Schwarz-weiß-Fotografie eines minimalistischen Innenraums mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast; sanft einfallendes Licht zeichnet die Wand neben einem schmalen Fenster

Die Räume, die uns beobachten.

Ombra Celeste Magazin


Über das leise Wissen der Räume

Die Räume, die uns beobachten

Was eine Zimmerdecke mit dem Denken macht

Im Jahr 2007 veröffentlichten die amerikanische Marketingforscherin Joan Meyers-Levy und ihr Kollege Rui Zhu eine vielbeachtete Studie, die auf den ersten Blick nichts mit Architektur zu tun zu haben schien. Sie ließen Versuchspersonen in Räumen mit unterschiedlicher Deckenhöhe, einmal etwa 2,4 Meter, einmal etwa drei Meter, verschiedene Denkaufgaben lösen. Das Ergebnis war eindeutig: Unter der hohen Decke lösten die Teilnehmer eher Aufgaben, die freies, assoziatives Denken verlangten, während sie unter der niedrigen Decke systematischer und detailorientierter arbeiteten. Keiner der Teilnehmer hatte die Deckenhöhe bewusst wahrgenommen oder als Faktor benannt.

Die Erklärung, die Meyers-Levy vorschlug, stützt sich auf sogenannte Priming-Effekte: Der Begriff Freiheit wird körperlich mit Weite assoziiert, der Begriff Einschränkung mit Enge. Eine hohe Decke aktiviert unbewusst Konzepte wie Offenheit und Möglichkeit, eine niedrige Decke Konzepte wie Fokus und Kontrolle. Das Gehirn übersetzt also eine rein physikalische Eigenschaft des Raums in eine kognitive Haltung, ohne dass dieser Übersetzungsprozess dem Bewusstsein zugänglich wäre. Wer in einem Raum mit niedriger Decke sitzt, denkt nicht bewusst enger. Er denkt einfach anders, und bemerkt den Unterschied allenfalls im Ergebnis.

Nachfolgende Untersuchungen haben dieses Grundmuster in unterschiedlichen Kontexten bestätigt, auch wenn die Effektgrößen je nach Studiendesign variieren. In Bürogebäuden mit besonders niedrigen Deckenhöhen unter 2,4 Metern zeigen Beschäftigte in Befragungen tendenziell mehr Berichte über Konzentrationsschwierigkeiten und ein Gefühl von Enge, unabhängig von der tatsächlichen Grundfläche des Raums. Umgekehrt berichten Beschäftigte in Räumen mit Deckenhöhen über drei Metern häufiger von einem Gefühl der Großzügigkeit, selbst wenn die Bodenfläche objektiv kleiner ist als in vergleichbaren niedrigeren Räumen.

Ein Raum muss nicht groß sein, um weit zu wirken, nur hoch genug, damit der Blick nach oben nicht sofort auf eine Grenze trifft.

Verwandt mit diesem Effekt ist ein älteres Konzept aus der Architekturtheorie, die sogenannte Prospect-Refuge-Theorie des Geografen Jay Appleton aus dem Jahr 1975. Appleton argumentierte, Menschen bevorzugten evolutionär geprägt Räume, die zugleich Übersicht, Prospect, und Rückzug, Refuge, bieten, ein offener Blick nach vorn bei gleichzeitig geschütztem Rücken. Diese Präferenz lässt sich in modernen Innenräumen wiederfinden: Sitzplätze mit dem Rücken zur Wand und Blick zum Raum werden in Beobachtungsstudien systematisch bevorzugt gewählt, in Cafés ebenso wie in Bibliotheken oder Wartebereichen, lange bevor jemand diese Präferenz explizit hätte begründen können.

Auch die reine geometrische Form eines Raumes selbst beeinflusst maßgeblich, wie Menschen sich darin bewegen und wo sie bevorzugt verweilen. Untersuchungen zur sogenannten Space Syntax, einem in den achtziger Jahren am University College London entwickelten Verfahren zur Analyse räumlicher Konfigurationen, zeigen, dass die Häufigkeit, mit der Menschen einen bestimmten Punkt in einem Gebäude passieren, sich mit hoher Genauigkeit allein aus der geometrischen Struktur des Grundrisses vorhersagen lässt, unabhängig davon, was an diesem Punkt tatsächlich stattfindet. Ein langer, gerader Korridor erzeugt vorhersagbar mehr Durchgangsverkehr als ein verwinkelter, selbst wenn beide dieselbe Länge haben.

