„Schwarz-weißes, minimalistisches Runway-Bild: Eine Modell-Silhouette schreitet seitlich durchs Licht, getragen von reflektierendem Boden und rhythmischen Deckenlinien;

Zwischen den Atemzügen der Wirklichkeit.

Ombra Celeste Magazin


Über die Räume, die nur im Schweigen sichtbar werden.


Der Moment vor dem Startschuss

Auf der Tartanbahn eines Leichtathletikstadions, kurz bevor der Starter die Pistole hebt, entsteht ein Geräusch, das eigentlich keines ist: das kollektive Anhalten von acht Atemzügen gleichzeitig. Die Läufer stehen in ihren Blöcken, die Finger auf der Linie, und für diese anderthalb, zwei Sekunden zwischen dem letzten Kommando und dem Schuss ist im ganzen Stadion niemand zu hören, der atmet. Auch die Zuschauer nicht.

Bei einem Wettkampf in einer Halle, in der Geräusche stärker nachhallen als im Freien, wird dieser Effekt noch deutlicher. Das Rauschen der Lüftungsanlage, das während des restlichen Wettkampfs kaum auffällt, wird in dieser einen Pause plötzlich zum lautesten Geräusch im ganzen Gebäude, weil sich sonst wirklich niemand bewegt, ein technisches Hintergrundgeräusch, das den Rest des Tages über völlig unbemerkt bleibt und nur in diesen wenigen Sekunden kollektiver Stille überhaupt wahrnehmbar wird.

Ein Starter, der seit über zwanzig Jahren bei regionalen Wettkämpfen die Pistole hält, hat einmal erzählt, dass genau dieser Moment der schwierigste seines Jobs sei, nicht die Technik, nicht die Regeln, sondern das genaue Timing dieser Pause. Zu kurz, und die Läufer sind noch nicht bereit. Zu lang, und die Anspannung kippt in etwas Unkontrolliertes, einzelne Muskeln beginnen zu zittern, weil der Körper länger stillhalten muss, als er will.

Diese Pause hat keine feste Länge. Sie richtet sich nach etwas, das der Starter selbst kaum in Worte fassen kann, ein Gefühl dafür, wann acht Körper gleichzeitig an genau demselben Punkt angekommen sind. Manchmal dauert sie eine Sekunde, manchmal drei. Für die Läufer selbst, das berichten viele übereinstimmend, fühlt sie sich immer gleich lang an, nämlich zu lang, unabhängig von der tatsächlichen Dauer. Neue Starter, die das Amt gerade erst übernehmen, brauchen nach übereinstimmenden Berichten erfahrener Kollegen oft Jahre, bis sich dieses Gefühl für die richtige Länge tatsächlich einstellt, ein Wissen, das sich kaum unterrichten lässt, sondern nur durch schlichte Wiederholung entsteht.

Auf den Zuschauerrängen wirkt sich diese Stille körperlich aus. Ein Vater mit seinem Sohn auf dem Schoß hört auf, dem Kind etwas zuzuflüstern. Ein Fotograf am Bahnrand senkt kurz die Kamera, als würde selbst der Sucher die Anspannung stören. Menschen, die eine Sekunde zuvor noch geredet haben, verstummen gleichzeitig, ohne dass jemand sie darum gebeten hätte, einfach weil sich die Stille der Athleten wie ein Sog auf die gesamte Tribüne überträgt.

Sobald der Schuss fällt, kollabiert diese Stille sofort in Bewegung und Lärm, Anfeuerungsrufe, das Klatschen der Schuhe auf der Bahn, das eigene Ausatmen, das man erst jetzt wieder bewusst wahrnimmt. Die Pause selbst hinterlässt keine Spur, sie war nur solange da, wie sie gebraucht wurde, und verschwindet vollständig in dem Moment, in dem sie ihren Zweck erfüllt hat.

