Der Klang zerbrochener Horizonte.
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Ombra Celeste Magazin
Über das Fragmentarische als verborgene Struktur der Welt
Was zuerst da war
Man stellt sich das Fragment gewöhnlich als das vor, was übrig bleibt, nachdem etwas Ganzes zerbrochen ist. Ein Krug fällt vom Tisch, und die Scherben sind das Danach, das Nachher, der Verlust einer Form, die vorher bestand. Diese Vorstellung ist so selbstverständlich geworden, dass kaum jemand sie hinterfragt: Erst die Einheit, dann der Bruch. Erst das Ganze, dann seine Reste. Doch diese Reihenfolge ist keine Tatsache, sie ist eine Gewohnheit des Denkens, eine bequeme Erzählung, die sich einfacher erzählen lässt als ihre Umkehrung.
Ein Kind, das zum ersten Mal einen Satz hört, hört kein vollständiges System aus Grammatik und Bedeutung. Es hört Fetzen, Laute, die sich wiederholen, Betonungen, die auffallen, einzelne Wörter, die aus dem Strom herausstechen, weil sie öfter vorkommen als andere. Das Kind baut aus diesen Fragmenten etwas auf, das später wie ein Ganzes erscheint, die Sprache selbst. Aber die Sprache war für dieses Kind nie zuerst ein Ganzes, das dann in Teile zerfiel. Sie war zuerst Bruchstück, und das Ganze kam später, als nachträgliche Konstruktion aus den Fragmenten, nicht als deren Ursprung.
Sprachforscher, die den frühkindlichen Spracherwerb untersuchen, beschreiben diesen Vorgang oft als statistisches Lernen: Kleinkinder registrieren, welche Lautfolgen häufig gemeinsam auftreten, und schließen daraus auf Wortgrenzen, lange bevor sie irgendeine Regel der Grammatik explizit kennen. Das Ganze, die Sprache als System, wird also aus unzähligen kleinen, unvollständigen Beobachtungen zusammengesetzt, nicht als fertiges Regelwerk übernommen und dann in Anwendungsfälle zerlegt.
Ähnlich verhält es sich mit Erinnerung an einen Ort. Wer an eine Stadt zurückdenkt, in der er einmal eine Woche verbracht hat, besitzt selten ein zusammenhängendes inneres Bild dieser Stadt, keine Karte, die sich in einem Zug abrufen ließe. Stattdessen gibt es einzelne, oft willkürlich wirkende Szenen: den Geruch eines bestimmten Cafés, das Geräusch einer Straßenbahn an einer Kreuzung, eine Farbe an einer Hauswand im Abendlicht. Diese Fragmente waren nie Teil eines Ganzen, das später zerbrochen ist. Sie waren von Anfang an das, was tatsächlich erlebt wurde. Das Ganze, die Stadt als zusammenhängendes System, existierte allenfalls auf einer Karte, nie in der eigentlichen Erfahrung.
Vielleicht liegt der Fehler also nicht im Fragment, sondern in der Vorstellung eines vorherigen Ganzen, das stillschweigend vorausgesetzt wird, obwohl es nie da war. Ein Horizont etwa gilt als Linie, als durchgehende Kontur zwischen Himmel und Erde. Aber niemand sieht diese Linie tatsächlich in einem Zug. Der Blick wandert, springt von einem Punkt zum nächsten, verweilt an einer Baumgruppe, überspringt eine leere Fläche, kehrt zurück zu einer Bergkuppe. Die durchgehende Linie ist eine nachträgliche Zusammenfassung vieler einzelner Blicke, keine ursprüngliche Wahrnehmung, die dann in Fragmente zerfallen wäre.
Diese Umkehrung hat Folgen für die Art, wie man über Verlust und Vollständigkeit nachdenkt. Wenn das Fragment das Ursprüngliche ist und das Ganze die nachträgliche Konstruktion, dann verliert die Klage über den Zerfall des Ganzen einen Teil ihrer Berechtigung. Man beklagt dann nicht den Verlust von etwas, das wirklich vollständig war, sondern den Verlust einer Idee, die man sich selbst nachträglich über das Erlebte gelegt hat. Das ändert nichts an der Trauer, die real bleibt, aber es ändert etwas an ihrem Gegenstand.
