Fassungslosigkeit
Fassungslosigkeit lässt einen stehen.
Nicht gelähmt, nicht ohnmächtig —
nur für einen Moment außerhalb
von allem, was man für selbstverständlich hielt.
Sie kommt nach dem Unerwarteten.
Nach einer Nachricht, die nicht sein kann.
Nach einem Moment, der die Welt
in ein Vorher und ein Nachher teilt.
Der Kopf wiederholt.
Dreht den Moment zurück, spielt ihn nochmal.
Als könnte Wiederholung
aus dem Unglaublichen etwas Glaubliches machen.
Erschütterung trägt sie in sich —
aber Fassungslosigkeit ist der erste Moment davon.
Bevor die Erschütterung sich setzt,
bevor der Schmerz beginnt — steht sie.
Manchmal kommt sie durch Schönes.
Durch einen Moment, der so unerwartet groß ist,
dass die Fassungskraft nicht reicht —
und man einfach nur staunen kann.
Sie dauert selten lang.
Der Verstand holt auf, ordnet, bewertet.
Aber in dem Moment davor —
ist man vollständig offen, vollständig unvorbereitet.
Sie lässt sich nicht vorbereiten.
Wer fassungslos ist, hat keine Fassung verloren —
er hat einen Moment erlebt,
für den keine Fassung ausreichte.
Wer Fassungslosigkeit kennt,
weiß dass es Momente gibt, die größer sind
als alles, was man bereithalten kann —
und dass man darin trotzdem überlebt.