Warum manche Räume nach Erinnerung riechen.
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Ombra Celeste Magazin
Manche Räume tragen etwas in sich, das man nicht sieht, aber sofort spürt.
Der Erker
In der Ecke des Wohnzimmers, dort, wo die Wand einen halbrunden Vorsprung zur Straße hin bildet, steht seit vielen Jahren ein einzelner Sessel, umgeben von einem eingebauten Bücherregal, das bis zur Decke reicht und dessen unterste Fächer sich nur im Sitzen erreichen lassen. Dieser kleine, kaum drei Quadratmeter große Erker hat einen Geruch, der sich von der übrigen Wohnung deutlich unterscheidet, eine Mischung aus altem Papier, warmem Holz und einer feinen, kaum bestimmbaren Staubnote, die sich über die Jahre in den Regalbrettern eingelagert hat.
Wer die Tür zum Wohnzimmer öffnet, riecht diesen speziellen Geruch erst, wenn man sich tatsächlich in Richtung des Erkers bewegt, denn er bleibt weitgehend auf diesen kleinen Bereich beschränkt, als hätte sich dort über die Jahre eine eigene, in sich geschlossene Duftzone gebildet, kaum größer als der Radius, den die Bücher und das Holz um sich herum abgeben. Zwei Schritte davor ist von diesem Geruch noch nichts zu bemerken, im Sessel selbst ist er unübersehbar präsent.
Das Holz der Regale, ein dunkel gebeiztes Kiefernholz, das schon bei der ursprünglichen Einrichtung der Wohnung verbaut wurde, gibt bei wärmerem Wetter einen leicht harzigen Ton ab, der sich mit dem trockenen, leicht süßlichen Geruch alter Buchseiten vermischt. Manche der Bücher in den unteren Fächern stammen aus einer Zeit, in der andere Papierqualitäten und andere Druckverfahren üblich waren, was ihrem Geruch eine eigene, ältere Note verleiht, die sich von neu gekauften Büchern deutlich unterscheidet.
Manche Ecken eines Zimmers führen ein eigenes Leben, unabhängig vom Rest des Raumes.
Im Winter, wenn die Heizung unter der Fensterbank des Erkers läuft, verstärkt sich dieser Geruch spürbar, die trockene, warme Luft scheint die im Holz und Papier gespeicherten Duftstoffe leichter freizusetzen als im Sommer, wenn das Fenster häufiger offensteht und frische Luft von draußen den kleinen, geschlossenen Duftraum durchmischt. Diese jahreszeitliche Schwankung ist so regelmäßig, dass sie sich fast wie eine eigene, kleine Uhr innerhalb der Wohnung lesen lässt.
Der Sessel selbst, mit einem inzwischen an den Armlehnen leicht durchgesessenen Bezug aus grobem, dunkelgrünem Stoff, trägt eine eigene Note bei, kaum wahrnehmbar neben dem dominanten Holz- und Papiergeruch, aber vorhanden, ein Hauch von etwas, das sich am ehesten als die Summe unzähliger Stunden beschreiben lässt, die dort mit einem Buch verbracht wurden, ohne dass sich das in einer einzelnen, benennbaren Duftnote fassen ließe.
Wer sich in diesen Sessel setzt, ein Buch aus dem nächstgelegenen Regal zieht und die ersten Seiten aufschlägt, atmet unweigerlich diesen speziellen Duft mit ein, eine Kombination, die sich in keinem anderen Teil der Wohnung wiederfindet, weder im Schlafzimmer noch in der Küche, obwohl dort ebenfalls Holz und gelegentlich Papier vorhanden sind. Es ist die spezifische Konzentration an diesem einen, kleinen Ort, die den Unterschied ausmacht.
Am Ende eines Nachmittags, den man dort mit Lesen verbracht hat, bleibt dieser Geruch noch eine Weile in der Erinnerung nachhängen, selbst nachdem man den Erker längst wieder verlassen hat, ein feiner, kaum greifbarer Nachhall, der sich erst im Laufe des Abends allmählich auflöst, während andere, alltäglichere Gerüche der Wohnung wieder in den Vordergrund treten.