Bei einem Fehlstart wird dieser Mechanismus besonders sichtbar. Löst sich ein Läufer eine Zehntelsekunde zu früh, kippt die gesamte, sorgsam aufgebaute Stille abrupt in Unordnung, Pfiffe, Rufe, ein zweiter, deutlich unruhigerer Anlauf zur Ruhe, der selten dieselbe Qualität erreicht wie der erste Versuch. Die Athleten berichten danach oft, dass gerade dieser zweite Versuch schwerer falle, weil die Konzentration, die für die erste Pause aufgebaut wurde, sich kein zweites Mal auf dieselbe Weise herstellen lasse. Manche Trainer üben mit ihren Athleten deshalb gezielt den Umgang mit genau diesem zweiten, schwierigeren Anlauf, weil er im entscheidenden Wettkampf öfter vorkommt, als es die Statistik der Fehlstarts allein vermuten ließe.

Ein Sportpsychologe, der Sprinter auf genau diesen Moment vorbereitet, sagt, es gehe dabei weniger um Entspannung als um eine sehr präzise Form von Anspannung, ein Zustand, in dem der Körper vollständig bereit ist, aber noch nichts tut. Diese Differenz zwischen Bereitschaft und Handlung, so schmal sie ist, trägt für die Dauer dieser Sekunden das gesamte Stadion. Trainingsmethoden, die genau diesen Zustand isoliert üben, ohne dass am Ende tatsächlich gelaufen wird, gehören inzwischen zum festen Bestandteil der Vorbereitung vieler Athleten, weil sich zeigt, dass die Pause selbst trainierbar ist, unabhängig vom eigentlichen Sprint.

Die Stille im Wartezimmer, bevor der Name aufgerufen wird

In einem Wartezimmer einer Facharztpraxis, kurz bevor eine Sprechstundenhilfe die Tür öffnet und einen Namen ruft, entsteht eine andere Art von Atemzug-Pause, leiser, aber nicht weniger spürbar. Die Menschen auf den Stühlen blättern in Zeitschriften, ohne wirklich zu lesen, schauen auf ihre Telefone, ohne wirklich zu tippen. Sobald die Tür sich einen Spalt öffnet, hört fast im ganzen Raum gleichzeitig das Blättern auf.

In Wartezimmern ohne Aufrufsystem, in denen die Reihenfolge nicht durch eine Nummer, sondern allein durch den Namensruf geregelt wird, ist diese Anspannung besonders ausgeprägt, weil niemand sicher sein kann, wie weit die eigene Wartezeit fortgeschritten ist. In Praxen mit digitaler Anzeigetafel dagegen verschiebt sich die Pause, das Aufmerken geschieht dort schon beim Wechsel der Nummer auf dem Display, lange bevor überhaupt eine Tür sich öffnet, ein subtil anderer, aber verwandter Moment des Innehaltens, der sich eher am stummen Aufleuchten einer Ziffer festmacht als an einem hörbaren Namen.

Ein Wartezimmer atmet nicht gleichmäßig. Es atmet in dem Takt, in dem Türen sich öffnen.

Diese kurze, kollektive Stille hat nichts mit Höflichkeit zu tun. Sie ist ein Reflex, jeder im Raum prüft in diesem Bruchteil einer Sekunde, ob der gleich fallende Name der eigene sein könnte, selbst wer weiß, dass er noch lange nicht an der Reihe ist, hält für einen Moment inne. Erst wenn ein anderer Name fällt, atmen alle sichtbar wieder aus, manche fast hörbar, und das Blättern setzt wieder ein, an genau der Stelle, an der es aufgehört hatte, als hätte die Unterbrechung selbst nie wirklich stattgefunden.

Das Geräuschniveau im Raum sinkt in diesem Moment messbar ab, kurz bevor es sich wieder normalisiert, ein Effekt, der sich fast mit der Stoppuhr belegen ließe, würde ihn jemand tatsächlich vermessen wollen. Wer oft genug in solchen Räumen sitzt, erkennt diesen Rhythmus irgendwann auch mit geschlossenen Augen, allein am kurzen Verstummen des Blätterns.

