Weiches, silbriges Tageslicht fällt über eine helle Fläche und zeichnet einen feinen Lichtstreifen in minimalistischer, stiller Komposition

Über das Vergnügen, nichts zu planen

Ombra Celeste Magazin


Manchmal geschieht das Schönste, wenn niemand es geplant hat.

Ein Sonntag ohne Vorsatz

Der Wecker klingelt an diesem Sonntag nicht, weil ihn niemand gestellt hat. Es wird halb neun, dann neun, dann noch später, und niemand im Haus scheint das zu bemerken oder zu stören. Draußen fällt ein feiner Nieselregen, gerade so viel, dass die Fenster leicht beschlagen, aber nicht so viel, dass es nach Sturm oder Drama aussieht. Ein ganz gewöhnlicher grauer Vormittag, wie es ihn im Norden häufig gibt, ohne dass irgendjemand ihn besonders bemerken würde.

Auf dem Küchentisch liegt noch die Zeitung von gestern, ungelesen, weil am Samstag doch etwas dazwischenkam. Die Kaffeemaschine gluckert, während draußen ein Nachbar mit dem Hund vorbeigeht, beide offensichtlich in keiner Eile, der Hund schnüffelt an jedem dritten Laternenpfahl ausführlich, der Nachbar wartet geduldig, ohne auf die Uhr zu schauen.

Manche Tage beginnen erst richtig, wenn niemand sie beginnen wollte.

Ich habe einmal, an einem ganz ähnlichen Vormittag, beschlossen, den Tag einfach ohne jede Absicht zu lassen. Keine Einkaufsliste, kein Anruf, der erledigt werden musste, keine Werkstatt, die auf mich wartete. Ich saß eine Weile am Küchenfenster, sah zu, wie der Regen unregelmäßige Muster auf die Scheibe zeichnete, und merkte, wie ungewohnt sich das anfühlte – dieses Nichtwissen, was als Nächstes käme.

Zunächst meldete sich ein leises Unbehagen, fast wie eine Frage, die im Hinterkopf nervte: Sollte man nicht wenigstens die Garage aufräumen, den Ölwechsel am Wagen vorbereiten, irgendetwas Sinnvolles tun? Dieses Unbehagen verschwand nach einer Weile von selbst, nicht weil ich es aktiv verdrängt hätte, sondern weil der Regen draußen einfach weiterlief und die Zeit sich dabei erstaunlich still anfühlte.

Ein Buch, das seit Wochen auf dem Nachttisch lag, kam schließlich zur Hand, mehr aus Zufall als aus Plan. Zwei Kapitel später roch es aus der Küche nach Kaffee, den jemand neu aufgesetzt hatte, ohne dass es abgesprochen war. Nichts an diesem Vormittag war besonders, und genau das machte ihn im Rückblick bemerkenswert: dass ein ganz gewöhnlicher Sonntag sich so vollständig anfühlte, ohne dass irgendetwas Bestimmtes geschehen war.

Auf dem Fensterbrett stand noch eine Kerze vom Vorabend, halb heruntergebrannt, das Wachs in unregelmäßigen Bahnen an der Seite hinabgelaufen. Niemand hatte sie ausgeblasen, sie war einfach von selbst erloschen, irgendwann in der Nacht. Ein kleines, belangloses Detail, das an diesem Vormittag trotzdem auffiel, vielleicht weil der Blick an diesem Tag mehr Zeit hatte, überhaupt irgendwo hängenzubleiben.

Gegen elf Uhr klopfte es kurz an der Tür, ein Paketbote mit einer Lieferung, die eigentlich für Montag angekündigt war. Ein kurzer Wortwechsel, ein Nicken, dann war er wieder weg, und der Vormittag schloss sich um diese kleine Unterbrechung herum, als wäre nichts gewesen. Solche winzigen Einschübe stören einen ungeplanten Tag kaum, während sie einen durchgeplanten oft aus dem Takt bringen würden.

Mein Vater, der als Maler in Uetersen lebt, hat mir einmal erzählt, dass er solche unvorhergesehenen Vormittage lange als verlorene Zeit empfunden hat, bis er irgendwann merkte, dass gerade diese Tage oft die produktivsten für sein eigentliches Arbeiten waren, nur eben ohne den Druck, produktiv sein zu müssen. Ein Bild, das er heute noch besitzt, sei genau an einem solchen Vormittag entstanden, an dem er eigentlich nur Farben hatte auffüllen wollen.

