Die Schwelle der inneren Horizonte.
Share
Ombra Celeste Magazin
Eine Innenecke, eine Salzwiese in der Lagune von Venedig, ein Krebs in der Häutung und ein Abend an einer Brüstung: Erkundungen jener schmalen Zone, in der zwei Welten ineinandergreifen und keine von beiden das letzte Wort hat.
Die Innenecke
Das Zimmer ist leer bis auf einen Eimer, eine Leiter und einen Mann, der seit zwanzig Minuten an derselben Stelle arbeitet. Es ist eine Innenecke. Zwei frisch verputzte Wände treffen sich dort, und der Stuckateur zieht mit einer schmalen, abgewinkelten Kelle von oben nach unten, setzt ab, prüft, zieht noch einmal. Die Flächen links und rechts hat er in wenigen Minuten geglättet. Für die Ecke braucht er länger als für beide zusammen.
Er erklärt es ungefragt, während er den Putz von der Kelle streift. Auf der Fläche verzeiht das Material viel. Eine kleine Welle fällt niemandem auf, das Auge gleitet darüber hinweg und sucht sich etwas anderes. In der Ecke dagegen sieht jeder sofort, ob die beiden Wände sich wirklich treffen oder nur so tun. Ein Millimeter zu viel, und die Kante läuft schief durch das ganze Zimmer, vom Boden bis zur Decke.
Draußen fährt ein Lieferwagen vorbei, die Scheiben zittern kurz. Das Morgenlicht fällt schräg durch das Fenster und trifft die beiden Wände ganz unterschiedlich. Die eine ist hell, fast blendend. Die andere liegt im eigenen Schatten und wirkt grau, obwohl sie aus demselben Eimer stammt und vor einer Stunde noch genauso aussah. Dort, wo sie sich treffen, entsteht ein drittes Weiß. Es gehört keiner der beiden Wände.
Man könnte die Ecke für eine Linie halten. Geometrisch ist sie das auch: der Schnitt zweier Ebenen, ohne Breite, ohne Fläche, ein Gedanke aus dem Schulheft. Doch kein Auge hat je eine Linie ohne Breite gesehen. Was sichtbar wird, ist ein schmaler Streifen, ein paar Millimeter vielleicht, in dem die Farbe der einen Wand in die Farbe der anderen kippt. Die Ecke hat eine Ausdehnung. Sie ist nur sehr klein.
Jede helle Fläche gibt einen Teil des Lichts, das sie trifft, an ihre Umgebung weiter. In einer Innenecke werfen sich zwei Wände dieses Licht gegenseitig zu, hin und zurück, immer schwächer, bis es sich erschöpft hat. Deshalb sind Innenecken selten so dunkel, wie man es nach den Regeln des Schattens erwarten würde. Sie leuchten von innen heraus, ein wenig, aus geliehenem Licht, das eigentlich für die Wände bestimmt war.
Der Stuckateur setzt die Kelle ein letztes Mal an. Er hält dabei die Luft an, und für einen Moment bewegt sich im ganzen Zimmer nur noch der Kalkstaub im schrägen Morgenlicht. Dann tritt er zwei Schritte zurück. Er schaut zuerst gar nicht auf die Ecke. Er schaut eine ganze Weile auf die Fläche daneben, und erst dann, von der Seite, mit schräg gelegtem Kopf, auf die Kante. So sehe man es besser, sagt er. Wer direkt hinschaut, sieht, was er sehen will.
Die Frage, die in dieser Ecke steckt, ist älter als jeder Putz. Ist eine Grenze ein Strich, der zwei Dinge voneinander trennt? Oder ist sie ein Streifen, in dem beide Dinge gleichzeitig vorkommen, ineinandergeschoben, unentschieden? Die Mathematik hat darauf eine klare Antwort. Der Mann mit der Kelle hat eine andere. Beide haben recht. Sie arbeiten nur in verschiedenen Maßstäben.
Unten auf der Straße biegt ein Müllwagen um die Hausecke. Man hört ihn, lange bevor man ihn sehen könnte, denn der Schall knickt an der Kante des Nachbarhauses ab und kommt durch das offene Fenster herein, als wüsste er den Weg. Der Stuckateur hebt nicht einmal den Kopf. Er kennt das Geräusch. Dass Licht und Klang sich an Kanten so verwandt verhalten, gehört zu den Beobachtungen, um die „Universum – Ein Raum für Licht, Klang und Gedanken“ kreist.