An Tagen mit besonders langer Wartezeit verändert sich dieser Rhythmus spürbar. Nach der dritten, vierten Stunde reagieren viele Wartende nicht mehr auf jeden Türspalt, die anfängliche Anspannung weicht einer Art Erschöpfung, bei der man erst beim Klang des eigenen Namens wirklich aufschaut, während frühere Öffnungen der Tür kaum noch registriert werden. Die kollektive Stille verschiebt sich dann von jedem Türgeräusch hin zu nur noch dem einen, das tatsächlich zählt, ein langsames Ausdünnen der Aufmerksamkeit, das sich über Stunden hinweg fast unmerklich vollzieht.

Kinder in diesem Raum verhalten sich anders. Sie unterbrechen ihr Spiel nicht bei jedem Türspalt, sondern nur, wenn ihr eigener Name tatsächlich fällt, als hätten sie diese Form von vorauseilender Anspannung noch nicht gelernt, die Erwachsene ganz selbstverständlich mitbringen, ohne dass es ihnen bewusst wäre. Manche Eltern bemerken das erst, wenn sie ihr eigenes Verhalten neben dem ihres Kindes betrachten, wie unterschiedlich beide auf dasselbe Geräusch reagieren.

Diese Pause im Wartezimmer wiederholt sich an einem einzigen Vormittag ein Dutzend Mal, jedes Mal aufs Neue, ohne an Intensität zu verlieren. Niemand gewöhnt sich wirklich daran, selbst nach der zehnten Wiederholung hält der Raum kurz den Atem an, wenn sich die Tür öffnet, und lässt ihn erst wieder los, wenn klar ist, wen es diesmal betrifft.

Der Break zwischen zwei Sätzen im Konzertsaal

Nach dem letzten, langsam verklingenden Ton eines Klavierkonzerts, bevor der erste Applaus einsetzt, liegt im Konzertsaal ein Bruchteil einer Sekunde, in der buchstäblich niemand weiß, ob das Stück wirklich zu Ende ist. Der Pianist hält die Hände noch über den Tasten, das Orchester hält den letzten Bogenstrich in der Luft, und das Publikum wartet, spürbar angespannt, auf ein Signal, das niemand ausdrücklich gibt.

In Opernhäusern, wo nach einer besonders anspruchsvollen Arie manchmal schon während des letzten Tons vereinzelt Bravorufe einsetzen, fällt dieser Moment anders aus als im reinen Konzertsaal. Dort gilt es fast als Kunstfertigkeit des Publikums, genau den richtigen Sekundenbruchteil zu treffen, weder zu früh, was als respektlos gegenüber dem Verklingen gilt, noch zu spät, was die Sängerin um die verdiente unmittelbare Reaktion bringen würde.

Manche Dirigenten nutzen diese Pause bewusst, sie halten die erhobenen Hände noch einen Moment länger oben, um genau diese Stille zu verlängern, bevor sie sie mit einer sichtbaren Bewegung freigeben. Andere lassen die Arme sofort sinken, was das Publikum fast augenblicklich zum Klatschen befreit. Der Unterschied zwischen beiden Varianten liegt oft bei weniger als einer Sekunde, verändert aber, wie der ganze Saal diesen Schlussmoment erlebt.

Für viele im Saal ist genau diese Sekunde der eigentliche Höhepunkt, nicht die letzten Takte der Musik selbst. In dieser Lücke ist die Musik gerade zu Ende, aber noch nicht vorbei, ein Zustand, der sich mit keinem einzelnen Ton vergleichen lässt, den das Stück vorher enthalten hat, und der verschwindet, sobald die ersten Hände zusammenschlagen.

Applaus beginnt nicht, wenn die Musik endet. Er beginnt, wenn der Saal sich sicher genug fühlt, dass sie geendet hat.

Manchmal geht diese Pause schief. Ein einzelner, zu früher Hustenanfall oder ein hastiges Klatschen aus einer Ecke des Saals kann die Stille vorzeitig zerbrechen, und man sieht dann sichtbares Unbehagen bei denen, die noch länger hätten warten wollen. Diese kleinen, unbeabsichtigten Unterbrechungen zeigen, wie fragil diese kollektive Übereinkunft eigentlich ist, wie viele Menschen gleichzeitig genau dasselbe, unausgesprochene Timing treffen müssen, damit die Stille als solche funktioniert.

