Massive, frontal aufgenommene Beton- bzw. Steinwand im hohen Mittagslicht, flächig und nahezu schattenlos. Die Oberfläche wirkt matt und leicht ausgewaschen, Hitze ist spürbar.

Stehende Gegenwart

Ombra Celeste Magazin


Luft steht. Zeit sammelt sich. An manchen Nachmittagen im August muss niemand mehr etwas tun.

Der Apfelbaum

Unter dem alten Apfelbaum am Ende des Gartens liegt seit dem frühen Nachmittag ein Teppich aus Fallobst, kleine, überreife Äpfel, die zu schwer geworden sind, um noch am Zweig zu bleiben, ihre Haut an manchen Stellen bereits bräunlich verfärbt, an anderen aufgeplatzt, wo der Aufprall auf die trockene Erde eine feine Wunde hinterlassen hat. Der Geruch, der von diesem kleinen, unordentlichen Haufen aufsteigt, ist süß und leicht gärend zugleich, ein Geruch, der zu jedem späten August gehört, ganz gleich, in welchem Garten er auftritt.

Drei, vier Wespen kreisen seit einer Stunde um dieselben Früchte, landen, trinken, fliegen kurz auf, um sich Sekunden später an derselben Stelle wieder niederzulassen. Ihr Summen ist das einzige durchgehende Geräusch in diesem Teil des Gartens, gleichmäßig, fast beruhigend in seiner Wiederholung, kein hektisches Umherfliegen, eher ein träges, satt gewordenes Kreisen, das zur allgemeinen Stimmung des Nachmittags passt wie kaum ein anderes Detail.

Auf der alten Holzbank, deren Lack an mehreren Stellen abgeblättert ist, sitzt seit geraumer Zeit dieselbe Person reglos da. Die Beine sind übereinandergeschlagen, ein Buch liegt aufgeschlagen, aber ungelesen auf dem Schoß, die Seite, bei der es liegen geblieben ist, längst nicht mehr von Interesse. Der Blick folgt stattdessen den Wespen, ihrem Kreisen, ihrem kurzen, entschlossenen Landen, ohne dass sich daran ein Gedanke festmachen würde, der über diese schlichte Beobachtung hinausginge.

Manche Nachmittage beginnen laut, damit sie später still werden können.

Weiter hinten im Garten, wo der Grill schon vor einer Stunde erloschen ist, sitzen noch einige Gäste, ihre Stimmen kaum lauter als das Wespensummen unter dem Baum, Sätze, die weit auseinanderliegen, Pausen, die niemand zu füllen versucht. Von hier aus, unter dem Apfelbaum, wirken sie wie eine andere, entfernte Szene, verbunden nur durch dieselbe, drückende Nachmittagshitze, die über dem ganzen Garten liegt wie eine gemeinsame, unsichtbare Decke.

Was dieser Baum schon gesehen hat

Dieser Apfelbaum steht nun schon seit über zwanzig Jahren an derselben Stelle, gepflanzt, als das Haus noch neu war und der Garten kaum mehr als ein umgegrabenes Rechteck aus Erde. In den ersten Jahren trug er kaum Früchte, ein dünner, unsicherer Stamm, der bei jedem stärkeren Herbststurm zur Seite kippte und wieder aufgerichtet werden musste, gestützt von zwei Holzpfählen, deren morsche Reste sich noch heute, tief im Boden verborgen, irgendwo unter dem Gras befinden dürften.

Ein Foto aus jenen ersten Jahren zeigt ein Kind, das kaum bis zur untersten Astgabel reicht, auf einer viel kleineren Version derselben Bank sitzend, die es damals noch nicht überragte. Dieses Kind ist längst erwachsen, lebt in einer anderen Stadt, kommt nur noch selten zu Besuch, und wenn, dann setzt es sich, wie auch an diesem Nachmittag vor Kurzem geschehen, fast automatisch auf genau diese eine Bank, ohne dass es dafür je eine bewusste Entscheidung gebraucht hätte.

In all den Jahren dazwischen hat dieser Baum unzählige ähnliche Nachmittage getragen, ohne dass sich einer von ihnen besonders vom anderen abheben würde, wäre man nicht selbst dabei gewesen. Geburtstage wurden hier gefeiert, deren genaue Zahl sich schon lange nicht mehr rekonstruieren lässt, ein Sommer, in dem eine Schaukel an jenem dicken Ast hing, dessen Kerbe bis heute im Holz sichtbar ist, ein anderer, in dem der Baum krank wurde und fast gefällt worden wäre, bevor ein Gärtner ihn mit einem gezielten Rückschnitt rettete.

