Der erste Ofenabend
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Ombra Celeste Magazin
Der Abend, an dem das Haus zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder Feuer bekommt.
Das erste Streichholz
Der Nachmittag hat schon diesen bestimmten Anfang-Oktober-Ton, gelbes Licht, das früh zur Seite kippt, und eine Kälte, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt, egal wie warm die Sonne noch aussieht. Ich stehe vor dem Ofen mit einem Arm voll Holz, das seit April im Schuppen gestapelt lag, und rieche, bevor ich überhaupt ein Scheit hineingelegt habe, schon den Staub der Sommerpause.
Die Klappe quietscht, wie sie es jedes Jahr tut, egal wie oft ich die Scharniere ölen wollte und es dann doch nicht getan habe. Innen liegt noch die letzte Asche vom März, fein, grau, fast schwerelos, ich kehre sie mit dem kleinen Handbesen zusammen, bevor das erste Anzündholz seinen Platz bekommt.
Kleingehacktes Kiefernholz zuunterst, dann die dickeren Scheite Buche, kreuzweise gestapelt, ein Muster, das ich nie bewusst gelernt habe, das aber trotzdem jedes Jahr wieder aus den Händen kommt, als hätte sich der Ablauf irgendwo zwischen Kopf und Fingern eingenistet.
Das erste Streichholz reißt ab, ohne zu zünden. Das zweite fängt, aber der Wind aus dem noch kalten Kamin bläst es sofort wieder aus. Erst das dritte hält lange genug, um das zerknüllte Zeitungspapier zu erreichen, das ich immer als Erstes unter das Kleinholz lege, mit einer Sturheit, die keiner rationalen Erklärung mehr bedarf.
Ein kurzes Aufflackern, dann ein Zögern, als würde das Feuer selbst noch prüfen, ob es sich lohnt. Dann ein leises Knacken im Kiefernholz, gefolgt von einem zweiten, und plötzlich ist da dieses Geräusch, das den ganzen Winter über zum Haus gehören wird und das ich seit sechs Monaten nicht gehört habe.
Der Rauch zieht zunächst zögerlich, der kalte Schornstein braucht ein paar Minuten, um seinen eigenen Zug zu finden, und für einen Moment hängt ein feiner Nebel im Zimmer, der nach verbranntem Papier und trockenem Holz riecht. Ich öffne kurz das Fenster, nicht aus Sorge, eher aus Gewohnheit.
Draußen im Garten liegt bereits das erste Laub, mehr als letzte Woche, ein Ahornblatt klebt feucht am Küchenfenster. Die Nachbarin zwei Grundstücke weiter hat ihren Rasenmäher zum letzten Mal in diesem Jahr laufen lassen, das Geräusch trägt seltsam klar durch die kühle Luft herüber.
Ich setze mich auf den Hocker vor dem Ofen, näher, als es eigentlich nötig wäre, und beobachte, wie sich das Feuer durch die Kiefernscheite frisst, kleine orangefarbene Zungen, die an den Kanten der Buche noch nicht recht greifen wollen. Es dauert immer länger, als man denkt, bis ein Feuer wirklich brennt und nicht nur glimmt.
Ein Feuer, das man selbst entzündet hat, wärmt anders als eines, das schon brannte, bevor man den Raum betrat.
Die Wärme kommt erst nach einer Weile spürbar an, zuerst nur als Helligkeit, ein orangefarbener Schein, der sich über den Dielenboden legt, dann, langsamer, als tatsächliche Temperatur, die zuerst die Knie erreicht, bevor sie sich im Rest des Zimmers verteilt.
Ich habe irgendwo gelesen, dass Menschen Feuer schneller und intensiver riechen als fast jeden anderen Geruch, evolutionär tief verankert, eine Warnung und ein Versprechen zugleich. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber es fühlt sich in diesem Moment plausibel an, wie mein ganzer Körper auf diesen einen Geruch reagiert.
Es klopft an der Terrassentür, mein Nachbar, ein Mann Anfang siebzig, der seit über zwanzig Jahren im Haus nebenan wohnt, hält eine Handvoll trockener Tannenzapfen hoch, die er beim Harken gesammelt hat. Gut für den Anzünder nächstes Jahr, sagt er, als wäre das eine Selbstverständlichkeit, die keiner weiteren Erklärung bedarf.
Ich lasse ihn kurz herein, mehr aus Reflex als aus Plan, und er stellt sich, ohne zu fragen, direkt vor den Ofen, hält die Hände in einem Abstand hin, der genau richtig aussieht, geübt über Jahrzehnte. Riecht gut, sagt er nur, mehr nicht, und schaut eine Weile schweigend in die Flammen.
