Zerrissenheit

Zerrissenheit ist kein Zustand der Schwäche.
Sie entsteht dort,
wo zwei Wahrheiten gleichzeitig ziehen —
und keine loslässt.

Sie zeigt sich selten als Entscheidungsproblem.
Oft tiefer —
als ein Konflikt zwischen dem,
was man ist, und dem, was man sein soll.

Wer zerrissen ist, leidet nicht an Unentschlossenheit.
Er leidet daran,
dass beides wahr ist —
und beides kostet.

Sie richtet sich nicht immer auf Zukunft.
Manchmal reißt sie
zwischen Vergangenheit und Gegenwart —
zwischen dem, was war, und dem, was jetzt verlangt wird.

In der Zerrissenheit liegt eine Ehrlichkeit.
Wer sie nicht spürt,
hat sich vielleicht entschieden —
eine Seite nicht mehr zu hören.

Sie weicht nicht der Vernunft.
Eher einem Moment,
in dem eine Seite
schwerer wird als die andere.

Zerrissenheit ist oft ein Zeichen von Tiefe.
Wer nur eine Wahrheit kennt,
wird selten zerrissen —
weil er die andere nicht sieht.

Wer sie aushält,
ohne vorschnell zu wählen,
kommt zu einer Entscheidung,
die trägt.

← Alle Zustände