Die Grammatik der Rituale.
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Ombra Celeste Magazin
Manchmal reicht ein einziger vertrauter Duft, um sich an einem völlig fremden Ort für einen Moment zuhause zu fühlen.
Das Fläschchen
Der Koffer steht noch halb offen auf dem Gepäckständer, die Reißverschlüsse noch nicht ganz zugezogen, während die Hand bereits gezielt in die vordere Tasche greift, an eine Stelle, an der das kleine, immer gleiche Fläschchen seit Jahren denselben festen Platz hat. Es ist eine Handcreme in einer schmalen Aluminiumtube, das Etikett an den Ecken leicht abgegriffen, der Verschluss mit einer Kruste aus getrockneter Creme, die sich nie ganz entfernen lässt, egal wie sorgfältig sie abgewischt wird.
Noch bevor irgendetwas anderes aus dem Koffer geräumt wird, bevor die Kleidung in den Schrank gehängt oder das Handtuch im Bad ausgetauscht wird, wird eine kleine Menge dieser Creme auf die Handrücken aufgetragen, verrieben, bis sie vollständig eingezogen ist. Diese Reihenfolge hat sich über viele Reisen hinweg von selbst eingerichtet, ohne dass sie je bewusst festgelegt worden wäre, ein erster, fast automatischer Handgriff in jedem neuen Zimmer.
Der Duft, der beim Öffnen der Tube freigesetzt wird, eine Mischung aus Sheabutter und einem leichten, kaum süßlichen Ton, den sich nicht genau bestimmen lässt, ist in jedem Hotelzimmer, jeder Ferienwohnung, jedem Gästezimmer exakt derselbe, unabhängig davon, wie unterschiedlich der jeweilige Raum sonst riecht, nach frischer Farbe, nach fremdem Waschmittel, nach einer Klimaanlage, die gerade erst angesprungen ist.
Ein einziger vertrauter Duft kann einen fremden Raum augenblicklich in zwei Hälften teilen.
In den Sekunden, in denen die Creme einzieht, verändert sich spürbar etwas an der Wahrnehmung des Zimmers, das eben noch vollständig fremd war, mit unbekannten Möbeln, einem unvertrauten Blick aus dem Fenster, einer Matratze, deren Härtegrad sich erst noch zeigen muss. Der Duft legt sich wie eine dünne, unsichtbare Schicht über all das Fremde, ohne es zu verändern, aber ohne dass es dieselbe vollständige Fremdheit behält wie in den Sekunden zuvor.
Diese Handlung dauert selten länger als eine halbe Minute, ein kurzer Griff, ein Auftragen, ein Verreiben, dann wird die Tube wieder zugedreht und in die Reisetasche zurückgelegt, griffbereit für den nächsten Morgen, an dem sich derselbe Ablauf wiederholt, an einem Ort, der inzwischen schon ein wenig vertrauter geworden ist, aber immer noch nicht das eigene Zuhause.
Was diese kurze Handlung von einer bloßen Pflegeroutine unterscheidet, ist ihr Zeitpunkt. Sie geschieht nicht irgendwann während des Aufenthalts, sondern konsequent zuerst, noch bevor irgendetwas anderes im Zimmer arrangiert wird, als müsste zunächst dieser eine, vertraute Duft gesetzt werden, bevor der Raum überhaupt als bewohnbar empfunden werden kann.
Am Ende dieser kurzen Minute steht ein Zimmer, das äußerlich unverändert geblieben ist, dieselben fremden Möbel, derselbe unbekannte Ausblick, aber innerlich, für die Person, die es gerade betreten hat, ein Stück weit weniger fremd, markiert durch einen Duft, der an keinem anderen Ort der Welt fehlt, solange dieses eine kleine Fläschchen dabei ist.
Was der Duft im Körper auslöst
Der erste Atemzug, der diesen vertrauten Cremeduft in einem fremden Raum aufnimmt, löst eine Reaktion aus, die sich deutlich von der sonstigen Anspannung des Ankommens unterscheidet. Die Schultern, die während der Anreise, im Flugzeug oder im Zug, meist über Stunden in einer leicht angespannten Haltung verharrt haben, sinken in diesem Moment merklich ab, noch bevor irgendetwas anderes im Zimmer inspiziert wurde.