Manche Werke werden in Konzertprogrammen inzwischen ausdrücklich mit dem Hinweis versehen, zwischen den Sätzen nicht zu klatschen, gerade weil die Pausen zwischen einzelnen Sätzen eines Stücks eine andere Qualität haben als der Schluss des ganzen Werks, eine Unterscheidung, die nicht jedem Publikum vertraut ist und die in internationalen Sälen mit gemischtem Publikum immer wieder zu genau jenen kleinen, unbeabsichtigten Störungen führt. Manche Dirigenten reagieren darauf inzwischen mit einer kleinen, fast beiläufigen Handbewegung nach jedem Satz, eine stille Ansage, dass noch nicht geklatscht werden soll, ohne dass ein Wort dafür nötig wäre.

Am Ende eines sehr leisen, sehr langsamen Stücks kann diese Pause besonders lang werden, manchmal drei, vier Sekunden, in denen ein ganzer Saal mit mehreren hundert Menschen gemeinsam reglos verharrt, bevor sich die Spannung in Beifall entlädt. Aufnahmen solcher Konzertmitschnitte lassen sich daran erkennen, dass in ihnen ungewöhnlich lange, fast unbequeme Stille vor dem ersten Klatschen zu hören ist, ein Detail, das viele Tonmeister bei Livemitschnitten bewusst nicht herausschneiden, weil es zur eigentlichen Aufführung dazugehört.

Das Schweigen am Telefon, bevor jemand spricht

Zwischen dem Klick, mit dem eine Telefonverbindung zustande kommt, und dem ersten gesprochenen Wort liegt gewöhnlich kaum mehr als eine halbe Sekunde, aber bei bestimmten Anrufen, einem erwarteten Testergebnis, einer überfälligen Rückmeldung, dehnt sich diese halbe Sekunde spürbar. Man hört das leise Rauschen der offenen Leitung, vielleicht ein Atemzug am anderen Ende, aber noch keine Worte, und in dieser kurzen Lücke passieren mehr Gedanken, als die tatsächliche Zeitspanne eigentlich zulassen sollte.

Bei Anrufen von unbekannten Nummern, bei denen der Anrufer nicht sofort erkennbar ist, verlängert sich diese erste Stille zusätzlich um die Frage, wer überhaupt am anderen Ende steht. Manche Menschen entwickeln mit der Zeit die Gewohnheit, den eigenen Namen sofort und deutlich zu nennen, gerade um diese doppelte Unsicherheit, wer ruft an und was will er, möglichst schnell auf eine einzige Frage zu reduzieren, eine kleine, oft unbewusste Strategie, die genau diese unangenehme erste Sekunde verkürzen soll.

Manchmal lässt sich schon am Klang dieser ersten Stille ahnen, wie ein Gespräch verlaufen wird, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist. Eine bestimmte Qualität des Schweigens unterscheidet sich hörbar von einer anderen, auch wenn sich das kaum in Worte fassen lässt, ein Gespür, das sich offenbar erst nach vielen Jahren am Telefon einstellt, in Berufen, die täglich mit genau diesem ersten Moment einer Verbindung zu tun haben, und das sich kaum weitergeben lässt, außer durch schlichte, wiederholte Erfahrung.

Bei Videoanrufen mit spürbarer Verzögerung verlängert sich dieser Effekt zusätzlich. Das Bild steht schon, ein Gesicht ist sichtbar, reagiert aber noch auf etwas, das eine Sekunde zuvor gesagt wurde, während die eigenen Worte noch unterwegs sind. Für diese kurze Zeit sprechen beide Seiten aneinander vorbei, ohne es zu merken, in einer Art doppeltem Schweigen, das erst auffällt, wenn beide gleichzeitig zu reden beginnen und wieder abbrechen.

