Gereiztheit

Gereiztheit hat eine niedrige Schwelle.
Was sonst beiläufig wäre —
ein Geräusch, ein Satz, eine Kleinigkeit —
trifft plötzlich zu nah.

Sie kündigt sich selten an.
Man merkt sie oft erst,
wenn man bereits reagiert hat —
schärfer als beabsichtigt, schneller als gewollt.

Sie sitzt selten dort, wo sie sich zeigt.
Das Geräusch ist nicht das Problem.
Der Satz ist nicht das Problem.
Darunter liegt etwas, das noch keinen Namen hat.

Manchmal ist es Erschöpfung.
Ein System, das zu lange zu viel getragen hat
und nun bei jeder Kleinigkeit
meldet, dass es genug ist.

Manchmal ist es Hunger — nach Stille, nach Raum.
Nach einem Moment, in dem niemand etwas will.
Nach dem Recht,
einfach in Ruhe gelassen zu werden.

Sie lässt sich nicht weglächeln.
Wer sie unterdrückt, findet sie später wieder —
größer, drängender, weniger wählerisch
bei dem, was sie trifft.

Sie verdient Aufmerksamkeit.
Nicht als Entschuldigung für das, was sie auslöst —
sondern als Signal,
dass etwas gehört werden will.

Wer Gereiztheit kennt —
die eigene, die wiederkehrende —
weiß dass sie selten von dem handelt,
woran sie sich entzündet.

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