Abstrakte schwarze Fläche mit feinen, geschwungenen weißen Linien, die wie fließende Strömungen wirken und sich diagonal durch das Bild ziehen; eine visuelle Metapher für die leisen, verborgenen Bewegungen

Die inneren Strömungen der Zeit.

Ombra Celeste Magazin


Über die verborgenen Bewegungen der Zeit, die unterhalb unserer Wahrnehmung wirken

Was das Gehirn aus Sekunden macht

Wer im Moment des Erwachens auf die Uhr blickt, kennt manchmal einen kurzen, seltsamen Effekt: Der Sekundenzeiger scheint für einen Wimpernschlag länger stillzustehen als eine normale Sekunde dauert. Dieses Phänomen heißt sakkadische Chronostase und entsteht, weil das Auge während einer schnellen Blickbewegung, einer Sakkade, für Bruchteile einer Sekunde blind ist. Das Gehirn füllt diese Lücke im Nachhinein mit dem ersten Bild, das nach der Bewegung ankommt, und dehnt es rückwirkend, um keine Lücke im Erleben zu hinterlassen. Die Uhr steht nicht still. Nur die Wahrnehmung tut so, als hätte sie mehr gesehen, als tatsächlich da war.

Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten Oddball-Effekt. Zeigt man einer Versuchsperson eine Serie identischer Bilder, unterbrochen von einem einzigen abweichenden Bild, wird genau dieses abweichende Bild im Rückblick als deutlich länger gezeigt eingeschätzt, obwohl die tatsächliche Anzeigedauer exakt gleich war. Neue, unerwartete Reize verbrauchen mehr neuronale Verarbeitungskapazität, und diese zusätzliche Aktivität wird später als zusätzliche Zeit interpretiert. Ein ereignisreicher Nachmittag fühlt sich deshalb im Erleben oft kürzer an, wirkt aber in der Erinnerung länger, weil mehr Neuheit mehr Gedächtnisspuren hinterlassen hat, an denen sich das Gefühl von Dauer später festmacht. Wie sehr ein einzelner Gedanke seine eigene innere Architektur besitzt und dadurch unterschiedlich viel Raum beansprucht, führt Die Architektur eines Gedankens an anderer Stelle näher aus.

Unter Stress verändert sich diese Rechnung noch einmal grundlegend. Bei akuter Angst schüttet der Körper Adrenalin aus, die Amygdala wird aktiver, und die Aufmerksamkeit verengt sich auf die unmittelbare Bedrohung. Versuchspersonen, die während eines freien Falls aus großer Höhe eine Zahlenanzeige beobachten sollten, schätzten im Nachhinein systematisch, sie hätten mehr Zahlen erkennen können, als objektiv möglich war, ohne dass ihre tatsächliche Wahrnehmungsgeschwindigkeit sich wirklich erhöht hätte. Das Gefühl, ein Unfall geschehe in Zeitlupe, entsteht demnach nicht durch schnelleres Denken, sondern durch eine besonders dichte, später abgerufene Erinnerung an einen kurzen Moment. Diese Experimente wurden unter anderem an Freiwilligen durchgeführt, die aus zweiundfünfzig Metern Höhe in ein Sicherheitsnetz fielen, ausgestattet mit einem am Handgelenk befestigten Display, das Ziffern in einer Geschwindigkeit anzeigte, die normalerweise weit über der bewussten Wahrnehmungsschwelle liegt.

Was sich lang anfühlt, ist oft nur das, was viele Spuren hinterlassen hat.

Auch das Alter verändert das innere Zeitgefühl messbar. Eine verbreitete Erklärung, die proportionale Theorie, besagt, dass ein Jahr für ein fünfjähriges Kind ein Fünftel seines gesamten bisherigen Lebens ausmacht, für einen fünfzigjährigen Erwachsenen dagegen nur ein Fünfzigstel. Jedes weitere Jahr wird deshalb im Verhältnis zur bereits gelebten Zeit kleiner, was erklären könnte, warum Sommerferien in der Kindheit endlos erschienen und dieselbe Zeitspanne im Erwachsenenalter im Rückblick zusammenschrumpft. Belegt ist diese Theorie nicht vollständig, aber sie passt zu einer zweiten, besser untersuchten Beobachtung: Mit zunehmendem Alter sinkt die Zahl neuer, unverwechselbarer Erfahrungen im Alltag, und wie beim Oddball-Effekt hinterlassen Routinetage weniger Erinnerungsanker, an denen sich Zeit später festmachen lässt.

