Warten

Nähe ist keine Frage der Entfernung.
Sie entsteht dort,
wo jemand ankommt —
ohne dass er sich erklären musste.

Sie zeigt sich selten durch Berührung allein.
Manchmal in einem Schweigen,
das nicht gefüllt werden muss —
weil es bereits getragen wird.

Nähe ist nicht dasselbe wie Vertrautheit.
Vertrautheit kennt die Geschichte.
Nähe ist im Jetzt —
ohne Voraussetzung.

Warten ist keine verlorene Zeit.
Es entsteht dort,
wo das Nächste noch nicht begonnen hat —
und das Jetzt allein stehen muss.

Es zeigt sich selten gleichmäßig.
Manchmal dehnt es sich
über einen Nachmittag —
als wäre er größer als ein Tag.

Warten ist nicht dasselbe wie Geduld.
Geduld hat sich entschieden.
Warten hält aus —
ohne zu wissen, ob es sich lohnt.

Es richtet sich nicht immer auf ein Ereignis.
Manchmal wartet man
auf eine Veränderung,
die keinen Termin hat.

Im Warten entsteht eine eigene Aufmerksamkeit.
Für das, was gerade ist —
weil das, worauf man wartet,
noch nicht gesehen werden kann.

Es lässt sich nicht beschleunigen.
Eher wie ein Zustand,
der sich selbst bewohnen lässt —
oder der zermürbt.

Warten lässt sich nicht überlisten.
Es entsteht, wenn das Eigene
von etwas abhängt,
das außerhalb liegt.

Es verändert nicht, was kommt.
Aber es verändert,
wer man ist —
wenn es endlich eintrifft.

Wer warten kann,
ohne sich dabei zu verlieren,
hat gelernt,
im Unvollständigen zu leben.

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