Gegen halb zwölf klarte es kurz auf, ein schmaler Streifen Sonnenlicht fiel auf den Küchenboden, wanderte innerhalb weniger Minuten über die Fliesen, bevor die nächste Wolkenbank ihn wieder schluckte. Ich setzte mich für diese kurze Zeit genau in diesen Lichtstreifen, ohne einen bestimmten Grund, nur weil er da war und man solche Gelegenheiten im November nicht oft bekommt.

Der Postbote, der sonst gegen zehn kommt, war an diesem Sonntag natürlich nicht unterwegs, aber sein übliches Klappern des Gartentors fehlte mir für einen Moment fast, als hätte sich mein Ohr längst an dieses kleine Signal des Wochentags gewöhnt. Ohne dieses Geräusch wirkte der Vormittag noch eine Spur stiller, fast wie ein Sonntag im Quadrat.

Der Weg, der einen führt

Gegen Mittag ließ der Regen nach, und ich zog die Jacke über, ohne mir vorzunehmen, wohin ich gehen würde. Die Straße vor dem Haus führte in zwei Richtungen, und ich entschied mich für die, die ich seltener nehme, ohne einen bestimmten Grund dafür zu haben. Nach ein paar hundert Metern bog ich in einen Feldweg ab, den ich seit Jahren kannte, aber selten benutzte, weil er nirgendwo Bestimmtes hinführte.

Der Boden war aufgeweicht vom Regen der letzten Tage, jeder Schritt hinterließ einen leisen Sog, wenn der Stiefel sich wieder löste. Ein Traktor hatte hier vor Kurzem tiefe Furchen hinterlassen, jetzt mit Wasser gefüllt, in denen sich der graue Himmel spiegelte. Ein verwandter Gedanke zu genau diesem Zustand des Gehens ohne festes Ziel findet sich im Beitrag Gehen ohne Richtung.

Ein Weg, den man nicht plant, führt oft genau dorthin, wo man gerade sein sollte.

Ich bin diesem Feldweg gefolgt, bis er an einem alten, halb verfallenen Stall endete, den ich noch nie zuvor bemerkt hatte, obwohl ich seit Jahren in der Nähe wohne. Das Dach war an einer Stelle eingebrochen, Efeu wucherte über die Steine, und ein Vogelschwarm flog aufgeregt auf, als ich näherkam, um sich Sekunden später auf dem Nachbarfeld wieder niederzulassen. Nichts an diesem Fund war spektakulär, aber er existierte erst für mich, weil ich ohne Ziel unterwegs gewesen war.

Auf dem Rückweg nahm ich denselben Weg, aber er wirkte anders, jetzt, da ich wusste, wohin er führte. Das ist vielleicht der eigentliche Unterschied zwischen einem geplanten und einem ungeplanten Spaziergang: Beim zweiten Mal verliert der Weg genau die Offenheit, die ihn beim ersten Mal so interessant gemacht hatte. Man kann sie nicht wiederholen, nur neu suchen, an einem anderen Tag, in eine andere Richtung.

Kurz vor dem Ortseingang stand noch ein rostiger Traktoranhänger am Wegrand, halb im Gras versunken, offenbar seit Jahren nicht mehr bewegt. Auf der Ladefläche hatte sich Regenwasser gesammelt, in dem ein paar Blätter trieben, träge im Kreis gedreht von einem kaum spürbaren Wind. Auch das war eines dieser Details, die man normalerweise übersieht, wenn der Kopf schon beim nächsten Termin ist.

Ein Mann auf einem alten Fahrrad überholte mich langsam, ein Hund lief lose neben ihm her, ohne Leine, offenbar bestens eingespielt auf das Tempo seines Besitzers. Beide verschwanden nach kurzer Zeit hinter der nächsten Kurve, ohne dass ich ihnen bewusst nachgeschaut hätte, und doch blieb das Bild irgendwie hängen, vielleicht wegen der Selbstverständlichkeit, mit der beide durch den Nachmittag zogen.

An einer Kreuzung, an der ich normalerweise automatisch nach links abbiege, weil dort der kürzeste Weg zurück liegt, ging ich diesmal geradeaus weiter, einfach weil sich links plötzlich falsch anfühlte. Der Umweg führte an einem kleinen Teich vorbei, den ich zwar kannte, aber seit Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Zwei Enten schwammen träge Kreise, ihr Kielwasser die einzige Bewegung auf der sonst spiegelglatten Fläche.