Ein Baum merkt sich nichts, und doch trägt er alles, was unter ihm geschah, in seiner Form.

Diese lange, kaum dokumentierte Geschichte des Baumes lässt sich an keiner einzelnen Stelle ablesen, nicht an der Rinde, nicht an den Ästen, nicht an der leicht schiefen Wuchsform, die vermutlich auf jenen frühen Sturm zurückgeht. Und doch scheint sie irgendwie mitzuschwingen, wenn man lange genug unter ihm sitzt, eine Art stiller Tiefe, die sich nicht auf ein einzelnes Ereignis zurückführen lässt, sondern auf die schiere Menge an Nachmittagen, die sich hier, Jahr für Jahr, auf ganz ähnliche Weise wiederholt haben.

Ein Nachbar, der seit ebenso vielen Jahren im angrenzenden Haus wohnt, erwähnte einmal beiläufig, dass er diesen Baum von seinem eigenen Küchenfenster aus beobachten könne, und dass er im Lauf der Zeit fast unbewusst gelernt habe, an seinem Blühen und Fruchten die Jahreszeiten abzulesen, verlässlicher manchmal als am Kalender. Für ihn war der Baum nie ein Teil des eigenen Gartens gewesen, sondern eine Art stiller, entfernter Nachbar, dessen jährlicher Rhythmus sich ihm über all die Jahre eingeprägt hatte, ohne dass er je einen Fuß in diesen Garten gesetzt hätte.

Diese fremde, distanzierte Perspektive auf denselben Baum wirkte im Nachhinein aufschlussreich. Was für die einen ein Ort ganz konkreter, eigener Erinnerungen war, das Foto, die Schaukel, all die Nachmittage darunter, war für einen Außenstehenden lediglich ein verlässliches, aber unpersönliches Zeichen der Jahreszeit, gleichbedeutend mit den ersten Krokussen im Vorgarten oder dem Laub, das im Oktober die Straße bedeckt. Derselbe Baum, zwei völlig unterschiedliche Arten, ihm zu begegnen, je nachdem, auf welcher Seite des Zauns man aufgewachsen war.

Manche dieser früheren Nachmittage lassen sich noch in einzelnen, verstreuten Bildern abrufen, ein Regenschauer, der alle überraschend unter das dichte Blätterdach trieb, während der Rest des Gartens durchnässt wurde, ein besonders kalter Frühling, in dem die Blüte erst spät im Mai kam, dafür aber so dicht war, dass der ganze Baum für zwei Wochen wie mit Schnee bedeckt wirkte. Andere Nachmittage sind vollständig verblasst, nicht weil sie unwichtig gewesen wären, sondern weil sich zu viele von ihnen zu sehr ähnelten, um einzeln erinnert zu werden.

An diesem einen Nachmittag ließ sich dieses Gefühl besonders deutlich spüren, vielleicht, weil die Erinnerung an das alte Foto erst kürzlich wieder aufgetaucht war, bei einem Umzugskarton, den niemand seit Jahren geöffnet hatte. Das Kind auf dem Foto und die Person, die heute auf derselben, inzwischen deutlich größeren Bank saß, teilten sich denselben Ort, dieselbe Baumart, dasselbe träge Sommerlicht, getrennt nur durch die Jahre, die dazwischenlagen und die sich unter diesem einen Baum seltsam kurz anfühlten.

Ein einzelner Apfel löst sich mit einem dumpfen, kaum hörbaren Geräusch vom Zweig und rollt ein kurzes Stück über den unebenen Boden, bevor er liegen bleibt, direkt neben einem bereits halb von Wespen bearbeiteten Vorgänger. Niemand hebt ihn auf. Er wird liegen bleiben, bis am Abend oder erst am nächsten Tag jemand mit einem Eimer kommt, um das Fallobst einzusammeln, bevor es den ganzen Rasen unter dem Baum überzieht.

Die Rinde des Baumes selbst trägt an mehreren Stellen tiefe, dunkle Furchen, Spuren vieler Jahre, in denen er größer wurde, als es das kleine Grundstück eigentlich zuließ, sodass seine unteren Äste inzwischen fast den Boden berühren, an einer Stelle sogar über den niedrigen Zaun zum Nachbargrundstück ragen. Ein Ast, dicker als die anderen, trägt eine alte, verwitterte Kerbe, in der einmal, vor vielen Jahren, eine Schaukel befestigt gewesen sein muss, deren Seile längst verrottet und entfernt wurden, deren Abdruck im Holz aber geblieben ist.

