört sie, bevor sie sie sieht, weil Eltern sie immer am Fuß der Treppe stehen lassen und dann zögern.
An diesem Nachmittag ist es ruhig. Ein Paar geht an ihr vorbei, beide mit Audioguides am Ohr, beide in unterschiedlichen Kapiteln. Er bleibt stehen und zeigt auf etwas an der Wand. Sie hört gerade etwas anderes, nickt trotzdem und geht weiter. Er bleibt allein mit seiner Wand zurück. Die Aufsicht bemerkt es, sagt nichts und schiebt die Brille hoch.
Die Ziegel in der Halle sind uneben, an manchen Stellen geschwärzt, an anderen ausgebrochen. Man sieht, wo früher Verkleidungen saßen, wo Haken steckten, wo eine Säule gestanden haben muss. Gegen diese Wände wirkt der helle Beton beinahe zu glatt, wie ein frisch gewaschenes Hemd in einem alten Schrank. Gerade das macht die Halle aus. Das Alte und das Neue reden hier nicht miteinander. Sie stehen nur nebeneinander und dulden sich.
Elf Jahre auf einem Treppenabsatz, und sie sagt, sie sei noch nie oben gewesen, wenn sie nicht musste.
Das ist natürlich übertrieben. Sie war oft oben, bei Schichtwechseln, bei Proben für den Feueralarm, bei der Weihnachtsfeier. Aber in dem Sinn, in dem die Besucher oben sind, war sie es nie. Sie hat die Nofretete gesehen, einmal, an ihrem ersten Tag, eine Viertelstunde lang. Danach nicht mehr. Sie sagt, die Büste laufe ihr ja nicht weg.
Ihr Arbeitsplatz ist ein Durchgang. Jeder, der an ihr vorbeikommt, will woandershin. Nach oben zu den Ägyptern, nach unten zur Garderobe, zur Toilette, zum Café. Nur sie bleibt. Wer acht Stunden am Tag auf einem Übergang sitzt, sagt sie, merkt irgendwann, dass der Übergang auch ein Ort ist. Dann lacht sie, weil der Satz klüger klang, als sie ihn gemeint hat.
Um Viertel nach drei kommt ein Kollege die Treppe herunter und bringt ihr einen Kaffee in einem Pappbecher. Getränke sind in den Ausstellungsräumen verboten. Auf dem Absatz offenbar nicht, oder jedenfalls nicht, solange niemand hinsieht. Sie trinkt zwei Schlucke, stellt den Becher hinter das Pult, und der Kollege geht wieder hinauf, zwei Stufen auf einmal.
Sie schaut ihm nach. Auf halber Höhe stolpert er, fängt sich am Handlauf, dreht sich um, ob sie es gesehen hat. Sie hat es gesehen. Sie hebt den Daumen. Er tut, als wäre er absichtlich gestolpert, und verschwindet nach oben. Unten an der Treppe stehen inzwischen zwanzig Kinder mit Rucksäcken und einem Mann, der seine Stimme schon jetzt nicht mehr ganz unter Kontrolle hat.
Die Klasse
Es ist eine siebte Klasse, vielleicht eine achte, aus einer Stadt, deren Namen auf den Rucksäcken nicht steht, aber auf dem Gesicht des Lehrers. Er hat die Klasse durch das Foyer gebracht, durch die Garderobe, an der Kasse vorbei, und jetzt stehen sie am Fuß der großen Treppe, und er will sie hinaufbringen. Zur Nofretete. Dafür sind sie gekommen.
Die ersten drei Schüler gehen tatsächlich hinauf, vielleicht zehn Stufen. Dann setzt sich einer hin. Ein Junge mit Kopfhörern um den Hals, die nicht eingesteckt sind. Er setzt sich einfach, mitten auf die Treppe, die Arme auf den Knien. Die anderen sehen das, und es ist, als hätte jemand ein Signal gegeben. Innerhalb von einer Minute sitzen fast alle.
Sie sitzen über die ganze Breite des Laufs verteilt, auf verschiedenen Höhen, manche allein, manche in Grüppchen, manche mit dem Rücken zur Treppe und dem Gesicht zur Halle. Eine Tribüne ist entstanden, die niemand geplant hat. Von unten sieht es aus wie ein Klassenfoto, bei dem der Fotograf vergessen hat, Bescheid zu sagen.
