Scham

Scham ist kein Gefühl der Oberfläche.
Sie entsteht dort,
wo das Eigene
nicht dem entspricht, was sein sollte.

Sie zeigt sich selten laut.
Manchmal als Wunsch,
unsichtbar zu werden —
bevor jemand genauer hinsieht.

Scham ist nicht dasselbe wie Schuld.
Schuld sagt: ich habe etwas falsch gemacht.
Scham sagt etwas anderes —
ich bin falsch.

Sie richtet sich nicht immer auf Handlungen.
Manchmal auf das Eigene selbst:
auf einen Körper, eine Herkunft,
ein Gefühl, das nicht passt.

In der Scham entsteht Stille.
Keine ruhige —
sondern eine, die sich
eng anfühlt.

Sie lässt sich nicht wegdenken.
Eher wie ein Blick von innen,
der strenger ist
als jeder von außen.

Scham lässt sich nicht befehlen zu gehen.
Sie entsteht, wenn Maßstäbe
tiefer sitzen
als Vernunft reicht.

Sie verändert nicht, was ist.
Aber sie verändert,
wie viel davon
gezeigt werden darf.

Wer Scham kennt,
weiß, wie es ist,
sich vor sich selbst
zu verbergen.

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