Verbitterung
Verbitterung entsteht langsam.
Nicht durch einen einzigen Moment —
sondern durch viele,
die sich unbemerkt aufgeschichtet haben.
Irgendwann ist die Schicht so dick,
dass neue Erfahrungen sie nicht mehr durchdringen.
Was gut gemeint ist, wirkt falsch.
Was freundlich ist, wirkt verdächtig.
Sie kommt aus enttäuschtem Vertrauen.
Aus Erwartungen, die zu oft nicht erfüllt wurden.
Aus dem Gefühl, gegeben zu haben —
und zu wenig zurückbekommen zu haben.
Enttäuschung schmerzt und geht vorbei.
Verbitterung bleibt — sie zieht sich fest,
wird zur Linse, durch die man schaut,
und verändert alles, was man sieht.
Sie schützt auf ihre Weise.
Wer verbittert ist, erwartet wenig —
und wird seltener enttäuscht.
Der Preis dafür ist hoch.
Sie isoliert.
Nicht sofort, nicht absichtlich —
aber Menschen spüren sie,
und halten irgendwann Abstand.
Sie lässt sich auflösen — aber nicht schnell.
Sie braucht jemanden, der bleibt.
Einen Moment, der beweist,
dass nicht alles so ist, wie sie es erwartet.
Wer Verbitterung kennt —
die eigene, die gewachsene —
weiß dass unter ihr fast immer
ein Mensch wartet, der sich etwas gewünscht hatte.