Erschaudern

Erschaudern kommt ohne Ankündigung.
Ein Moment — und der Körper antwortet
auf etwas, das der Verstand
noch nicht einmal erfasst hat.

Es ist kein Schrecken.
Schrecken ist laut, ist Reaktion, ist Abwehr.
Erschaudern ist leise —
eine Welle, die von innen kommt.

Manchmal löst es Musik aus.
Eine bestimmte Zeile, ein Übergang, ein Ton.
Der Körper erkennt etwas,
das sich nicht in Worte fassen lässt.

Manchmal ist es Schönheit.
Ein Licht, das plötzlich anders fällt.
Ein Satz, der trifft.
Ein Gesicht, das man so nicht erwartet hat.

Erschaudern ist nicht dasselbe wie Gänsehaut.
Gänsehaut ist der Körper, der sich schützt.
Erschaudern ist der Körper, der sich öffnet —
der für einen Moment durchlässig wird.

Es lässt sich nicht herbeiführen.
Wer es sucht, findet es nicht.
Es kommt nur, wenn man nicht
auf der Hut vor ihm ist.

Es dauert Sekunden.
Aber es hinterlässt etwas —
eine Gewissheit, dass es Momente gibt,
in denen man wirklich berührt wurde.

Wer erschauert ist,
weiß für diesen Augenblick,
dass er lebt —
vollständig, ohne Vorbehalt.

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