Orientierungslosigkeit

Orientierungslosigkeit nimmt den Boden weg.
Nicht dramatisch, nicht plötzlich —
sondern so, als hätte man gemerkt,
dass man schon länger nicht mehr weiß, wo man steht.

Sie ist mehr als räumliche Verwirrung.
Man kann wissen, wo man ist —
und trotzdem nicht wissen,
wer man dort ist.

Sie entsteht in Übergängen.
Nach dem Ende von etwas Vertrautem.
In einer Phase, in der die alten Koordinaten
nicht mehr stimmen und neue noch fehlen.

Orientierungslosigkeit und Konfusion sind verschieden.
Konfusion verwirrt den Kopf.
Orientierungslosigkeit verwirrt den ganzen Menschen —
seine Richtung, seinen Ort, seinen Sinn.

Sie macht kleinere Entscheidungen schwer.
Was sonst beiläufig wäre —
wohin, womit, mit wem —
bekommt ein Gewicht, das es nicht verdient.

Manchmal kommt sie nach großen Veränderungen.
Nach einem Umzug, einem Verlust, einem Neuanfang.
Die Landschaft hat sich verändert —
und die innere Karte stimmt nicht mehr.

Sie löst sich nicht durch Eile.
Wer sich zu schnell neu orientiert,
orientiert sich an dem, was verfügbar ist —
nicht unbedingt an dem, was stimmt.

Wer Orientierungslosigkeit kennt —
die echte, die existenzielle —
weiß dass das Verlorensein manchmal
der Beginn eines ehrlicheren Weges ist.

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