Das zerbrechliche Alphabet des Lichts.
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Ombra Celeste Magazin
Über die Zeichen, die erscheinen, wenn Licht den Mut hat, sich selbst zu brechen.
Das Licht, das sich selbst unterbricht
Wasser zerlegt Licht, ohne darum gebeten zu werden. Auf der Oberfläche eines Sees, kurz bevor der Wind ganz nachlässt, entsteht ein Muster aus hellen Fäden, das sich in keiner Sekunde wiederholt. Jede kleine Welle bricht die Sonne in eine andere Richtung, verschiebt einen Reflex, der eine Zehntelsekunde zuvor noch woanders lag. Wer versucht, eine einzelne dieser Linien mit dem Blick festzuhalten, verliert sie sofort, weil das Wasser selbst nicht stillsteht, und mit ihm nicht das Licht, das es trägt.
Auf dem Grund eines flachen Beckens zeigt sich derselbe Vorgang noch deutlicher. Netzartige Lichtbahnen wandern über den Kiesboden, ziehen sich zusammen, dehnen sich wieder, überschneiden sich in Knoten, die im nächsten Moment schon aufgelöst sind. Diese Muster haben keine Autorschaft. Niemand hat sie gezeichnet, keine Regel hat sie vorgegeben. Sie entstehen aus der Reibung zwischen zwei Dingen, die beide in Bewegung sind, Licht und Wasser, und keines von beiden gibt der Form nach.
Ein Muster, das sich nicht wiederholt, ist trotzdem ein Muster.
Solche Lichtbahnen lassen sich fotografieren, aber jedes Foto zeigt nur einen erstarrten Ausschnitt eines Vorgangs, der eigentlich Bewegung ist. Ein einzelnes Bild kann die Regel dieses Musters nicht enthalten, weil die Regel selbst keine feste Form hat, sondern eine Art Verhalten, ein ständiges Neuverteilen von Helligkeit auf eine Fläche, die sich weigert, ruhig zu bleiben.
An einem Fluss mit stärkerer Strömung wird dieses Verhalten hektischer, fast unruhig. Die Reflexe springen, statt zu gleiten. Ein Kajakfahrer, der über eine solche Stelle paddelt, zieht mit seinem Paddel für einen Moment eine klare Linie durch das Lichtmuster, die sich aber schneller wieder schließt, als das Paddel eintaucht. Das Wasser nimmt jede Störung auf und verwandelt sie sofort in eine neue Variante desselben Musters, ohne je zu seiner ursprünglichen Form zurückzukehren.
Was an dieser Art von Licht auffällt, ist die Abwesenheit jeder Absicht. Es beleuchtet nichts im eigentlichen Sinn. Es markiert keine Gegenstände, es hebt keine Konturen hervor. Es verhält sich eher wie ein zweites Wasser, ein optisches Echo der Bewegung darunter, das eigene Regeln zu befolgen scheint, obwohl es in Wahrheit nur der Physik der Wellen folgt, gebrochen, gestreut, für einen Sekundenbruchteil gebündelt und wieder zerstreut.
Ein Angler, der stundenlang auf denselben Fleck starrt, beschreibt später oft, dass er nicht auf den Schwimmer geachtet habe, sondern auf das flirrende Muster daneben, das sich nie zur Ruhe kam. Er habe, sagt er, irgendwann aufgehört, es verstehen zu wollen, und einfach nur zugesehen, wie es sich veränderte, ohne je an einem Punkt anzukommen.
Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch flach über dem Wasser steht, verlängern sich diese Lichtbahnen zu langen, schmalen Streifen, die über die gesamte Seefläche laufen, statt sich wie am Mittag in kompakten, kurzen Fäden zu bündeln. Ein Schwan, der langsam über diese Streifen gleitet, zerschneidet sie kurz mit seinem Körper, ohne dass sich die Streifen dadurch dauerhaft verändern würden, sie schließen sich hinter ihm genauso schnell, wie sie sich vor ihm geöffnet haben.
