Die Apfelernte
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Ombra Celeste Magazin
Ein Oktobermorgen im Alten Land, in dem der Duft reifer Braeburn-Äpfel über die Reihen zieht.
Vor dem ersten Pflücken
Um kurz nach sieben liegt noch dichter Nebel über den Baumreihen, feine graue Schleier, die sich zwischen den Ästen hindurchziehen und die hinteren Reihen der Plantage fast unsichtbar machen. Die Luft ist kühl genug, dass der Atem sichtbar wird, und auf jedem einzelnen Apfel liegt ein feiner Tauüberzug, der im schwachen Morgenlicht schimmert, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch den Nebel brechen.
Ein kleiner Traktor mit Anhänger fährt langsam zwischen den Reihen entlang, beladen mit leeren Holzkisten, die an verschiedenen Stellen abgestellt werden, jeweils eine pro Baumabschnitt. Der Fahrer, ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht, hält kurz an, um mit einem der ankommenden Erntehelfer ein paar Worte zu wechseln, über die erwartete Tagesmenge, über die Frage, ob der Nebel sich rechtzeitig lichten werde, bevor die Reihen am weitesten vom Hof entfernt an der Reihe sind.
Am Rand des Hofes, direkt neben dem Einfahrtstor zur Plantage, steht eine kleine, provisorisch aufgebaute Wiegestation, an der jeder Erntehelfer morgens seinen Namen in eine ausliegende Liste einträgt, mit Uhrzeit des Erscheinens, wie es die saisonale Beschäftigung vorschreibt. Ein junger Mitarbeiter des Hofes reicht dabei auch die ersten Thermoskannen mit heißem Kaffee herum, bevor die Gruppe sich in kleinere Trupps aufteilt und auf die zugewiesenen Reihen verteilt.
Der Vorarbeiter versammelt die neue Gruppe kurz an der ersten Baumreihe, erklärt in wenigen Sätzen den Ablauf des Tages, welche Abschnitte heute an der Reihe seien, wo sich die nächstgelegenen Toiletten und die Wasserstelle befänden, und dass gegen Mittag eine kurze, gemeinsame Pause mit belegten Broten vorgesehen sei, die der Hof für alle Helfer bereitstelle. Diese kurze Ansprache wiederholt sich, wie mehrere der erfahreneren Helfer erzählen, fast wortgleich jeden Morgen der Erntesaison, ein kleines, verlässliches Ritual für sich.
Nach und nach treffen weitere Helfer ein, die meisten mit Fahrrädern aus den umliegenden Dörfern, manche saisonal seit Jahren dieselben Gesichter, andere offensichtlich zum ersten Mal hier. Sie ziehen sich Handschuhe an, dünne, aber robuste Baumwollhandschuhe, die die Äpfel schützen sollen, während gleichzeitig die eigenen Hände bei der Kälte des frühen Morgens etwas Schutz bekommen. Ein Vorarbeiter verteilt an jeden Erntehelfer einen sogenannten Pflücksack, der über die Schulter gehängt wird und sich vorne über einen Reißverschluss entleeren lässt, ohne dass die Äpfel dabei auf den Boden fallen müssten.
Der Geruch, der über der Plantage liegt, ist zu dieser frühen Stunde noch zurückhaltend, feuchtes Gras, nasses Laub, das in der Nacht von den Bäumen gefallen ist, ein Hauch von kühler Erde. Erst wenn man näher an einen Baum herantritt und die Hand um einen der Äpfel legt, steigt ein konzentrierterer Duft auf, leicht säuerlich, mit einer Süße darunter, die sich erst bei genauerem Hinriechen zeigt, typisch für die Braeburn-Sorte, die in diesem Bereich der Plantage in diesem Jahr besonders zahlreich an den Ästen hängt.
Ein zweiter Vorarbeiter kontrolliert währenddessen mit einem kleinen, tragbaren Refraktometer stichprobenartig den Zuckergehalt einiger bereits gepflückter Früchte, presst dafür wenige Tropfen Saft aus einer angeschnittenen Apfelscheibe auf die kleine Glasscheibe des Geräts und hält es gegen das Licht. Die Werte, die er dabei notiert, entscheiden mit darüber, ob die Braeburn-Äpfel dieses Abschnitts bereits die volle Reife erreicht haben oder ob mit der Ernte an dieser Stelle noch ein oder zwei Tage gewartet werden sollte.