Ein ähnliches Muster zeigt sich, wenn Familien nach dem Tod eines Angehörigen versuchen, dessen Lebensgeschichte zusammenzutragen. Häufig existiert kein zusammenhängender Bericht, den der Verstorbene selbst hinterlassen hätte, sondern nur Fragmente aus Briefen, Fotografien, Erzählungen verschiedener Menschen, die sich teilweise widersprechen. Die Biografie, die am Ende entsteht, ist eine nachträgliche Konstruktion aus diesen unvollständigen, oft widersprüchlichen Quellen, keine Wiederherstellung eines Ganzen, das jemals in dieser Form existiert hätte.
Man kann diese Umkehrung auch an einem Musikstück beobachten. Eine Melodie, die man zum ersten Mal hört, erschließt sich kaum als fertiges Ganzes, eher Ton für Ton, Takt für Takt, wobei jeder neue Ton die vorherigen im Nachhinein neu ordnet. Erst nach dem letzten Ton entsteht der Eindruck, man habe die Melodie als Ganzes gehört, obwohl man sie tatsächlich nur als Abfolge einzelner, in sich unvollständiger Momente erlebt hat. Das Ganze ist ein Effekt der Erinnerung, nicht der eigentlichen Wahrnehmung, die immer nur einen Ton nach dem anderen kennt.
Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt sich diese Struktur. Man kennt einen anderen Menschen nie als Ganzes, sondern immer nur als Summe einzelner Begegnungen, Gesten, Sätze, die im Gedächtnis haften bleiben, während unzählige andere Momente spurlos verschwinden. Das Bild, das man sich von einem geliebten Menschen macht, ist eine Konstruktion aus wenigen, oft zufälligen Fragmenten, keine vollständige Erfassung einer Person, die es in dieser Vollständigkeit ohnehin nie geben kann.
Wer diese Umkehrung ernst nimmt, muss auch die eigene Sehnsucht nach Vollständigkeit neu betrachten. Diese Sehnsucht richtet sich dann nicht auf etwas, das man einmal besessen und dann verloren hat, sondern auf etwas, das man sich selbst als Möglichkeit vorgestellt hat, ohne dass es je eingelöst wurde. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Verlust eines tatsächlich vorhandenen Ganzen schmerzt anders als das Fehlen einer Vorstellung, die man nie hatte einlösen können.
Am Ende dieses ersten Gedankens steht keine endgültige Antwort, sondern eine Verschiebung der Reihenfolge: nicht Ganzes vor Fragment, sondern Fragment vor Ganzes, das Ganze als nachträgliche, oft tröstliche Erzählung über etwas, das eigentlich immer schon aus Teilen bestand.
Wo das Fragment einfach nur schmerzt
Diese Umkehrung, so einleuchtend sie theoretisch klingt, hält der Erfahrung nicht immer stand. Es gibt Brüche, die sich nicht in eine tröstliche Erzählung überführen lassen, bei denen das Fragment nicht mehr trägt als das Ganze, sondern schlicht weniger ist, ein Verlust ohne Kompensation, eine Lücke, die nichts freilegt außer ihrer eigenen Leere. Wer diese Fälle übergeht, um eine geschlossene, positive Theorie des Fragments aufrechtzuerhalten, betreibt selbst genau jene Glättung, die er dem Ganzen vorwirft.
Ein Gespräch, das durch einen plötzlichen Tod endgültig abgebrochen wird, trägt keine geheime Tiefe in sich, die ein fortgesetztes Gespräch nicht auch gehabt hätte. Der Satz, der nicht mehr zu Ende gesprochen werden konnte, ist kein besonders bedeutungsvolles Fragment, er ist einfach ein Satz, dem die zweite Hälfte fehlt, und diese fehlende Hälfte fehlt wirklich, ohne dass ihr Fehlen selbst zu einer Art Botschaft würde. Manche Lücken bleiben stumm. Sie erzeugen keinen Klang, kein Echo, keine neue Bedeutung. Sie erzeugen nur Abwesenheit.