Der Puls, der bei der Ankunft an einem neuen Ort oft leicht erhöht bleibt, aus einer diffusen Wachsamkeit gegenüber der unbekannten Umgebung, beginnt in den Sekunden nach dem Auftragen der Creme spürbar zu sinken, nicht abrupt, sondern in einem kurzen, aber deutlichen Nachlassen, das sich über die folgende Minute fortsetzt, während die Hände noch den letzten Rest der Creme verreiben.
Was hier geschieht, ist keine bewusste Entspannungstechnik, sondern eine unmittelbare körperliche Reaktion auf ein wiederkehrendes Signal, das der Körper aus unzähligen früheren Reisen kennt. Derselbe Duft, dieselbe Textur auf der Haut, dasselbe leichte Klebrigkeitsgefühl in den ersten Sekunden nach dem Auftragen, all das zusammen scheint dem Nervensystem mitzuteilen, dass trotz der fremden Umgebung ein bekannter Anker vorhanden ist.
Der Körper unterscheidet zwischen völliger Fremde und Fremde mit einem vertrauten Punkt darin.
Diese Wirkung tritt auch dann ein, wenn der jeweilige Ort objektiv angenehm ist, in einem schönen Hotelzimmer, mit gutem Blick, freundlicher Einrichtung. Selbst dort bleibt in den ersten Minuten eine spürbare Unruhe, die erst mit dem Auftragen der Creme merklich nachlässt, als würde der Duft eine Funktion übernehmen, die selbst eine ansprechende Umgebung allein nicht erfüllen kann.
Die Hände selbst, die während der Anreise oft ohne bestimmte Beschäftigung waren, ständig am Gepäck, an Dokumenten, am Telefon, finden in diesem kurzen Moment des Eincremens eine erste, sinnliche Aufgabe, die nichts mit organisatorischen Notwendigkeiten zu tun hat, sondern rein der eigenen Beruhigung dient, ohne dass dies je als Ziel formuliert worden wäre.
Am Ende dieser kurzen körperlichen Reaktion bleibt ein Zustand, der sich von der ersten Anspannung beim Betreten des Zimmers deutlich unterscheidet, ruhiger, geerdeter, bereit, sich mit dem Auspacken und Einrichten des restlichen Aufenthalts zu beschäftigen, ohne die diffuse Wachsamkeit, die kurz zuvor noch spürbar war.
Warum gerade diese Creme
In jedem Hotelzimmer stehen meist eigene, kleine Pflegeprodukte bereit, Shampoo, Duschgel, manchmal auch eine Bodylotion, sorgfältig arrangiert im Bad, mit ansprechenden Düften, die speziell für diesen Zweck komponiert wurden. Keines dieser bereitgestellten Produkte übernimmt jedoch die Funktion, die dem eigenen, mitgebrachten Cremefläschchen zukommt, so hochwertig die Hoteldüfte im Einzelfall auch sein mögen.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Qualität, sondern in der Konstanz. Ein Hotelduft wechselt von Ort zu Ort, von Kette zu Kette, manchmal sogar von Zimmer zu Zimmer innerhalb desselben Hauses. Die eigene Handcreme dagegen riecht an jedem Ort der Welt exakt gleich, unabhängig davon, ob das Zimmer in einer Großstadt oder an einem abgelegenen Ort liegt, ob es luxuriös oder schlicht eingerichtet ist.
Diese Unveränderlichkeit macht die Creme zu etwas, das sich von allem anderen im Zimmer unterscheidet. Möbel, Bettwäsche, Ausblick, all das ändert sich mit jedem neuen Ort, aber dieser eine Duft bleibt gleich, ein fester Punkt inmitten ständig wechselnder Umgebungen, auf den sich der Körper verlassen kann, egal wie unterschiedlich die äußeren Bedingungen sonst ausfallen.
Was sich niemals ändert, wird auf Reisen zum wertvollsten aller Anker.
Ein ähnliches Prinzip von Beständigkeit inmitten wechselnder Umgebungen findet sich auch in Abendritual des Ankommens beschrieben, dort allerdings bezogen auf das eigene Zuhause: dass gerade kleine, unveränderliche Elemente eines Rituals die eigentliche Stabilität schaffen, unabhängig davon, wie sich die Umgebung im Übrigen verändert.