Der Lehrer steht unten und ruft. Er ruft zuerst freundlich, dann bestimmt, dann mit einem Unterton, den alle Lehrer der Welt kennen und alle Schüler der Welt ignorieren. Niemand steht auf. Ein Mädchen in der vierten Reihe zieht eine Packung Kekse aus der Jacke und verteilt sie nach links und rechts. Die Aufsicht sieht es. Die Aufsicht sieht weg.
Wovon die Schüler reden, ist von unten nicht zu verstehen. Es hallt zu sehr. Jedes Wort wird zwischen den Ziegeln in die Länge gezogen, sodass nur ein Klangteppich übrig bleibt, aus dem ab und zu ein Lachen aufsteigt. Die Halle macht aus zwanzig Gesprächen eines. Wer genauer hinhört, könnte meinen, die Klasse rede über die Treppe.
Tut sie nicht. Sie redet über das Mittagessen, über einen Lehrer, der heute nicht dabei ist, über ein Video. Aber sie redet auf dieser Treppe darüber, und das ist etwas anderes, als im Bus darüber zu reden. Wer zwischen zwei Etagen sitzt, hat für eine Weile weder das eine noch das andere zu erledigen. Wie viel zwischen zwei Schritten Platz hat, steht in „Zwischen zwei Schritten liegt eine Welt.“. Diese Klasse hatte zwanzig Schritte und nutzte jeden davon.
Der Lehrer versucht es mit einer neuen Strategie. Er geht selbst hinauf, an den Schülern vorbei, ganz nach oben, und ruft von dort. Er hofft offenbar, die Klasse werde ihm folgen wie Entenküken. Sie folgt ihm nicht. Sie dreht nur die Köpfe nach oben und sieht ihn an, als stünde er auf einer Bühne. Jemand klatscht. Andere klatschen mit.
Der Lehrer verbeugt sich. Das ist der Moment, in dem er gewinnt, ohne es zu merken. Die Schüler lachen, diesmal nicht über ihn, und ein paar stehen auf. Dann noch ein paar. Es ist kein Gehorsam. Es ist eher, als hätten sie beschlossen, dass er sich das verdient hat. Langsam zieht die Klasse die Treppe hinauf, in Wellen, und die Kekse wandern mit.
Ganz oben, am Ende des Laufs, dreht sich der Junge mit den Kopfhörern noch einmal um. Er schaut die Treppe hinunter, die jetzt leer ist bis auf ein paar Kekskrümel auf der zwölften Stufe. Er sieht aus, als wollte er etwas sagen. Dann zieht ihn ein Freund am Ärmel, und er ist weg.
Die Aufsicht steht auf, geht die zwölf Stufen hinauf, bückt sich und sammelt die Krümel in die hohle Hand. Sie trägt sie zu ihrem Pult und lässt sie in den leeren Pappbecher fallen. Dann setzt sie sich wieder. Am Fuß der Treppe steht ein älterer Mann und betrachtet die erste Stufe, als sei sie ein Ausstellungsstück.
Der Zähler
Er ist über achtzig, mit einem Stock, den er nicht wirklich braucht, und einem Hut, den er im Museum nicht abgenommen hat. Er trägt einen hellen Mantel, zu warm für den Tag, und Schuhe, die frisch geputzt sind. Er stellt den Stock an die erste Stufe, setzt den rechten Fuß darauf und sagt halblaut: Eins.
Er steigt langsam. Bei jeder Stufe sagt er die Zahl, nicht laut, aber deutlich. Zwei. Drei. Vier. Es klingt nicht angestrengt. Es klingt wie jemand, der einen Text aufsagt, den er gut kennt. Bei der dritten Stufe quietscht nichts, weil er keine Turnschuhe trägt. Die Aufsicht hört trotzdem genau hin.
Am ersten Absatz bleibt er stehen, neben ihrem Stuhl. Er nickt ihr zu, sie nickt zurück. Sie kennen sich, wie sich zeigt. Er kommt jeden zweiten Donnerstag. Heute ist Samstag, sagt sie. Er sagt, das wisse er, aber am Donnerstag habe sein Knie nicht gewollt. Dann schaut er die nächste Etappe hinauf und rechnet.