Diese Vorhersagbarkeit ist bemerkenswert stabil und erstreckt sich auch auf subtilere Verhaltensmuster. In Museen etwa lässt sich beobachten, dass Besucher in Räumen mit klaren, symmetrischen Sichtachsen tendenziell zügiger durchgehen als in Räumen mit versetzten, asymmetrischen Wegführungen, in denen sich die Verweildauer vor einzelnen Objekten deutlich erhöht. Museumsarchitekten nutzen dieses Wissen gezielt, um den Rhythmus eines Rundgangs zu steuern, Momente der Beschleunigung und der Verlangsamung bewusst in die Raumfolge einzubauen, ohne dass Besucher dies als gestalterische Absicht wahrnehmen.

Ähnliche Prinzipien finden sich in der Gestaltung von Einkaufszentren, wo Space-Syntax-Analysen seit den neunziger Jahren gezielt eingesetzt werden, um sogenannte Ankerläden so zu platzieren, dass Kunden auf dem Weg dorthin an möglichst vielen anderen Geschäften vorbeigeführt werden. Diese Wegführung wird selten als Manipulation empfunden, weil sie über die Geometrie des Grundrisses wirkt, nicht über Beschilderung oder Werbung, die als solche erkennbar wären. Der Körper folgt der Struktur, lange bevor der Verstand eine Route bewusst plant.

Auch Materialien selbst tragen zu diesen unbewussten Effekten bei. Eine Untersuchung der Umweltpsychologin Yannick Joye aus dem Jahr 2007 zu sogenannten fraktalen Mustern, wie sie in Naturformen und manchen historischen Ornamenten vorkommen, zeigte, dass Betrachter solche Muster als weniger stressbelastend einstuften als geometrisch reduzierte, glatte Oberflächen, gemessen unter anderem an der Hautleitfähigkeit, einem etablierten Indikator für physiologische Erregung. Die Vorliebe für bestimmte Oberflächenstrukturen ist demnach keine reine Geschmacksfrage, sondern lässt sich mit messbaren körperlichen Reaktionen verknüpfen.

Der Mathematiker Nikos Salingaros, der sich seit den 1990er Jahren intensiv mit mathematischen Eigenschaften wohltuender Architektur beschäftigte, argumentierte in diesem Zusammenhang, dass bestimmte fraktale Dimensionen, ein Maß für die Komplexität einer Oberflächenstruktur über verschiedene Betrachtungsabstände hinweg, bei Menschen zuverlässig geringere physiologische Stressreaktionen auslösen als vollkommen glatte, informationsarme Flächen. Historische Fassaden mit reich gegliederten Ornamenten erreichen häufig genau jene mittlere fraktale Komplexität, die in solchen Untersuchungen am positivsten bewertet wird, während viele moderne Glasfassaden, trotz ihrer ästhetischen Klarheit, in denselben Messungen als informationsarm und damit als weniger beruhigend eingestuft werden.

Was all diese Befunde verbindet, ist die Erkenntnis, dass architektonische Entscheidungen, die oft rein ästhetisch oder praktisch motiviert erscheinen, tatsächlich tief in kognitive und physiologische Prozesse eingreifen, lange bevor ein Mensch diese Eingriffe benennen könnte. Ein Raum trifft keine Entscheidungen, aber seine Form legt fest, welche Entscheidungen für einen Menschen darin wahrscheinlicher werden, welche Gedanken sich leichter einstellen und welche eher gehemmt bleiben.

Was Licht mit dem Körper macht, bevor es das Auge erreicht

Im Jahr 2002 identifizierten mehrere Forschungsteams unabhängig voneinander einen bis dahin unbekannten Fotorezeptortyp in der menschlichen Netzhaut, die sogenannten intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen. Diese Zellen tragen nicht zum bewussten Sehen bei, reagieren aber empfindlich auf blaues Licht im Wellenlängenbereich um 480 Nanometer und senden ihre Signale direkt an den suprachiasmatischen Kern im Gehirn, jene Region, die den zirkadianen Rhythmus steuert. Ein Raum kann demnach auf den Körper wirken, ohne dass ein Mensch überhaupt bewusst hinsieht, allein durch die spektrale Zusammensetzung des Lichts, das auf die Netzhaut trifft.

