Schwelle

Schwelle ist der Ort zwischen zwei Zuständen.
Man steht noch hier —
und spürt bereits das Ziehen
von dem, was drüben wartet.

Sie hat eine eigene Zeit.
Nicht die Zeit des Noch-Hier
und nicht die Zeit des Schon-Dort —
eine dritte, die sich dehnt.

Manchmal steht man lange auf ihr.
Wochenlang, manchmal jahrelang.
Man weiß, dass etwas endet.
Man weiß, dass etwas beginnt. Und trotzdem.

Schwelle und Übergang sind verwandt —
aber die Schwelle ist der stillere Moment.
Übergang ist Bewegung.
Schwelle ist das Innehalten davor.

Sie verlangt etwas.
Den Mut, loszulassen was war.
Das Vertrauen in das, was kommt —
auch wenn man es noch nicht sehen kann.

Manchmal betritt man sie unbemerkt.
Man merkt erst hinterher,
dass man auf einer Schwelle stand —
als alles schon anders war.

Sie lässt sich nicht überspringen.
Wer versucht, sie zu umgehen,
trägt sie mit —
unüberschritten, wartend, still.

Wer eine Schwelle kennt —
die echte, die unausweichliche —
weiß dass die bedeutsamsten Momente des Lebens
selten im Ankommen liegen, sondern hier.

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