Dopamin spielt bei alledem eine eigene Rolle, unabhängig von Neuheit oder Angst. Menschen mit erhöhtem Dopaminspiegel, etwa unter bestimmten Medikamenten oder in manischen Phasen, überschätzen verstrichene Zeitintervalle systematisch, während ein gesenkter Dopaminspiegel, wie er bei Parkinson-Patienten auftritt, zur Unterschätzung führt. Das Gehirn besitzt offenbar so etwas wie eine interne Taktrate, die von diesem Botenstoff mitbestimmt wird, ähnlich einem Metronom, dessen Geschwindigkeit sich mit der chemischen Umgebung verschiebt, ohne dass die Person selbst etwas davon bewusst bemerkt.

Eine weitere Hirnregion, die Inselrinde, verbindet die Zeitwahrnehmung direkt mit dem körperlichen Zustand. Sie verarbeitet Signale aus dem Inneren des Körpers, Herzschlag, Atemfrequenz, Verdauung, und bildet daraus offenbar eine Art fortlaufendes Zeitgefühl, das eng an die eigene Physiologie gekoppelt ist. Menschen mit einer besonders feinen Wahrnehmung ihres eigenen Herzschlags schätzen kurze Zeitintervalle in Experimenten tendenziell genauer ein als Menschen, die ihren Puls kaum spüren, ein Hinweis darauf, dass die innere Uhr nicht nur im Kopf sitzt, sondern sich teilweise aus dem Rhythmus des eigenen Körpers speist.

Diese Befunde zusammengenommen ergeben ein Bild, das weit von der Vorstellung einer gleichmäßig tickenden inneren Uhr entfernt ist. Es gibt keinen einzelnen Ort im Gehirn, der Zeit misst, so wie eine Armbanduhr sie misst. Stattdessen entsteht das Zeitgefühl aus dem Zusammenspiel mehrerer Systeme, die jeweils auf Neuheit, Bedrohung, Botenstoffe und Erinnerungsdichte reagieren und deren gemeinsames Ergebnis erst im Nachhinein zu dem verschmilzt, was als eine bestimmte gefühlte Dauer erlebt wird.

Genau diese Uneinheitlichkeit erklärt, warum zwei Menschen, die denselben Moment erleben, ihn völlig unterschiedlich empfinden können. Der eine sitzt gelangweilt in einem Wartezimmer, für ihn dehnt sich jede Minute, weil kaum neue Reize eintreffen und die Aufmerksamkeit sich auf die Uhr selbst richtet, was den Effekt noch verstärkt. Der andere führt im selben Raum ein intensives Gespräch, für ihn vergeht dieselbe Viertelstunde wie im Flug, weil die Aufmerksamkeit vollständig gebunden ist und kaum Kapazität für die Beobachtung der verstreichenden Zeit übrig bleibt.

Was Uhren zeigen, wenn niemand hinsieht

Während das Gehirn Zeit auf diese unzuverlässige, formbare Weise konstruiert, verhält sich Zeit auf physikalischer Ebene erstaunlich exakt messbar, aber ebenso wenig starr, wie die Alltagserfahrung vermuten lässt. Die Relativitätstheorie zeigt, dass Zeit nicht überall im Universum gleich schnell vergeht, sondern von Geschwindigkeit und Schwerkraft abhängt, und dieser Effekt lässt sich nicht nur berechnen, sondern inzwischen mit handelsüblicher Technik direkt messen.

Das bekannteste Alltagsbeispiel liefern GPS-Satelliten. Sie umkreisen die Erde in etwa zwanzigtausend Kilometern Höhe mit hoher Geschwindigkeit, und beide Faktoren wirken auf ihre Bordatomuhren, allerdings in entgegengesetzte Richtungen. Die hohe Geschwindigkeit lässt die Uhren an Bord, gemäß der speziellen Relativitätstheorie, geringfügig langsamer laufen als eine Uhr auf der Erde. Die geringere Schwerkraft in dieser Höhe lässt sie, gemäß der allgemeinen Relativitätstheorie, umgekehrt schneller laufen. In der Summe gehen die Satellitenuhren um etwa 38 Mikrosekunden pro Tag zu schnell gegenüber einer Uhr auf der Erdoberfläche, ein winziger Wert, der ohne Korrektur jedoch zu einer Positionsabweichung von mehreren Kilometern pro Tag führen würde.