Ich frage ihn, ob er auch schon geheizt hat. Er verneint, er warte immer bis Mitte Oktober, das sei disziplinierter, sagt er, mit einem kleinen Grinsen, das mir zeigt, dass er selbst nicht ganz daran glaubt. Vielleicht ist es auch nur eine Geschichte, die er sich jedes Jahr aufs Neue erzählt.
Die Tannenzapfen legt er auf die Fensterbank, ordentlich nebeneinander, wie kleine braune Kegel, dann verabschiedet er sich genauso unangekündigt, wie er gekommen ist, mit einem knappen Winken, das keine Antwort verlangt.
Ich bleibe allein zurück mit dem Feuer, das inzwischen kräftig genug brennt, um die Klappe halb zu schließen. Draußen wird es merklich dunkler, viel früher, als es noch vor zwei Wochen der Fall war, die Zeit vor der Zeitumstellung, in der die Abende sich schon ankündigen, aber noch nicht ganz da sind.
Auf dem Sims über dem Ofen liegt ein schmales, altes Taschenbuch, das dort seit Jahren steht, mehr Dekoration als Lektüre, bis ich es heute, warum auch immer, tatsächlich in die Hand nehme. Der Einband ist leicht ausgeblichen von der Ofenwärme vergangener Winter.
In Abendritual des Ankommens wird beschrieben, wie ein einzelner, immer gleicher Handgriff einen Abend von einem Tag trennt, ihn zu etwas Eigenem macht. Das erste Feuer der Saison ist genau so ein Handgriff, nur einmal im Jahr, aber jedes Mal mit derselben stillen Wirkung.
Ich schlage das Taschenbuch auf, mehr aus Neugier als aus Absicht, und finde auf der ersten Seite eine handschriftliche Widmung, die ich nicht mehr genau entziffern kann, verblasst, in einer fremden Handschrift. Es muss ein Geschenk gewesen sein, irgendwann, von irgendwem, lange bevor ich mich erinnere, es bekommen zu haben.
Draußen ist es inzwischen fast dunkel, und das Zimmer wird zunehmend vom Ofen erleuchtet statt von der Deckenlampe, die ich noch gar nicht eingeschaltet habe. Ein warmes, unruhiges Licht, das ganz anders funktioniert als jede Lampe, die man an- und ausknipsen kann.
Ich klappe das Buch nicht wieder zu, sondern beginne, im Licht des Feuers die ersten Seiten zu lesen, während draußen der Wind das restliche Laub vom Ahorn löst und irgendwo in der Nachbarschaft eine Tür ins Schloss fällt.
Was das Feuer mit uns macht
Das Buch auf dem Sims trägt den Titel "Psychoanalyse des Feuers", geschrieben 1938 von Gaston Bachelard, einem französischen Philosophen, der eigentlich Wissenschaftstheoretiker war, bevor er sich den vermeintlich irrationalen Seiten der menschlichen Wahrnehmung zuwandte. Feuer war für ihn kein physikalisches Phänomen mehr, sobald ein Mensch davor saß, sondern etwas, das tiefer in die Psyche reicht als jedes andere Naturelement.
Bachelard beschreibt, wie Kinder fast überall auf der Welt dieselbe erste Lektion über Feuer lernen: Fass es nicht an. Ein Verbot, das älter ist als jede Erklärung, die es begleitet, und das genau dadurch eine Faszination erzeugt, die ein Leben lang bleibt. Er nannte das den Prometheus-Komplex, benannt nach dem Titanen der griechischen Mythologie, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu bringen, und dafür auf ewig bestraft wurde.
Verbotenes Wissen, gestohlenes Licht, eine Strafe, die niemanden davon abhält, es trotzdem zu wollen. Ich lese den Satz zweimal, während im Ofen ein Scheit knackend in sich zusammensackt und einen kleinen Funkenregen hinter der Glasscheibe aufsteigen lässt, der sofort wieder erlischt. Wer vor einem Feuer sitzt, erinnert sich offenbar an mehr, als er erklären kann.
Für Bachelard war genau das der Kern: Niemand betrachtet ein Feuer rein sachlich. Man erinnert sich dabei fast zwangsläufig an andere Feuer, andere Abende, andere Menschen, die man neben sich sitzen hatte, während draußen etwas anderes geschah als drinnen. Das Feuer selbst verändert sich kaum von Jahr zu Jahr. Was sich verändert, ist alles, was man mitbringt, wenn man sich davorsetzt.
