Die Schatten der Sprache.
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Ombra Celeste Magazin
In einem Tal auf La Gomera entscheidet die Luft eines einzigen Tages, welches Wort den Gegenhang erreicht und welches unterwegs in einen Schatten fällt, den niemand sehen kann.
Kurz nach sieben
Der Grat wirft seinen Schatten schräg über die Hauswand. Ein breites, weiches Band, oben dunkler, unten ausgefranst, als hätte jemand mit einem nassen Pinsel quer über den grauen Putz gezogen. Die Sonne steht noch hinter dem Berg. Das Licht kommt von der Seite und berührt nur die obere Hälfte des Tals, die untere liegt im Blauen, im Kühlen, im Noch nicht.
Unten im Barranco zählt man die Häuser schnell. Elf, vielleicht zwölf, wenn man den Stall mit dem Wellblechdach mitrechnet. Dazwischen Terrassen, Mauern aus aufgeschichtetem Basalt, ein paar Palmen, die schief stehen, weil der Wind sie über Jahrzehnte so gebogen hat. Eine Straße gibt es, aber sie macht so viele Kehren, dass ein Auto vom einen Hang zum anderen eine knappe halbe Stunde braucht.
Die Frau mit der blauen Schürze tritt vor ihr Haus. Sie trägt einen Eimer, den sie abstellt, sie wischt sich die Hände an der Schürze ab. Dann steckt sie den gekrümmten Zeigefinger in den Mund, legt die andere Hand wie eine Muschel an die Lippen und pfeift.
Es ist kein Pfiff, wie man ihn kennt, kein Ruf nach einem Hund, kein Signal. Der Ton steigt, kippt, bricht ab, setzt neu an, steigt wieder, gleitet nach unten. Er hat Silben. Wer die Sprache nicht spricht, hört trotzdem, dass da gerade ein Satz über das Tal fliegt, mit Anfang und Ende und einem Fragezeichen.
Auf dem Gegenhang, gut einen Kilometer Luftlinie entfernt, steht ein Mann mit einem Stock zwischen seinen Ziegen. Er hebt den Kopf. Er antwortet. Sein Pfiff ist tiefer als ihrer und rauer, an zwei Stellen bricht er, weil ihm ein Zahn fehlt, das weiß im Tal jeder.
Ein Satz fliegt über das Tal, und die Luft entscheidet, ob er ankommt.
Silbo Gomero heißt diese Sprache. Sie ist gepfiffenes Spanisch, zurückgeführt auf eine Handvoll Töne, zwei für die Vokale, vier für die Konsonanten, unterschieden nach Höhe und danach, ob der Ton gehalten wird oder abreißt. Die Ureinwohner der Insel haben schon gepfiffen, bevor das Spanische kam, und als es kam, haben sie es einfach mitgepfiffen.
Um diese Uhrzeit trägt die Luft fast alles. Die Nacht hat den Boden ausgekühlt, über den Terrassen liegt noch eine Schicht kalter Luft, darüber wärmere. Schall, der in diese Schichtung gerät, wird nach unten gebogen, zurück zur Erde, zurück zu den Ohren. Der Morgen ist eine Linse für Stimmen. Er sammelt, was sonst in den Himmel entweichen würde.
Die Frau fragt, ob der Mann heute Käse hat. Er hat. Sie fragt, ob er ihn bringt oder ob sie ihn holen muss. Er antwortet mit einem langen, absteigenden Ton, der offenbar beides heißen kann, und sie lacht, laut, über das ganze Tal, obwohl niemand dabei ist außer den Ziegen und einer Katze auf der Mauer.
In diesem Lachen steckt etwas, das in „Der Moment, bevor etwas beginnt“ schon einmal anklang: dass der Tag sich noch nicht entschieden hat und alles möglich bleibt. Das Licht kriecht inzwischen über die Dachkante. Der Schatten auf der Wand wird schmaler, rutscht ein paar Zentimeter tiefer. Die Frau nimmt ihren Eimer wieder auf.
Halb zehn
Eine Ziege fehlt. Der Mann mit dem Stock hat sie gezählt, zweimal, dann ein drittes Mal, und es sind immer vierzehn statt fünfzehn. Die Fehlende ist die mit dem schwarzen Ohr, die jedes Frühjahr verschwindet und jedes Frühjahr an derselben Stelle wieder auftaucht, in einer Felsnische oberhalb der alten Wasserleitung.