Dieser Effekt lässt sich mittlerweile auch ganz ohne Satelliten nachweisen. Optische Atomuhren sind heute so präzise, dass zwei baugleiche Uhren, von denen eine nur um dreißig Zentimeter höher steht als die andere, messbar unterschiedlich schnell laufen. Ein Forschungsteam konnte diesen Höhenunterschied im Labor direkt in einem Unterschied der Zeitmessung sichtbar machen, ganz ohne den Umweg über den Weltraum, ein Experiment, das lange als rein theoretisch galt und heute mit vertretbarem Aufwand wiederholbar ist. Zeit vergeht auf einer Kellertreppe demnach tatsächlich, wenn auch unmessbar für den Alltag, geringfügig langsamer als auf dem Dachboden desselben Hauses.

Zwei Uhren, die exakt gleich gebaut sind, zeigen an zwei verschiedenen Orten trotzdem nicht dasselbe.

Noch deutlicher wird der Effekt bei sehr hohen Geschwindigkeiten. Astronauten, die längere Zeit auf der Internationalen Raumstation verbrachten, sind bei ihrer Rückkehr auf die Erde um einen winzigen Bruchteil einer Sekunde jünger als sie es gewesen wären, hätten sie dieselbe Zeit auf dem Boden verbracht. Der Effekt liegt im Bereich weniger Millisekunden über einen gesamten Aufenthalt von mehreren Monaten, real und mehrfach bestätigt, aber weit unterhalb dessen, was ein Mensch selbst bemerken könnte.

In der Nähe extrem massereicher Objekte wächst dieser Effekt auf ein Vielfaches. In der unmittelbaren Umgebung eines Schwarzen Lochs verlangsamt sich der Zeitfluss aus der Perspektive eines entfernten Beobachters so drastisch, dass eine Uhr kurz vor dem sogenannten Ereignishorizont, jener Grenze, hinter der nichts mehr entkommen kann, für einen außenstehenden Betrachter beinahe stillzustehen scheint, während sie für einen hypothetischen Reisenden an Bord ganz normal weiterläuft. Dieses Gedankenexperiment, in abgeschwächter Form auch als Zwillingsparadoxon bekannt, wonach ein mit hoher Geschwindigkeit gereister Zwilling bei seiner Rückkehr jünger wäre als der daheimgebliebene, ist keine bloße Spekulation, sondern eine direkte, wiederholt experimentell bestätigte Folge derselben Gleichungen, die auch die Korrektur der GPS-Satelliten notwendig machen.

Diese physikalische Zeitdehnung hat nichts mit der neuronalen Zeitdehnung aus Angst oder Neuheit gemeinsam, obwohl beide denselben Begriff verwenden. Die eine ist eine Eigenschaft der Raumzeit selbst, unabhängig davon, ob ein Beobachter überhaupt existiert. Die andere ist ein Konstruktionsfehler, oder vielleicht eher eine Konstruktionsleistung, eines Gehirns, das ständig versucht, aus lückenhaften Sinneseindrücken eine kohärente Erzählung zu bauen. Beide Phänomene tragen denselben Namen, beschreiben aber vollkommen unterschiedliche Mechanismen, die zufällig in derselben Sprache landen, weil beide irgendwie mit Dauer zu tun haben. Wie unterschiedliche Bezeichnungen ein und dieselbe Beobachtung verschleiern können, ist auch Thema von Über das Schweigen der Sterne, wo Sprache und Messung ebenfalls auseinanderfallen.

Interessant wird es dort, wo beide Ebenen aufeinandertreffen, etwa bei Piloten oder Astronauten, deren Berufsalltag beide Formen der Zeitverschiebung gleichzeitig betrifft: die physikalische, messbare Verschiebung durch Höhe und Geschwindigkeit, und die neuronale, subjektive Verschiebung durch Stress, Routine und Aufmerksamkeit. Ein Langstreckenflug kann sich für die Besatzung endlos ziehen, während die Bordinstrumente exakt dieselbe physikalische Zeit registrieren, die auch am Boden verstrichen ist, plus einen für den Menschen völlig unmerklichen relativistischen Unterschied im Nanosekundenbereich.