Am Rand dieses Teiches stand eine verwitterte Bank, deren Farbe fast komplett abgeblättert war, mit einer kleinen Metallplakette, die an jemanden erinnerte, dessen Namen ich nicht kannte. Ich setzte mich kurz hin, obwohl das Holz noch feucht vom Regen war, und blieb länger sitzen, als ich vorgehabt hätte, einfach weil nichts drängte, wieder aufzustehen.

Was zwischen zwei Momenten entsteht

Zurück im Ort, an der Bäckerei vorbei, stand ein älterer Mann vor der Tür und rauchte, obwohl es drinnen wärmer gewesen wäre. Wir kamen ins Gespräch, über nichts Bestimmtes, über das Wetter, über einen Hund, der an uns vorbeilief. Er erzählte, er komme jeden Sonntag hierher, nicht wegen des Brotes, sondern weil er hier immer irgendjemanden treffe, mit dem sich reden lasse, ohne dass man sich vorher hätte verabreden müssen.

Diese Art von Begegnung lässt sich schwer wiederholen, wenn man sie bewusst sucht. Verabredet man sich, wird aus dem zufälligen Gespräch ein Termin, mit Erwartungen, die vorher nicht da waren. Der Mann vor der Bäckerei wusste das offenbar auch, er sagte, er gehe deshalb nie mit einer bestimmten Absicht dorthin, sondern einfach, weil der Sonntagvormittag eine gute Zeit dafür sei.

Manche Gespräche entstehen nur, weil niemand sie verabredet hat.

Ein Kind auf einem Fahrrad mit Stützrädern fuhr in großen, unsicheren Schlangenlinien über den Bürgersteig, die Mutter ein paar Schritte dahinter, offenbar in keiner Eile, es einzuholen. Solche kleinen Szenen begegnen einem ständig, aber man nimmt sie meist nur wahr, wenn man selbst nicht auf dem Weg zu etwas Bestimmtem ist. Sobald ein Ziel im Kopf feststeht, blendet der Blick automatisch aus, was nicht zu diesem Ziel gehört.

Zu Hause angekommen, roch es nach dem Brot, das ich schließlich doch noch gekauft hatte, mehr aus Gewohnheit als aus Plan. Der Nachmittag lag noch komplett offen vor mir, ohne dass sich das bedrohlich angefühlt hätte. Ein Gedanke dazu, wie man mit sich selbst zurechtkommt, ohne dass jemand anderes den Rahmen vorgibt, findet sich im Beitrag Die Kunst des Bei-sich-Seins.

In der Nachbarschaft hörte man das gedämpfte Geräusch eines Rasenmähers, obwohl der November eigentlich kaum noch Anlass dafür bot, dazu das Klappern eines Fensterladens, der im Wind leicht schlug. Solche Alltagsgeräusche verschwinden sonst im allgemeinen Grundrauschen des Tages, an einem freien Nachmittag aber treten sie einzeln hervor, fast wie kleine Nachrichten aus dem Leben der anderen, die man sonst gar nicht wahrnimmt.

Später am Nachmittag rief ein alter Bekannter an, ohne Anlass, nur um zu fragen, wie es gehe. Ein Gespräch, das vielleicht zwanzig Minuten dauerte, über nichts Wichtiges, über gemeinsame Erinnerungen und ein Treffen, das man schon lange mal wieder machen wollte. Solche Anrufe verlaufen im Alltag oft im Sand, weil man "gerade keine Zeit" hat – an diesem Nachmittag gab es dieses Argument einfach nicht.

Nach dem Telefonat blieb ich noch eine Weile am Tisch sitzen, ohne aufzustehen, während draußen die Dämmerung langsam einsetzte. Ein Vogel setzte sich kurz auf das Fensterbrett, pickte an etwas, das dort offenbar interessant schien, und flog wieder davon, bevor ich mich richtig bewegen konnte. Solche Sekundenbeobachtungen verpasst man fast immer, wenn der Blick gerade woanders beschäftigt ist.