Er pfeift hinüber zur Frau mit der blauen Schürze. Sie steht inzwischen auf ihrer Terrasse und hängt Wäsche auf, Laken, Hemden, eine Tischdecke mit roten Rändern. Sie hört ihn sofort. Sie pfeift zurück, dass sie nichts gesehen hat. Dann eine zweite Phrase, kürzer, spitzer. Vermutlich ein Kommentar über die Ziege.
Oberhalb der Nische wohnt ein dritter. Der Mann mit dem Fahrrad, das er nie fährt, weil der Weg zu steil ist, und das trotzdem jeden Tag an derselben Mauer lehnt. Er wäre der Einzige, der die Ziege von oben sehen könnte. Aber zwischen ihm und dem Ziegenhirten liegt ein Felsrücken, ein Sporn aus schwarzem Gestein, der wie ein Keil ins Tal ragt.
Der Hirte pfeift. Einmal, zweimal. Nichts. Der Mann mit dem Fahrrad sitzt keine dreihundert Meter entfernt auf seiner Bank und schält eine Orange, und er hört nicht das Geringste. Er sitzt im Schatten des Felsens. Nicht im Schatten des Lichts. Im Schatten des Schalls.
Ein Pfiff ist hoch. Je höher ein Ton, desto kürzer seine Wellen, und desto weniger biegen sie sich um ein Hindernis herum. Ein tiefes Brummen kriecht um jeden Felsen, man hört den Lastwagen hinter der Kurve, lange bevor man ihn sieht. Ein Pfiff dagegen fliegt gerade wie ein Lichtstrahl, und wo ein Grat steht, wirft er einen Schatten, so scharf beinahe wie der auf der Hauswand am Morgen.
Die Lösung ist ein Umweg. Die Frau mit der blauen Schürze hat freie Sicht auf beide, den Hirten und den Mann mit dem Fahrrad. Sie lässt die Tischdecke halb aufgehängt hängen, dreht sich nach links und pfeift die Frage weiter, jetzt mit ihrer eigenen Stimme, mit ihren eigenen Eigenheiten, einem kleinen Triller am Satzende, den nur sie macht.
Der Mann mit dem Fahrrad legt die Orange weg. Er steht auf, späht über die Mauer, pfeift zurück. Die Frau übersetzt, wenn man das so nennen will, sie pfeift dasselbe noch einmal nach rechts. Die Ziege steht in der Nische. Natürlich steht sie in der Nische.
So wandert eine Nachricht durch ein Tal: von Mund zu Mund, über Ecken, an Schatten vorbei. Wer lange genug zuhört, merkt, dass dieses Netz eine eigene Geographie hat, die sich nicht mit der Karte deckt. Wie in „Die Sprache der Straßen – Wie Orte uns lesen“ liest hier der Ort die Menschen ebenso wie sie ihn. Wer an der richtigen Stelle wohnt, wird zum Knoten.
Die Frau mit der blauen Schürze ist so ein Knoten. Ihr Haus steht auf einem kleinen Vorsprung, frei nach drei Seiten. Alles, was im Tal gesagt wird, geht irgendwann über ihre Terrasse. Sie weiß, wer Streit hat, wer krank ist, wer am Sonntag nach Santa Cruz fährt und wer nur behauptet, er fahre. Sie hängt die Tischdecke fertig auf.
Der Hirte steigt los, Richtung Nische. Ein Pfiff noch, an niemanden gerichtet, eher an die Ziege selbst. Er klingt nicht wie ein Wort. Er klingt wie ein Seufzer mit Melodie.
Mittag
Gegen zwölf wird das Tal taub. Man merkt es nicht sofort. Es ist eher, als würde jemand langsam einen Regler herunterdrehen. Die Hühner gackern noch, aber man hört sie nur, wenn man nah genug ist. Der Hund am Talboden bellt, und das Bellen erreicht die Terrassen oben nur noch als Ahnung.
Die Sonne steht jetzt fast senkrecht. Der Basalt hat sich den ganzen Vormittag aufgeheizt, die Mauern sind so warm, dass man die Hand nicht lange darauf liegen lassen mag. Über dem Boden flimmert die Luft. Unten ist sie heiß, weiter oben kühler, und das ist genau die Schichtung, die den Morgen umkehrt.