Ein Marienkäfer bewegt sich langsam über das aufgeschlagene Buch, entlang der bedruckten Zeilen, ohne sich von den schwarzen Buchstaben stören zu lassen, bis er den Rand der Seite erreicht und, kaum wahrnehmbar, die Flügel ausbreitet, um sich in eine andere Richtung des Gartens zu bewegen. Dieser kleine, beiläufige Vorgang beansprucht keine besondere Aufmerksamkeit, wird aber dennoch bis zum Ende verfolgt, so wie an diesem Nachmittag ohnehin fast alles bis zum Ende verfolgt wird, auch das Unbedeutendste.

Von der Terrasse her, weit genug entfernt, um kaum mehr als eine Bewegung zu sein, trägt jemand ein Tablett mit leeren Gläsern zurück ins Haus, die Fliegengittertür fällt mit einem vertrauten, leisen Klappern ins Schloss. Dieses eine Geräusch, so unbedeutend es für sich genommen ist, markiert unter dem Apfelbaum keinen Einschnitt, keine Störung, es reiht sich einfach ein in die übrige, ohnehin schon vielstimmige Geräuschkulisse des Nachmittags, gleichrangig mit dem Wespensummen und dem gelegentlichen Fallen einer Frucht.

Was Warten mit einem macht

Ich saß an diesem Nachmittag lange genug unter diesem Baum, um zu bemerken, wie sich die Art meines Wartens veränderte, ohne dass ich auf irgendetwas Bestimmtes gewartet hätte. Am Anfang, als ich mich mit dem Buch hierhersetzte, war da noch eine vage Absicht, tatsächlich zu lesen, eine innere Uhr, die mitzählte, wie viele Seiten in welcher Zeit vergingen. Nach einer Weile verschwand diese Uhr einfach, ohne dass ich sie bewusst abgestellt hätte.

Was zurückblieb, war eine Art Warten ohne Ziel, ein Zustand, den ich aus dem übrigen Jahr kaum kenne, in dem Warten fast immer auf etwas gerichtet ist, einen Bus, eine Antwort, das Ende eines Meetings. Hier, unter dem Apfelbaum, gab es kein Danach, auf das sich dieses Warten hätte richten können. Es war Warten als eigener Zustand, nicht als Übergang zu etwas anderem.

Diese Art von Zeit, die sich nicht in einen Fortschritt umrechnen lässt, keine Aufgabe erledigt, kein Ziel erreicht, fühlte sich zunächst fast ungewohnt an, fast so, als müsste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich einfach nur dasaß, den Wespen zusah und ein Buch nicht las. Nach einer Weile verschwand auch dieses leise, kaum bewusste Rechtfertigungsbedürfnis, so allmählich, dass ich den genauen Moment seines Verschwindens nicht hätte benennen können.

Manchmal ist die reinste Form von Ruhe die, die keine Rechtfertigung mehr braucht.

Ein Kindheitssommer kam mir in dieser Zeit unwillkürlich in den Sinn, ein ganz ähnlicher Nachmittag unter einem anderen, viel größeren Apfelbaum im Garten meiner Großeltern, an dem ich als Kind stundenlang auf einer Picknickdecke lag, ohne dass mir je langweilig geworden wäre, weil Langeweile damals noch kein Wort für einen Zustand war, in dem einfach nichts geschah. Diese Erinnerung tauchte nicht als Bild auf, eher als eine Art körperliches Wiedererkennen, ein Gefühl, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr so klar gespürt hatte.

Die Wespen unter dem Baum kümmerte all das nicht. Sie setzten ihr Kreisen unbeirrt fort, wechselten gelegentlich die Frucht, an der sie tranken, ohne erkennbares Muster, während die Sonne langsam ihren Stand veränderte und der Schatten des Baumes sich um wenige Zentimeter verschob, kaum merklich, aber stetig, ein zweiter, viel langsamerer Zeiger neben dem raschen der Wespenflügel.

Ich versuchte irgendwann, mir bewusst vorzunehmen, wenigstens eine Seite des Buches zu Ende zu lesen, ein kleiner, fast trotziger Versuch, doch noch etwas von jener Struktur zurückzuholen, mit der der Nachmittag begonnen hatte. Der Versuch scheiterte innerhalb weniger Sätze, nicht aus Erschöpfung, sondern weil die Worte auf der Seite gegen den Sog des Gartens ringsum keine Chance hatten, gegen das Summen, gegen das Licht, gegen die schlichte Tatsache, dass draußen mehr geschah als auf dem bedruckten Papier, selbst wenn dieses Mehr nur aus fallenden Äpfeln und trinkenden Wespen bestand.