Ein Vorarbeiter erklärt einer neuen Helferin, worauf beim Pflücken zu achten sei: den Apfel mit der ganzen Hand umfassen, leicht anheben und mit einer kurzen Drehung vom Zweig lösen, niemals ziehen oder reißen, weil dabei der kurze Fruchtstiel beschädigt werden könnte, was die Lagerfähigkeit des Apfels erheblich verkürzt. Sie übt die Bewegung zunächst an einem einzelnen Apfel, unsicher, fast zu vorsichtig, bevor der Vorarbeiter ihr mit einem aufmunternden Nicken bedeutet, dass sie es richtig gemacht habe.
Ein zweiter, erfahrenerer Helfer zeigt ihr kurz darauf noch einen zusätzlichen Handgriff, wie man mehrere Äpfel nacheinander in einer einzigen flüssigen Bewegung pflücken kann, ohne den Pflücksack jedes Mal einzeln zu füllen, sondern in einem durchgehenden Rhythmus aus Greifen und Ablegen. Die neue Helferin braucht mehrere Versuche, bis ihre eigenen Bewegungen annähernd so flüssig wirken, begleitet von geduldigen, nicht wertenden Kommentaren ihres Nachbarn, der offensichtlich selbst einmal genauso angefangen hat.
In „Abendritual des Ankommens" wurde beschrieben, wie ein einzelner, unscheinbarer Handgriff manchmal den Übergang zwischen zwei ganz unterschiedlichen Zuständen markiert. Auf dieser Plantage ist es der erste bewusst gepflückte Apfel des Tages, der genau das leistet: Der Tag, der bis eben aus Ankommen, Werkzeug-Verteilen und Warten auf den Nebel bestanden hat, beginnt in dem Moment, in dem die erste Frucht tatsächlich den Ast verlässt.
Der Nebel lichtet sich gegen halb acht allmählich, die Sonne schiebt sich als blasser, orangefarbener Fleck über die Baumkronen, und die ersten längeren Schatten der Baumreihen zeichnen sich auf dem feuchten Gras ab. Die Erntehelfer verteilen sich jetzt gleichmäßiger über die zugewiesenen Abschnitte, jeder mit seinem eigenen Pflücksack, jeder in seinem eigenen, bald gefundenen Rhythmus aus Greifen, Drehen, Ablegen.
Am Rand der ersten Reihe steht noch eine kleine Gruppe von Fahrrädern angelehnt an einen alten, knorrigen Apfelbaum, der selbst schon lange keine Früchte mehr trägt, aber offenbar aus Gewohnheit oder Respekt nie gefällt wurde. Ein Vogel, vermutlich eine Amsel, sitzt kurz auf einem der obersten, kahlen Äste, beobachtet das Treiben zwischen den Reihen, bevor er mit einem kurzen Flügelschlag davonfliegt, in Richtung eines der noch unberührten hinteren Abschnitte der Plantage.
Ein Erntetag beginnt mit dem ersten Apfel, der den Ast verlässt.
Der Duft der Braeburn-Reihen
Mit fortschreitendem Vormittag füllt sich die Luft zwischen den Reihen zunehmend mit dem Duft der Äpfel selbst, verstärkt durch die wärmer werdende Sonne, die den Tau langsam von den Blättern verdunsten lässt. Wo am Morgen noch vor allem feuchte Erde und nasses Laub zu riechen waren, liegt jetzt ein deutlich süßerer, fruchtigerer Ton in der Luft, der sich mit jedem Schritt zwischen den Bäumen verstärkt.
Dass dieser Duft ausgerechnet im Alten Land über den Reihen liegt, ist ein kleiner Weltzufall. Der Braeburn stammt aus Neuseeland, wo man ihn in den Fünfzigerjahren als zufälligen Sämling entdeckte und nach der Obstplantage benannte, die ihn zuerst vermehrte. Kein Züchter hatte ihn geplant. Heute wächst er an der Elbe, tausende Kilometer entfernt, und kaum einer der Helfer zwischen den Reihen weiß, dass der Apfel in seiner Hand einmal ein Findelkind war.
