Erwartung
Erwartung formt, was man sieht —
bevor man überhaupt geschaut hat.
Sie legt sich über die Wirklichkeit
wie eine zweite Schicht.
Sie zeigt sich selten als solche.
Oft erst im Nachhinein,
wenn das Eingetroffene
nicht dem Vorgestellten entspricht.
Erwartung entsteht nicht aus Bosheit.
Sie entsteht aus Erfahrung,
aus Wunsch,
aus dem Bedürfnis, vorbereitet zu sein.
Sie richtet sich nicht immer auf andere.
Manchmal sind es die Erwartungen
an sich selbst —
die schwersten, weil sie keiner ausspricht.
In der Erwartung liegt eine stille Anspannung.
Der Raum zwischen dem, was erhofft wird,
und dem, was kommt —
ist selten leer.
Sie lässt sich nicht einfach ablegen.
Eher wie eine Brille,
die man lange getragen hat —
und deren Gläser man vergessen hat.
Erwartung lässt sich nicht befehlen zu schweigen.
Aber sie lässt sich bemerken —
bevor sie entscheidet,
was wirklich ist.
Sie verändert nicht, was kommt.
Aber sie verändert,
was man davon
wahrnimmt.
Wer seine Erwartungen kennt,
sieht klarer.
Nicht weil er weniger erwartet —
sondern weil er weiß, dass er es tut.