Was der Geruch im Körper auslöst
Der erste Atemzug, der diesen speziellen Erker-Duft aufnimmt, löst eine Reaktion aus, die sich deutlich von der übrigen Wahrnehmung des Wohnzimmers unterscheidet. Die Schultern, die beim Betreten der Wohnung nach einem vollen Tag oft noch in einer leichten Anspannung verharren, beginnen bereits beim Hinsetzen in diesem einen Sessel spürbar zu sinken, während derselbe Effekt an anderen Sitzplätzen der Wohnung deutlich schwächer oder gar nicht eintritt.
Der Atem verändert sich in diesen ersten Sekunden auf eine Weise, die sich schwer in Zahlen fassen lässt, aber körperlich klar spürbar ist, ein Tieferwerden, das nicht bewusst herbeigeführt wird, sondern sich einzustellen scheint, sobald die Nase den vertrauten Duft aus Holz und altem Papier registriert hat. Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn keine Absicht besteht, tatsächlich zu lesen, sondern der Erker nur kurz durchquert wird, um ein Buch zu holen.
Auffällig ist, wie unabhängig diese Reaktion vom sonstigen Zustand des Tages ist. An besonders anstrengenden Tagen fällt die Entspannung beim Betreten des Erkers oft noch deutlicher aus als an ruhigen, als würde der Körper an solchen Tagen dringlicher nach einem verlässlichen, bekannten Signal suchen, das er in diesem speziellen Duft zuverlässig findet, unabhängig davon, wie sehr die Gedanken noch mit anderen Dingen beschäftigt sind.
Der Körper unterscheidet zwischen gewöhnlichem Wohnraum und dem einen Winkel, den er auswendig kennt.
Diese körperliche Reaktion lässt sich auch daran ablesen, wie sich die Lesegeschwindigkeit in den ersten Minuten im Erker verändert. Zunächst wird oft langsamer gelesen als gewöhnlich, die Augen wandern bedächtiger über die Zeilen, als müsste sich die Aufmerksamkeit erst an diesen speziellen, ruhigeren Zustand gewöhnen, bevor sie sich vollständig auf den Text konzentrieren kann. Erst nach einigen Minuten stellt sich das gewohnte Lesetempo wieder ein.
Vergleichbare Versuche, an anderen Orten der Wohnung mit ähnlicher Konzentration zu lesen, am Küchentisch etwa oder auf dem Sofa im Hauptteil des Wohnzimmers, gelingen selten mit derselben Leichtigkeit. Es fehlt dort offenbar genau jenes Zusammenspiel aus Geruch, Licht und Enge des Raumes, das den Erker zu einem besonders wirksamen Ort für diese Art der Vertiefung macht, unabhängig davon, wie bequem die dortigen Sitzmöbel objektiv sein mögen.
Am Ende einer solchen Lesestunde im Erker zeigt sich regelmäßig ein Körperzustand, der sich deutlich von dem beim Hineinsetzen unterscheidet, ruhiger, konzentrierter, weniger von den Anforderungen des übrigen Tages beansprucht, ein Zustand, der sich nur langsam wieder auflöst, sobald der Erker verlassen und der übrige Alltag der Wohnung wieder betreten wird.
Warum gerade dieser Ort
In der Wohnung gibt es andere Orte, die ebenfalls zum Sitzen und Lesen einladen würden, das große Sofa im Hauptteil des Wohnzimmers, ein Stuhl am Küchentisch, sogar das Bett am späten Abend. Keiner dieser anderen Orte erzeugt jedoch dieselbe Wirkung wie dieser eine, kleine Erker, obwohl die grundsätzliche Handlung, das Sitzen mit einem Buch, überall identisch wäre.
Der entscheidende Unterschied liegt vermutlich in der Kombination aus Geruch und räumlicher Begrenzung. Der Erker ist klein genug, um fast vollständig von den umgebenden Regalen eingefasst zu werden, eine Art Nische innerhalb der größeren Wohnung, die sich sensorisch deutlich von ihrer Umgebung abgrenzt. Diese physische Begrenzung verstärkt vermutlich die Wirkung des spezifischen Duftes, weil er sich in diesem kleinen, fast geschlossenen Bereich stärker konzentriert als in einem offeneren Raum.