Ein Erntehelfer steigt auf eine kleine, dreibeinige Obstpflückerleiter, die sich stabil zwischen den unteren Ästen aufstellen lässt, um auch die höher hängenden Äpfel zu erreichen. Von dort oben lässt sich der ganze Baum mit einem Blick erfassen, dicht behangen mit rotgestreiften Früchten, deren Schale im Licht der bereits höher stehenden Sonne unterschiedlich glänzt, je nachdem, wie viel direktes Sonnenlicht die jeweilige Frucht in den vergangenen Wochen abbekommen hat.
Zwei Helferinnen an einer benachbarten Baumreihe unterhalten sich beim Pflücken über die letzte Saison, darüber, dass der Ertrag in diesem Jahr wegen der guten Wasserversorgung im Frühjahr deutlich besser ausfalle als im vorigen. Ihre Hände bewegen sich dabei ohne Unterbrechung weiter, Apfel für Apfel, ein eingespieltes Nebeneinander von Gespräch und Arbeit, das keine der beiden Tätigkeiten zu stören scheint. Stimmen, die so neben dem Alltag herlaufen, sind auch der Stoff von „Voce“.
Hände, die arbeiten, und Stimmen, die reden, kommen einander nicht in die Quere.
Weiter hinten in derselben Reihe balanciert ein junger Mann vorsichtig auf der obersten Sprosse seiner Leiter, um einen besonders dicht behangenen, oberen Ast zu erreichen, während ein Kollege unten die Leiter mit beiden Händen festhält, mehr aus Gewohnheit als aus tatsächlicher Notwendigkeit, da der Boden hier eben und trocken genug ist. Die beiden wechseln sich alle paar Minuten ab, ohne dass eine ausdrückliche Absprache nötig wäre, wer als Nächstes klettert und wer unten sichert.
Ein spielendes Kind, offenbar die Tochter eines der Erntehelfer, läuft zwischen den Baumreihen hindurch, sammelt gelegentlich einen heruntergefallenen Apfel vom Boden auf, prüft ihn kurz auf Druckstellen, bevor sie ihn in einen kleinen, für sie selbst zurechtgemachten Korb legt. Niemand weist sie zurecht oder schickt sie weg, ihre Anwesenheit gehört offenbar ebenso zu diesem Vormittag wie die routinierten Bewegungen der erwachsenen Pflücker um sie herum.
Gegen halb zwölf ruft der Vorarbeiter zur angekündigten Mittagspause, ein kurzer Pfiff, der sich über mehrere Baumreihen hinweg fortpflanzt, bis auch die entferntesten Helfer ihn hören. Die Gruppe versammelt sich an einem schattigen Platz am Rand der Plantage, wo bereits ein kleiner Tisch mit belegten Broten, Thermoskannen und einer großen Schüssel mit den schönsten Äpfeln des Vormittags bereitsteht. Es wird wenig geredet in den ersten Minuten, die meisten essen zunächst schweigend, sichtlich erschöpft von der Vormittagsarbeit, bevor sich langsam wieder Gespräche entspinnen, über das Wetter, über die Kinder, über die nächste geplante Reihe.
Gegen Mittag ist der erste Pflücksack eines besonders zügigen Helfers bereits mehrfach geleert worden, jedes Mal in eine der bereitgestellten Holzkisten, die sich langsam mit rotgestreiften Früchten füllen, bis sie schließlich mit einem kurzen Handgriff des Vorarbeiters als voll markiert und zur Seite geschoben werden, bereit für den Transport zur Sortierhalle. Der Duft, der aus einer solchen gefüllten Kiste aufsteigt, ist deutlich intensiver als der einzelner Äpfel am Baum, konzentriert durch die schiere Menge, süß und leicht herb zugleich.
