Venezianische Kanal im goldenen Abendlicht, stille Gasse mit historischen Fassaden, Sonnensgtrahlen spiegeln sich poetisch im Wasser - ruhige, edle Sommerstimmung.

Der Ursprung von Ombra Celeste

Ombra Celeste Magazin


Ein Sommer, der nichts Besonderes vorhatte, und der trotzdem alles verschob.

Der Steg

Ich stellte das Motorrad am Rand der Stadt ab, irgendwo dort, wo die Straßen aufhören und das Wasser beginnt. Der Weg dorthin war lang gewesen, Pässe, Landstraßen, ein Zimmer am Gardasee, in dem der Morgen kühl war und der Motor kalt. All das trat in dem Moment zurück, in dem ich den ersten Schritt auf das Holz des Stegs setzte. Ein leichtes Knarren unter den Stiefeln. Der Geruch von Salz, von Sonne, von etwas Älterem darunter, das sich nicht benennen ließ.

Ich stand dort und wusste nicht, was ich tun sollte, und das war vollkommen richtig so. Kein Verkehrslärm, kein Drängen, nur das Fließen von Wasser. Stimmen in einer Sprache, die eher sang als sprach. Boote, die sich bewegten, als gehörten sie hierher wie die Möwen. Die Fassaden waren vom Salz gezeichnet, die Farbe blätterte, und doch lag darin eine Würde, die sich nicht übersehen ließ. Hier hatte nichts Angst vor dem Altern.

Ich habe in diesem ersten Moment nicht an Fotos gedacht, nicht an das, was ich später erzählen würde. Ich habe nur geschaut. Das war genug. Und genau darin lag schon etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte, aber später erkannte: dass ich zum ersten Mal seit Langem nichts von einem Ort wollte, außer dort zu sein.

Was sich zu verschieben begann

An einem der ersten Nachmittage saß ich auf den Stufen eines kleinen Platzes, irgendwo abseits der belebten Wege, und beobachtete einen alten Mann, der auf einer Bank gegenüber saß und Tauben Krumen zuwarf, in einer Bewegung, die er offensichtlich seit Jahrzehnten übte. Er sprach mit den Tieren, leise, in einem Dialekt, den ich nicht verstand. Zu Hause wäre ich an so einer Szene vorbeigegangen, ohne sie überhaupt zu registrieren. Hier blieb ich sitzen und sah zu, eine Viertelstunde lang, vielleicht länger.

Es war nicht die Szene selbst, die mich hielt. Es war die Frage, die sich in mir meldete, ohne dass ich sie gesucht hätte: Wann hatte ich zuletzt jemandem so lange zugesehen, ohne einen Grund dafür zu brauchen? Ich fand keine Antwort, und das war der eigentliche Punkt. Es hatte lange keinen solchen Moment mehr gegeben.

Am Abend desselben Tages geriet ich in ein kurzes Gespräch mit einer Frau, die einen kleinen Stand mit Glasperlen betrieb, am Rand einer Gasse, die kaum breiter war als meine ausgestreckten Arme. Sie sprach ein paar Brocken Englisch, ich ein paar Brocken Italienisch, und doch verstanden wir uns, über Umwege, über Gesten, über ein Lachen, das keine Übersetzung brauchte. Sie zeigte mir, wie sie die Perlen von Hand formte, hielt eine noch warme in die Luft, drehte sie im letzten Licht. Ich kaufte nichts. Es ging nicht darum, etwas mitzunehmen. Es ging darum, dass sie mir für diese fünf Minuten etwas von sich zeigte, ohne Grund, ohne Erwartung.

Manche Begegnungen verändern nicht, was man weiß, sondern wie genau man hinsieht, wenn man wieder allein ist.

In den folgenden Tagen bemerkte ich, wie sich diese neue Art des Hinsehens weiter ausbreitete, auf Dinge, die mit Menschen gar nichts mehr zu tun hatten. Das Licht, das sich in einer Wasserpfütze auf dem Steinboden brach. Die Art, wie eine Wäscheleine sich im Wind bewegte, zwischen zwei Fenstern gespannt, ein Muster aus Stoff und Schatten, das sich mit jedem Windstoß neu ordnete. Ich blieb stehen, wo ich früher weitergegangen wäre. Nicht aus Pflicht. Aus einer Art Sog, der sich nicht erklären ließ, nur spüren.

Ich saß oft am späten Nachmittag an einer Kaimauer, die Beine über der Kante, und beobachtete, wie sich das Licht über eine Stunde hinweg veränderte, von einem klaren, harten Gelb zu einem weicheren, tieferen Ton, der die Häuser gegenüber langsam in etwas Wärmeres tauchte. Früher hätte ich das eine Stunde genannt, die ungenutzt verging. In Venedig nannte ich es nichts. Ich saß einfach dort, und die Stunde vergehen zu lassen war die ganze Handlung.

An einem anderen Nachmittag saß ich auf der Terrasse eines kleinen Straßencafés, direkt am Wasser, einen einfachen Espresso vor mir, der längst kalt geworden war, weil ich vergessen hatte, ihn zu trinken. Vor mir lag der Kanal in seiner ganzen Breite, und auf ihm ein Treiben, das ich zunächst nur als Kulisse wahrnahm, bis es mich langsam einzog. Ein Lastenboot, tief im Wasser liegend, beladen mit Kisten voller Gemüse, tuckerte vorbei, gesteuert von einem Mann, der mit einer Hand am Ruder stand und mit der anderen jemandem am Ufer zuwinkte. Kurz danach ein Wassertaxi, schneller, glänzender, mit Touristen an Bord, die sich an der Reling festhielten und in alle Richtungen zugleich fotografierten.