Diese Doppelstruktur, eine feste, messbare physikalische Ebene und eine formbare, erlebte neuronale Ebene, ist vermutlich der eigentliche Grund, warum Zeit sich im Alltag so widersprüchlich anfühlt. Die Uhr an der Wand zeigt eine Zeit, über deren physikalische Grundlage sich kaum streiten lässt. Was ein Mensch in derselben Stunde tatsächlich erlebt, folgt einem völlig anderen, weit unberechenbareren Regelwerk, das mit der Physik der Uhr fast nichts zu tun hat.

Selbst die Definition der Sekunde selbst musste diese Unabhängigkeit von der menschlichen Wahrnehmung erst einholen. Bis 1967 war eine Sekunde als Bruchteil eines Erdumlaufs um die Sonne definiert, eine astronomische, letztlich an den Kalender gebundene Größe. Seither definiert man sie über eine feste Anzahl von Schwingungen eines Cäsiumatoms, unabhängig von Erdrotation, Jahreszeiten oder irgendeiner menschlichen Bezugsgröße. Diese Umstellung war mehr als eine technische Formalität: Sie löste die kleinste messbare Zeiteinheit endgültig von allem, was mit Erleben oder Beobachtung zu tun hat, und machte sie zu einer reinen Eigenschaft der Materie selbst, unabhängig davon, ob ein Kalenderjahr gerade einen Tag länger oder kürzer ausfiel, weil sich die Erdrotation minimal verändert hatte.

Was der Körper ohne Uhr weiß

Neben dem physikalischen Takt der Uhren und dem konstruierten Takt der Wahrnehmung existiert ein dritter, biologischer Takt, der weitgehend unabhängig von beiden arbeitet. Nahezu jede Zelle im menschlichen Körper besitzt eine eigene molekulare Uhr, gesteuert durch einen Zyklus bestimmter Proteine, die sich über etwa vierundzwanzig Stunden auf- und wieder abbauen. Diese sogenannten zirkadianen Rhythmen laufen auch dann weiter, wenn ein Mensch für Wochen in einer fensterlosen Höhle ohne jeden Hinweis auf Tag oder Nacht lebt, wie Experimente mit freiwilligen Testpersonen in Höhlensystemen wiederholt gezeigt haben.

Koordiniert wird dieses Zellorchester von einer winzigen Region im Gehirn, dem suprachiasmatischen Kern, der über die Netzhaut Lichtinformation empfängt und den Takt an praktisch jedes Organ weitergibt. Leber, Nieren, Haut und Herz besitzen jeweils eigene Uhren, die normalerweise miteinander synchronisiert sind, sich aber bei einem Langstreckenflug oder bei dauerhafter Nachtschicht auseinanderentwickeln können. Der klassische Jetlag entsteht nicht durch Müdigkeit im eigentlichen Sinn, sondern dadurch, dass verschiedene Organe für einige Tage nach unterschiedlichen inneren Uhrzeiten arbeiten, bevor sie sich neu aufeinander einstellen.

Nicht jede Zelle altert dabei im selben Tempo. Rote Blutkörperchen werden im Körper etwa alle vier Monate vollständig erneuert, Zellen der Darmschleimhaut binnen weniger Tage, während bestimmte Neuronen im Gehirn über das gesamte Leben hinweg erhalten bleiben und niemals ersetzt werden. Ein Mensch besteht in diesem Sinn zu jedem Zeitpunkt aus Geweben sehr unterschiedlichen biologischen Alters, manche kaum älter als eine Woche, andere so alt wie die Person selbst, alle gleichzeitig in einem einzigen Körper vereint.

Kein Körper hat ein Alter. Er hat viele, gleichzeitig.

Chronotypen, umgangssprachlich Lerchen und Eulen genannt, zeigen eine weitere Ebene dieser inneren Uneinheitlichkeit. Genetische Varianten in den sogenannten Uhrengenen verschieben den natürlichen Höhepunkt der Wachheit bei manchen Menschen um mehrere Stunden gegenüber anderen, ein Unterschied, der weitgehend angeboren ist und sich durch Willenskraft kaum dauerhaft verändern lässt. Ein Schulbeginn um acht Uhr morgens zwingt einen genetisch bedingten Spättyp regelmäßig in eine Phase, die seiner inneren Uhr nach mitten in der Nacht liegt, mit messbaren Folgen für Konzentration und Gedächtnisleistung.