Ich merke, wie mir beim Lesen tatsächlich ein Winter einfällt, den ich lange nicht mehr gedacht hatte, ein Umzug vor vielen Jahren, ein Haus mit einem viel zu kleinen Ofen, der die erste selbstständige Wohnung überhaupt erst bewohnbar machte, in einem Winter, der kälter war, als jeder seitdem.
Bachelard nannte das Bedürfnis nach geteilter, empfangener Wärme den Novalis-Komplex, benannt nach dem romantischen Dichter, das Verlangen nach einer Wärme, die man nicht allein erzeugt, sondern mit jemandem teilt. Dem stellte er eine andere, einsamere Vorstellung von Feuer gegenüber, die er eher mit alchemistischen Bildern verband, das selbst gehütete, innere Glühen.
Ich weiß nicht, ob sich das so sauber trennen lässt, ein Ofen ist schließlich beides zugleich, geteilte und selbst erzeugte Wärme. Aber etwas an dem Gedanken bleibt hängen, während ich zusehe, wie sich die Glut unter der Buche langsam von Orange zu einem tieferen Rotton verschiebt.
Das Feuer verlangt Aufmerksamkeit, auf eine Weise, die eine Heizung nie verlangen würde. Es will nachgelegt werden, nicht zu früh, nicht zu spät. Es will einen bestimmten Luftzug, sonst erstickt es an sich selbst. Diese kleinen, ständigen Entscheidungen sind vielleicht das, was ein Feuer am Ende doch von einer Heizung unterscheidet, unabhängig davon, ob man dabei allein sitzt oder nicht.
Draußen fährt ein Auto langsam die Straße entlang, die Scheinwerfer streifen kurz durch die halb geschlossenen Vorhänge und wandern über die Zimmerdecke, bevor sie wieder verschwinden. Für einen Moment mischt sich das kalte weiße Licht mit dem warmen Schein des Ofens, dann ist es wieder nur noch Feuer.
In Die unsichtbare Architektur des Lichts wird beschrieben, wie unterschiedlich verschiedene Lichtquellen einen Raum tatsächlich formen, nicht nur beleuchten. Ein Ofenfeuer baut den Raum jeden Abend neu, mit Schatten, die sich bewegen, mit einer Helligkeit, die pulsiert statt konstant zu sein.
Ich lege ein weiteres Scheit nach, etwas zu früh vielleicht, aber ich will das Geräusch noch einmal hören, das kurze Zischen, wenn das trockene Holz die Glut berührt. Der Rauch zieht inzwischen sauber ab, der Schornstein hat seinen Rhythmus für diesen Winter gefunden.
Bachelard schreibt an einer Stelle, die ich mir merke, ohne sie mir bewusst merken zu wollen, dass das Feuer der einzige Naturvorgang sei, der zugleich Leben und Tod, Wärme und Zerstörung so unmittelbar zeige, dass ein Mensch beides nie ganz trennen könne, egal wie zivilisiert der Ofen, in dem es brennt.
Ich schließe das Buch für einen Moment und lege es neben mich auf den Boden, die Widmung immer noch unentziffert, und schaue einfach nur zu, wie die Flammen kleiner werden, geordneter, weniger hektisch als zu Beginn, jetzt, da das Holz durchgehend brennt statt nur zu zünden.
Es ist ein sonderbarer Gedanke, dass Menschen seit vermutlich hunderttausenden Jahren genau das tun, was ich gerade tue, vor einem Feuer sitzen und ihm beim Brennen zusehen, ohne dass es dabei um irgendetwas Praktisches ginge. Die Wärme wäre auch ohne Zusehen da.
Vielleicht ist genau das der Punkt, den Bachelard meinte, und den keine Heizung je ersetzen wird: Man muss ein Feuer nicht ansehen, um von ihm zu profitieren. Und doch tut es fast jeder. Das Zusehen selbst ist offenbar Teil dessen, was gesucht wird, nicht nur ein Nebeneffekt der Wärme.
Späte Glut
Gegen zehn Uhr klingelt mein Handy, mein Nachbar, der fragt, ziemlich unvermittelt, ob ich noch wach sei und ob der Ofen noch brenne. Ich bejahe beides, etwas überrascht über den Anruf, und er fragt, ob er noch kurz vorbeikommen könne, er könne selbst nicht schlafen und der Rauch ziehe so gut über den Garten herüber.