Diese Entdeckung veränderte die Bewertung von Innenraumbeleuchtung grundlegend. Krankenhäuser, Büros und Pflegeeinrichtungen begannen, ihre Beleuchtungssysteme nicht mehr allein nach Helligkeit in Lux zu planen, sondern nach dem sogenannten melanopischen Wirkungsspektrum, das speziell diese neu entdeckten Zellen berücksichtigt. Studien in Pflegeeinrichtungen, unter anderem eine vielzitierte niederländische Untersuchung aus dem Jahr 2008, zeigten, dass eine Erhöhung der Lichtintensität am Vormittag den Schlafrhythmus von Bewohnern mit fortgeschrittener Demenz messbar stabilisierte und depressive Symptome reduzierte, ganz ohne medikamentöse Intervention.

Auch die Farbtemperatur von Kunstlicht beeinflusst nachweislich mehr als nur die Stimmung. Eine japanische Studie aus den 2000er Jahren zu Bürobeleuchtung fand, dass Beschäftigte unter kühlerem, bläulicherem Licht am Vormittag höhere Werte in Konzentrationstests erzielten, während wärmeres, gelbliches Licht am späten Nachmittag mit geringerer subjektiv empfundener Müdigkeit korrelierte. Diese Befunde haben inzwischen Eingang in sogenannte Human Centric Lighting Systeme gefunden, die die Farbtemperatur im Tagesverlauf automatisch anpassen, um den natürlichen Lichtverlauf draußen nachzubilden.

Ein Raum kann den Körper takten, ohne dass der Verstand je gefragt wurde.

Neben der spektralen Zusammensetzung spielt auch die räumliche Verteilung von Licht eine Rolle, die selten bewusst wahrgenommen wird. Gleichmäßig ausgeleuchtete Räume ohne erkennbare Lichtquelle, wie sie in vielen Großraumbüros mit abgehängten Deckenrastern üblich sind, erschweren es dem visuellen System, eine klare räumliche Orientierung zu entwickeln, weil Schatten als natürliches Orientierungsmerkmal fehlen. Innenarchitekten sprechen in diesem Zusammenhang von einer verminderten Lesbarkeit des Raums, ein Effekt, der in Befragungen mit einem diffusen Unwohlsein korreliert, das Betroffene selten dem Licht selbst zuschreiben, sondern eher unspezifisch als schlechte Atmosphäre beschreiben.

Auch die grundlegende Beziehung zwischen Innenraum und Tageslicht von außen wurde in den vergangenen Jahrzehnten intensiv untersucht. Eine viel zitierte, wenn auch in ihrer Methodik später kritisch diskutierte Untersuchung des kalifornischen Energieversorgers Heschong Mahone Group aus dem Jahr 1999 fand in mehreren kalifornischen Schuldistrikten einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Tageslichteinfall in Klassenzimmern und den Testergebnissen der Schüler, wobei Klassen mit mehr Tageslicht im Durchschnitt bessere Werte erzielten als vergleichbare Klassen mit überwiegend künstlicher Beleuchtung. Auch wenn spätere Untersuchungen die Effektstärke relativierten, blieb der grundsätzliche Zusammenhang zwischen natürlichem Licht und kognitiver Leistungsfähigkeit in der Forschung weitgehend bestehen.

Fensterlose Räume erzeugen dabei nicht nur ein subjektives Gefühl der Eingeschlossenheit. Untersuchungen zur sogenannten Building Related Illness, einer Gruppe unspezifischer Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwäche, die gehäuft in bestimmten Gebäuden auftreten, verweisen wiederholt auf fehlenden Außenbezug und mangelnde Tageslichtversorgung als einen von mehreren beitragenden Faktoren, neben Luftqualität und Lärmbelastung. Ein Raum ohne Fenster ist demnach nicht einfach ein Raum, dem etwas Ästhetisches fehlt, sondern ein Raum, der dem Körper Informationen vorenthält, auf die er evolutionär eingerichtet ist zu reagieren.

In einigen Bürogebäuden wurde in den vergangenen Jahren versucht, diesen Mangel technisch zu kompensieren, etwa durch sogenannte virtuelle Fenster, große Bildschirme, die Live-Aufnahmen von Naturlandschaften zeigen. Erste Studien dazu, unter anderem eine britische Untersuchung mit Beschäftigten in einem fensterlosen Kontrollraum, fanden tatsächlich positive Effekte auf Stimmung und wahrgenommene Erholung während kurzer Pausen, wenn auch deutlich schwächer ausgeprägt als bei echtem Tageslicht mit echtem Außenbezug. Das Gehirn lässt sich demnach teilweise, aber nicht vollständig täuschen, wenn es um die Frage geht, ob draußen tatsächlich etwas ist oder nur simuliert wird.