Vielleicht liegt die eigentliche Eigenschaft dieses Lichts genau darin: Es kennt keinen Endzustand. Jede Konstellation, die für einen Moment stabil wirkt, ist bereits im Begriff, sich in die nächste zu verwandeln. Man könnte es Instabilität nennen, aber das würde suggerieren, dass Stabilität die erwartbare Norm wäre. Für dieses Licht ist das Gegenteil der Fall. Seine einzige Konstante ist die Verweigerung jeder Konstanz.
Docht im Zug
Eine einzelne Kerzenflamme in einem zugigen Raum verhält sich völlig anders als eine Flamme unter einer Glasglocke. Sie neigt sich, richtet sich auf, kippt zur Seite, kehrt zurück, immer eine halbe Sekunde zu spät für die Ursache, die sie gerade bewegt hat. Der Docht selbst glüht an manchen Stellen heller als an anderen, ein winziges, wanderndes Zentrum, das nie ganz an derselben Stelle bleibt.
Ich habe eine solche Flamme einmal fast eine ganze Stunde lang beobachtet, an einem Herbstabend an der Elbe, in einer alten Fischerhütte mit undichten Fensterritzen. Der Wind kam in unregelmäßigen Stößen, mal von der Wasserseite, mal aus der offenen Tür, und die Flamme reagierte auf jeden einzelnen, ohne dass sich ein Rhythmus daraus ableiten ließ. Manchmal legte sie sich fast waagerecht, ein schmaler oranger Streifen, kurz davor zu erlöschen, und richtete sich dann doch wieder auf, als hätte sie selbst entschieden, weiterzubrennen.
Eine Flamme, die sich neigt, ist keine schwache Flamme.
Der Schatten, den diese Flamme an die Wand warf, folgte ihr nicht exakt. Er verzögerte sich, wie ein Echo, das erst eine Wimpernlänge nach dem eigentlichen Geräusch ankommt. Zwei Bewegungen liefen gleichzeitig ab, die Bewegung der Flamme selbst und die etwas trägere Bewegung ihres Schattens, und in den Momenten, in denen beide kurz auseinanderfielen, entstand ein Flackern, das komplizierter aussah, als es eigentlich war.
Ein Windstoß, kräftiger als die anderen, drückte die Flamme fast bis zum Docht hinunter, ein kurzer Moment reiner Dunkelheit im Raum, gefolgt von einem Wiederaufflammen, das heller war als zuvor, weil sich in der kurzen Unterbrechung mehr Wachsdampf angesammelt hatte. Dieses Nachleuchten hielt nur zwei, drei Sekunden, bevor die Flamme wieder zu ihrer gewohnten Größe zurückfand.
Was an diesem Abend auffiel, war weniger die Flamme selbst als die Tatsache, dass ihr Verhalten sich nicht vorhersagen ließ, obwohl der Raum klein war und der Wind, objektiv betrachtet, nicht besonders stark. Jede kleinste Verschiebung der Luft im Raum, ein Schritt, ein geöffnetes Fenster in einem anderen Zimmer, veränderte sofort das Bild, das die Flamme an die Wand warf.
Eine Kerze, die vollkommen ruhig brennt, ist selten. Meistens gibt es irgendwo einen Luftzug, und dieser Luftzug schreibt seine eigene, unlesbare Handschrift in die Flamme hinein, eine Handschrift, die sich nur so lange zeigt, wie die Kerze brennt, und danach spurlos verschwindet, weil auch der Docht selbst sich mit jedem Zentimeter, den er abbrennt, ein wenig verändert.
Am Ende jenes Abends an der Elbe war von der Kerze nur noch ein flacher Wachsrest übrig, der Docht zu kurz, um die Flamme noch richtig zu tragen, ein letztes, kleines Zucken, bevor sie endgültig erlosch, ohne dass irgendjemand im Raum den genauen Moment hätte benennen können, in dem aus Licht wieder Dunkelheit wurde.