In warmer Luft läuft Schall schneller als in kalter. Eine Schallwelle, die über den heißen Boden zieht, ist unten also schneller als oben, ihre Front kippt, sie biegt sich nach oben weg, in den Himmel, ins Leere. Nach ein paar hundert Metern ist sie über die Köpfe hinweggegangen. Darunter entsteht eine Zone, in die kein Ton mehr hinunterkommt. Die Akustiker nennen sie Schattenzone. Ein Schallschatten ohne Felsen, gemacht nur aus Wärme.
Die Frau mit der blauen Schürze pfeift trotzdem einmal. Sie will wissen, ob ihre Schwester auf dem anderen Hang die Tomaten schon geerntet hat. Der Pfiff geht los, kräftig, mit Triller, und er kommt nicht an. Er geht irgendwo über dem Talboden verloren, steigt, löst sich auf. Die Schwester, die unter ihrem Feigenbaum sitzt, hört nichts.
Die Frau wartet nicht auf Antwort. Sie weiß, wie Mittag ist. Sie geht ins Haus, wo es dunkel und kühl ist, und setzt sich an den Tisch, auf dem eine Schüssel mit Linsen steht und ein Brot und eine Flasche Wasser, die beschlagen ist.
Das ist das Merkwürdige an diesem Schatten: Er wächst mit dem Licht. Je heller der Tag, desto größer die Bereiche, in die keine Stimme mehr reicht. Mittags ist das ganze Tal ein Archipel aus kleinen Hörinseln, jedes Haus für sich, jede Terrasse ein Zimmer mit dicken Wänden aus Luft.
Je heller der Tag, desto größer die Bereiche, in die keine Stimme mehr reicht.
Niemand im Tal scheint das zu bedauern. Mittag ist die Zeit, in der man nicht erreichbar sein muss, und die Luft sorgt dafür, ohne dass jemand sich entschuldigen müsste. Der Hirte liegt im Schatten eines Johannisbrotbaums, den Hut über dem Gesicht, die Ziege mit dem schwarzen Ohr kaut neben ihm, als wäre nichts gewesen.
Es gibt eine Ruhe, die man sich nehmen muss, und eine, die einem geschenkt wird. Die Mittagsruhe im Barranco ist von der zweiten Sorte. Sie gleicht der Pause, von der „Der Raum zwischen zwei Atemzügen.“ erzählt, nur dass hier niemand innehalten muss. Die Luft tut es für alle. Sie legt sich über das Tal wie ein Tuch über einen Vogelkäfig.
Die Katze von der Mauer liegt jetzt unter einem Plastikstuhl. Eine Eidechse sitzt auf dem warmen Stein und rührt sich nicht. Ein einzelnes Flugzeug zieht sehr hoch über die Insel nach Süden, und auch es macht kein Geräusch, oder eines, das nicht bis hier herunterkommt.
Zwei Uhr
Die Enkelin kommt den Weg herauf, mit großen weißen Kopfhörern und einem Telefon, das sie in die Luft hält wie eine Wünschelrute. Im Tal gibt es kein Netz. An genau einer Stelle, neben dem Wassertank der Frau mit der blauen Schürze, gibt es einen Balken, manchmal zwei. Die Enkelin weiß das. Alle Jugendlichen im Tal wissen das.
Ein Funkloch ist auch ein Schatten. Die Funkwellen kommen von einem Mast auf der anderen Seite des Bergs, und der Berg steht im Weg, so wie der Felsensporn am Vormittag im Weg stand. Nur an dem Wassertank, wo eine Lücke im Grat den Blick auf den Himmel freigibt, sickert ein wenig Verbindung herein.
Ich saß an diesem Nachmittag auf der Terrasse der kleinen Pension weiter oben am Hang, mit einem Kaffee, der längst kalt war, und sah zu, wie das Mädchen an dem Tank stand und tippte. Nach ein paar Minuten nahm sie die Kopfhörer ab, weil ihre Großmutter aus dem Haus kam und etwas zu ihr sagte, laut, auf Spanisch, ganz gewöhnlich gesprochen.
Die Großmutter zeigte auf den Gegenhang. Das Mädchen verdrehte die Augen, steckte dann aber doch zwei Finger in den Mund und pfiff. Es klang wie ein Teekessel mit Schluckauf. Die Großmutter lachte so sehr, dass sie sich an der Mauer festhalten musste. Das Mädchen lachte mit, wütend und belustigt zugleich.