Ich sage zu, ohne lange nachzudenken, und wenige Minuten später steht er wieder in der Terrassentür, diesmal mit einer Thermoskanne Tee, die er offenbar extra für diesen Besuch gemacht hat. Er setzt sich unaufgefordert auf den zweiten Hocker, den ich seit Jahren nie benutze, weil ich meistens allein hier sitze.
Wir reden eine Weile über nichts Bestimmtes, über den Winter, der kommt, über einen Baum, der bei ihm im Garten offenbar krank wird, über die Tannenzapfen, die inzwischen auf meiner Fensterbank liegen und schon ein wenig getrocknet aussehen. Das Gespräch hat keinen erkennbaren Zweck, außer dass es stattfindet.
Er erzählt, fast beiläufig, dass seine Frau, die vor drei Jahren gestorben ist, immer diejenige war, die den Ofen im Herbst zum ersten Mal anzündete, jedes Jahr, egal wie kalt oder warm es tatsächlich war, oft schon Ende September. Er selbst habe das nie richtig gelernt, sagt er, und deshalb warte er lieber bis Mitte Oktober, um nicht zu merken, wie schlecht er es kann.
Manche Gewohnheiten übernimmt man nicht, weil man sie mag, sondern weil jemand anderes sie hinterlassen hat.
Ich weiß nicht recht, was ich darauf sagen soll, und sage deshalb eine Weile gar nichts, während im Ofen ein letztes größeres Scheit langsam in sich zusammenfällt. Er scheint das nicht als unangenehm zu empfinden, trinkt einfach seinen Tee und schaut ins Feuer, so wie er es schon beim ersten Besuch getan hat.
Nach einer Weile sagt er, dass der Geruch von Rauch im Garten der einzige Grund gewesen sei, an diesem Abend überhaupt aus dem Haus zu gehen. Es sei ihm zu still gewesen bei sich, sagt er, ohne das weiter zu erklären, und ich frage auch nicht nach, weil es sich falsch anfühlt, in diesem Moment nachzuhaken.
Ich erzähle ihm von Bachelard, vom Prometheus-Komplex, von dem Gedanken, dass jeder, der vor einem Feuer sitzt, sich an mehr erinnert, als er erklären kann. Er hört zu, nickt gelegentlich, sagt aber nichts dazu, bis er schließlich meint, das klinge nach einem klugen Mann, der zu viel Zeit vor Öfen verbracht habe, statt draußen Holz zu hacken.
Es ist ein Satz, der zwischen Ironie und Zustimmung schwebt, und ich lache kurz, unsicher, ob das die richtige Reaktion ist. Er lacht ebenfalls, kurz, dann wird es wieder still zwischen uns, eine Stille, die sich nicht unangenehm anfühlt, eher wie ein natürlicher Teil des Abends.
Das Feuer ist inzwischen zu einer gleichmäßigen Glut heruntergebrannt, orangerot, ohne offene Flammen, nur noch ein Glimmen, das sich bei jedem leichten Luftzug kurz heller zeigt. Ich lege kein neues Holz mehr nach. Der erste Abend der Saison muss nicht bis Mitternacht brennen.
In Das kleine Glück am Rand der Tage geht es um genau solche unverabredeten, kurzen Begegnungen, die keinen bestimmten Zweck haben und trotzdem etwas hinterlassen, das größer wirkt als ihre eigentliche Dauer. Ein Nachbar, ein Tee, ein Feuer, das langsam ausgeht, mehr braucht so ein Abend offenbar nicht.
Er steht schließlich auf, streckt sich, bedankt sich für den Tee, den er selbst mitgebracht hat, was uns beide kurz zum Lachen bringt. An der Tür bleibt er noch einmal stehen und sagt, dass er nächstes Jahr vielleicht doch schon Ende September anfangen wird zu heizen, wie seine Frau es immer getan hat. Vielleicht, sagt er noch einmal, als müsse er es sich selbst gegenüber offenlassen.
Ich begleite ihn nicht zur Tür seines eigenen Hauses, das braucht es bei zwei Grundstücken Entfernung nicht, sehe ihm aber kurz nach, wie er über den dunklen Rasen geht, die leere Thermoskanne unter dem Arm, bis er hinter seiner eigenen Hecke verschwindet.
Zurück im Zimmer setze ich mich noch einmal vor die Glut, die jetzt kaum noch Licht abgibt, nur noch eine dunkle, warme Präsenz hinter der Ofentür. Das Taschenbuch liegt immer noch auf dem Boden, aufgeschlagen an der Stelle, an der ich aufgehört habe zu lesen.
