Lebensangst

Lebensangst sitzt tiefer als jede einzelne Angst.
Sie richtet sich nicht auf ein Ereignis,
nicht auf eine Situation —
sondern auf das Leben selbst.

Sie fragt ohne Antwort zu erwarten.
Ob es reicht, was man tut.
Ob man richtig liegt mit dem, was man gewählt hat.
Ob das, was kommt, tragbar sein wird.

Sie kommt oft nachts.
Wenn die Ablenkungen schweigen
und der Geist sich selbst überlassen ist —
mit allem, was er nicht gelöst hat.

Angst vor dem Tod trägt sie in sich —
aber Lebensangst geht weiter.
Sie fürchtet nicht nur das Ende,
sondern auch das Dazwischen.

Manchmal kommt sie in Übergängen.
Wenn ein Kapitel endet und das nächste
noch keine klaren Konturen hat —
und man nicht weiß, wer man dort sein wird.

Manchmal kommt sie ohne Anlass.
An einem gewöhnlichen Tag, in einem gewöhnlichen Moment —
ein Schwindel, der nicht vom Körper kommt,
sondern von der Frage, was das alles bedeutet.

Sie lässt sich nicht wegdenken.
Wer sie verdrängt, findet sie später —
größer, drängender, weniger wählerisch
beim Zeitpunkt ihres Erscheinens.

Wer Lebensangst kennt —
die eigene, die nächtliche —
weiß dass sie kein Zeichen von Schwäche ist,
sondern von einem Menschen, dem sein Leben nicht gleichgültig ist.

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