Ich machte den Fehler, es selbst zu versuchen. Zeigefinger gekrümmt, Hand an die Lippen, so wie ich es am Morgen gesehen hatte. Heraus kam ein Geräusch, das selbst die Katze unter dem Plastikstuhl den Kopf heben ließ. Die Großmutter sah zu mir hoch. Das Mädchen sah zu mir hoch. Beide lachten jetzt in meine Richtung, und mir fiel nichts ein, was ich hätte zurückpfeifen können.
Sie hätten mich auch gar nicht hören können, wahrscheinlich. Die Mittagshitze lag noch über dem Hang, die Luft bog meine erbärmlichen Töne nach oben weg. Was sie sahen, war ein Mann mit roten Ohren, der die Hand vor dem Mund hatte. Das reichte.
Das Mädchen hielt ihr Telefon hoch und machte ein Foto. Von mir, von ihrer Großmutter, vom Tal, ich weiß es nicht. Ein Bild, das irgendwo auf einem Bildschirm in Madrid oder Berlin ankommen würde, sobald der Balken am Wassertank wieder aufflackerte. Ein Bild erzählt, wie in „Zwischen Frame und Blick – Was ein Bild erzählt“, immer mehr und weniger, als darauf ist. Auf diesem wäre kein einziger Ton.
Ich habe es später noch ein paarmal probiert, auf dem Weg zurück zur Straße, in einem Badezimmer, an einem Strand. Es ist nie besser geworden. Das Pfeifen ist nichts, was man sich an einem Nachmittag aneignet. Auf La Gomera lernen es die Kinder seit 1999 als festen Teil ihrer Schulzeit, und die Alten haben es vorher auf den Terrassen gelernt, von Kindesbeinen an, so wie man Laufen lernt.
Die Großmutter pfiff schließlich selbst hinüber, die Frage, die das Mädchen hätte stellen sollen. Die Antwort kam nicht. Noch war es zu früh am Tag, noch lag der warme Schatten über dem Tal. Sie zuckte mit den Schultern, als hätte sie nichts anderes erwartet.
Das Mädchen setzte die Kopfhörer wieder auf. Ich trank den kalten Kaffee aus. Irgendwo in der Felswand gurrten Tauben, und auch die hörte man nur, weil sie nah waren.
Nach fünf
Der Wind kommt vom Meer. Erst merkt man ihn an den Palmen, die mit den Wedeln zu rascheln beginnen, dann an der Wäsche auf der Terrasse der Frau mit der blauen Schürze. Die Tischdecke mit den roten Rändern bläht sich auf wie ein Segel. Der Wind zieht talaufwärts, vom Strand hinauf zu den Häusern.
Jetzt hat das Tal eine Richtung. Wer mit dem Wind pfeift, wird weit gehört, die Luftströmung, die oben schneller ist als unten, biegt den Schall nach unten, trägt ihn wie auf einem Brett. Wer gegen den Wind pfeift, verliert die Hälfte seiner Silben. Sie werden nach oben weggerissen, in denselben Schatten, den mittags die Wärme gemacht hat.
Genau in dieser Stunde bricht der Streit über die Hochzeit aus. Der Neffe der Frau mit der blauen Schürze heiratet, unten in San Sebastián, und es ist offenbar nicht ganz klar, ob am kommenden oder am übernächsten Samstag. Die Schwester auf dem Gegenhang, die jetzt wieder hören kann, weil die Hitze nachlässt, sagt das eine. Die Frau sagt das andere.
Sie pfeifen hin und her. Die Schwester sitzt talaufwärts, mit dem Wind im Rücken, und ihre Pfiffe kommen klar und vollständig an. Die Frau mit der blauen Schürze aber pfeift gegen den Wind. Ihre Sätze kommen zerrupft auf der anderen Seite an, eine Silbe hier, ein Triller da, der Rest bleibt in der Luft hängen.
Was dann geschieht, ist eine Komödie, die niemand geschrieben hat. Die Schwester versteht aus den Bruchstücken, dass die Frau gar nicht hingehen will. Sie wird lauter. Die Frau versteht nicht, warum die Schwester lauter wird, und wird ebenfalls lauter, was gegen den Wind nichts nützt. Der Mann mit dem Fahrrad steht an seiner Mauer und hört beiden zu, und er grinst.
Er hätte schlichten können. Er sitzt in einer Position, die beide hört. Er tut es nicht. Er schält eine zweite Orange und sieht zu, wie zwei Schwestern über ein Tal hinweg aneinander vorbeistreiten, getrennt durch nichts als eine Luftbewegung, die die eine stärkt und der anderen das Wort nimmt.