Er kommt nicht wegen der Nofretete und nicht wegen der Ägypter. Er kommt wegen der Treppe, und die zählt er.
Das erzählt er, als ich zufällig in der Nähe stehe. Er war Bauingenieur, sagt er, sein ganzes Berufsleben lang. Er hat Brücken gerechnet, Treppen, Decken, einmal ein Parkhaus, auf das er nicht stolz ist. Als er hörte, dass die Treppe im Neuen Museum aus vorgefertigten Betonteilen besteht, gegossen und dann gesetzt, wollte er wissen, ob man das sieht.
Man sieht es, sagt er. Wenn man weiß, wo man hinschauen muss. Er zeigt mit dem Stock auf eine feine Fuge an der Wange der Treppe, so fein, dass ich sie ohne ihn nie bemerkt hätte. Er sagt, das sei gut gemacht. Er sagt es mit dem Respekt eines Mannes, der weiß, wie schwer es ist, etwas so zu bauen, dass es aussieht, als sei es einfach so entstanden.
Für ihn ist diese Treppe keine Verbindung zwischen zwei Etagen. Sie ist eine Rechnung, die aufgegangen ist. Jede Stufe hat dieselbe Höhe, jede dieselbe Tiefe, und der Körper merkt das, auch wenn der Kopf nicht darauf achtet. Wie ein Gedanke gebaut sein kann, Stück für Stück, bis er trägt, beschreibt „Die Architektur eines Gedankens“. Der alte Mann hätte gesagt: Eine Treppe ist ein Gedanke, den man mit den Füßen versteht.
Er steigt weiter. Elf. Zwölf. Er verzählt sich bei siebzehn, sagt achtzehn, bleibt stehen, schüttelt den Kopf und fängt die Etappe nicht neu an. Er zählt einfach weiter, mit dem falschen Ergebnis. Das sei egal, sagt er über die Schulter, die Zahl kenne er ja. Er habe nur wissen wollen, ob er sie noch zusammenbekommt.
Ich frage ihn, wie viele es sind. Er bleibt stehen, dreht sich halb um, mustert mich unter dem Hut und sagt: Zählen Sie selbst. Dann geht er weiter. Ich weiß bis heute nicht, ob das ein Witz war oder eine Lektion. Vermutlich beides, und vermutlich findet er, das sei dasselbe.
Oben angekommen, dreht er sich um, schaut die ganze Treppe hinunter, so wie vorhin der Junge mit den Kopfhörern. Er steht eine Weile so, eine Hand am Stock, die andere am Hut. Dann dreht er sich nicht nach rechts zu den Ausstellungsräumen. Er setzt den Fuß auf die erste Stufe nach unten und beginnt mit dem Abstieg.
Er zählt auch abwärts. Ich höre ihn bis zum Absatz. Dort bleibt er bei der Aufsicht stehen, sagt etwas, das ich nicht verstehe, und sie lacht laut, zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Dann geht er weiter hinunter, Stufe für Stufe, und verschwindet zur Garderobe, ohne einen einzigen Saal betreten zu haben.
Auf halber Höhe
Ich war wegen der Nofretete gekommen, wie alle. Ich hatte die Eintrittskarte in der Hand, den Plan des Hauses in der Jackentasche, und ich wusste ungefähr, wo sie stand. Ich hatte mir vorgenommen, eine Stunde zu bleiben und dann noch einen Kaffee zu trinken, irgendwo am Wasser. Ein ordentlicher Plan für einen Samstag in Berlin.
Dann sah ich die Klasse auf der Treppe sitzen, und ich blieb unten stehen, um zuzusehen. Dann kam der Mann mit dem Hut, und ich ging ein paar Stufen hinter ihm her, um zu hören, was er zählte. Jetzt stand ich auf dem zweiten Absatz, auf halber Höhe, und hatte vergessen, warum ich eigentlich nach oben wollte.
Ich legte die Hand auf den Handlauf. Er war kühl und glatter als erwartet, beinahe weich, wie ein Stein, der lange im Wasser gelegen hat. Ich strich mit dem Daumen darüber und suchte die Fuge, die der Ingenieur mir gezeigt hatte. Ich fand sie nicht. Ich fand stattdessen eine kleine, matte Stelle, wo vermutlich Tausende vor mir dieselbe Bewegung gemacht hatten.