Zwischendurch erzählt der Stuckateur, dass er früher Fußball gespielt hat. Verteidiger, immer an der Außenlinie, vierzehn Jahre lang in derselben Kreisliga. Er habe nie ein Tor geschossen, sagt er, aber auch kaum eins zugelassen. Dann lacht er kurz, als ihm selbst ein Zusammenhang auffällt, und verfolgt ihn nicht weiter. Er taucht die Kelle in den Eimer und wischt sie an der Hose ab.
Außenecken seien viel einfacher, sagt er noch. Da schützt man die Kante mit einem Metallprofil, putzt darüber, fertig. Die Außenecke ragt in die Welt hinaus und muss Stößen standhalten, Koffern, Schultern, Staubsaugern, Kinderwagen. Die Innenecke wird von niemandem gestoßen. Sie wird nur angesehen. Und gerade deshalb, meint er, muss sie stimmen, denn bei ihr gibt es keine Ausrede.
Wenn die Ecke gelungen ist, wird sie niemandem auffallen. Wer das Zimmer später bewohnt, stellt ein Sofa hinein, hängt ein Bild auf, füllt die Ecke vielleicht mit einer Stehlampe oder einer Pflanze, die dort zu wenig Sonne bekommt. Niemand wird je sagen: Was für eine schöne Ecke. Und doch hängt die Ruhe des ganzen Zimmers an diesem schmalen Streifen, in dem zwei Flächen einander zur Hälfte gehören.
Es gibt Orte, die fast ganz aus solchen Kanten bestehen. Land, das zweimal am Tag zu Wasser wird. Wasser, das halb nach Fluss und halb nach Meer schmeckt. Wiesen, die man bei Ebbe betreten kann und bei Flut mit dem Boot überquert. Einer davon liegt in Sichtweite jener Stadt, auf die alle Postkarten zeigen, und hat mit diesen Postkarten erstaunlich wenig zu tun.
Der Stuckateur wäscht seine Kelle im Eimer aus, bis das Wasser grau ist. Dann trägt er den Eimer hinaus und lässt die Tür offen stehen. Im leeren Zimmer trocknet die Ecke weiter, langsamer als die Wände links und rechts, weil sich die Feuchtigkeit dort am längsten hält. Noch am Abend ist sie eine Spur dunkler als alles um sie herum.
Der Saum der Barena
Oktober, Niedrigwasser, nördliche Lagune von Venedig. Eine Biologin steigt aus einem flachen Boot auf eine Barena. So heißen hier die Salzwiesen, flache Inseln aus Schlick und Ton, die bei Hochwasser ganz oder teilweise verschwinden. Der Name kommt aus dem Venezianischen, von baro, dem Busch. Wer den Boden betritt, versteht sofort, warum. Er ist überzogen von niedrigem, dichtem Gestrüpp, das nach Salz und nassem Heu riecht.
Sie trägt Gummistiefel, eine Kladde in einer Plastikhülle und einen Zählrahmen aus vier Aluminiumstangen, einen Meter mal einen Meter. Sie legt ihn auf den Boden, kniet sich daneben und notiert, was darin wächst und kriecht. Dann hebt sie ihn hoch, geht einen Meter weiter und legt ihn wieder ab. Den ganzen Vormittag. Ihre Linie führt vom höchsten Punkt der Barena hinunter bis an das offene Wasser.
Oben, wo das Meer nur bei den höchsten Fluten hinkommt, wächst Strandflieder, dessen letzte violette Blüten im Oktober vertrocknen. Weiter unten beginnt der Queller. Im Sommer ist er grün und prall, jetzt im Herbst färbt er sich rot, erst an den Spitzen, dann an den ganzen Stängeln, als hätte jemand die Wiese von unten her angezündet. Aus der Nähe sieht jede Pflanze aus wie eine kleine Kette aus gläsernen Gliedern.
Ökologen nennen solche Übergangssäume Ökoton. Gemeint ist die Zone, in der zwei Lebensräume aneinanderstoßen: ein Waldrand zwischen Wald und Wiese, ein Seeufer, der Saum einer Salzwiese. Auf engem Raum ändern sich dort die Bedingungen schnell, Feuchtigkeit, Salz, Wärme, Deckung. Häufig leben in diesem Streifen mehr Arten und mehr Individuen als in den beiden Gebieten, die er voneinander trennt. Die Fachliteratur hat dafür ein schlichtes Wort: Randeffekt.