Getrennt durch nichts als eine Luftbewegung, die der einen das Wort gibt und der anderen nimmt.
Das Spanische, auf sechs Töne zusammengeschmolzen, verträgt keinen Verlust. Wenn von einem gesprochenen Satz ein Wort fehlt, rät man es aus dem Zusammenhang. Wenn von einem gepfiffenen Satz zwei Töne fehlen, kann aus einem Samstag ein Sonntag werden, aus einem Ja ein Vielleicht. „Das Gewicht des Einfachen – Warum Reduktion eine kulturelle Entscheidung ist“ beschreibt diese Kraft des Wenigen, hier zeigt sich ihr Preis.
Irgendwann gibt die Frau auf. Sie geht ins Haus und kommt mit einem Zettel wieder heraus, einem Kalenderblatt, das sie hochhält und in Richtung Gegenhang schwenkt, als könnte die Schwester es auf einen Kilometer Entfernung lesen. Natürlich kann sie das nicht. Aber die Geste kommt an. Die Schwester lacht, und das Lachen kommt mit dem Wind herüber, deutlich, fast nah.
Welcher Samstag es nun ist, bleibt offen. Der Mann mit dem Fahrrad weiß es vermutlich. Er hat es nicht gesagt.
Dämmerung
Gegen acht legt sich der Wind. Die Sonne ist hinter dem westlichen Grat verschwunden, aber der Himmel ist noch hell, ein Blau, das an den Rändern grünlich wird. Der Basalt gibt seine Wärme ab, so schnell, wie er sie am Mittag aufgenommen hat. Der Boden wird kühl. Die Luft unmittelbar darüber wird kühl. Weiter oben bleibt sie noch eine Weile warm.
Und dann kehrt sich alles um. Die Schicht, die mittags den Schall nach oben geschickt hat, liegt jetzt verkehrt herum. Unten kalt, oben warm, eine Inversion. Schall, der aufsteigen will, wird zurückgebogen, nach unten, zu den Terrassen, zu den Fenstern, zu den Ohren. Das Tal hört wieder. Es hört mehr als am Morgen.
Plötzlich ist da ein Hund, drei Dörfer weiter. Man hört ihn bellen, als stünde er am Gartentor. Ein Radio, irgendwo auf einem Hang, den man nicht einmal sieht, spielt ein Lied mit Akkordeon. Ein Motorroller fährt eine Kehre, die weit hinter dem Grat liegen muss, und man hört jeden Gangwechsel. Das Meer, das den ganzen Tag stumm war, rauscht jetzt bis herauf.
Ich kannte dieses Phänomen, ohne es je benannt zu haben. An einem Abend in Travemünde stand ich an der Trave, die Fähre war gerade auf die Priwallseite hinübergefahren, und über das Wasser kamen Stimmen. Ein Mann fragte eine Frau, ob sie die Autoschlüssel habe. Sie sagte, die seien in seiner Jacke. Er sagte, seine Jacke liege im Auto.
Ich hörte jedes Wort. Die beiden waren gut zweihundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des Flusses, und klangen, als stünden sie neben mir an der Kaimauer. Kühles Wasser, warme Luft darüber, dieselbe verkehrte Schichtung. Ich war kurz davor, mich einzumischen. Ich wollte rufen, dass die Jacke vermutlich auf dem Beifahrersitz liegt. Ich tat es nicht, und ich weiß bis heute nicht, ob sie ins Auto gekommen sind.
Solche Abende haben eine eigene Temperatur, die sich ins Gedächtnis legt. In „Die Temperatur der Erinnerung“ ging es darum, wie Wärme und Kälte das Erinnern färben. Hier färben sie das Hören. Was an einem heißen Mittag nicht einmal den Gegenhang erreicht, trägt an einem kühlen Abend über einen Fluss, über ein Tal, bis in Gespräche, die einen nichts angehen.
Die Frau mit der blauen Schürze sitzt jetzt auf einem Hocker vor ihrem Haus. Sie hat eine Strickjacke übergezogen. Sie pfeift nicht. Sie hört nur zu, und das Tal erzählt ihr alles: dass der Hirte seine Ziegen in den Stall treibt, dass beim Nachbarn unten Fisch gebraten wird, dass die Enkelin mit jemandem telefoniert und dabei lacht.
Das ist das andere Gesicht des Schattens. Er verschwindet nicht einfach, er wandert. Am Mittag lag er über dem ganzen Tal, jetzt hat er sich zurückgezogen, in die Felsnischen, hinter den Sporn, wo der Mann mit dem Fahrrad wohnt. Dort ist es immer noch still. Überall sonst ist die Welt plötzlich sehr nah.