Ein leichter Wind kommt auf, lässt einzelne, bereits welkende Blätter von den Bäumen fallen, mischt den Apfelduft kurzzeitig mit dem trockeneren, staubigeren Geruch der ersten fallenden Blätter, bevor sich beide Düfte wieder trennen, sobald der Wind abflaut. Ein Erntehelfer hält inne, wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, blickt kurz über die Reihen, die sich bis zum Horizont zu erstrecken scheinen, bevor er sich wieder dem nächsten Ast zuwendet.
Ein erfahrener Helfer zeigt einem Neuling nebenbei einen kleinen Trick, mit dem sich besonders hoch hängende Äpfel ohne Leiter erreichen lassen, indem man den Ast vorsichtig mit der freien Hand nach unten biegt, ohne ihn zu knicken, bis die Frucht in Reichweite kommt. Der Neuling probiert es zunächst zu grob aus, der Ast schnellt zurück, ein paar Blätter regnen herab, beide lachen kurz über den Fehlversuch, bevor der zweite Versuch deutlich behutsamer und erfolgreich ausfällt.
Am Rand der Plantage, dort wo ein schmaler Feldweg zum Hof führt, wartet bereits der nächste Traktor mit Anhänger, um die vollen Kisten abzuholen. Der Fahrer unterhält sich kurz mit dem Vorarbeiter über die Route, bevor er die ersten Kisten mit einer kleinen hydraulischen Hebevorrichtung auf den Anhänger lädt, jede einzelne mit einem dumpfen, satten Geräusch, das sich deutlich von dem leichteren Klang der noch leeren Kisten am Morgen unterscheidet.
Die Sortierhalle
In der offenen Scheune am Rand des Hofes, die als Sortierhalle dient, herrscht ein völlig anderer Duft als draußen zwischen den Baumreihen. Hier mischt sich der Apfelgeruch mit dem Holz der alten Dachbalken, mit einem leichten Hauch von Maschinenöl aus der Sortiermaschine und mit dem kühleren, etwas erdigeren Geruch des Betonbodens, der regelmäßig mit Wasser abgespritzt wird, um Staub zu binden.
Die Sortiermaschine selbst, ein langgestrecktes Fließband mit mehreren Größensieben, rattert in einem gleichmäßigen, leicht monotonen Rhythmus, während die Äpfel aus den angelieferten Kisten vorsichtig auf ein erstes, breites Band geschüttet werden. Von dort aus rollen sie über verschieden große Öffnungen, durch die die kleineren Früchte zuerst herausfallen, während die größeren weiterrollen, bis sie schließlich am Ende des Bandes in eigene, nach Größe sortierte Behälter fallen.
Drei Frauen stehen entlang des Bandes und ziehen von Hand einzelne Äpfel heraus, solche mit Druckstellen, mit kleinen Wurmlöchern oder Vogelpickspuren, die aussortiert werden, bevor sie in die Verkaufskisten gelangen. Ihre Bewegungen sind schnell, präzise, fast beiläufig, das Ergebnis vieler Erntesaisons, in denen sich dieser Handgriff so oft wiederholt hat, dass er keiner bewussten Überlegung mehr bedarf.
Der Braeburn-Duft ist hier, in der konzentrierten Menge der Halle, deutlich intensiver als draußen zwischen den Bäumen, fast schwer in der Luft liegend, gemischt mit dem leichten Fäulnisgeruch der wenigen aussortierten, bereits angeschlagenen Früchte, die in einer separaten Kiste für die Saftpresse gesammelt werden, statt weggeworfen zu werden. Ein Vorarbeiter erklärt einem Besucher, dass in dieser Saison kaum zehn Prozent der Ernte aussortiert werden müssten, ein besonders gutes Ergebnis im Vergleich zu den vergangenen Jahren.
Eine der drei Frauen am Sortierband hält kurz inne, hebt einen besonders großen, makellosen Apfel gegen das durch die offenen Scheunentore einfallende Licht, dreht ihn einmal langsam in der Hand, bevor sie ihn mit einem zufriedenen Kopfnicken zu den Kisten der obersten Größenklasse legt. Solche Momente, in denen ein einzelner Apfel kurz besondere Aufmerksamkeit bekommt, bevor er wieder Teil der großen, gleichförmigen Menge wird, wiederholen sich über den Tag hinweg immer wieder, unauffällig, aber beständig.
