Umnachtung

Umnachtung kommt wie ein Vorhang.
Nicht plötzlich, nicht dramatisch —
aber irgendwann ist das Licht
weniger geworden, ohne dass man es bemerkt hat.

Sie verdunkelt die Wahrnehmung.
Was klar war, wird trüb.
Was nah war, rückt in eine Ferne,
die sich nicht überbrücken lässt.

Sie ist älter als jede Diagnose.
Menschen haben sie immer gekannt —
diesen Zustand, in dem der Geist
sich von sich selbst entfernt hat.

Dunkelheit hat einen Ort, eine Richtung.
Umnachtung hat beides nicht —
sie ist überall gleichzeitig,
innen und außen, ohne Grenze.

Manchmal kommt sie durch Erschöpfung.
Durch zu viel, zu lang, zu allein.
Der Geist hat seine Reserven verbraucht —
und zieht sich in sich selbst zurück.

Manchmal kommt sie ohne Grund.
Ohne Vorwarnung, ohne Anlass —
als hätte etwas in einem beschlossen,
für eine Weile das Licht zu löschen.

Sie geht vorbei.
Nicht immer schnell, nicht immer leicht —
aber sie ist kein Dauerzustand,
auch wenn sie sich so anfühlt.

Wer Umnachtung kennt —
die eigene, die durchstandene —
weiß dass das Licht, das danach kommt,
ein anderes ist als das davor.

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