Neugier
Neugier zieht einen vorwärts,
ohne zu drängen.
Ein leises Ziehen in eine Richtung —
und man folgt, bevor man entschieden hat zu folgen.
Sie beginnt mit einer Lücke.
Etwas, das man noch nicht weiß.
Etwas, das man noch nicht gesehen hat.
Der Abstand zwischen hier und dort, der sich anfühlt wie Einladung.
Neugier und Interesse sind nicht dasselbe.
Interesse bewertet, wählt aus, bleibt auf Abstand.
Neugier geht hin —
ohne zu wissen, was sie findet.
Sie macht jünger, sagt man.
Das stimmt — aber nicht weil sie jugendlich wäre.
Sondern weil sie die Welt offen hält.
Weil sie verhindert, dass man aufhört anzukommen.
Manchmal richtet sie sich auf Menschen.
Auf das, was jemand wirklich meint.
Auf das Leben hinter dem, was man sieht.
Wer so fragt, bekommt andere Antworten.
Manchmal richtet sie sich nach innen.
Auf die eigenen Muster, die eigenen Grenzen.
Das ist die schwierigere Richtung —
aber die ergiebigere.
Sie lässt sich wecken, aber nicht erzwingen.
Ein Buch, ein Gespräch, ein Umweg —
manchmal reicht das.
Manchmal braucht es Stille, damit sie sich zeigt.
Wer neugierig bleibt —
auf die Welt, auf andere, auf sich —
hat etwas bewahrt,
das sich nicht kaufen und nicht lernen lässt.