Die Biologin findet diesen Effekt. Ihre Zahlen steigen, wo die kleinen Kanäle die Barena durchziehen, die Ghebi, an deren Rändern Krebse ihre Löcher in den Schlick graben und winzige Schnecken an den Halmen hängen. Je näher sie aber an die äußerste Kante kommt, an die Stelle, wo die Wiese ins offene Wasser abbricht, desto weniger trägt sie in die Kladde ein. Zwei Arten. Dann eine. Dann nackter Schlick.
Ein Messfehler ist das nicht. Die Ökologie kennt auch diese andere Seite des Randes. An den schärfsten Grenzen, zwischen Land und Meer, zwischen süßem und salzigem Wasser, kann sich der Randeffekt umkehren. Die Bedingungen schwanken dort so heftig, dass nur wenige es aushalten. Wer es aber aushält, ist ein Spezialist, den man nirgendwo sonst antrifft, weder weiter oben auf der Wiese noch weiter draußen im Wasser.
Die Kante selbst ist kein sanftes Auslaufen. An vielen Stellen bricht die Barena mit einer kleinen Steilwand ab, zwanzig, dreißig Zentimeter hoch, unterspült von den Wellen der Motorboote, die draußen im Kanal vorbeifahren. Die Biologin zeigt mit der Stiefelspitze darauf. Hier frisst die Lagune ihr eigenes Land, sagt sie. Ein paar Meter weiter, im Windschatten, halten die Pflanzen den feinen Schlick fest und bauen neues.
An der Kante entscheidet sich jeden Tag zweimal neu, was Land ist und was Wasser.
Gegen Mittag kommt das Wasser zurück. Es steigt anders, als man es von einer Badewanne kennt. Zuerst kriecht es durch die Ghebi, füllt die Kanäle von innen, dunkel und lautlos, und erst wenn sie randvoll sind, tritt es über die Ufer und legt sich flach über den Queller. Die Barena wird von ihren eigenen Adern aus überflutet. Von außen sieht es aus, als sinke die Wiese.
Die Biologin hat ein Butterbrot dabei, in Alufolie gewickelt, und isst es im Stehen, die Füße schon im Wasser. Auf die Frage, ob sie die Barene schön finde, überlegt sie lange. Schön sei das falsche Wort. Interessant auch, das sagten alle. Schließlich sagt sie: unruhig. Ein Ort, der sich nicht festlegen lässt. Dann wickelt sie den Rest des Brotes wieder ein.
Der Queller hat sich auf diese Unruhe eingestellt. Er speichert Wasser in seinen fleischigen Gliedern und verdünnt damit das Salz, das er aus dem Boden aufnimmt und nicht loswird. Er ist gebaut für einen Grund, der zweimal am Tag ertrinkt und dazwischen in der Sonne trocknet. Auf einer gewöhnlichen Wiese hätte er gegen jedes Gras verloren. Hier gehört ihm die Kante.
In den Küchen der Stadt taucht er inzwischen wieder auf, kurz in der Pfanne geschwenkt, als Beilage zu Fisch oder Reis. Sein Geschmack kann sich zwischen Gemüse und Meer nicht entscheiden. Er knackt zwischen den Zähnen, ist salzig, fast ein wenig zitronig, und schmeckt nach genau dem Ort, an dem er gewachsen ist, was sich von den wenigsten Dingen auf einem Teller behaupten lässt.
Von der Barena aus sieht man in der Ferne die Kirchtürme der Stadt, so niedrig über dem Wasser, dass sie aussehen wie eine Strichliste, die jemand am Rand des Himmels führt. Zwischen den Türmen und dem Queller liegt nichts als graugrüne Fläche, durchzogen von Pfählen, die die Fahrrinnen markieren. Wo die Lagune aufhört und der Himmel beginnt, ist an diesem Vormittag kaum zu sagen. Beide haben dieselbe Farbe angenommen.
Das Boot liegt jetzt höher als vorhin. Die Biologin wirft den Zählrahmen hinein, dann die Kladde, zuletzt sich selbst, mit einem kleinen, ungelenken Sprung, bei dem ein Stiefel im Schlick stecken bleibt. Sie zieht ihn mit beiden Händen heraus, flucht etwas auf Venezianisch, das sich nicht übersetzen lässt, und lacht dann so laut, dass ein Reiher am Rand des Ghebo auffliegt.