Die Entdeckung der molekularen Grundlage dieser inneren Uhr wurde 2017 mit dem Nobelpreis für Medizin gewürdigt. Die drei ausgezeichneten Forscher hatten in Fruchtfliegen ein Gen identifiziert, dessen Protein sich über den Tag hinweg im Zellkern anhäuft und in der Nacht wieder abgebaut wird, ein simpler, aber äußerst robuster Rückkopplungsmechanismus, der sich in beinahe identischer Form in praktisch allen bekannten vielzelligen Lebewesen wiederfindet, vom Pilz bis zum Menschen. Dass ein derart grundlegender molekularer Mechanismus über Hunderte Millionen Jahre Evolution nahezu unverändert erhalten blieb, spricht dafür, wie zentral eine funktionierende innere Uhr für das Überleben überhaupt ist.

Auch die Jahreszeit beeinflusst diesen Takt. Die Länge des Tageslichts steuert über denselben suprachiasmatischen Kern die Ausschüttung von Melatonin, und in den dunklen Wintermonaten verschiebt sich bei vielen Menschen sowohl die Schlafdauer als auch die Stimmungslage messbar, ein Effekt, der in nördlichen Breiten stärker ausfällt als näher am Äquator, wo die Tageslänge über das Jahr kaum schwankt.

Manche Tiere treiben diese saisonale Umstellung noch weiter. Ein Winterschläfer wie das Murmeltier senkt während der kalten Monate seine Körpertemperatur um mehrere Grad und seine Herzfrequenz auf einen Bruchteil des normalen Werts, wodurch sein biologischer Takt sich gegenüber der Außenwelt drastisch entkoppelt: Wochen vergehen, ohne dass im Körper des Tieres annähernd so viel Stoffwechselzeit verstreicht, wie eine Uhr an der Höhlenwand anzeigen würde. Der Vergleich mit dem Menschen bleibt hier natürlich lose, aber er zeigt, wie weit sich biologische Zeit von der auf einer Uhr abgelesenen Zeit entfernen kann, wenn die Evolution es erfordert.

Diese biologische Ebene lässt sich von der neuronalen Zeitwahrnehmung aus dem ersten Kapitel nicht sauber trennen. Ein übermüdeter Körper, dessen innere Uhren durcheinandergeraten sind, verändert auch die subjektive Zeitwahrnehmung, macht Minuten zäh und Stunden löchrig, ein Effekt, den jeder kennt, der nach einer durchwachten Nacht versucht hat, einem einfachen Gespräch zu folgen. Die drei Ebenen, physikalische Zeit, biologische Zeit und erlebte Zeit, laufen nicht unabhängig nebeneinanderher, sondern beeinflussen sich ständig gegenseitig, auch wenn jede für sich einem eigenen, klar unterscheidbaren Regelwerk folgt. Wie unterschiedlich sich ein und derselbe Moment je nach Blickwinkel liest, beschreibt in anderem Zusammenhang auch Die Grammatik der Gegenwart, wo es um die vielen Lesarten eines einzigen Augenblicks geht.

Ein Abend, an dem drei Uhren nicht übereinstimmten

An einem Fensterplatz während eines Nachtflugs über den Atlantik ließ sich das Zusammenspiel dieser drei Ebenen einmal an einem einzigen Abend beobachten, ganz ohne Absicht. Die Bordanzeige zeigte eine Ankunftszeit, die physikalisch exakt berechnet war, bis auf die Minute, samt jener paar milliardstel Sekunden relativistischer Abweichung, die die Reisegeschwindigkeit der Maschine mit sich brachte, unsichtbar, aber real. Die eigene innere Uhr dagegen bestand hartnäckig auf einer völlig anderen Uhrzeit, der des Abflugorts, und meldete Hunger und Müdigkeit zu Zeiten, die am Zielort mitten am Nachmittag lagen.