Von oben fiel Licht in die Halle, nicht hell, eher wie Licht, das schon durch mehrere Hände gegangen ist. Auf den Ziegeln lag es warm, auf dem Beton kühl, und auf der Treppe dazwischen machte es aus jeder Stufe einen hellen Streifen und einen Schatten darunter. Ein Mann zwei Stufen über mir fotografierte diese Streifen, ging in die Hocke, fotografierte noch einmal und sah dann ratlos auf sein Display, als hätte die Treppe sich geweigert.
Unten saß die Aufsicht und trank den Rest ihres kalten Kaffees. Sie sah zu mir herauf. Ich stand inzwischen sicher fünf Minuten auf demselben Absatz, und das war offenbar lange genug, um ihr aufzufallen. Sie hob die Hand und zeigte nach oben, dann nach links. Dann sagte sie, laut genug, dass es durch die Halle ging: Die Nofretete steht oben.
Zwei Touristen auf der Treppe drehten sich zu mir um. Ich nickte, als hätte ich das selbstverständlich gewusst, als hätte ich nur kurz verschnauft. Ich spürte, wie ich rot wurde, und ärgerte mich darüber, rot zu werden, was es nicht besser machte. Die Aufsicht hatte sich schon wieder ihrem Becher zugewandt. Für sie war die Sache erledigt.
Ich ging trotzdem nicht hinauf. Ein kleiner Rest Trotz war sicher dabei. Jetzt hinaufzugehen hätte ausgesehen wie bei jemandem, dem man gerade den Weg gezeigt hat, und das wollte ich nicht. Die Büste lief mir ja nicht weg. Den Satz hatte ich heute schon einmal gehört.
Ich setzte mich auf die oberste Stufe des Absatzes, ungefähr dort, wo vorhin das Mädchen mit den Keksen gesessen hatte. Der Beton war kühl durch die Hose. Unter mir lag die Halle, die ganze Breite der Treppe, die Ziegel, das Pult der Aufsicht, ein Stück Foyer. Über mir nur noch Stufen und das Licht.
Eine Frau mit zwei kleinen Kindern kam an mir vorbei. Das eine Kind fragte, warum der Mann da sitzt. Die Mutter sagte, er ruhe sich aus. Das Kind sagte, er sehe nicht müde aus. Die Mutter sagte nichts mehr und zog das Kind weiter. Das Kind schaute noch zweimal zurück. Ich winkte. Es winkte nicht zurück.
Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort gesessen habe. Lange genug, dass sich das Licht auf den Ziegeln verschob. Lange genug, um mitzuzählen, wie viele Leute an mir vorbeigingen und dabei die Halle ansahen. Es waren zwei. Alle anderen schauten beim Hinaufgehen nach oben und beim Hinuntergehen auf ihre Füße. Einer der beiden war ein Kind, das rückwärts ging und dafür von seinem Vater ermahnt wurde.
Irgendwann kam der Kollege mit dem Stolperer wieder herunter, diesmal langsam, eine Stufe nach der anderen. Als er an mir vorbeiging, sagte er leise: Hier oben ist es ruhiger als in den Sälen. Ich sagte, das hätte ich gemerkt. Er nickte und ging weiter, als hätten wir uns etwas anvertraut, das man niemandem erzählt.
Die Durchsage
Um halb sechs kam die Durchsage. Eine ruhige, freundliche Stimme, erst auf Deutsch, dann auf Englisch: Das Museum schließt in einer halben Stunde. In der Halle klang die Stimme seltsam, als käme sie aus den Ziegeln selbst. Auf der Treppe kam Bewegung auf. Besucher aus den oberen Sälen strömten herunter, schneller als vorher, mit Taschen und Plänen.
Ich blieb sitzen und ließ sie an mir vorbei. Sie gingen alle in dieselbe Richtung, und keiner sah mich an. Die Klasse kam herunter, in einer langen, lauten Kette, der Lehrer am Ende, die Arme voller Jacken, die nicht seine waren. Der Junge mit den Kopfhörern hatte sie jetzt eingesteckt. Er bemerkte mich nicht.