Was Klang über einen Raum verrät, bevor man ihn sieht

Wer mit geschlossenen Augen einen Raum betritt, kann allein anhand des Klangs oft bereits erstaunlich viel über seine Größe, sein Material und seine Nutzung sagen. Diese Fähigkeit beruht auf der Nachhallzeit, jener Zeitspanne, die ein Schallereignis benötigt, um auf ein Sechzigstel seiner ursprünglichen Energie abzuklingen, ein Wert, der in der Raumakustik als RT60 bezeichnet wird. Kirchen mit ihren harten, reflektierenden Steinoberflächen erreichen Nachhallzeiten von mehreren Sekunden, während ein textilreich möbliertes Wohnzimmer selten über eine halbe Sekunde hinauskommt.

Diese akustischen Eigenschaften beeinflussen nachweislich, wie Menschen sich in einem Raum verhalten, noch bevor sie ein Wort sprechen. Untersuchungen zur Raumakustik in Großraumbüros, unter anderem umfangreiche schwedische Feldstudien aus den 2010er Jahren, zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen kurzer Nachhallzeit und geringerer wahrgenommener Anstrengung bei konzentrierter Arbeit, während lange Nachhallzeiten mit erhöhter Ablenkbarkeit und einer gesteigerten Tendenz korrelieren, private statt fachliche Gespräche zu unterdrücken, aus der unbewussten Sorge, zu weit gehört zu werden.

Auch die menschliche Stimme selbst reagiert unmittelbar auf die akustischen Eigenschaften eines Raums, ein Phänomen, das unter dem Namen Lombard-Effekt bereits seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert bekannt ist. In lauten oder stark hallenden Umgebungen erhöhen Sprecher unwillkürlich Lautstärke und Tonhöhe ihrer Stimme, um verständlich zu bleiben, ein Reflex, der bereits Sekundenbruchteile nach Betreten eines Raums einsetzt, lange bevor eine bewusste Anpassung stattfinden könnte. In sehr trockenen, schallgedämpften Räumen hingegen sprechen Menschen häufig unbewusst leiser, weil die fehlende akustische Rückmeldung den Eindruck erweckt, näher am Gegenüber zu sein, als es tatsächlich der Fall ist.

Ein Raum antwortet auf jede Stimme, bevor ein zweites Wort gesprochen wird, und die Stimme antwortet zurück.

Besonders deutlich zeigt sich der Einfluss der Akustik in Krankenhausumgebungen. Roger Ulrichs vielzitierte Untersuchung aus dem Jahr 1984 zum Einfluss von Fensterausblicken auf Genesungsraten nach Gallenblasenoperationen gilt als Gründungsstudie der sogenannten Evidence-Based Design-Forschung. Aufbauend auf diesem Ansatz entstand eine eigenständige Forschungslinie zu Krankenhausakustik, an der Ulrich später, unter anderem in einer Arbeit von 2007 gemeinsam mit dem Architekten Anjali Joseph, ebenfalls mitwirkte. Nachfolgende Studien in diesem Feld zeigten, dass Patienten in akustisch gedämpften Einzelzimmern im Schnitt weniger Schmerzmittel benötigten und kürzere Verweildauern aufwiesen als Patienten in halligen Mehrbettzimmern mit vielen reflektierenden Oberflächen, selbst wenn die medizinische Behandlung identisch war. Lärm und Nachhall wirken demnach nicht nur störend, sondern messbar auf physiologische Heilungsprozesse.

Die Materialwahl in einem Raum entscheidet damit über weit mehr als über dessen optische Erscheinung. Ein Raum mit vielen harten, glatten Flächen, Glas, poliertem Stein, unverputztem Beton, produziert unweigerlich lange Nachhallzeiten und damit eine akustische Umgebung, die kognitive Anstrengung erhöht, selbst wenn niemand im Raum tatsächlich spricht, allein durch die Art, wie Schritte, Stuhlrücken oder Papierrascheln zurückgeworfen werden. Akustiker sprechen von einem Raum, der laut ist, auch wenn er leer und still erscheint, weil seine Oberflächen jedes Geräusch verlängern, das in ihm entsteht.