Andere Reisende verlassen sich auf ähnliche, aber unterschiedliche Anker, ein bestimmtes Kissen, ein Parfum, eine bestimmte Musik beim Einschlafen. Was all diese Rituale verbindet, ist nicht das jeweilige Objekt selbst, sondern das Prinzip dahinter: ein einziges, konstantes Detail, das über alle wechselnden Orte hinweg gleich bleibt und dadurch eine Art beweglichen, mitreisenden Ankerpunkt bildet.
Am Ende zeigt sich, dass die eigentliche Qualität dieser Creme weniger mit ihrer Textur oder ihrem Duft im objektiven Sinn zu tun hat als mit ihrer Zuverlässigkeit, ihrer Eigenschaft, sich niemals zu verändern, während praktisch alles andere auf einer Reise ständig neu und ungewohnt ist.
Eine bestimmte Reise
Ich erinnere mich an ein Hotelzimmer in einer fremden Stadt, in dem die Anreise sich über den ganzen Tag gezogen hatte, verspätete Züge, ein falsch gebuchtes Zimmer, das erst nach längerer Diskussion an der Rezeption korrigiert wurde, und schließlich, spät am Abend, ein kleines, funktionales Zimmer im obersten Stockwerk, dessen Fenster auf eine Hauswand gegenüber blickte.
Der Koffer wurde an diesem Abend kaum richtig ausgepackt, zu erschöpft war der Tag verlaufen, um sich noch um Ordnung zu kümmern. Doch der erste Handgriff, noch bevor die Schuhe ausgezogen wurden, war derselbe wie immer, das Fläschchen aus der vorderen Tasche, die Creme auf den Handrücken, verrieben in denselben, tausendfach wiederholten Bewegungen.
In diesem Moment, inmitten eines Tages, der eigentlich nur aus Verzögerungen und kleinen Ärgernissen bestanden hatte, kehrte für wenige Sekunden ein Gefühl von Vertrautheit zurück, das sich schwer erklären lässt, aber deutlich spürbar war, eine kurze Unterbrechung der allgemeinen Erschöpfung, ausgelöst allein durch diesen einen, immer gleichen Duft.
Manche Reisetage bleiben nicht wegen ihrer Ereignisse in Erinnerung, sondern wegen eines einzelnen, stabilen Moments darin.
An diesen speziellen Abend wird seither nicht wegen der Zugverspätung oder des Zimmerwechsels gedacht, sondern wegen dieses einen kurzen Moments am Fenster, mit den eingecremten Händen, während draußen die fremde Hauswand im letzten Licht des Tages langsam dunkler wurde. Diese Art der Erinnerung, die sich nicht an ein Ereignis, sondern an einen Zustand hängt, findet sich auch in der Grammatik, die unter Zustände beschrieben wird.
Auch die Art, wie dieser eine Duft seither mit ganz unterschiedlichen Reisen verbunden bleibt, findet sich in Ricordo Vivo wieder: eine Erinnerung, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist, sondern sich bei jeder neuen Reise, an jedem neuen Ort, erneut einstellen kann, sobald derselbe vertraute Duft wieder auftaucht.
Wer wissen möchte, wie sich solche flüchtigen Reisemomente auch klanglich einfangen lassen, findet dazu eine Ergänzung im Voce Podcast, in dem gerade jene kurzen, kaum erzählbaren Zustände zwischen Erschöpfung und Ankommen eine eigene, hörbare Form bekommen.
Am Ende bleibt dieser eine Abend als fester, aber unauffälliger Bezugspunkt bestehen, kein besonderes Ereignis im eigentlichen Sinn, sondern ein einzelner, kurzer Moment, in dem ein vertrauter Duft mitten in einem schwierigen Tag für wenige Sekunden ein Gefühl von Zuhause geschaffen hat, an einem Ort, der damit objektiv nichts zu tun hatte.
Wenn das Fläschchen leer ist
Es gibt Reisen, auf denen die Tube zur Neige geht, meist gegen Ende eines längeren Aufenthalts, wenn die letzten Tropfen kaum noch ausreichen, um beide Hände vollständig einzucremen. In solchen Momenten wird der verbleibende Rest sorgfältiger dosiert als sonst, mit einem gewissen Bedauern darüber, dass dieser eine, verlässliche Anker bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird.