Die weiche Stunde
Auf Burano riecht der Herbst nach Diesel, nassem Holz und frittiertem Fisch aus den Küchen hinter den bunten Fassaden. Die Fischer nennen diese Jahreszeit fraìma. Gemeint ist die Zeit, in der die Fische mit den ersten kalten Tagen aus der Lagune zu den Hafeneinfahrten ziehen, hinaus ins offene Meer. Für die kleinen grünen Krebse der Lagune bedeutet die fraìma etwas anderes. Sie häuten sich.
Ich hatte mich an einem dieser Morgen zu einem der Fischer gesetzt, die das Handwerk noch beherrschen. Es gibt nicht mehr viele, eine Handvoll Familien auf Burano, ein paar auf der Giudecca. Er saß auf einer umgedrehten Kiste vor einem Berg aus Krebsen, die er bei Sonnenaufgang aus seinen Netzen geholt hatte, und nahm einen nach dem anderen zwischen Daumen und Zeigefinger.
Er sah sie kaum an. Er fühlte. Ein leichter Druck auf die Unterseite, ein Tasten an der Hinterkante des Panzers. Dann warf er den Krebs entweder in einen Holzkasten rechts von sich oder in einen Eimer links. Die links nennen sie matti, die Verrückten. Sie sind noch weit von der Häutung entfernt und gehen zurück ins Wasser. Die rechts sind die buoni, die Guten. Sie stehen kurz davor.
Ich versuchte es selbst. Ich nahm einen Krebs, drückte vorsichtig, tastete, und spürte nichts außer einem kleinen, sehr entschlossenen Tier, das mich in den Finger kneifen wollte und es auch schaffte. Der Fischer nahm ihn mir ab, fühlte eine halbe Sekunde lang und warf ihn nach links. Matto, sagte er, ohne aufzusehen. Ich habe bis heute keine Ahnung, woran er das gemerkt hat.
Die Guten kommen in die vieri, große hölzerne Kästen, die halb versenkt im Kanal hängen, festgebunden an Pfählen. Dort warten sie. Ein paar Tage, manchmal weniger. Der Fischer fährt mehrmals am Tag hinaus und hebt die Deckel an, denn der Moment, auf den es ankommt, dauert nur wenige Stunden. Wer ihn verpasst, hat am nächsten Morgen wieder einen gewöhnlichen Krebs im Kasten.
Ein Krebs wächst anders als ein Baum. Sein Panzer ist starr und dehnt sich nicht mit. Also bildet das Tier darunter eine neue, weiche Haut, löst sich vom alten Gehäuse, sprengt es an der Hinterkante auf und zieht sich rückwärts heraus, Bein für Bein. Danach nimmt es Wasser auf und schwillt an, bis es größer ist als die Hülle, die es gerade verlassen hat. Erst dann beginnt der neue Panzer zu härten.
In diesen Stunden heißt der Krebs moeca, der Weiche. Nichts schützt ihn mehr. Jeder Fisch könnte ihn fressen, jeder scharfe Stein ihn verletzen. Genau in diesem Zustand holt ihn der Fischer aus dem Kasten. In Venedig gilt er dann als Delikatesse, frittiert und mitsamt Beinen gegessen, zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst. Nur die Männchen übrigens. Die Weibchen folgen einem eigenen Kalender.
Um größer zu werden, muss der Krebs für ein paar Stunden schutzlos sein. Einen anderen Weg kennt er nicht.
Unter der Wasseroberfläche des Kanals, in den halb versenkten Kästen, geschieht das alles ohne Zuschauer. Von oben sieht man nur dunkles Wasser, ein paar Holzlatten und hin und wieder eine Luftblase. Was darunter vor sich geht, gehört zu den Vorgängen, von denen „Andere Welten unter der Oberfläche“ erzählt: Wirklichkeiten, die verborgen bleiben und trotzdem bestimmen, was oben ankommt.
Der Fischer klagte über die Blaukrabbe, die aus dem Atlantik eingewandert ist und in der Lagune frisst, was sie findet. Es gebe weniger Krebse als früher, sagte er, und noch weniger Leute, die sie fühlen können. Seine Söhne arbeiteten in einem Hotel auf dem Lido. Dann zuckte er mit den Schultern, als wäre damit alles gesagt, und griff nach dem nächsten Krebs.