Auch in der Erinnerung gibt es Fragmente, die nicht durch ihre Unvollständigkeit an Kraft gewinnen, sondern durch sie beschädigt bleiben. Wer sich an ein wichtiges Ereignis nur noch bruchstückhaft erinnert, weil zu viel Zeit vergangen ist oder weil die Erinnerung selbst unter Belastung zerfiel, empfindet dieses Bruchstück selten als reicher oder wahrer als eine vollständige Erinnerung. Er empfindet es als Mangel, als etwas, das er gerne vollständiger hätte, ohne dass sich daraus eine tröstliche Einsicht in die Struktur des Erinnerns gewinnen ließe.
Nicht jeder Riss zeigt eine verborgene Ordnung. Manche zeigen nur, dass etwas fehlt.
Auch handwerklich betrachtet ist ein zerbrochenes Objekt selten schöner oder aufschlussreicher als das unversehrte. Ein zersprungenes Gefäß mag zwar, wie es in bestimmten ostasiatischen Reparaturtraditionen geschieht, mit goldener Lackfüllung sichtbar geflickt und dadurch neu gewürdigt werden, aber diese Würdigung setzt eine kunstvolle, aufwendige Nachbearbeitung voraus, sie ist keine Eigenschaft des Bruchs selbst. Die meisten zerbrochenen Dinge werden nicht kunstvoll repariert. Sie werden weggeworfen, weil sie ihre Funktion verloren haben, und dieser Verlust der Funktion ist real, nicht nur eine oberflächliche Wahrnehmung, die durch tieferes Hinsehen aufgehoben werden könnte.
Es gibt also mindestens zwei Arten von Fragmenten, die man leicht miteinander verwechselt. Die eine Art öffnet tatsächlich etwas, verweist über sich hinaus, lässt ahnen, was jenseits ihrer Grenze läge, ohne dass diese Ahnung eingelöst werden müsste. Die andere Art schließt sich einfach, ohne Verweis, ohne Öffnung, ein bloßes Weniger gegenüber dem, was hätte sein können. Beide Arten sehen oberflächlich gleich aus, ein abgebrochener Satz, eine fehlende Erinnerung, eine zerstörte Form. Aber ihre Wirkung unterscheidet sich fundamental, und wer diese Unterscheidung übergeht, verklärt Verlust zu einer Art verborgenem Gewinn, was sowohl unehrlich als auch, den Betroffenen gegenüber, unfair ist.
Es fällt schwer, eine klare Regel zu benennen, wann ein Fragment öffnet und wann es nur schließt. Manchmal scheint es von der Bereitschaft desjenigen abzuhängen, der auf das Fragment blickt, ob er noch die Kraft hat, in der Lücke etwas zu suchen, oder ob die Lücke selbst schon zu groß geworden ist, um sie mit irgendeiner Bedeutung zu füllen. Manchmal scheint es auch einfach von der Art des Verlusts abzuhängen, von seiner Plötzlichkeit, seiner Endgültigkeit, seiner Sinnlosigkeit. Ein Bruch, der Raum für ein Danach lässt, verhält sich anders als ein Bruch, der jedes Danach unmöglich macht.
Ein Gedanke zu genau dieser Unterscheidung zwischen tragfähiger und bloß schmerzender Leere findet sich auch unter Der Raum hinter dem Raum, wo ebenfalls untersucht wird, unter welchen Bedingungen eine Lücke etwas offenlegt und unter welchen sie einfach nur fehlt.