Jeder Apfel bekommt einmal einen eigenen Blick, bevor er wieder zur Menge gehört.
An einer Seite der Halle stapeln sich bereits die ersten vollen, sortierten Kisten zu kleinen Türmen, bereit für den Weitertransport zum Kühlhaus, wo sie in den kommenden Wochen und Monaten bei konstanter Temperatur gelagert werden, bis sie ihre volle Genussreife erreicht haben. Ein junger Mitarbeiter zählt die Kisten mit einem Klemmbrett, notiert die Anzahl pro Größenklasse, murmelt dabei leise vor sich hin, um sich nicht zu verzählen.
An einem kleinen Tisch neben der Sortiermaschine bedruckt ein weiterer Mitarbeiter Etiketten mit dem Erntedatum und der Sortenbezeichnung, die anschließend auf jede fertig sortierte Kiste geklebt werden, "Braeburn, Altes Land", dazu das Datum in kleiner Schrift. Er wechselt gelegentlich die Farbpatrone des kleinen tragbaren Druckers, der bei der feuchten Luft in der Halle offenbar öfter Probleme macht, was er mit einem resignierten Seufzer und routinierten Handgriffen jedes Mal behebt, ohne den Arbeitsfluss der anderen wesentlich zu unterbrechen.
In „Vom Mut, den Tag zu verschwenden" wurde beschrieben, wie viel Sorgfalt manchmal in scheinbar nebensächlichen, sich wiederholenden Tätigkeiten steckt, die von außen betrachtet monoton wirken. Das Sortieren der Äpfel, Hand für Hand, Kiste für Kiste, ist genau eine solche Tätigkeit, unspektakulär anzusehen, aber entscheidend dafür, dass am Ende nur einwandfreie Früchte den Hof verlassen.
Draußen vor der Halle wartet bereits der nächste Anhänger mit frisch gepflückten Kisten, während gleichzeitig ein leerer Anhänger zurück zur Plantage fährt, um weitere Kisten zu holen, ein ständiger, sich wiederholender Kreislauf zwischen Baumreihen, Sortierhalle und Kühlhaus, der den ganzen Tag über anhält, ohne dass eine einzelne Person diesen gesamten Ablauf allein überblicken müsste.
Die Mosterei
Am Nachmittag führt ein schmaler Weg von der Sortierhalle zu einem kleineren, separaten Gebäude, in dem die aussortierten und überreifen Äpfel zu Saft verarbeitet werden. Schon von außen ist der Geruch deutlich zu erkennen, schärfer, säuerlicher als der Duft der frisch gepflückten Früchte, mit einem leicht gärenden Unterton, der sich mit dem Dampf vermischt, der aus einem der offenen Fenster zieht.
Im Inneren steht eine große, hydraulische Presse, in die gerade eine Ladung geschredderter Apfelmasse gefüllt wird, ein dicker, gelblich-brauner Brei, der beim Pressvorgang unter erheblichem Druck seinen Saft freigibt. Der Betreiber der Mosterei, ein breitschultriger Mann mit apfelsaftbespritzter Schürze, überwacht den Vorgang, während der erste klare, goldgelbe Saft in dünnen Strömen aus der Presse in einen großen Edelstahlbehälter läuft.
Neben der Presse liegt ein Stapel ausgepresster, nun trockener Trester-Scheiben, flache, kompakte Reste der zerkleinerten Äpfel, denen fast aller Saft entzogen wurde. Der Betreiber erklärt, dass dieser Trester nicht weggeworfen, sondern von einem benachbarten Landwirt regelmäßig abgeholt werde, um als Futterzusatz für seine Rinder zu dienen, ein kleiner, wenig beachteter Kreislauf am Rand des eigentlichen Ernterituals, der trotzdem seit Jahren zuverlässig funktioniert.
Der Duft in diesem Raum ist konzentrierter als überall sonst an diesem Tag, intensiv süß, fast berauschend, mit einer leichten Schärfe, die in der Nase kribbelt. Er unterscheidet sich deutlich vom Duft der ganzen Frucht draußen zwischen den Bäumen, dichter, unmittelbarer, weniger fein abgestuft, dafür umso durchdringender, sobald man die Tür zur Mosterei öffnet.