Die alte Schale bleibt im Kasten zurück. Sie ist vollständig, mit Beinen, Scheren und sogar den Hüllen der Augenstiele, ein durchsichtiger Abdruck des Tieres, das eben noch darin saß. Wer sie aus dem Wasser hebt, hält einen leeren Krebs in der Hand, leicht wie Papier und von außen kaum vom echten zu unterscheiden. Der Fischer warf sie achtlos zurück in den Kanal.
Ich hätte sie gern behalten. Ich wusste nur nicht, wo man so etwas aufbewahrt, ohne dass es zerbricht, und auch nicht, wem ich es hätte zeigen sollen. Also sah ich ihr nach, wie sie zwischen zwei Booten davontrieb, eine Weile an der Oberfläche, mit dem Rücken nach oben, als schwimme sie noch. Dann war sie weg.
Gegen Mittag hatte der Fischer drei moeche aus den Kästen geholt. Drei, aus einem Berg von Hunderten. Er legte sie in eine flache Schale mit Meerwasser, wo sie still lagen, matt glänzend, grünlich trüb wie die Glasscherben, die die Lagune an den Ufermauern der Inseln abschleift. Sie wirkten verletzlich und gleichzeitig sehr lebendig, wie etwas, das gerade erst angekommen ist und sich noch nicht entschieden hat, wie es aussehen will.
Abends standen sie in einer Trattoria an der Uferpromenade auf der Tafel, mit Kreide geschrieben, gleich unter dem Fisch des Tages. Ich bestellte sie nicht. Am Nebentisch tat es ein älteres Paar, das sie mit den Fingern aß, mit Beinen und allem, und dabei so zufrieden aussah, dass ich meine Entscheidung bis zum Dessert bereute und darüber hinaus.
Zwischen sechs und zwölf Grad
Das Boot zum Lido legt ab, als die Sonne hinter der Stadt versinkt. Auf jedem Vaporetto arbeitet neben dem Kapitän ein Matrose, der an den Haltestellen das Tau um den Poller wirft und die Schranke öffnet und schließt. Dieser hier ist um die fünfzig, hat einen grauen Bart und Unterarme, auf denen das Tau helle, glatt gescheuerte Streifen in der gebräunten Haut hinterlassen hat. Er lehnt an der Reling am Bug und schaut nach Osten, dorthin, wo das Boot hinfährt.
Hinter dem Boot leuchtet die Stadt noch einmal auf, Kuppeln und Türme in einem Orange, das nur ein paar Minuten hält. Vor dem Boot liegt die Lagune bereits im Schatten. Wer in der Mitte sitzt, sieht nach hinten den Tag und nach vorn den Abend, und beides zugleich ist auf diesem Wasser ganz alltäglich. Niemand an Bord dreht sich danach um.
Auf der vorderen Bank liest eine Frau in einem dicken Roman, neben ihr ein Junge in einem Comic. Das Licht reicht noch für beide, obwohl die Sonne schon fort ist. Astronomen haben dieser Phase einen nüchternen Namen gegeben, bürgerliche Dämmerung, und sie über genau diese Tätigkeit bestimmt: Solange die Sonne weniger als sechs Grad unter dem Horizont steht, lässt sich im Freien ohne Lampe lesen. Die Frau ist, ohne es zu ahnen, das Messinstrument.
Ein paar Minuten lang hält die Definition. Dann hebt die Frau das Buch näher an die Augen, Zentimeter für Zentimeter, und der Junge klappt seinen Comic zu und holt das Handy aus der Jackentasche. Irgendwo zwischen zwei Seiten ist die Sonne tiefer gesunken als sechs Grad. Bemerkt hat es nur das Buch.
Nach und nach leuchten im Boot die Bildschirme auf, kleine kalte Rechtecke in Gesichtern, die draußen gerade ihre Farbe verlieren. Es wird still an Bord, auf eine Weise, die mit der Lagune nichts zu tun hat. Dieses besondere Schweigen zwischen den Signalen, mitten in einem Boot voller Menschen, beschreibt „Die digitale Stille“ sehr genau.
Der Matrose hat kein Telefon in der Hand. Er schaut nach vorn, wo am Lido die Lichter angehen, eins nach dem anderen, unregelmäßig, als würde jemand an Land langsam einen Text tippen. Manchmal hebt er kurz die Hand, und der Kapitän im Steuerhaus korrigiert den Kurs um eine Winzigkeit, ohne dass ein Wort fällt.