Dazwischen kleinere Boote, ein Mann, der Fensterrahmen transportierte, sperrig über den Bug hinausragend, eine Frau, die allein ruderte, mit einer Ruhe, die verriet, dass sie diesen Weg schon tausendmal gefahren war. Ein Müllboot, dessen Motor lauter war als alle anderen, gefolgt von zwei Gondeln, die sich fast berührten, die Gondolieri, die sich über die Köpfe ihrer Fahrgäste hinweg etwas zuriefen, das ich nicht verstand, aber das eindeutig ein Scherz war, weil beide lachten.

Ein Nachmittag ohne Ziel zeigt oft mehr als ein Tag voller Termine.

Ich blieb über zwei Stunden auf dieser Terrasse sitzen, bestellte irgendwann einen zweiten Espresso, den ich diesmal bewusst trank, und sah einfach zu, wie sich dieser Verkehr auf dem Wasser fortsetzte, ohne erkennbaren Anfang, ohne absehbares Ende, ein eigener, in sich geschlossener Kreislauf aus Arbeit und Transport und Freizeit, der neben mir herlief, während ich nichts weiter tat, als ihn zu betrachten. Niemand auf diesen Booten wusste, dass ich dort saß. Niemand musste es wissen. Es genügte, dass ich sah, wie viel Leben sich in diesem einen, schmalen Streifen Wasser abspielte, gleichzeitig, ungeordnet und doch, aus der Entfernung betrachtet, von einer eigenen, stillen Logik getragen.

Was seither geblieben ist

Zurück im Alltag dachte ich zunächst, dieser veränderte Blick würde mit der Reise selbst verblassen, so wie Urlaubsstimmungen es meistens tun, sobald der erste Montag wieder da ist. Es kam anders. Was in Venedig begonnen hatte, zeigte sich seither immer wieder, an Orten, die mit jener Stadt nichts zu tun hatten.

Ein Abend am Strand bei Kollmar an der Elbe, vor nicht allzu langer Zeit, das Wasser flach und ruhig, ein Frachter, der lautlos am Horizont vorbeizog, während die Sonne hinter der gegenüberliegenden Uferseite verschwand. Früher wäre das ein Spaziergang gewesen, den ich irgendwann beendet hätte, weil es Zeit war, weiterzugehen. An diesem Abend blieb ich, bis die letzte Farbe aus dem Himmel verschwunden war, ohne dass mir langweilig geworden wäre, ohne dass ich auf die Uhr gesehen hätte.

Oder der Mond, an einem klaren Winterabend, einfach über den Dächern stehend, während ich zufällig aus dem Fenster sah, auf dem Weg von einem Zimmer ins andere. Früher hätte ich ihn vielleicht kurz registriert und wäre weitergegangen. Diesmal blieb ich am Fenster stehen, minutenlang, ohne einen Grund, den ich hätte nennen können, außer dass er da war und es sich richtig anfühlte, ihn anzusehen.

Oder ein Feld irgendwo auf dem Weg nach Norden, auf dem Hafer wuchs, im letzten Licht eines Sommerabends, die Ähren in einem Wind, der über das ganze Feld lief wie eine einzige, lange Bewegung. Ich hielt an, ohne einen Plan, stieg aus und stand einfach am Straßenrand, während hinter mir gelegentlich ein Auto vorbeifuhr. Nichts an diesem Feld war ungewöhnlich. Und genau das war der Punkt. Es brauchte nichts Ungewöhnliches mehr, um mich zum Stehenbleiben zu bringen.

Was sich in Venedig zu verschieben begann, zeigt sich seither überall dort, wo ich es nicht erwarte.

Diese Momente haben gemeinsam, dass keiner von ihnen geplant war. Keiner ließ sich herbeiführen, indem ich mir vornahm, jetzt besonders aufmerksam zu sein. Sie kamen, wenn sie kamen, unangekündigt, an einem gewöhnlichen Abend, an einem gewöhnlichen Ort, und der einzige Unterschied zu früher war, dass ich inzwischen blieb, statt weiterzugehen.

Ich weiß nicht, ob das mit dem Alter zu tun hat oder mit jenem einen Sommer in Venedig, oder mit beidem zusammen, sich gegenseitig verstärkend. Was ich weiß, ist, dass sich etwas in der Art, wie ich hinsehe, dauerhaft verschoben hat, seit jenen Tagen am Wasser, und dass diese Verschiebung sich nicht auf eine Stadt beschränkt geblieben ist, sondern mitgereist ist, in jeden Alltag danach.

Aus diesem veränderten Blick heraus entstand irgendwann der Wunsch, etwas davon weiterzugeben, nicht als Erklärung, sondern als Gelegenheit. Eine Kerze, ein Duft, ein Moment am Abend, der niemanden auffordert, etwas zu leisten, sondern nur dazu einlädt, für ein paar Minuten so hinzusehen, wie ich es an jenem Steg zum ersten Mal wieder gelernt habe. Ombra Celeste ist aus diesem einen, stillen Wunsch entstanden, Menschen etwas von diesem Blick zurückzugeben, das ich selbst geschenkt bekam, ohne darum gebeten zu haben.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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