Zerstreutheit
Zerstreutheit verteilt einen.
Nicht auf viele Orte —
auf viele Momente gleichzeitig,
keiner davon ganz.
Man sitzt am Tisch
und ist halb woanders.
Man hört zu
und folgt dem eigenen Gedanken.
Sie hat nichts mit Dummheit zu tun.
Oft sind es die denkenden Köpfe,
die am leichtesten abschweifen —
weil innen immer etwas in Bewegung ist.
Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit sind verschieden.
Unaufmerksamkeit ist Abwesenheit.
Zerstreutheit ist Anwesenheit an zu vielen Orten —
gleichzeitig, ungeplant, unkontrolliert.
Manchmal kommt sie aus Erschöpfung.
Wenn das System überlastet ist
und aufhört, zu priorisieren —
alles gleich wichtig, also nichts.
Manchmal kommt sie aus Fülle.
Zu viele Gedanken, zu viele Eindrücke.
Der Geist springt,
weil er so viel zu berühren hat.
Sie lässt sich nicht wegwollen.
Wer sich zwingt, bei der Sache zu bleiben,
kämpft gegen den Strom —
und verliert meistens.
Wer Zerstreutheit kennt —
die eigene, die wiederkehrende —
weiß dass der Geist manchmal streut,
um später gesammelter zurückzukehren.