Restaurantbetreiber haben diesen Zusammenhang in den vergangenen Jahren zunehmend als Gestaltungsfaktor entdeckt, nachdem viele bewusst minimalistisch gestaltete, hallige Lokale mit vielen harten Oberflächen in Kundenbewertungen wiederholt für ihre Lautstärke kritisiert wurden, unabhängig von Qualität und Service. Manche Betreiber ließen daraufhin nachträglich schallabsorbierende Elemente einbauen, oft unsichtbar in Decken oder Wandpaneelen integriert, um die Nachhallzeit zu senken, ohne die optische Gestaltung des Raums sichtbar zu verändern. Die Reaktion der Gäste auf solche nachträglichen Eingriffe fiel in dokumentierten Fällen regelmäßig positiv aus, häufig ohne dass jemand die akustische Veränderung als solche benennen konnte.

Ein Nachmittag in einem Lesesaal

Ich habe diesen Zusammenhang zwischen Raum und innerem Zustand einmal sehr direkt erlebt, in einem alten Lesesaal einer Universitätsbibliothek, den ich für eine Recherche aufsuchte, ohne vorher besonders viel über seine Architektur zu wissen. Der Saal war Teil eines Gebäudes aus dem späten neunzehnten Jahrhundert, mehrfach renoviert, aber in seiner Grundstruktur offenbar unverändert geblieben. Der Saal hatte eine Deckenhöhe von geschätzt sechs Metern, hohe schmale Fenster, durch die schräg einfallendes Licht in langen Streifen über die Tische wanderte, und einen Boden aus dunklem Holz, der bei jedem Schritt ein leises, aber deutliches Knarren erzeugte.

Kaum hatte ich Platz genommen und meine Unterlagen ausgebreitet, bemerkte ich, wie sich mein eigenes Tempo veränderte. Die Bewegungen wurden bedächtiger, die Blätter im Notizbuch wurden vorsichtiger umgeschlagen, als hätte der Raum selbst ein Maß vorgegeben, dem ich mich ohne bewusste Entscheidung anpasste. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass genau jene Faktoren, hohe Decke, gedämpftes, gerichtetes Licht, eine mittlere Nachhallzeit, die Schritte hörbar, aber nicht hallend machte, offenbar zusammenwirkten, um genau diese Art von konzentrierter, leicht feierlicher Aufmerksamkeit zu erzeugen, die man mit Bibliotheken assoziiert, ohne je den Grund dafür benannt zu haben.

Neben mir saß über mehrere Stunden hinweg ein älterer Mann, der offenbar seit Jahren regelmäßig an genau diesem Platz arbeitete, am Fenster, mit dem Rücken zu einem Bücherregal, in einer Position, die exakt jener Prospect-Refuge-Konstellation entsprach, von der ich später las, Übersicht über den Saal, Rücken gedeckt. Er hatte sich diesen Platz offenbar nie bewusst nach diesem Prinzip ausgesucht, das wurde im kurzen Gespräch deutlich, das sich am Nachmittag zufällig ergab. Er sagte nur, hier könne er am besten arbeiten, ohne dafür einen genaueren Grund angeben zu können.

Auf seinem Tisch lag, ordentlich gestapelt, eine Reihe von Büchern, deren Rücken schon deutliche Gebrauchsspuren zeigten, und eine Thermoskanne, aus der er in regelmäßigen Abständen eine Tasse nachfüllte, ohne den Blick von seinen Unterlagen zu heben. Die Routine wirkte eingespielt, über Jahre entstanden, jede Bewegung ökonomisch, als hätte sich sein Körper diesem Platz und seiner spezifischen Geometrie längst vollständig angepasst.

Ich fragte ihn, ob er andere Plätze im Saal schon einmal ausprobiert habe. Er überlegte kurz und meinte, er habe es versucht, mehrmals, aber es habe sich nie richtig angefühlt, an einem Tisch in der Mitte des Raums etwa, ohne Rückendeckung, mit Blickachsen in mehrere Richtungen gleichzeitig. Er konnte nicht sagen, was genau ihn dort gestört hatte, nur dass die Konzentration schwerer gefallen sei. Diese Beobachtung deckte sich fast lehrbuchhaft mit dem, was ich später in der Fachliteratur zur Sitzplatzwahl in Bibliotheken und Lesesälen fand.