Regen auf der Scheibe, Licht dahinter
An einem regennassen Autofenster verwandeln sich entgegenkommende Scheinwerfer in etwas, das mit ihrer eigentlichen Form kaum noch etwas zu tun hat. Jeder Tropfen auf dem Glas wirkt wie eine eigene kleine Linse, bricht das Licht in eine Richtung, die von der Wölbung des Tropfens abhängt, nicht von der Quelle dahinter. Ein einzelner Scheinwerfer kann so in einem einzigen Moment in einem Dutzend winziger, versetzter Lichtpunkte auf dem Glas erscheinen.
Der Scheibenwischer löscht dieses Muster mit jedem Durchgang für einen Bruchteil einer Sekunde vollständig aus, und in der Zeit, die er braucht, um zurückzukehren, baut sich das Muster aus neuen Tropfen wieder auf, nie identisch mit dem vorherigen, weil der Regen selbst nie exakt an derselben Stelle auf das Glas trifft. Wer als Beifahrer auf diese Scheibe schaut, statt nach vorne auf die Straße, sieht eine Art Feuerwerk in Zeitlupe, das sich mit jedem Wischerschlag neu erfindet.
Ein Tropfen ist eine Linse, solange niemand ihn beachtet.
Auf einer beschlagenen Scheibe, ohne einzelne Tropfen, entsteht ein anderer Effekt. Das Licht wird nicht gebrochen, sondern gestreut, ein diffuser Hof legt sich um jede entfernte Lichtquelle, größer, als die eigentliche Quelle ist, und mit unscharfen Rändern, die sich mit jeder Bewegung des Kopfes leicht verschieben. Zwei Rückleuchten in einiger Entfernung verschmelzen so zu einer einzigen roten Fläche, bis das Auto näherkommt und die Streuung nachlässt.
Ein Bushaltestellenhäuschen mit Werbeplakat, von innen beleuchtet, wird durch eine solche beschlagene Scheibe zu einem reinen Farbfleck, ohne erkennbare Kontur, ein warmes Gelb, das sich langsam verändert, sobald der Bus vorbeifährt und sich der Blickwinkel ändert. Erst wenn jemand die Scheibe mit dem Ärmel abwischt, kehren Kanten und Buchstaben zurück, abrupter, als es die allmähliche Auflösung vermuten ließe.
Kinder auf der Rückbank, die durch ein solches Fenster nach draußen schauen, beschreiben diese verzerrten Lichter oft treffender als jede technische Erklärung, ein Stern, der zerläuft, eine Blume aus Licht, ein Fleck, der wandert, ohne dass irgendjemand ihm gesagt hätte, wohin. Die Beschreibung ist ungenau im physikalischen Sinn, aber genau im Sinn dessen, was tatsächlich zu sehen ist.
Sobald der Regen nachlässt und die Scheibe trocken wird, verschwindet dieses ganze System aus Brechungen und Streuungen restlos. Die Scheinwerfer werden wieder zu dem, was sie eigentlich sind, zwei klar begrenzte, weiße Punkte, ohne Hof, ohne Zerlegung, fast enttäuschend gewöhnlich im Vergleich zu dem, was eine Minute zuvor auf demselben Glas zu sehen war.
Mond zwischen ziehenden Wolken
An klaren Nächten mit hoher, schnell ziehender Bewölkung verändert der Mond sein Erscheinungsbild manchmal im Minutentakt, ohne selbst irgendetwas zu tun. Eine dünne Wolkenschicht, die vor ihn zieht, verwandelt ihn zunächst in eine verschwommene Scheibe mit einem schwachen Hof, dann, sobald die Wolke dichter wird, in einen fast unsichtbaren, milchigen Fleck, um Sekunden später, wenn eine Lücke zwischen zwei Wolkenbändern erscheint, wieder als scharf umrissene, fast blendend helle Fläche hervorzutreten.