Der Matrose schaut kurz nach oben, dann wieder nach vorn. Über dem Lido steht der erste helle Stern, und darunter liegt das Meer noch als scharfe, dunkle Linie gegen den Himmel. Für Seeleute, die früher mit dem Sextanten navigierten, war das die kostbarste halbe Stunde des Tages, die nautische Dämmerung, wenn die Sonne zwischen sechs und zwölf Grad unter dem Horizont steht. Nur jetzt war beides zugleich zu haben: der Stern und die Kimm, an der man ihn misst.
Einen Sextanten braucht der Matrose nicht. Trotzdem schaut er genau in diesem Moment hinaus, mit leicht zusammengekniffenen Augen, als prüfe er einen Winkel. Als die Linie unter dem Stern verschwimmt, schaltet der Kapitän die Positionslichter ein. Danach hängt der Stern im Dunkeln, schön, aber für die Navigation nutzlos. Die brauchbarste Zeit der alten Seefahrt war eine, in der weder Tag noch Nacht ganz gewonnen hatte.
An der letzten Haltestelle vor dem Lido wirft der Matrose das Tau, ohne hinzusehen. Es legt sich um den Poller, als hätte es dort schon immer gelegen. Zwei Leute steigen aus, einer steigt ein. Er zieht das Tau zurück, schließt die Schranke, nickt dem Kapitän zu. Das Ganze dauert keine zwanzig Sekunden, und das Boot hat dabei kaum an Fahrt verloren.
Eine Touristin fragt ihn auf Englisch, ob das Boot zum Lido fahre. Er sagt ja. Sie fragt, ob er sicher sei. Er sieht sie an, als hätte sie wissen wollen, ob das Wasser nass ist, und sagt noch einmal ja, diesmal auf Venezianisch und etwas länger. Sie hält das für eine ausführlichere Auskunft und bedankt sich sehr herzlich.
Seine Gegenwart richtet sich nach Wasserständen und Fahrplänen, nach Ebbe, Flut und der Abfahrt des letzten Boots. Eine solche Gegenwart hat ihre eigene Grammatik, gebaut aus Wiederholung und kleinsten Abweichungen, wie sie „Die Grammatik der Gegenwart“ beschreibt. Er würde dieses Wort nie benutzen. Er würde sagen: Ich weiß einfach, wann das Wasser kommt.
Im Osten, über dem offenen Meer jenseits des Lido, steigt jetzt ein blaugrauer Streifen auf, darüber ein schmales rosa Band. Der dunkle Streifen ist der Schatten der Erde selbst, den sie auf die eigene Atmosphäre wirft. Das Rosa darüber ist Sonnenlicht, das die oberen Luftschichten noch erreicht. Astronomen nennen es den Venusgürtel. Für ein paar Minuten steht die Grenze zwischen Tag und Nacht als Bild am Himmel, eine Ecke aus Luft.
Als das Boot am Lido anlegt, ist der Streifen verblasst. Der Matrose wirft ein letztes Mal das Tau. Die Frau mit dem Roman steigt aus, das Buch unter dem Arm, einen Finger noch zwischen den Seiten, als wolle sie gleich weiterlesen, sobald irgendwo eine Laterne brennt. Der Junge geht hinter ihr von Bord, den Blick auf dem Bildschirm, und stolpert nicht ein einziges Mal.
Die eigene Kante
Es war ein Geburtstag, vor ein paar Jahren, an einem Abend, der für die Jahreszeit zu warm war. Freunde hatten eine Dachterrasse über dem Hamburger Hafen geliehen, mit Lichterketten, zu vielen Stühlen und einem Grill, den niemand richtig bedienen konnte. Die Gäste saßen an einem langen Tisch, und das Gespräch wanderte, wie es auf solchen Festen wandert, von Urlauben zu Autos zu Leuten, die nicht gekommen waren.
Irgendwann, zwischen Hauptgang und Kuchen, stellte jemand die Frage, die an Geburtstagen immer irgendwann gestellt wird. Und, fühlst du dich anders? Ich sagte nein, wie man das eben sagt, und alle lachten, weil sie dieselbe Antwort gegeben hätten. Dann wurde nachgeschenkt, und die Frage war vom Tisch, so schnell, wie sie gekommen war.