Ist die Tube schließlich vollständig leer, bevor die Reise zu Ende ist, entsteht in den folgenden Tagen ein spürbarer Unterschied beim Betreten neuer Zimmer. Der gewohnte erste Handgriff bleibt aus, es gibt nichts, wonach gegriffen werden könnte, und das kurze Gefühl der Beruhigung, das sich sonst zuverlässig eingestellt hat, fehlt in diesen Momenten merklich, auch wenn der Rest des Ablaufs, Koffer auspacken, Zimmer einrichten, unverändert bleibt.
Manchmal wird versucht, eine Ersatzcreme aus der örtlichen Drogerie zu kaufen, die ähnlich riechen soll, aber nie wirklich denselben Duft trifft. Diese Versuche zeigen deutlich, wie präzise der Körper zwischen dem echten, vertrauten Duft und einer bloß ähnlichen Annäherung unterscheidet, selbst wenn beide Cremes auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden wären.
Eine Annäherung an das Vertraute ist selten dasselbe wie das Vertraute selbst.
Es gibt auch Reisen, auf denen das Fläschchen versehentlich zuhause vergessen wurde, meist erst bemerkt, wenn die Hand schon in der leeren Reisetasche nach etwas sucht, das nicht da ist. Dieser Moment des Fehlens fällt deutlicher auf als jedes andere vergessene Reiseutensil, weil er sich nicht einfach durch einen Ersatzkauf beheben lässt, sondern über die gesamte restliche Reise hinweg als kleine, wiederkehrende Lücke spürbar bleibt.
Nach der Rückkehr, sobald wieder Zugriff auf das ursprüngliche Fläschchen besteht, zeigt sich die Bedeutung dieses kleinen Rituals besonders deutlich in dem fast erleichterten Gefühl, mit dem die erste Anwendung zuhause wieder geschieht, obwohl zuhause eigentlich kein fremder Ort ist, der eines solchen Ankers bedürfte.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass dieses kleine, unscheinbare Fläschchen, kaum größer als eine Hand, über die Jahre zu einem der verlässlichsten Reisebegleiter geworden ist, weniger wegen seines Inhalts als wegen der Beständigkeit, mit der es an jedem neuen Ort denselben, immer gleichen Moment von Vertrautheit herstellt, bevor irgendetwas anderes über den fremden Raum entschieden ist.
Woher die Creme stammt
Die erste Tube dieser Creme wurde vor vielen Jahren eher zufällig gekauft, in einer Apotheke, kurz vor einer längeren Reise, als eine trockene, rissige Haut an den Händen eine schnelle Lösung verlangte. Es gab keine bewusste Entscheidung für genau diese Marke, keinen Vergleich mit anderen Produkten im Regal, nur eine spontane Wahl unter Zeitdruck, kurz bevor der Zug fuhr.
Auf dieser ersten Reise wurde die Creme mehrmals täglich benutzt, aus rein praktischen Gründen, gegen die zunehmend rissige Haut, die das trockene Klima am Reiseziel verursacht hatte. Erst gegen Ende dieser Reise, beim erneuten Auftragen in einem weiteren, fremden Hotelzimmer, fiel zum ersten Mal auf, wie sehr der immer gleiche Duft inzwischen mit dem Gefühl des Ankommens verbunden war, unabhängig vom eigentlichen Pflegezweck.
Seit dieser ersten Reise wird bei jeder weiteren Fahrt dieselbe Marke nachgekauft, auch wenn die Haut längst nicht mehr so rissig ist wie damals. Der ursprüngliche, praktische Grund für die Wahl dieser Creme ist inzwischen in den Hintergrund getreten, während die eigentliche Funktion, die sie heute erfüllt, eine völlig andere geworden ist, weit entfernt von reiner Hautpflege.
Manche Rituale beginnen aus praktischer Notwendigkeit und enden als etwas völlig anderes.