Der Boden unter einem solchen Himmel verändert sich im selben Takt. Ein Feldweg, der eben noch als klare, helle Linie zwischen den Äckern erkennbar war, verschwindet für einen Moment fast völlig, wenn eine dichtere Wolke den Mond verdeckt, und taucht dann ebenso plötzlich wieder auf, mit Schatten, die genauso schnell wechseln wie das Licht selbst. Ein Baum am Wegesrand wirft in einer Minute drei unterschiedlich lange, unterschiedlich scharfe Schatten, je nachdem, wie dicht die gerade vorbeiziehende Wolke ist.
Der Mond bewegt sich nicht. Nur alles um ihn herum tut es.
Ein Fuchs, der in einer solchen Nacht ein offenes Feld überquert, wird für einige Sekunden sichtbar, sobald der Mond frei liegt, und verschwindet dann fast vollständig in der Dunkelheit, sobald die nächste Wolke vorbeizieht, obwohl er sich die ganze Zeit über gleichmäßig weiterbewegt hat. Die Sichtbarkeit hat also nichts mit seiner eigenen Bewegung zu tun, sondern ausschließlich mit dem, was gerade zwischen ihm und dem Mond hindurchzieht.
Auf einer Wasserfläche, einem Teich oder einem ruhigen Flussarm, verdoppelt sich dieser Effekt. Der Mond selbst verschwindet und erscheint am Himmel, während sein Spiegelbild auf dem Wasser gleichzeitig durch die eigene Bewegung der Wasseroberfläche zusätzlich verzerrt wird, zwei unabhängige Quellen von Veränderung, die sich manchmal verstärken und manchmal gegenseitig aufheben, ohne dass ein Betrachter am Ufer beide Ursachen gleichzeitig auseinanderhalten könnte.
Nach einer solchen Nacht lässt sich kaum sagen, wie hell es eigentlich war. Es gab keinen einzigen Helligkeitswert, der die ganze Nacht beschreiben würde, nur eine Abfolge von Zuständen, jeder für sich kurz, keiner davon repräsentativ für die anderen. Wer sich an eine bestimmte Mondnacht erinnert, erinnert sich in Wahrheit an eine bestimmte Sekunde darin, die zufällig hängen geblieben ist, während der Rest der Nacht sich längst wieder verändert hatte.
Blätterschatten, kurz vor Mittag
Unter einem großen Baum mit dichter, aber unregelmäßiger Krone entsteht am Boden ein Muster aus hellen Flecken, das mit jedem Windstoß in den Blättern sein Aussehen verändert. Jeder einzelne Fleck ist im Grunde eine winzige Projektion der Sonne selbst, gebrochen durch die kleinen Lücken zwischen den Blättern, die wie unregelmäßige Lochblenden wirken. Bei einer teilweisen Sonnenfinsternis lässt sich dieser Effekt besonders deutlich beobachten, dann erscheinen die Lichtflecken plötzlich alle als kleine Sicheln, obwohl niemand eine einzelne Lücke im Blätterdach dafür verändert hätte.
An einem gewöhnlichen Tag ohne solche Ausnahmeereignisse bleibt das Muster trotzdem in ständiger Bewegung. Ein Blatt, das sich im Wind kurz dreht, verschiebt die Form der Lücke dahinter, und damit auch die Form des Lichtflecks am Boden, von einem ovalen Fleck zu einem schmalen, fast dreieckigen, innerhalb einer einzigen Sekunde. Zwei benachbarte Flecken verschmelzen kurz zu einem größeren, trennen sich wieder, wandern in leicht unterschiedliche Richtungen, obwohl beide vom selben Baum stammen.
Ein Blatt, das sich bewegt, verändert die Form der Sonne am Boden, nicht die Sonne selbst.
Auf einer Picknickdecke unter einem solchen Baum wandert das Muster über die Stunden hinweg spürbar, nicht nur wegen des Sonnenstands, sondern auch, weil sich die Blätter selbst mit der Tageswärme leicht verändern, manche hängen am Nachmittag schlaffer als am Morgen, verändern damit die Größe der Lücken, durch die das Licht fällt. Ein Kind, das versucht, mit den Händen einen bestimmten Lichtfleck zu fangen, merkt schnell, dass der Fleck sich verschoben hat, noch bevor die Hände ihn erreichen.
