Verlorenheit
Verlorenheit hat keine Adresse.
Sie entsteht nicht an einem Ort —
sondern in dem Moment,
in dem der eigene Ort fehlt.
Sie zeigt sich selten als Orientierungslosigkeit allein.
Manchmal als ein Gefühl,
dass man sich selbst
aus den Augen verloren hat.
Verlorenheit ist nicht dasselbe wie Einsamkeit.
Einsamkeit vermisst andere.
Verlorenheit vermisst sich selbst —
den Faden zurück zum Eigenen.
Sie richtet sich nicht immer auf eine Krise.
Manchmal entsteht sie leise,
mitten in einem Leben,
das von außen funktioniert.
In der Verlorenheit verliert Entscheidung ihren Boden.
Nicht weil die Optionen fehlen —
sondern weil unklar ist,
von wem sie getroffen werden sollen.
Sie lässt sich nicht durch Beschäftigung füllen.
Eher wie ein Zustand,
der wartet —
bis man innehält und hinhört.
Verlorenheit lässt sich nicht überwinden durch Suchen.
Sie weicht dort,
wo man aufhört zu suchen —
und anfängt zu hören, was noch da ist.
Sie verändert nicht, wer man ist.
Aber sie zeigt,
wie weit man sich
davon entfernt hat.
Wer sich verloren hat,
ist nicht verschwunden.
Er hat nur den Kontakt verloren —
zu dem, was ihn trägt.