Fremdscham

Fremdscham trifft einen unvorbereitet.
Man ist nicht derjenige, der strauchelt —
und trotzdem brennt es
als wäre man es selbst.

Der Körper reagiert, bevor man entscheidet.
Die Wärme im Gesicht.
Der Impuls, wegzuschauen —
oder den Raum zu verlassen.

Sie setzt Empathie voraus.
Wer nichts fühlt für andere,
schämt sich auch nicht für sie.
Fremdscham ist der Beweis, dass man verbunden ist.

Manchmal trifft sie Menschen, die man mag.
Ein Versprecher im falschen Moment.
Eine Geste, die nicht ankam.
Man leidet mit — ohne gefragt worden zu sein.

Manchmal trifft sie Fremde.
Jemand im Fernsehen, jemand auf der Straße.
Man kennt sie nicht —
und schämt sich trotzdem, stellvertretend, vollständig.

Sie zeigt wo die eigenen Grenzen liegen.
Was einen fremdschämen lässt,
verrät was einem selbst wichtig ist —
welche Würde man für andere einfordert.

Sie lässt sich nicht abschalten.
Wer wegschaut, trägt sie trotzdem.
Sie klingt nach —
manchmal länger als der Moment selbst.

Wer Fremdscham kennt,
weiß dass die Grenze zwischen sich und anderen
durchlässiger ist
als man meistens glaubt.

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