Bei stärkerem Wind wird aus dem gemächlichen Wandern ein regelrechtes Flirren, hunderte kleiner Lichtpunkte, die gleichzeitig ihre Position wechseln, ohne dass ein einzelnes Muster darin erkennbar wäre. Erst wenn der Wind komplett abflaut, beruhigt sich auch der Boden wieder, die Flecken werden größer, klarer umrissen, fast wie stillstehende Münzen aus Licht, bis der nächste Luftzug durch die Krone fährt und alles erneut in Bewegung setzt.
Ein Fotograf, der versucht, dieses Muster mit einer langen Belichtungszeit einzufangen, bekommt am Ende nur eine verwaschene, gleichmäßig helle Fläche, in der keine einzelne Form mehr zu erkennen ist. Die eigentliche Struktur existiert nur im kurzen Moment, in der Millisekunde zwischen zwei Windstößen, und jede längere Betrachtung mittelt sie zu etwas völlig anderem, formloserem, das mit dem ursprünglichen Muster kaum noch etwas gemein hat.
Ameisen, die über eine solche Fläche aus wechselndem Licht und Schatten laufen, überqueren dabei ständig die Grenze zwischen beiden, ohne dass sich an ihrem eigenen Tempo etwas ändern würde. Für einen Beobachter wirkt es, als würden sie zwischendurch kurz aufleuchten und wieder verschwinden, während sie in Wirklichkeit die ganze Zeit über gleichmäßig weitergelaufen sind, nur eben durch ein Licht hindurch, das selbst nie stillsteht.
Schnee im Scheinwerferkegel
Nachts, bei Schneefall und ausgeschalteter Straßenbeleuchtung, zeigt sich der eigentliche Umfang des fallenden Schnees erst im Kegel der Autoscheinwerfer. Außerhalb dieses Kegels ist die Nacht einfach dunkel, mit einem vagen Eindruck von Weiß am Boden, aber ohne erkennbare einzelne Flocken. Innerhalb des Kegels dagegen wird jede einzelne Flocke sichtbar, für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie aus dem Lichtstrahl heraus- und wieder in die Dunkelheit hineinfällt.
Die Flocken selbst bewegen sich nicht gleichmäßig durch dieses Licht. Manche fallen fast senkrecht, andere werden vom Fahrtwind seitlich weggetragen, wieder andere scheinen für einen Moment stillzustehen, was in Wirklichkeit bedeutet, dass ihre Fallgeschwindigkeit für diesen Augenblick fast genau der Geschwindigkeit entspricht, mit der sich das Auto durch sie hindurchbewegt. Aus der Perspektive der Windschutzscheibe entsteht so ein Effekt, als würde die Nacht selbst auf das Auto zurasen, obwohl in Wirklichkeit nur der Schnee fällt und das Auto fährt.
Eine Flocke im Licht ist für eine Sekunde sichtbar. Davor und danach war sie die ganze Zeit da.
An einer roten Ampel, während das Auto steht, verändert sich dieses Bild grundlegend. Ohne die Vorwärtsbewegung fallen die Flocken wieder gleichmäßig, fast senkrecht, in einem ruhigen, fast hypnotischen Muster, das mit dem hektischen Flirren während der Fahrt kaum noch etwas gemein hat. Ein Fußgänger, der die Straße an dieser Ampel überquert, durchbricht für einen Moment den unteren Teil des Lichtkegels, wird selbst kurz von hunderten kleiner, tanzender Lichtpunkte umgeben, bevor er wieder im Dunkeln verschwindet.
Zwei entgegenkommende Scheinwerferkegel, die sich für einen Moment kreuzen, erzeugen in der Mitte eine Zone, in der der Schnee aus zwei Richtungen gleichzeitig beleuchtet wird, heller und dichter wirkend als der Schnee davor und danach, obwohl die tatsächliche Schneemenge über die gesamte Straße hinweg konstant bleibt. Die Wahrnehmung von Dichte hängt hier vollständig von der Beleuchtung ab, nicht vom Schneefall selbst.