Die ersten Fenster werden hell. Gelbe Rechtecke in der dunkelblauen Flanke des Bergs. Hinter einem davon klappert Geschirr, und man hört es so deutlich, dass man die Teller zählen könnte.
Nacht
Es ist kurz nach zehn, als der Mond über den östlichen Grat steigt. Er ist fast voll. Sein Licht fällt schräg ins Tal, genau aus der Richtung, aus der am Morgen die Sonne gekommen ist, und es legt denselben Schatten auf die Hauswand der Frau mit der blauen Schürze. Ein breites, weiches Band, diagonal über den grauen Putz, nur kälter, nur silbriger.
Die Luft ist jetzt ganz ruhig. Die Inversion liegt wie eine Glocke über dem Tal. Nichts geht verloren. Jedes Geräusch, das irgendwo aufsteigt, wird zurückgeworfen, eingefangen, zu den Häusern getragen. Ein Barranco in einer windstillen Mondnacht ist vielleicht der hellhörigste Ort, den es gibt.
Die Frau steht auf. Sie geht an die Kante ihrer Terrasse, steckt den gekrümmten Finger in den Mund, legt die Hand an die Lippen. Ein letzter Pfiff für den Tag. Er geht hinüber zum Hirten. Er sagt, so viel lässt sich aus seinem Tonfall erraten, dass dessen Hut noch auf ihrer Mauer liegt. Er hat ihn heute Mittag vergessen, als er die Ziege zurückbrachte.
Der Pfiff fliegt. In dieser Luft fliegt er weiter als jeder andere des Tages, über den Hirten hinaus, über den Gegenhang, vielleicht bis ins nächste Tal. Und weil er so weit fliegt, kommt er nicht nur beim Hirten an. Er kommt überall an. Im Haus der Schwester geht ein Fenster auf. Beim Mann mit dem Fahrrad, dessen Haus heute Nacht ausnahmsweise nicht im Schatten liegt, geht ein Licht an.
Eine gepfiffene Sprache kennt kein Flüstern. Was man sagt, sagt man dem ganzen Tal. Die Leute hier wissen das seit Generationen, und vielleicht haben sie deshalb gelernt, über bestimmte Dinge einfach nicht zu pfeifen. Oder sie pfeifen darüber in einer Art, die nur die Richtigen verstehen.
Der Hirte antwortet nicht sofort. Aus dem Haus der Schwester kommt ein kurzer, spöttischer Triller. Dann, von weiter unten, ein zweiter. Jemand lacht, ein Mann, tief und ausgiebig. Und schließlich, ein bisschen zu spät, kommt die Antwort des Hirten, rau, an zwei Stellen brechend, weil ihm der Zahn fehlt. Was er pfeift, versteht nur, wer diese Töne seit der Kindheit im Ohr hat. Die Frau mit der blauen Schürze versteht es. Sie schlägt die Hand vor den Mund.
Von der Terrasse der Pension aus sieht man jetzt das ganze Tal im Mondlicht, die Terrassen wie Stufen, die schiefen Palmen, die dunklen Keile der Felsen. Auf jedem Hang liegen Schatten, die das Licht wirft, scharf und schwarz. Und zwischen ihnen, unsichtbar, die anderen, die der Schall wirft, die sich mit jeder Stunde verschoben haben und weiter verschieben werden.
Wo der Mond am Morgen untergehen wird, beginnt dann die nächste Geburt des Lichts, die „Die Geburt des Lichts“ so genau beschreibt. Und mit ihr der nächste Tag, an dem die Luft wieder neu verhandeln wird, wer gehört wird und wer nicht. Nichts davon lässt sich planen. Die Leute im Tal versuchen es auch gar nicht.
Wer einmal so einen Ort erlebt hat, kommt mit einem anderen Ohr nach Hause. Das gilt für Orte, die einen sammeln, wie es „Der Moment des Ankommens – Orte, die uns sammeln“ erzählt, und es gilt für diese Schlucht, die einen zerstreut und wieder zusammensetzt, im Rhythmus ihrer Temperaturen.
Die Frau mit der blauen Schürze geht hinein. Die Tür bleibt einen Spalt offen. Der Hut liegt noch auf der Mauer, im Mondschatten, genau auf der Kante zwischen hell und dunkel.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.