Ich lasse es liegen, stehe auf, schalte die Deckenlampe schließlich doch noch an, weil man ohne sie kaum noch etwas sieht, und das Zimmer wechselt schlagartig von diesem unruhigen, warmen Ofenlicht zu einer gewöhnlichen, gleichmäßigen Helligkeit, unter der die Reste des Abends plötzlich viel nüchterner aussehen.
Draußen ist es inzwischen still geworden, kein Rasenmäher mehr, kein Auto, nur der leise, fast unhörbare Zug des Schornsteins, der die letzte Wärme noch nach oben zieht, während im Ofen die Glut langsam grau anläuft und der erste Abend der Saison zu Ende geht, ohne dass irgendetwas davon zu Ende erzählt wäre.
Kalte Asche am Morgen
Am nächsten Morgen ist der Ofen längst erkaltet, die Klappe fühlt sich beim Anfassen ganz gewöhnlich an, kein Rest von gestern mehr spürbar. Nur der Geruch hängt noch schwach im Zimmer, kaum wahrnehmbar, es sei denn, man geht mit der Nase nah genug an die Glasscheibe heran, was ich, halb im Schlafanzug, tatsächlich tue.
Die Asche liegt jetzt in einer dünnen, gleichmäßigen Schicht auf dem Rost, hellgrau, mit ein paar unverbrannten Holzresten darin, die aussehen wie kleine schwarze Kohlestäbchen. Ich hole die Aschekelle aus der Ecke, wo sie den Sommer über stand, und beginne, den Ofen für den nächsten Abend vorzubereiten, ein Ritual, das genauso zum ersten Feuer gehört wie das Anzünden selbst.
Was mir jetzt erst richtig auffällt, während ich die Kelle in die graue Schicht senke: Die Flamme verspricht etwas, die Asche erinnert nur noch daran, dass es einmal etwas gab. Zwischen beidem liegt vielleicht der ganze Unterschied zwischen Erwartung und Erinnerung, ein Gedanke, der zu Bachelards Buch passt, auch wenn ich ihn dort nicht wörtlich gelesen habe.
Ich fülle die Asche in einen alten Blecheimer, der neben der Kellertür steht, für den Komposthinweis, den ich mir jedes Jahr vornehme und selten einhalte. Die Menge wirkt lächerlich klein für die Wärme, die sie gestern Abend hergegeben hat, kaum eine Handvoll für einen ganzen Ofen voll Holz.
Holzasche war über Jahrhunderte hinweg selbst ein Material mit eigenem Wert, nicht nur Abfall. Gemischt mit Wasser ergab sie Lauge, die Grundlage für die Seifenherstellung, wie sie in ländlichen Haushalten bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein üblich war. Was heute achtlos in den Komposteimer wandert, wusch früher Wäsche und Haut zugleich.
Auch im Garten hat Asche bis heute ihren Platz, als Kalium- und Kalklieferant für den Boden, solange man sie sparsam verteilt und nicht dort, wo empfindliche Pflanzen wachsen. Mein Nachbar hat mir das vor Jahren einmal erklärt, mit derselben beiläufigen Sicherheit, mit der er gestern die Tannenzapfen auf meine Fensterbank gelegt hat.
Das Taschenbuch liegt noch genau da, wo ich es gestern liegen gelassen habe, aufgeschlagen auf dem Dielenboden. Ich hebe es auf, betrachte noch einmal die verblasste Widmung, die sich auch bei Tageslicht nicht besser entziffern lässt, nur noch die Umrisse einzelner Buchstaben, keine lesbaren Worte mehr.
Ich stelle das Buch zurück auf den Sims, an genau die Stelle, an der es die letzten Jahre stand, nicht ins Regal, nicht in eine Schublade. Es soll dort bleiben, für den nächsten Abend, an dem wieder Feuer brennt, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wessen Handschrift dort auf der ersten Seite steht.
Durch das Küchenfenster sehe ich meinen Nachbarn im Garten, mit einem Rechen, der das restliche Laub vom Rasen zieht, in denselben ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen, mit denen er gestern die Hände vors Feuer gehalten hat. Er sieht kurz herüber, hebt die Hand, ich winke zurück, mehr wird an diesem Morgen nicht gewechselt.
Ich lasse die Ofentür einen Spalt offen, damit die letzte Restfeuchte aus der Nacht entweichen kann, und gehe in die Küche, um Kaffee zu machen, während draußen die Sonne den Rasen trocknet und irgendwo weiter unten in der Straße schon wieder jemand Laub zusammenrecht, ein Geräusch, das jetzt, im Oktoberlicht, viel weniger nach Ende klingt als nach einem ganz gewöhnlichen, wiederkehrenden Anfang.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.