Neid

Neid kommt nicht aus Missgunst.
Er kommt aus dem Wunsch,
dass das, was der andere hat,
auch möglich wäre für einen selbst.

Er zeigt sich selten offen.
Manchmal als Kritik,
als plötzliche Kälte,
als Interesse, das sich zurückzieht.

Neid ist nicht dasselbe wie Eifersucht.
Eifersucht fürchtet den Verlust.
Neid begehrt —
was noch nicht da ist.

Er richtet sich nicht immer auf Besitz.
Manchmal auf Leichtigkeit,
auf Zugehörigkeit,
auf ein Leben, das möglich wirkt.

Im Neid steckt eine Information.
Er zeigt, was fehlt —
nicht beim anderen,
sondern in der eigenen Vorstellung vom eigenen Leben.

Er lässt sich nicht wegmoralisi­eren.
Eher wie ein Spiegel,
der unbequem ist —
weil er zu genau zeigt.

Neid lässt sich nicht befehlen zu schweigen.
Aber er lässt sich befragen —
was er über das eigene Begehren sagt,
nicht über den anderen.

Er verändert nicht, was der andere hat.
Aber er verändert,
was man bereit ist,
für das Eigene zu wollen.

Wer Neid kennt und ihn anerkennt,
hat einen Kompass —
der zeigt, wohin
etwas im Inneren will.

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