Bei Ferngesprächen über sehr große Distanzen, etwa zwischen Kontinenten mit mehreren Satellitensprüngen, kann sich diese Verzögerung auf über eine Sekunde summieren, genug, um ein Gespräch spürbar aus dem Takt zu bringen. Erfahrene Vielreisende gewöhnen sich mit der Zeit an einen langsameren Gesprächsrhythmus, mit bewusst eingebauten kurzen Pausen nach jedem Satz, um genau dieses Aneinandervorbeireden zu vermeiden, eine Anpassung, die den meisten selbst erst auffällt, wenn sie später wieder ein Gespräch ohne Verzögerung führen und sich dabei unerwartet gehetzt fühlen, als würde das eigene Sprechtempo plötzlich zu schnell für den Gesprächspartner wirken.

Kinder, die zum ersten Mal mit einem entfernt lebenden Großelternteil telefonieren, reagieren auf diese Pause oft unbefangener als Erwachsene. Sie warten nicht ab, sondern rufen einfach in die Stille hinein, ohne das leise Unbehagen zu spüren, das die meisten Erwachsenen mit einer unbestimmten Gesprächspause verbinden.

Diese Sekunde vor dem ersten Wort trägt oft mehr Gewicht als das eigentliche Gespräch danach, gerade weil sie noch alle Möglichkeiten offenhält, gute wie schlechte Nachrichten, während das erste gesprochene Wort diese Offenheit sofort wieder schließt, unwiderruflich, selbst wenn sich später herausstellt, dass die Befürchtungen dieser einen Sekunde völlig unbegründet waren.

Was diese Atemzüge gemeinsam haben

Der Startblock, das Wartezimmer, der Konzertsaal, die offene Telefonleitung. Vier vollkommen unterschiedliche Orte, die aber alle denselben schmalen Zustand teilen: einen Moment, in dem etwas bereits begonnen hat, aber noch nicht sichtbar geworden ist. Der Läufer ist bereit, aber noch nicht gestartet. Der Name ist noch nicht gerufen, aber jeder im Raum hat sich bereits innerlich darauf eingestellt. Das Stück ist zu Ende, aber der Applaus hat noch nicht begonnen. Die Verbindung steht, aber niemand hat gesprochen.

In allen vier Fällen ist es nicht die Wirklichkeit selbst, die pausiert, die Schallwellen, die Körper, die Telefonleitungen funktionieren ohne Unterbrechung weiter. Es ist die Bedeutung, die für diesen kurzen Moment noch offensteht, unentschieden zwischen dem, was gerade war, und dem, was gleich sein wird. Diese Lücke lässt sich nicht verlängern, ohne dass sie unangenehm wird, und nicht verkürzen, ohne dass etwas an Wirkung verliert, eine Art unsichtbares Zeitfenster, dessen genaue Grenzen sich nirgendwo festhalten lassen, das aber jeder Beteiligte offenbar sofort erkennt, sobald es überschritten wird.

Auffällig ist, dass in keinem dieser vier Fälle jemand die Pause bewusst herstellt. Sie entsteht, weil mehrere Menschen gleichzeitig, ohne Absprache, zu demselben Schluss kommen, jetzt ist der Moment, in dem man abwartet. Ein Starter, ein Wartezimmer voller Fremder, ein ganzer Konzertsaal, zwei Gesprächspartner am Telefon, keine dieser Gruppen verabredet sich, und doch trifft praktisch jeder Einzelne dieselbe unausgesprochene Entscheidung zur selben Zeit.

Ein Gedanke, der sich mit ähnlichen Verzögerungen zwischen Ereignis und Wahrnehmung beschäftigt, wenn auch aus einer anderen Richtung, findet sich in Die Grammatik der Gegenwart, dort mit Blick auf die Aufmerksamkeit selbst statt auf konkrete, äußere Momente wie diese vier. Auch die Frage, was zwischen zwei sichtbaren Zuständen tatsächlich geschieht, wird in Die digitale Stille von einer verwandten Seite aus verfolgt, dort im Kontext der Abwesenheit von Signalen statt der Anwesenheit von Menschen in einem Raum. Ein weiterer, thematisch naher Blick auf das, was sich unterhalb der offensichtlichen Ereignisse abspielt, findet sich in Andere Welten unter der Oberfläche.