Es wurde nie versucht, die Rezeptur oder Marke bewusst zu wechseln, obwohl es inzwischen zahlreiche vergleichbare oder sogar hochwertigere Cremes gäbe. Diese Zurückhaltung liegt nicht an mangelndem Interesse an Alternativen, sondern an der klaren Erkenntnis, dass ein Wechsel den eigentlichen Wert dieses Rituals zerstören würde, den spezifischen, unverwechselbaren Duft, der sich über die Jahre so eng mit dem Reisen selbst verbunden hat.
Auf einer einzigen Reise wurde einmal versuchsweise eine andere Marke mitgenommen, weil die gewohnte Tube kurzfristig nicht mehr erhältlich war. Der Unterschied fiel sofort auf, nicht dramatisch, aber deutlich genug, um zu zeigen, wie sehr der Körper an genau diesen einen, spezifischen Duft gewöhnt war und wie wenig eine objektiv ähnliche Alternative dieselbe Wirkung erzielen konnte.
Am Ende zeigt sich, dass der eigentliche Wert dieser Creme längst nichts mehr mit ihrer ursprünglichen Funktion zu tun hat, sondern allein mit der über viele Jahre gewachsenen Verbindung zwischen diesem einen Duft und unzähligen fremden Zimmern, in denen er jedes Mal aufs Neue denselben kurzen, verlässlichen Moment von Vertrautheit hergestellt hat.
Die Rückkehr
Am Ende einer Reise, zurück in der eigenen Wohnung, wird die Tube meist wieder in ihre gewohnte Schublade gelegt, dort, wo sie zwischen den Reisen ruht, unbenutzt, bis die nächste Fahrt ansteht. In der eigenen Wohnung wird sie kaum je verwendet, obwohl nichts dagegen spräche, auch dort gelegentlich zur Handpflege zu greifen. Der Duft ist inzwischen zu eng mit dem Reisen verknüpft, um ihn im vertrauten Zuhause beiläufig einzusetzen.
Interessant ist, dass ein zufälliges Riechen an dieser Creme, etwa beim Aufräumen der Schublade, mitten im eigenen, vertrauten Zuhause, eine eigenartige Wirkung entfaltet, fast entgegengesetzt zu ihrer sonstigen Funktion. Statt Vertrautheit in der Fremde zu erzeugen, ruft sie in diesem Moment eine leise Erinnerung an all die fremden Zimmer wach, in denen sie zuvor benutzt wurde, eine Art umgekehrter Effekt.
Dieses kurze, unerwartete Wiedererleben mitten im Alltag zeigt, wie stark sich ein Duft an einen bestimmten Kontext binden kann, selbst wenn dieser Kontext sich ständig ändert. Nicht ein einzelner Ort wird durch diesen Duft heraufbeschworen, sondern die gesamte Kategorie des Unterwegsseins selbst, verdichtet in einem einzigen, immer gleichen Geruch.
Manche Düfte gehören nicht zu einem Ort, sondern zu einem Zustand des Dazwischenseins.
Es gibt Phasen zwischen zwei Reisen, in denen die Tube monatelang unberührt in der Schublade liegt, ohne dass ihr Duft an Kraft verlieren würde. Beim nächsten Griff danach, kurz vor der nächsten Abreise, wirkt er genauso vertraut wie beim letzten Mal, als hätte die Pause zwischen den Reisen keinerlei Einfluss auf die Verbindung gehabt, die sich über die Jahre aufgebaut hat.
Diese Beständigkeit über lange Zeiträume hinweg, trotz monatelanger Nichtbenutzung, unterscheidet sich deutlich von anderen Ritualen, die eine gewisse Regelmäßigkeit brauchen, um ihre Wirkung zu behalten. Der Reiseduft dagegen scheint an keine feste Frequenz gebunden zu sein, sondern allein an den spezifischen Kontext des Unterwegsseins, der ihn jedes Mal von Neuem aktiviert, unabhängig davon, wie lange die letzte Nutzung zurückliegt.
Am Ende zeigt sich, dass dieses kleine Fläschchen zwei sehr unterschiedliche Funktionen in sich trägt, je nachdem, an welchem Ort es geöffnet wird: In der Fremde schafft es Vertrautheit, im eigenen Zuhause weckt es die Erinnerung an all die Fremde, die zuvor durchquert wurde, zwei Seiten desselben, immer gleichen Duftes.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.