Er erzählte auch, dass ein Bibliothekar ihm einmal vorgeschlagen hatte, einen ruhigeren Platz in einem Nebenraum zu nutzen, kleiner, mit niedrigerer Decke, weniger Publikumsverkehr. Er habe es einen Tag lang versucht und sei am nächsten Morgen wieder an seinen gewohnten Platz zurückgekehrt, ohne dass er hätte erklären können, warum der objektiv ruhigere Raum sich für ihn falsch angefühlt hatte. Vielleicht, vermutete er selbst im Gespräch, fehle dort einfach die Weite über ihm, die hohe Decke, an die er sich, ohne es zu wissen, längst gewöhnt hatte.

Gegen späten Nachmittag, als die tiefstehende Sonne in einem flacheren Winkel durch die hohen Fenster fiel, veränderte sich die Stimmung im ganzen Saal spürbar. Das Licht wurde wärmer, die Streifen auf dem Boden länger, und mehrere Personen um mich herum begannen fast gleichzeitig, ihre Sachen zusammenzupacken, als hätte der Raum selbst signalisiert, dass die eigentliche Arbeitszeit sich dem Ende zuneigte, lange bevor irgendeine Uhr das offiziell bestätigt hätte.

Ein Gedanke zu genau dieser Art, wie sich Licht im Tagesverlauf über einen Innenraum legt und dabei fast unbemerkt eine eigene Zeitstruktur vorgibt, findet sich auch unter Die Architektur eines Gedankens, dort mit einem anderen Schwerpunkt, aber mit derselben Grundbeobachtung, dass Zeit in einem Raum selten linear, sondern meist über Licht erfahrbar wird.

Auf dem Weg nach draußen, durch einen deutlich niedrigeren, mit Teppich ausgelegten Flur, bemerkte ich, wie sich mein eigenes Tempo erneut veränderte, diesmal schneller, alltäglicher, ohne die leicht feierliche Bedächtigkeit des Lesesaals. Der Übergang geschah unwillkürlich, innerhalb weniger Schritte, ohne dass ich eine bewusste Entscheidung getroffen hätte, mich anders zu bewegen. Erst der Kontrast zwischen beiden Räumen machte mir nachträglich deutlich, wie viel von dem, was ich für meine eigene Konzentration und Arbeitsdisziplin gehalten hatte, tatsächlich vom Raum selbst mitgetragen worden war.

Draußen vor dem Gebäude, auf einer belebten Straße mit Verkehrslärm und schnellen Schritten in alle Richtungen, verschwand diese Bedächtigkeit vollständig, binnen weniger Sekunden, als hätte der Lesesaal seine Wirkung exakt an der Türschwelle des Gebäudes enden lassen. Ich blieb kurz stehen, versuchte bewusst, die Ruhe von eben festzuhalten, ohne Erfolg. Der Straßenlärm, das Tempo der Passanten, die fehlende Deckenhöhe über einem offenen Himmel, der paradoxerweise weniger Weite vermittelte als die sechs Meter hohe Saaldecke, all das zusammen holte mich binnen Minuten wieder in ein völlig anderes, viel schnelleres inneres Tempo zurück.

Ein Gedanke, der sich auch in anderen Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Wahrnehmung und Umgebung findet, näher ausgeführt unter Die unsichtbare Architektur des Lichts, wo es ebenfalls um jene Effekte geht, die sich der bewussten Wahrnehmung entziehen, obwohl sie das Verhalten unmittelbar mitbestimmen.

Ich habe diesen Lesesaal seither mehrfach wieder aufgesucht, nie mit demselben Ergebnis, weil Jahreszeit, Lichteinfall und Besetzung jedes Mal unterschiedlich ausfielen, aber immer mit derselben grundsätzlichen Beobachtung: dass ein Raum, lange bevor ein einziges Buch aufgeschlagen wird, bereits entschieden hat, wie man sich in ihm bewegt, wie leise man spricht, wie lange man bleibt. Bei einem winterlichen Besuch, mit früh einsetzender Dämmerung und deutlich künstlicherer Beleuchtung, fiel mir zum ersten Mal auf, wie viel unruhiger der ganze Saal wirkte, mehr Husten, mehr Stuhlrücken, mehr kurze, gedämpfte Gespräche, ohne dass sich sonst etwas an der Architektur verändert hätte. Diese Entscheidung trifft niemand im Raum bewusst. Sie liegt in der Deckenhöhe, im Winkel des Lichts, in der Nachhallzeit des Bodens, Faktoren, die sich messen lassen, lange bevor sie sich erklären lassen. Ein Zusammenhang, der auch unter Die Grammatik des Zufallsrauschens weiterverfolgt wird, dort allerdings am Beispiel akustischer statt räumlicher Muster.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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