Diese vier Beispiele ließen sich beliebig um weitere ergänzen, der Moment vor dem Öffnen eines Prüfungsergebnisses, die Sekunde, bevor eine Bühnentür sich öffnet, der Atemzug vor dem ersten Biss in ein lang erwartetes Essen. Jedes Beispiel für sich ist unscheinbar, verschwindet fast immer sofort wieder aus dem Gedächtnis, sobald das eigentliche Ereignis eintritt. Erst wenn man beginnt, gezielt danach zu suchen, fällt auf, wie häufig solche Momente tatsächlich vorkommen, mehrmals am Tag, in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen, ohne dass sie je als zusammengehörig wahrgenommen würden.

Ein Fotograf, der viel bei öffentlichen Ereignissen arbeitet, sagt, genau diese Sekunden seien für ihn die eigentlich interessanten, nicht der Startschuss selbst, sondern die angespannten Gesichter unmittelbar davor, nicht der Applaus, sondern die letzten hundertstel Sekunden davor, in denen noch niemand die Hände bewegt. Viele seiner bekanntesten Aufnahmen, erzählt er, seien genau in diesen Zwischenräumen entstanden, während Kollegen daneben auf das eigentliche Ereignis gewartet hätten und es dadurch, wenn es endlich eintrat, bereits verpasst hatten, weil ihre Kamera in genau diesem Moment noch auf das Vorherige eingestellt war.

Diese Beobachtung lässt sich auch umkehren. Wer versucht, bewusst auf solche Pausen zu achten, verändert dadurch häufig das eigene Erleben eines Ereignisses insgesamt. Ein Konzertbesuch, ein Arzttermin, ein Telefonat wirken anders, wenn man nicht nur auf das eigentliche Geschehen wartet, sondern auch auf jene kurzen, meist übergangenen Sekunden davor, die sonst spurlos verschwinden, sobald das erwartete Ereignis endlich eintritt, ein kleiner Perspektivwechsel, der sich mit etwas Übung offenbar in fast jeder Alltagssituation wiederholen lässt.

Diese Atemzüge zwischen den eigentlichen Ereignissen hinterlassen selten eine bewusste Erinnerung. Man erinnert sich an den Startschuss, nicht an die Sekunden davor. An den aufgerufenen Namen, nicht an das Blättern, das kurz zuvor verstummt ist. An das erste Wort am Telefon, nicht an das Rauschen, das ihm voranging. Und doch sind es genau diese Zwischenräume, die dem eigentlichen Ereignis erst sein Gewicht geben, weil ohne sie jeder Übergang abrupt und beliebig wirken würde, ein Schuss ohne Erwartung, ein Name ohne Anspannung, ein Applaus ohne Sammlung, ein Wort ohne die kurze Offenheit davor.

Man könnte versuchen, solche Pausen künstlich herzustellen, ein Moderator, der bewusst eine Sekunde länger schweigt, ein Fotograf, der einen Auslöser verzögert, aber die künstliche Variante fühlt sich fast immer anders an als die echte. Der Unterschied scheint darin zu liegen, dass eine echte Pause aus der Situation selbst entsteht, aus der tatsächlichen Unsicherheit aller Beteiligten, während eine inszenierte Pause diese Unsicherheit nur behauptet, ohne dass sie wirklich vorhanden wäre. Das Publikum, ein Wartezimmer, ein Gesprächspartner, spürt diesen Unterschied meist, auch ohne ihn benennen zu können, so wie man einem einstudierten Zögern in einem Gespräch fast immer anmerkt, dass es einstudiert ist.

Vielleicht ist genau das gemeint, wenn von den Atemzügen der Wirklichkeit die Rede ist: nicht ein metaphorisches Atmen der Welt als Ganzes, sondern diese sehr konkreten, sehr kurzen Momente, in denen mehrere Menschen gleichzeitig innehalten, aus keinem anderen Grund, als dass etwas gerade dabei ist, zu geschehen, und noch nicht geschehen ist.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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