Wehmut
Wehmut hat eine eigene Farbe.
Kein Grau, kein Schwarz —
eher das Licht eines späten Nachmittags
im Oktober, wenn es schon früh dunkelt.
Sie kommt aus der Erinnerung —
aber nicht aus dem Schmerz darin.
Aus dem, was schön war
und nicht mehr ist.
Wehmut und Trauer sind verschieden.
Trauer trägt Verlust in sich, Schwere, Widerstand.
Wehmut ist sanfter —
ein Nachklingen von etwas, das man geliebt hat.
Sie befällt einen bei Kleinigkeiten.
Ein Lied, das man lange nicht gehört hat.
Ein Geruch, der zurückbringt.
Ein Foto, das man nicht gesucht hatte.
Manchmal ist sie angenehm.
Das Schwelgen in dem, was war —
mit dem Wissen, dass es schön war,
auch wenn es vorbei ist.
Manchmal trägt sie eine Sehnsucht in sich.
Nach einem Ort, der sich verändert hat.
Nach einer Zeit, die nicht zurückkommt.
Nach jemandem, den man vermisst.
Sie lässt sich nicht wegdenken.
Wer sie verdrängt, verliert auch das,
worüber er wehmütig ist —
die Erinnerung, die Wärme, den Wert.
Wer Wehmut kennt,
weiß dass sie ein stiller Beweis ist —
dass etwas im Leben so viel bedeutet hat,
dass es nachhallt, lange nachdem es gegangen ist.