Neben mir blätterte jemand in einem Magazin, dessen Artikel über Zeitzonen genau das Problem beschrieb, das gerade im eigenen Körper stattfand, ohne dass die Person es zu bemerken schien. Zwei Sitzreihen weiter schlief ein Kind quer über drei Plätze, offenbar völlig unberührt von jeder der drei Uhren, einfach dem eigenen Bedürfnis folgend, während die Eltern daneben wach blieben und immer wieder auf ihre Telefone blickten, die stur die Uhrzeit des Startorts anzeigten, weil noch niemand daran gedacht hatte, sie umzustellen, ein kleines, banales Detail, das die ganze Verwirrung der Reise in einem einzigen Display zusammenfasste.

Und die dritte Uhr, die erlebte, tat noch etwas Eigenes: Die ersten zwei Stunden des Flugs, mit Start, Sicherheitsansage und dem ungewohnten Blick auf die Wolken von oben, fühlten sich lang an, reich an kleinen neuen Eindrücken. Die folgenden fünf Stunden über dunklem Ozean, ohne jede sichtbare Veränderung draußen, vergingen dagegen wie im Flug, obwohl sie mehr als doppelt so lange dauerten, ein Verhältnis, das keiner der beiden anderen Uhren an Bord auch nur ansatzweise widerspiegelte.

Irgendwann, kurz vor der Landung, ein Blick auf die kleine Karte im Bildschirm der Rückenlehne, das winzige Flugzeugsymbol, das sich kaum merklich über den Ozean schob, während draußen längst wieder die ersten Lichter der Küste auftauchten. Für einen Moment ließen sich alle drei Uhren gleichzeitig denken, ohne sie zusammenzuzwingen: die exakte, die biologische und die gefühlte, jede für sich richtig, keine davon der Maßstab für die anderen.

Am Flughafen dann noch ein vierter Takt, ganz unabhängig von Physik und Physiologie: der Takt der Ankunftshalle selbst, das Blinken der Anzeigetafel, die im Sekundentakt Gates und Verspätungen neu sortierte, während Reisende in alle Richtungen strömten, jeder mit einer eigenen, gerade frisch verschobenen inneren Uhr im Gepäck, sichtbar an nichts als der Art, wie manche zielstrebig gingen und andere blinzelnd stehen blieben, als müssten sie erst herausfinden, welche Tageszeit gerade für sie persönlich galt.

Drei Uhren, ein Abend, keine davon lügt.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Grund, warum sich Zeit so schwer in einen einzigen Begriff fassen lässt. Nicht, weil sie geheimnisvoll wäre, sondern weil unter diesem einen Wort mindestens drei verschiedene, jeweils gut erforschte Mechanismen zusammengefasst werden, die in den seltensten Fällen dasselbe Ergebnis liefern. Ein Physiker, ein Chronobiologe und ein Neurowissenschaftler, die denselben Flug beschreiben sollten, würden vermutlich drei völlig unterschiedliche, aber jeweils korrekte Geschichten erzählen, jede vollständig in sich, keine davon die andere widerlegend, nur aus einem anderen Blickwinkel erzählt.

Die Bordcrew begann mit dem Servieren des Frühstücks, obwohl draußen noch die Nacht des Startorts hätte herrschen müssen, hätte man die eigene innere Uhr befragt. Ein Kaffeegeruch zog durch die Kabine, jemand klappte die Jalousie hoch, grelles Morgenlicht fiel herein, viel zu früh nach eigenem Empfinden und exakt richtig nach der Uhr am Zielflughafen. Der Körper würde sich in den nächsten Tagen anpassen, Zelle für Zelle, während draußen die Landung längst begonnen hatte und die exakte, physikalische Zeit, unbeeindruckt von alledem, einfach weiterlief, wie sie es immer tut.

Am Gepäckband, eine gute halbe Stunde später, stand ich neben einem Mann, der leise vor sich hin rechnete, wie viele Stunden Schlaf ihm jetzt eigentlich fehlten, und zu keinem eindeutigen Ergebnis kam, weil die Rechnung je nach Uhr, die man zugrunde legte, ein anderes Resultat ergab. Draußen vor der Ankunftshalle stand die Sonne bereits hoch am Himmel, unbeteiligt an dieser ganzen inneren Buchhaltung, einfach nur an ihrem Platz, wo sie zu dieser Uhrzeit an diesem Ort nun einmal stand, unabhängig davon, wie viele verschiedene Zeiten gerade gleichzeitig durch die Ankommenden hindurchliefen, jede für sich genau richtig und keine davon deckungsgleich mit einer anderen.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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