Der Bekannte am Telefon erwähnte beiläufig, er habe seit Wochen ein ähnliches Bedürfnis gehabt, einfach mal jemanden anzurufen, ohne konkreten Anlass, aber irgendetwas habe ihn immer wieder davon abgehalten – eine Nachricht, die noch zu beantworten war, ein Termin, der dazwischenkam. Dass er es an diesem Nachmittag doch getan hatte, führte er selbst auf nichts Bestimmtes zurück, nur auf ein Gefühl, dass es gerade passte.

Nach dem Gespräch fiel mir auf, wie selten solche Anrufe inzwischen geworden sind, verglichen mit früher, als man ohne besonderen Grund beieinander vorbeischaute oder anrief. Die meisten Kontakte laufen heute über kurze Nachrichten, die schnell beantwortet und ebenso schnell vergessen werden. Ein zwanzigminütiges Telefonat ohne Tagesordnung wirkte fast wie ein kleiner Luxus aus einer anderen Zeit.

Die Angst vor der leeren Stunde

Es gibt einen bestimmten Moment an solchen Tagen, meistens früh am Nachmittag, an dem sich eine Art Unruhe meldet: Sollte man nicht etwas aus diesem Tag machen? Diese Frage klingt harmlos, aber sie trägt eine ganze Erziehung in sich, die einem beigebracht hat, dass Zeit ohne erkennbaren Nutzen etwas Verdächtiges an sich hat.

Ich kenne dieses Gefühl gut, diesen kleinen inneren Alarm, der losgeht, sobald mehr als zwei Stunden ohne konkreten Plan vor einem liegen. Früher habe ich diesem Alarm meist nachgegeben, kurz aufgestanden, um "wenigstens etwas zu erledigen", und danach oft festgestellt, dass genau dieses Erledigen den Nachmittag zerschnitten hatte, ohne dass es wirklich nötig gewesen wäre.

Die Unruhe vor der leeren Stunde ist selten ein echtes Bedürfnis. Meistens ist sie nur eine alte Gewohnheit.

Ein Bekannter erzählte einmal, er plane seine freien Tage inzwischen minutiös, jede Stunde belegt, jede Pause fest eingetragen, sogar Zeit zum Entspannen stehe im Kalender. Er wirkte dabei nicht entspannter als andere, eher angespannter, weil jede Abweichung von diesem Plan ihn zu stören schien. Vielleicht war es genau diese Kontrolle, die ihm den Raum nahm, den ein wirklich freier Tag eigentlich bieten sollte.

An jenem Sonntag habe ich die Unruhe diesmal einfach sitzen lassen, ohne ihr nachzugeben. Ich blieb am Fenster, dann auf dem Sofa, dann wieder am Fenster, ohne ein Muster darin zu erkennen. Nach einer Weile verschwand die Unruhe von selbst, nicht weil ich sie überwunden hätte, sondern weil sie offenbar keinen wirklichen Grund hatte, der sie am Leben hielt.

Interessant war, wie sehr sich der Körper an diesem Nachmittag zunächst wehrte gegen das Nichtstun: ein Kribbeln in den Beinen, das nach Bewegung verlangte, ein ständiges Wandern der Gedanken zu Dingen, die "eigentlich" erledigt werden müssten. Erst nach einer knappen Stunde ließ dieses Kribbeln nach, als hätte der Körper endlich akzeptiert, dass an diesem Nachmittag wirklich nichts anstand.

Ein Blick auf das Telefon zeigte zwei ungelesene Nachrichten, beide nicht dringend, beide gut eine weitere Stunde wartbar. Genau dieses Wissen, dass nichts sofort reagiert werden musste, machte den Unterschied zwischen einer echten freien Stunde und einer, die nur so aussah, während im Hintergrund schon die nächste Verpflichtung wartete.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich noch jeden freien Tag im Voraus mit irgendeiner Aktivität füllte, oft schon Tage vorher geplant, aus einer diffusen Angst heraus, sonst etwas zu verpassen oder die Zeit "nicht sinnvoll" zu nutzen. Erst mit den Jahren hat sich das gelegt, nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern eher durch die schlichte Erfahrung, dass die geplanten Tage selten besser waren als die zufälligen.

Draußen wurde es merklich kühler, die Heizung sprang mit einem vertrauten Klicken an, und für einen Moment war das einzige Geräusch im Haus dieses leise Ticken der aufheizenden Rohre. Ein triviales Detail, aber an diesem Nachmittag fiel es auf, einfach weil sonst nichts da war, das lauter gewesen wäre.

