Fremdheit
Fremdheit ist kein Abstand.
Sie entsteht dort,
wo Vertrautes plötzlich
nicht mehr erkannt wird.
Sie zeigt sich selten angekündigt.
Manchmal im eigenen Spiegelbild,
manchmal in einer Stimme,
die sich nicht mehr zugehörig fühlt.
Fremdheit ist nicht dasselbe wie Einsamkeit.
Einsamkeit vermisst Verbindung.
Fremdheit fragt tiefer —
wer hier eigentlich ist.
Sie richtet sich nicht immer nach außen.
Manchmal ist es das Eigene,
das fremd wird:
Gedanken, Reaktionen, das eigene Leben.
In der Fremdheit entsteht eine Pause.
Zwischen dem, was man kannte,
und dem, was man gerade ist —
ohne dass sich beides deckt.
Sie lässt sich nicht wegdenken.
Eher wie ein Riss im Gewohnten,
durch den etwas Neues
bereits hindurchscheint.
Fremdheit lässt sich nicht auflösen.
Sie entsteht, wenn Selbstverständliches
seine Selbstverständlichkeit
verliert.
Sie verändert nicht die Welt.
Aber sie verändert den Blick —
auf das, was bisher
als sicher galt.
Wer Fremdheit kennt,
hat etwas verloren.
Und gleichzeitig
etwas gesehen, das vorher unsichtbar war.