Unten stand die Aufsicht von ihrem Stuhl auf. Sie legte das Funkgerät in eine Tasche, steckte die Wasserflasche ein, warf den Pappbecher in einen Mülleimer, der hinter einer Säule versteckt war. Dann drehte sie sich um und sah die Treppe hinauf. Es war der Blick, mit dem man ein Zimmer prüft, bevor man das Licht ausmacht.
Elf Jahre lang ist sie jeden Abend als Letzte diese Treppe hinuntergegangen. Sie hat dabei nie gezählt.
Sie stieg hinauf, an mir vorbei, bis ganz nach oben, um zu sehen, ob in den Sälen noch jemand war. Ich hörte ihre Schritte über mir verschwinden. Dann war es für ein paar Minuten fast still in der Halle, nur das Klappern von Absätzen unten im Foyer und irgendwo eine Tür, die sich schloss. Ich war der Einzige auf der Treppe.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, allein auf einer so großen Treppe zu sitzen. Nicht feierlich. Eher, als hätte man mich versehentlich in einem Theater nach der Vorstellung eingeschlossen und als könnte ich jetzt auf die Bühne. Ich stand auf, ging drei Stufen hinunter, dann zwei hinauf, nur um zu hören, wie es klang. Hinauf ein Klopfen. Hinunter ein Tropfen.
Dann kam die Aufsicht zurück, von oben, langsam, mit der Tasche über der Schulter. Sie sah mich, und für einen Moment dachte ich, sie werde mich jetzt höflich nach draußen bitten. Sie tat es nicht. Sie blieb neben mir stehen, auf derselben Stufe, und sagte: Sie waren nicht oben. Es war keine Frage.
Ich sagte, nein. Sie nickte. Dann sagte sie, das hätten schon mehr Leute so gemacht, als man denke. Manche kämen jahrelang und gingen nie hinauf. Manche kämen nur, um auf dieser Treppe zu sitzen. Sie hätte da eine Liste im Kopf. Ich wollte fragen, ob ich jetzt darauf stehe. Ich fragte es nicht.
Wir gingen zusammen hinunter. Sie ging vor, ich ein, zwei Stufen dahinter, aus einer Art Respekt, den ich mir nicht erklären konnte. Auf dem ersten Absatz blieb sie kurz bei ihrem leeren Stuhl stehen und schob ihn mit dem Fuß zwei Zentimeter näher an die Wand. Dann ging sie weiter. Die dritte Stufe von unten quietschte nicht. Ich trug ja keine Turnschuhe.
Unten an der Treppe drehte ich mich noch einmal um. Die Halle lag jetzt im Abendlicht, die Ziegel dunkler, der Beton fast weiß. Der Lauf stieg leer nach oben, als hätte er nie jemanden getragen. Irgendwo dort oben stand die Nofretete in ihrem Saal, mit ihrem einen Auge, und wartete auf niemanden, wie sie es seit Jahrtausenden tut.
An der Garderobe gab mir ein junger Mann den Schirm zurück, den ich bei der Ankunft abgegeben hatte. Er fragte, wie es gewesen sei, so wie man fragt, wenn man die Antwort nicht braucht. Ich sagte, gut. Er fragte, ob ich sie gesehen hätte. Er musste nicht sagen, wen. Ich sagte, nein. Er sah kurz auf, holte Luft und schob mir dann nur den Schirm über den Tresen.
Draußen auf der Museumsinsel war es kühl geworden. Die Spree lag flach und dunkel, auf der anderen Seite gingen die ersten Lichter an, eins nach dem anderen, als ginge drüben jemand von Zimmer zu Zimmer. Es war die kurze Zeit, in der eine Stadt noch nicht entschieden hat, ob schon Abend ist. Von so einer Schwelle erzählt auch „Ein Moment zwischen Nacht und Leben“. Ich hatte noch einen Kaffee am Wasser trinken wollen. Die Cafés hatten schon geschlossen. Ich ging trotzdem ans Wasser, stellte mich ans Geländer und zählte die Stufen der kleinen Treppe, die dort zum Ufer hinunterführt.
Es waren neun. Ich zählte zweimal und kam beide Male auf neun. Ich dachte an den Mann mit dem Hut und fragte mich, ob er es auch geschafft hätte. Vermutlich hätte er sich bei sieben verzählt und es nicht neu angefangen. Ich stieg die neun Stufen hinunter, setzte mich auf die unterste und blieb noch eine Weile.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.