Diese kleine, gescheiterte Anstrengung war im Rückblick fast aufschlussreicher als das anschließende, endgültige Aufgeben. Sie zeigte, wie hartnäckig sich der Gedanke hält, dass Zeit produktiv genutzt werden müsse, selbst an einem Nachmittag, der von Anfang an keiner solchen Nutzung bedurft hätte. Erst als auch dieser letzte Rest von Anspruch verschwand, stellte sich jene vollständige, unbeschwerte Ruhe ein, die den restlichen Nachmittag tragen sollte.

Ein Nachmittag ohne Mitte

Was diesen Nachmittag von vielen anderen unterscheidet, ist das Fehlen eines Höhepunkts, eines Moments, auf den alles andere zulaufen würde. Es gab kein besonderes Ereignis, keine Rede, kein gemeinsames Anstoßen mit den Gläsern, das als Zentrum des Tages hätte gelten können. Stattdessen verlief die Zeit gleichmäßig, ohne Steigerung, ohne Abfall, ein einziges, ausgedehntes Plateau zwischen dem Aufstehen am Morgen und dem Zubettgehen am Abend.

Diese Gleichmäßigkeit fällt im Rückblick schwer zu beschreiben, weil sich Geschichten gewöhnlich um einen solchen Höhepunkt herum erzählen lassen, ein Ereignis, das man weitergeben kann. Von diesem Nachmittag lässt sich kaum etwas erzählen, das über die Feststellung hinausginge, dass er still war, warm, voller Fallobst und trägem Wespensummen. Wer nicht selbst dort saß, würde in dieser Beschreibung vermutlich wenig finden, das ihn hätte fesseln können.

Und doch war genau diese Abwesenheit eines Höhepunkts das, was den Nachmittag am meisten trug. Kein Moment musste besonders sein, um wichtig zu sein. Jede einzelne Minute unter dem Baum war gleich viel wert wie jede andere, keine drängte sich vor, keine blieb zurück, ein seltener Zustand von Gleichzeitigkeit, in dem sich nichts vordrängen musste, um bemerkt zu werden.

Ein Nachmittag ohne Höhepunkt ist selten ein Nachmittag ohne Wert.

Weiter hinten am Grilltisch hätte ein Außenstehender vielleicht erwartet, dass irgendwann ein Gespräch lauter wird, ein Streit, ein Lachanfall, irgendetwas, das sich später erzählen ließe. Nichts davon geschah an diesem Nachmittag. Die Gespräche blieben, was sie waren, leise, unterbrochen, ohne Drang, sich zu etwas Größerem aufzuschwingen. Diese Zurückhaltung, dieses bewusste oder unbewusste Verzichten auf jede Form von Dramatik, gehörte selbst zu jener stehenden Gegenwart, die den ganzen Tag prägte.

Am Apfelbaum lösten sich in dieser Zeit zwei weitere Früchte, fielen mit demselben dumpfen Geräusch wie zuvor, rollten ein kurzes Stück, blieben liegen. Die Wespen fanden auch sie innerhalb weniger Minuten, als hätten sie nur auf Nachschub gewartet, ohne dass ihre Anzahl dabei größer geworden wäre. Immer dieselben drei, vier Tiere, immer dasselbe träge, wiederkehrende Kreisen über demselben kleinen Stück Rasen.

Ein Windstoß, kaum merklich, aber deutlich genug, um die obersten Blätter des Baumes leise rauschen zu lassen, zog kurz durch den Garten und trug für einen Moment den Duft des Grills, kalt inzwischen, vom hinteren Teil des Gartens bis zur Bank herüber, vermischt mit dem süßlichen Geruch des Fallobsts zu etwas Drittem, das sich nicht mehr eindeutig einer Quelle zuordnen ließ. Solche kurzen, flüchtigen Vermischungen von Gerüchen gehören zu jedem Spätsommernachmittag, werden aber selten so bewusst wahrgenommen wie an einem Tag, an dem sonst nichts anderes die Aufmerksamkeit beanspruchte.

Irgendwo im Nachbargarten begann ein Rasenmäher zu laufen, ein fernes, gleichmäßiges Brummen, das sich über mehrere Minuten erstreckte, bevor es ebenso unvermittelt wieder verstummte, wie es begonnen hatte. Dieses Geräusch, an einem gewöhnlichen Nachmittag vielleicht störend, fügte sich hier ohne Widerstand in die übrige Stille ein, ein weiterer, entfernter Beweis dafür, dass auch anderswo Menschen ihren eigenen, ganz eigenen Rhythmen an diesem selben Nachmittag folgten.