Diese Gegenbewegung soll die vorherige Überlegung kaum zurücknehmen, eher begrenzen. Es stimmt, dass viele vermeintliche Ganzheiten nachträgliche Konstruktionen aus ursprünglichen Fragmenten sind. Es stimmt aber ebenso, dass nicht jedes Fragment durch diese Erkenntnis getröstet wird. Manche bleiben einfach das, was sie sind: weniger, als man gebraucht hätte, ohne Trost, ohne verborgene Tiefe, nur ein Loch an der Stelle, an der etwas hätte weitergehen sollen.
Wer beide Beobachtungen gleichzeitig aushält, steht in einer unbequemeren, aber ehrlicheren Position als jemand, der sich für eine einzige, glatte Theorie des Fragments entscheidet. Das Unbequeme dieser Position ist selbst schon eine Art Antwort auf die Frage, wie man mit Brüchen umgehen sollte: nicht mit einer fertigen Formel, sondern mit der Bereitschaft, von Fall zu Fall neu zu urteilen, welcher Art von Fragment man gerade begegnet.
Was zwischen beiden Polen bleibt
Zwischen der Verklärung des Bruchs als geheime Tiefe und der Trauer um ein Ganzes, das es nie in Reinform gab, liegt ein dritter, weniger dramatischer Umgang mit Fragmenten, der sich am ehesten als Genauigkeit beschreiben lässt. Nicht jedes Bruchstück muss sofort gedeutet oder sofort betrauert werden. Manchmal reicht es, ein Fragment einfach zu beschreiben, so präzise wie möglich, ohne es vorschnell in eine der beiden Kategorien zu pressen.
Diese Genauigkeit zeigt sich zum Beispiel im Umgang mit beschädigten Dokumenten in Archiven. Ein Restaurator, der ein teilweise verbranntes Manuskript untersucht, versucht weder, den verbrannten Teil zu einer bedeutungsvollen Leerstelle zu erklären, noch beklagt er ausschließlich den Verlust. Er beschreibt zunächst, was tatsächlich vorhanden ist, Buchstabe für Buchstabe, Faserstruktur für Faserstruktur, und lässt offen, was diese Beschreibung später bedeuten wird. Diese Haltung, weder zu verklären noch nur zu beklagen, sondern zunächst genau hinzusehen, lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen, in denen man Bruchstücken begegnet.
Auch im Gespräch mit jemandem, dessen Erinnerung an ein gemeinsames Ereignis lückenhaft geworden ist, hilft diese dritte Haltung mehr als die beiden Extreme. Man muss die Lücke nicht als besonders bedeutsam ausschmücken, um dem Gegenüber ein Gefühl von Tiefe zu vermitteln, das er selbst gar nicht empfindet. Man muss aber auch nicht ausschließlich betonen, was fehlt. Man kann einfach beschreiben, was noch da ist, und der Lücke ihren Platz lassen, ohne sie sofort zu bewerten.
Diese genaue, unaufgeregte Haltung gegenüber Fragmenten hat auch eine zeitliche Dimension. Ein Bruchstück, das heute nur schmerzt, kann sich Jahre später als eine Öffnung erweisen, an der eine neue Entwicklung ansetzte, die zum Zeitpunkt des Bruchs nicht absehbar war. Umgekehrt kann ein Fragment, das zunächst wie eine faszinierende Öffnung wirkte, sich später als bloße Lücke erweisen, die zu nichts geführt hat. Die Bewertung eines Fragments ist selten endgültig, sie verschiebt sich mit der Zeit, je nachdem, was sich um das Fragment herum weiterentwickelt oder eben nicht weiterentwickelt.
Ein Beispiel dafür liefert die Geschichte unvollendeter Kunstwerke. Manche unvollendeten Kompositionen oder Gemälde galten zunächst als bloße Fragmente, denen die Vollendung fehlte, ein Mangel, den man bedauerte. Erst später, wenn spätere Künstler oder Betrachter an diesen unvollendeten Stellen ansetzten, um eigene Weiterführungen zu entwickeln, wurde aus dem ursprünglichen Mangel ein produktiver Ausgangspunkt. Diese Umwertung geschah nicht, weil das Fragment sich verändert hätte, sondern weil sich das Umfeld verändert hat, in dem es betrachtet wurde.
