Ernüchterung

Ernüchterung kommt nach dem Hochgefühl.
Nicht als Absturz —
als langsames Klarwerden,
das man nicht aufhalten kann.

Der Nebel hebt sich.
Was darunter liegt, ist nicht immer hässlich —
aber es ist anders
als man es sich vorgestellt hatte.

Sie trifft Menschen, Orte, Ideen.
Den Job, der sich nach einem Jahr
nicht mehr anfühlt wie die Rettung.
Den Ort, der im Alltag seine Magie verliert.

Ernüchterung und Enttäuschung sind verschieden.
Enttäuschung schmerzt, klagt an, hadert.
Ernüchterung ist stiller —
ein Sehen ohne Urteil, das trotzdem wehtut.

Manchmal ist sie Befreiung.
Was man zu lange idealisiert hat,
bekommt endlich menschliche Maße —
und wird dadurch tragbar.

Manchmal ist sie Verlust.
Das Ende einer Illusion, die schön war.
Man weiß, dass Illusionen nicht halten —
und vermisst sie trotzdem.

Sie lässt sich nicht rückgängig machen.
Wer einmal nüchtern gesehen hat,
sieht nicht mehr unwissend —
das Bild hat sich verändert, für immer.

Wer Ernüchterung kennt,
weiß dass Klarheit ihren Preis hat —
und dass das Wirkliche,
auch wenn es weniger glänzt, mehr trägt.

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