Wenn das Licht sich neigt

Gegen achtzehn Uhr beginnt sich das Licht im Garten zu verändern, ohne dass ein einzelner Moment diesen Übergang markieren würde. Die Sonne steht deutlich tiefer, wirft lange Schatten der umliegenden Bäume über den Rasen, und der harte, gleißende Ton des frühen Nachmittags weicht allmählich einem weicheren, goldeneren Licht, das auch dem Fallobst unter dem Apfelbaum eine andere Farbe verleiht, dunkler, wärmer, fast reifer, als es am Mittag gewirkt hatte.

Die Wespen ziehen sich in diesem Licht allmählich zurück, ihr Summen wird seltener, dünner, bis irgendwann, ohne dass sich ein genauer Zeitpunkt hätte benennen lassen, keines mehr zu hören ist. Auch der Duft des gärenden Obsts scheint in der kühleren Abendluft weniger intensiv, weniger präsent als noch vor wenigen Stunden, ein Rückzug, der sich ebenso allmählich vollzieht wie das Verschwinden der Wespen selbst.

Das Buch liegt noch immer aufgeschlagen auf dem Schoß, an derselben Seite wie am Nachmittag, unberührt von jedem Vorsatz, es doch noch zu lesen. Irgendwann, während das Licht sich weiter neigt, wird es zugeklappt und neben die Bank gelegt, eine Bewegung ohne größere Bedeutung, kein Eingeständnis, keine Entscheidung, einfach das natürliche Ende eines Zustands, der sich von selbst erschöpft hat.

Was sich langsam neigt, muss nicht bemerkt werden, um sich vollständig zu vollziehen.

Von der Bank aus lässt sich beobachten, wie sich am Grilltisch, weiter hinten im Garten, langsam Bewegung einstellt, Stühle werden zurückgeschoben, jemand steht auf, um eine weitere Kerze anzuzünden, deren kleine Flamme im schwächer werdenden Tageslicht zunächst kaum sichtbar ist. Die Gespräche werden ein wenig lebendiger, nicht laut, aber deutlicher als in den stillsten Stunden des Nachmittags, als würde der beginnende Abend selbst ein wenig mehr Worte verlangen als die drückende Mittagshitze.

Ein letzter Apfel fällt, während die Dämmerung sich über den Garten legt, sein Aufprall auf dem Boden kaum noch von den übrigen Abendgeräuschen zu unterscheiden, dem Klirren eines Glases am fernen Tisch, dem Rascheln einer Serviette im leichten Windzug, der jetzt, mit der Kühle, wieder aufgekommen ist. Der Baum steht still im letzten Licht, seine Äste schwerer als am Morgen, sein Schatten inzwischen so lang geworden, dass er die Bank vollständig einhüllt, auf der niemand mehr sitzt.

Irgendwann, viele Jahre von jetzt an gerechnet, wird vielleicht ein anderes Kind auf einer noch kleineren Bank unter diesem Baum sitzen, ohne von jenem ersten Foto zu wissen, ohne von diesem einen Augustnachmittag zu wissen, an dem ein Erwachsener, der einmal selbst ein Kind auf dieser Bank war, den Wespen zusah und ein Buch nicht las. Der Baum wird davon nichts erzählen können, keine Geschichte, keine Anekdote, nur seine Form, sein Schatten, sein jährliches Fallobst, das genauso zu Boden fallen wird wie an diesem Tag, gleichgültig, wer gerade darunter sitzt und wer nicht. Vielleicht wird auch jenes künftige Kind irgendwann, Jahrzehnte später, auf genau dieser Stelle sitzen und sich an nichts erinnern außer an ein vages, körperliches Gefühl von Vertrautheit, dessen Ursprung es selbst nicht mehr würde benennen können.

Am nächsten Morgen, beim ersten Gang durch den Garten, wird der Boden unter dem Baum übersät sein mit Fallobst, deutlich mehr als am Vortag, jede einzelne Frucht ein stiller Zeuge einer Nacht, die niemand beobachtet hat. Ein Eimer wird geholt werden, die Äpfel eingesammelt, manche noch brauchbar für einen Kuchen, die meisten längst zu weich, zu angeschlagen, um noch etwas anderes zu sein als Kompost. Der Baum selbst wird davon unberührt bleiben, wird im nächsten Jahr wieder blühen, wieder Früchte tragen, wieder einen Nachmittag wie diesen ermöglichen, ohne sich an den vergangenen zu erinnern.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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