Ein Gedanke zu genau dieser Verzögerung zwischen dem Entstehen eines Bruchstücks und seiner späteren Bedeutung findet sich auch unter Die Architektur eines Gedankens, wo es ebenfalls darum geht, wie ein unfertiger Gedanke erst im Nachhinein seine eigentliche Form findet.
Ein Bruchstück wird selten sofort zu dem, was es später bedeuten wird.
Diese Erkenntnis entlastet ein Stück weit von dem Zwang, jedes Fragment sofort einordnen zu müssen, entweder als tröstliche Öffnung oder als bloßen Verlust. Man darf ein Bruchstück auch einfach eine Weile unentschieden stehen lassen, ohne sofort ein Urteil über seine Bedeutung zu fällen. Diese Geduld gegenüber dem Unentschiedenen ist selbst eine Form von Genauigkeit, vielleicht die schwierigste, weil sie keine schnelle Erleichterung verspricht, weder durch Verklärung noch durch klare Trauer, sondern nur durch das Aushalten einer offenen Frage.
Man könnte einwenden, dass diese dritte Haltung selbst wieder eine Art Theorie ist, eine bequeme Zwischenposition, die es erlaubt, sich vor einer klaren Entscheidung zu drücken. Das mag teilweise zutreffen. Aber der Unterschied zu den beiden vorherigen Positionen besteht darin, dass diese dritte Haltung keine Antwort auf die Frage behauptet, was ein Fragment bedeutet, sondern nur eine Methode vorschlägt, wie man sich ihm nähert, bevor man zu einer Antwort kommt, wenn man überhaupt zu einer kommt.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Gewinn dieser Zwischenposition: dass sie die Frage nach der Bedeutung eines Bruchstücks offenhält, statt sie vorschnell zu schließen, in die eine oder die andere Richtung. Ein Fragment bleibt dann so lange, wie es eben braucht, ein Fragment, ohne dass es sofort in ein größeres Narrativ eingespannt werden müsste, das entweder Trost oder Trauer produziert.
Ein Nachmittag mit einer zerbrochenen Tasse
Vor einigen Wochen ist mir eine Tasse aus der Hand gerutscht, keine besonders wertvolle, aber eine, die ich seit Jahren jeden Morgen benutzt hatte, mit einem leicht abgestoßenen Henkel, an dem sich der Griff über die Zeit eingeprägt hatte. Sie zerbrach kaum in viele kleine Splitter, eher in drei größere Teile, sauber genug, dass man auf den ersten Blick hätte meinen können, sie ließe sich einfach wieder zusammensetzen.
Ich stand eine Weile in der Küche und betrachtete die drei Bruchstücke auf dem Boden, ohne sie sofort aufzuheben. Der größte Teil enthielt noch den Henkel und einen Großteil des Bodens, der zweite Teil bildete fast die gesamte gegenüberliegende Wandung, der dritte war klein, kaum größer als eine Münze, mit einer scharfen, leicht gebogenen Kante. Ich erkannte in diesem Moment nicht sofort, ob ich etwas verloren hatte, das mir wichtig gewesen war, oder ob ich lediglich einen Gegenstand betrachtete, der seine Funktion eingebüßt hatte, ohne größere Bedeutung darüber hinaus.
Ich hob die drei Teile auf, legte sie nebeneinander auf den Tisch, fast wie um zu prüfen, ob sich aus ihnen noch etwas rekonstruieren ließe. Die Bruchkanten passten an zwei Stellen fast perfekt zueinander, an einer dritten Stelle fehlte ein winziges Stück, vermutlich irgendwo unter dem Küchenschrank verschwunden, das sich nicht mehr wiederfinden ließ. Genau an dieser einen fehlenden Stelle, so klein sie war, verschob sich für mich der Charakter des ganzen Ereignisses. Es war nicht mehr nur ein zerbrochenes Ding, das man vielleicht reparieren könnte. Es war endgültig unvollständig geworden.