Der Betreiber füllt eine kleine Probe des frisch gepressten Safts in einen Becher, reicht ihn einem der wartenden Erntehelfer, der gerade seine letzte Kiste des Tages abgeliefert hat. Der Mann trinkt in kleinen Schlucken, nickt anerkennend, tauscht ein paar Worte über die diesjährige Süße des Braeburn-Safts, die seiner Einschätzung nach besser sei als im letzten Jahr, bevor er den leeren Becher zurückgibt und sich auf den Heimweg macht.
In einem Nebenraum der Mosterei steht bereits eine kleine Abfüllanlage bereit, an der ein zweiter Mitarbeiter den bereits kurz erhitzten, haltbar gemachten Saft in schlanke Glasflaschen füllt, jede mit einem kurzen, zischenden Geräusch verschlossen, sobald der Deckel mit der Verschließmaschine aufgesetzt wird. Die Flaschen wandern anschließend über ein kleines Förderband durch ein Wasserbad, das sie langsam wieder abkühlt, während sich außen an jeder Flasche für einen Moment feiner Dampf niederschlägt, bevor er wieder verdunstet.
In Zustände geht es um genau solche Übergänge, bei denen aus vielen kleinen, unabhängig voneinander ausgeführten Handgriffen am Ende etwas Neues entsteht, ohne dass eine einzelne Person diesen gesamten Wandel allein hätte herbeiführen können. Die Braeburn-Äpfel, die am Morgen noch als einzelne Früchte an nebelverhangenen Ästen hingen, sind am Nachmittag längst in drei unterschiedlichen Zuständen angekommen, als sortierte Frucht im Kühlhaus, als sich langsam füllender Saft im Edelstahlbehälter, als kleiner, halb aufgegessener Rest im Korb des spielenden Kindes von heute Vormittag.
Draußen vor der Mosterei stapeln sich bereits die ersten leeren Kisten für den nächsten Tag, während die untergehende Sonne einen langen, goldenen Streifen über den Hof wirft, der sich mit dem Dampf aus dem offenen Fenster der Mosterei vermischt, bevor beides gemeinsam in der einsetzenden Abendkühle verblasst.
Der Vorarbeiter geht ein letztes Mal die Liste an der Wiegestation durch, hakt jeden anwesenden Namen ab, wünscht den letzten verbliebenen Helfern einen guten Feierabend, während sich die Gruppe langsam auflöst, manche zu Fuß, manche mit dem Fahrrad, in Richtung der umliegenden Dörfer. Der Duft von Äpfeln und frisch gepresstem Saft hängt noch lange über dem Hof, auch nachdem die letzten Fahrradlichter in der Dämmerung verschwunden sind, und wird sich, wie an jedem Tag dieser Erntewochen, erst mit dem nächsten Morgennebel wieder erneuern.
Bevor er selbst die Sortierhalle abschließt, geht der Vorarbeiter noch einmal kurz zu einer kleinen Kiste, die er sich morgens beiseitegestellt hat, und nimmt daraus zwei Äpfel, den allerersten, den er heute um kurz nach sieben mit eigener Hand gepflückt hat, und den allerletzten, den ihm ein Erntehelfer vor wenigen Minuten noch gebracht hat. Er legt beide nebeneinander auf die schmale Fensterbank der Halle, wo bereits eine kleine Reihe verblasster, eingetrockneter Äpfel aus den vergangenen Erntetagen dieser Saison liegt, jeder Tag ein eigenes Paar. Diese stille Geste, erzählt er einem der Helfer, habe schon sein Vater so gehalten, ohne dass es je eine besondere Erklärung dafür gegeben hätte, außer dass man auf diese Weise sehe, wie ein Tag begonnen und wie er geendet habe, nebeneinander, beide inzwischen gleich weit von der eigenen Ernte entfernt. Dinge, an denen Erinnerung haftet, sind auch das Thema von „Ricordo Vivo“.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.