Ich dachte kurz darüber nach, wie viele solcher leeren Stunden ich in den letzten Jahren wohl vorschnell beendet hatte, aus genau diesem reflexhaften Unbehagen heraus. Eine genaue Zahl ließ sich nicht schätzen, aber das Gefühl blieb: dass ich mir selbst über Jahre einen Raum verwehrt hatte, der eigentlich die ganze Zeit zur Verfügung gestanden hätte, wenn ich ihn nur zugelassen hätte.

Ein Freund, der als Handwerker arbeitet und seine Wochentage bis in die letzte Viertelstunde durchgetaktet hat, meinte einmal, gerade deshalb schätze er die wenigen wirklich freien Sonntage umso mehr – nicht weil sie selten seien, sondern weil er inzwischen genau wisse, wie schnell auch ein freier Tag sich unbemerkt wieder mit Kleinigkeiten füllen könne, wenn man nicht aufpasse.

Was am Ende des Tages bleibt

Am Abend, als es schon wieder dunkel wurde, ließ sich schwer sagen, was an diesem Tag eigentlich passiert war. Ein Spaziergang zu einem alten Stall, ein kurzes Gespräch vor der Bäckerei, ein halb gelesenes Buch, frisches Brot. Nichts davon hätte sich in einem Terminkalender eingetragen gelassen, und doch fühlte sich der Tag im Rückblick vollständiger an als mancher voll verplante.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert solcher Tage: dass sie sich nicht wiederholen lassen, gerade weil man sie nicht wiederholen kann. Ein geplanter Tag lässt sich fast identisch nachbauen, ein ungeplanter nie, weil seine Qualität genau aus dem Zufall entsteht, den kein zweiter Versuch reproduzieren könnte.

Was sich nicht wiederholen lässt, muss man auch nicht festhalten. Es reicht, dass es einmal war.

Ein Wort für genau solche kaum greifbaren Zustände sammelt das Zustände-Archiv, das seit Langem versucht, Momente wie diesen festzuhalten, obwohl sie sich eigentlich gegen jedes Festhalten sperren.

Am nächsten Morgen kehrte der übliche Ablauf zurück, mit Terminen, Wecker und Liste. Der ungeplante Sonntag hinterließ dabei kein sichtbares Ergebnis, keinen Haken auf einer To-do-Liste, kein abgeschlossenes Projekt. Was blieb, war eher ein Gefühl: dass ein Tag nicht ausgefüllt werden muss, um zu zählen, dass manchmal gerade das Ungefüllte das ist, woran man sich später am längsten erinnert.

Ein Kollege fragte am Montag beiläufig, was ich am Wochenende gemacht hätte, und ich musste kurz überlegen, bevor ich ehrlich antwortete: eigentlich nichts. Er nickte, als hätte er genau das erwartet, und wechselte das Thema, ohne weiter nachzufragen. Vielleicht ist das die unauffälligste Form von Anerkennung, die ein solcher Tag bekommen kann: dass niemand ihn für erklärungsbedürftig hält.

Manchmal denke ich seitdem bewusst an diesen einen Sonntag zurück, wenn ein neuer freier Tag bevorsteht und sich der alte Impuls meldet, ihn sofort zu verplanen. Nicht jedes Mal gelingt es, die Liste einfach liegen zu lassen. Aber es gelingt inzwischen öfter als früher, und jedes Mal, wenn es gelingt, fühlt sich der Tag danach ein kleines Stück vollständiger an als die durchgeplanten davor.

Der halb heruntergebrannte Kerzenstumpf vom Fensterbrett stand am Abend immer noch dort, unangetastet, ein kleines, unspektakuläres Überbleibsel eines Tages, an dem nichts Bestimmtes geschehen musste, damit er zählte. Vielleicht ist genau das der ehrlichste Beweis dafür, dass solche Tage etwas hinterlassen, auch wenn es sich in keiner Liste festhalten lässt: ein Gegenstand, der einfach da stehen bleiben durfte, so wie der ganze Tag einfach da sein durfte.

Ich habe die Kerze ein paar Tage später schließlich doch weggeräumt, ins Regal zu den anderen, halb aus praktischen Gründen. Aber der Sonntag, an dem sie stehen blieb, ist mir länger im Gedächtnis geblieben als so mancher Tag, an dem tatsächlich etwas erledigt wurde.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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