Ich setzte mich für einen Moment an den Tisch, die drei größeren Teile vor mir, und dachte daran, wie oft ich aus genau dieser Tasse morgens Kaffee getrunken hatte, ohne je bewusst wahrzunehmen, wie der Henkel sich anfühlte, wie das Gewicht der gefüllten Tasse in der Hand lag. Erst jetzt, nachdem sie zerbrochen war, fielen mir diese Details auf, mit einer Deutlichkeit, die sie vorher nie gehabt hatten. Der abgestoßene Lack am Henkel, den ich all die Jahre kaum registriert hatte, wurde plötzlich zu einem konkreten, fast kostbaren Detail, weil er jetzt Teil eines Bruchstücks war, nicht mehr eines selbstverständlichen Alltagsgegenstands.
Auf der Innenseite des größeren Bruchstücks entdeckte ich außerdem einen feinen, bisher völlig unbemerkten Sprung, der offenbar schon lange vor dem eigentlichen Fall bestanden hatte, ein Haarriss, unsichtbar unter der Glasur, der die Tasse längst geschwächt hatte, ohne dass ich davon je etwas geahnt hätte. Der eigentliche Bruch war also gar nicht der plötzliche Sturz vom Tisch, sondern nur der letzte, sichtbare Moment eines Vorgangs, der im Verborgenen schon viel früher begonnen hatte.
Manchmal sieht man ein Ding erst dann genau, wenn es aufhört, ganz zu sein.
Ich klebte die Tasse nicht wieder zusammen. Nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus, eher aus Trägheit, aus dem Gefühl, dass eine geklebte Tasse ohnehin nie mehr dieselbe Funktion erfüllen würde wie vorher, mit einer sichtbaren Bruchlinie, die bei jedem Gebrauch daran erinnern würde, dass etwas geschehen war. Ich warf die drei Teile schließlich in den Restmüll, das kleine fehlende Stück blieb vermutlich für immer unter dem Küchenschrank, ein winziges, unauffindbares Fragment eines größeren Fragments.
Am nächsten Morgen benutzte ich eine andere Tasse, eine, die ich vorher kaum beachtet hatte, weil sie normalerweise für Gäste gedacht war. Sie fühlte sich fremd an in der Hand, ein wenig zu groß, der Henkel anders geformt. Nach einigen Tagen jedoch war auch dieses Fremdheitsgefühl verschwunden, die neue Tasse wurde selbstverständlich, so wie es die alte einmal gewesen war, bevor sie zerbrach, mit einer Selbstverständlichkeit, die sich erst dann wieder auflösen wird, wenn auch dieser Gegenstand eines Tages zu Bruch geht. Ich frage mich seither gelegentlich, ob diese neue Selbstverständlichkeit irgendwann genauso unbemerkt bleiben wird, bis auch sie eines Tages zerbricht und für einen kurzen Moment wieder sichtbar wird, in genau jener Deutlichkeit, die nur der Bruch selbst hervorbringt.
Ich weiß nicht, ob dieser kleine Vorfall in der Küche irgendetwas über größere Verluste aussagt, über Gespräche, die abbrechen, über Erinnerungen, die verblassen. Vielleicht ist es nur eine zerbrochene Tasse, nicht mehr und nicht weniger, ein Gegenstand, der seine Funktion verloren hat, ohne dass sich daraus eine größere Lehre ziehen ließe. Und vielleicht ist genau diese Unsicherheit, ob es mehr bedeutet oder einfach nur das ist, was es ist, selbst schon die ehrlichste Antwort, die sich in diesem Moment finden lässt, während das kleine, fehlende Stück Porzellan weiterhin irgendwo unter dem Küchenschrank liegt, unerreichbar, aber nicht vergessen.
Ein Gedanke zu dieser Art von unentschiedenem, unaufgelöstem Rest findet sich auch unter Die Grammatik des Zufallsrauschens, wo es ebenfalls um jene kleinen, nicht weiter erklärbaren Reste geht, die sich keiner größeren Ordnung fügen wollen und trotzdem bleiben.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.