Die Frage ist eigentlich unfair, weil sie eine Linie unterstellt. Gestern so, heute anders, und dazwischen ein Strich um Mitternacht. Jeder am Tisch wusste, dass es diesen Strich nicht gibt. Und trotzdem stellt man die Frage jedes Jahr wieder, mit einem Glas in der Hand, halb im Scherz und halb in der Hoffnung, dass doch einmal jemand ja sagt.
Später stand ich an der Brüstung der Terrasse, ein Stück abseits, mit einem Teller Kuchen in der Hand, den ich nicht aß. Hinter mir das Gelächter und das Klirren der Gläser, vor mir die Kräne im Hafen, die ihre langen Arme in die Dunkelheit hielten, als wollten sie etwas aus ihr herausheben. Ein Containerschiff glitt vorbei, so langsam, dass man es nur am Wandern seiner Lichter erkannte.
Unten spiegelten sich die Lichter des Hafens im Wasser, unruhig, in lange Streifen gezogen. Wie sehr ein solches Lichtbild eine Stadt verwandeln kann, davon erzählt „Ein Licht für Hamburg – Meine Gedanken“. An diesem Abend sah ich noch etwas anderes darin. Die Lichter lagen genau auf der Kante zwischen Wasser und Land, und weder das eine noch das andere konnte sie für sich allein beanspruchen.
Jemand kam heraus, um zu rauchen, und stellte sich neben mich. Ich kannte ihn kaum, ein Freund eines Freundes. Er erzählte, ohne jeden Anlass, er habe als Kind geglaubt, an Geburtstagen werde man über Nacht ein Stück größer, messbar, mit einem Bleistiftstrich am Türrahmen. Er habe morgens jedes Mal nachgemessen. Es habe nie gestimmt. Er klang immer noch ein wenig enttäuscht.
Ich dachte an den Krebs im Holzkasten auf Burano, der für ein paar Stunden größer ist als seine Hülle. Ich sagte es nicht. Es hätte nach einer Pointe geklungen, und der Mann hatte keine Pointe gewollt, nur jemanden, der zuhört, während er seine Zigarette zu Ende raucht. Also hörte ich zu und sah auf das Wasser.
Was sich an diesem Abend tatsächlich verändert hatte, war winzig und hatte mit dem Datum nichts zu tun. Ich stand lieber hier draußen als drinnen in der Mitte des Tisches. Früher wäre mir das unhöflich vorgekommen, an meinem eigenen Geburtstag. An diesem Abend kam es mir richtig vor. Niemand vermisste mich, was mich zuerst ein wenig kränkte und dann sehr erleichterte.
Veränderung hält sich an keinen Kalender. Sie zeigt sich irgendwann an einer Brüstung, und niemand hat sie bestellt.
Ohne es zu wollen, fing ich an zu zählen, was an dieser Brüstung alles zusammenkam: das Gelächter von drinnen, der Rauch des Fremden, der Wind vom Wasser, die Kräne, ein Möwenschrei, ein Hund irgendwo unten am Kai, der Kuchen, der auf dem Teller in meiner Hand langsam weich wurde. Bei sieben hörte ich auf. Ich bin kein guter Zähler.
Drinnen am Tisch wäre ich schneller fertig gewesen. Dort war alles schon entschieden: wer neben wem sitzt, wer die Geschichten erzählt, wer an welcher Stelle lacht. An der Brüstung war noch nichts entschieden. Es war unbequem und zugig dort, und es war der lebendigste Platz der ganzen Terrasse.
Irgendwann rief jemand meinen Namen, weil der Kuchen mit den Kerzen kam, der richtige diesmal. Ich ging hinein. Im Türrahmen blieb ich einen Moment stehen, halb drinnen, halb draußen, die warme Luft der Lichterketten im Gesicht und den kühlen Wind vom Hafen im Rücken. Für einen Augenblick wollte ich mich für keine der beiden Seiten entscheiden.
Dann schob mich jemand sanft weiter, weil der Raucher hinter mir auch hineinwollte, und die Sache war erledigt. Ich habe ihm nie gesagt, wie dankbar ich ihm für diesen Ellbogen war.
Drinnen sangen sie schon. Irgendwer drückte mir ein Glas in die Hand, in dem noch ein Rest von jemand anderem war, und niemand störte sich daran. Ich sang mit, falsch und laut, das Glas erhoben, den Rücken noch kühl vom Wind an der Brüstung.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.