Auf einer leeren Landstraße, ohne Gegenverkehr, wird der Effekt am reinsten sichtbar. Nur der eigene Scheinwerferkegel schneidet einen kegelförmigen Ausschnitt aus der Dunkelheit, gefüllt mit einem ununterbrochenen Strom aus Flocken, die alle in derselben, leicht schrägen Bahn erscheinen und verschwinden, bis eine Kurve den Kegel auf einen anderen Streckenabschnitt richtet und ein völlig neues, aber im Grundmuster identisches Bild entsteht.
Wer nach einer solchen Fahrt aussteigt und stillsteht, sieht den Schnee auf einmal anders, langsamer, weniger dramatisch, nur noch als das, was er eigentlich ist, ohne die Beschleunigung und die künstliche Beleuchtung, die ihn zuvor in ein bewegtes, fast lebendig wirkendes Muster verwandelt hatten. Derselbe Schnee, ein völlig anderer Eindruck, abhängig einzig davon, aus welcher Geschwindigkeit heraus und mit welchem Licht er betrachtet wird.
Was bleibt, wenn das Licht weiterzieht
Wasser, Flamme, Regenglas, Wolkenmond, vier verschiedene Arten, wie Licht sich der Festlegung entzieht, ohne dass eine Absicht dahinterstünde. Keines dieser Beispiele braucht einen Betrachter, um zu geschehen. Der Kiesboden flirrt auch dann, wenn niemand hinsieht. Die Kerze flackert auch in einem leeren Zimmer. Der Regen bricht das Scheinwerferlicht, ob ein Beifahrer die Scheibe beachtet oder nicht. Und der Mond verändert sich hinter den Wolken unabhängig davon, ob jemand auf dem Feldweg steht.
Ein weiterführender Gedanke zu dieser Art von Unbeständigkeit findet sich in Die Grammatik der Gegenwart, wo eine ähnliche Beobachtung auf die Zeit selbst angewendet wird, nicht nur auf das Licht.
Was diese vier Phänomene gemeinsam haben, ist nicht Bedeutung im eigentlichen Sinn, sondern eine bestimmte Weigerung: die Weigerung, in einem einzigen, endgültigen Zustand zu verharren. Vielleicht ist das der einzige Punkt, an dem sich etwas wie eine gemeinsame Eigenschaft festmachen lässt, nicht als Botschaft, die das Licht überbringen wollte, sondern als schlichte physikalische Tatsache, die sich zufällig auch poetisch lesen lässt.
In Ein Licht für Hamburg, meine Gedanken wird ein ähnliches Verhältnis zwischen Licht und Stadt beschrieben, dort allerdings mit einem festen Ort im Zentrum statt der hier versammelten, wechselnden Phänomene.
Am See ist der Wind inzwischen vermutlich ganz eingeschlafen, das Wasser glatt geworden, das Lichtmuster verschwunden, weil es keine Wellen mehr gibt, die es tragen könnten. Die Kerze in der Fischerhütte ist längst heruntergebrannt. Der Regen auf der Autoscheibe ist getrocknet. Die Wolken über dem Feldweg haben sich vermutlich längst weiterbewegt, ein anderer Himmel über einem anderen Stück Land.
Wer versucht, eines dieser Bilder festzuhalten, hält am Ende doch nur eine Erinnerung an eine einzelne Sekunde fest, während das eigentliche Phänomen längst weitergezogen ist, so wie es auch in Die digitale Stille um jene Momente geht, die sich der Aufzeichnung entziehen, obwohl sie gerade eben noch da waren.
Vielleicht bleibt am Ende nur diese eine Beobachtung: Licht muss nichts beleuchten, um zu wirken. Manchmal genügt es, dass es sich verändert, während alles andere versucht, mitzuhalten, sei es Wasser, eine Flamme, ein Regentropfen, eine Wolke, ein Blatt oder eine einzelne Schneeflocke im Kegel eines vorbeifahrenden Autos.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.