Es gibt auch einen zeitlichen Aspekt, der zur besonderen Bedeutung dieses Ortes beiträgt. Der Erker wird seit dem Einzug in diese Wohnung fast täglich genutzt, meist am Abend, für eine halbe bis eine ganze Stunde, über nunmehr viele Jahre hinweg. Diese enorme Wiederholungszahl hat den Duft dieses einen Ortes tief mit dem Zustand des Lesens und des Zur-Ruhe-Kommens verknüpft, auf eine Weise, die kein anderer, seltener genutzter Ort in der Wohnung je erreichen könnte.
Was sich tausendfach wiederholt, prägt sich tiefer ein als jede einmalige, noch so intensive Erfahrung.
Ein ähnliches Prinzip von Vertrautheit durch schlichte Wiederholung findet sich auch in Abendritual des Ankommens beschrieben, dort bezogen auf ein anderes, ebenfalls tägliches Ritual: dass es selten die Intensität eines einzelnen Moments ist, die Vertrautheit erzeugt, sondern die schlichte, unspektakuläre Häufigkeit seiner Wiederholung, über Monate und Jahre hinweg.
Besucher, die zum ersten Mal in diesem Erker Platz nehmen, beschreiben gelegentlich, wie angenehm sie den Geruch dort empfinden, ohne dass sich bei ihnen dieselbe tiefe Wirkung einstellt wie bei der Bewohnerin selbst. Der Duft wird als wohltuend wahrgenommen, aber ohne die zusätzliche, über Jahre aufgebaute Schicht persönlicher Bedeutung, die ihn für die eigene Person zu einem so verlässlichen Ankerpunkt macht.
Am Ende zeigt sich, dass die besondere Wirkung dieses einen Erkers weniger mit seiner objektiven Beschaffenheit zu tun hat als mit der schlichten Tatsache, über tausende Male dort gesessen zu haben, jedes Mal begleitet von demselben, sich kaum verändernden Duft aus altem Papier, warmem Holz und einer feinen Staubnote.
Ein anderer Erker
Ich erinnere mich an einen ganz ähnlichen Winkel in der Wohnung meiner Großmutter, ebenfalls ein kleiner, halbrunder Erker mit eingebautem Regal, in dem als Kind stundenlang gelesen wurde, während draußen der Nachmittag verging. Der Geruch dort war dem heutigen erstaunlich ähnlich, altes Papier, trockenes Holz, aber mit einer eigenen, zusätzlichen Note von Lavendelseife, die im angrenzenden Bad verwendet wurde und durch die nur angelehnte Tür bis in den Erker zog.
Diese Wohnung wurde vor vielen Jahren aufgelöst, nach dem Tod der Großmutter, die Möbel größtenteils verkauft oder verschenkt, der Erker selbst existiert in dieser konkreten Form nirgendwo mehr. Und doch reicht es bis heute, im eigenen, heutigen Erker zu sitzen, um für einen kurzen Moment eine Ahnung jenes früheren Ortes zurückzugewinnen, nicht als klares Bild, sondern als diffuses, körperlich gespürtes Wiedererkennen.
Besonders deutlich wird dieser Effekt an kälteren Wintertagen, wenn die Heizung im eigenen Erker läuft und der Holzgeruch sich verstärkt, fast identisch mit jener Wärme, die früher aus dem alten, mit Kohle beheizten Ofen in der Nähe des großmütterlichen Erkers kam. In solchen Momenten verschwimmt für einen kurzen Augenblick die Grenze zwischen den beiden Orten, obwohl sie durch Jahrzehnte und hunderte Kilometer voneinander getrennt sind.
Manche Räume überleben ihre eigene Existenz, indem sie sich in einem anderen wiederfinden.
Diese Art der Erinnerung, die sich nicht an ein bestimmtes Ereignis hängt, sondern an einen wiederkehrenden, körperlich gespeicherten Zustand, findet sich auch in der Grammatik, die unter Zustände beschrieben wird: kein abgeschlossenes Kapitel, sondern etwas, das sich jederzeit neu einstellen kann, sobald die passenden Bedingungen zufällig wieder zusammentreffen, unabhängig davon, ob der ursprüngliche Ort noch existiert.
Auch die Art, wie ein längst aufgelöster Raum über seinen Geruch weiterhin zugänglich bleibt, obwohl die Möbel verkauft, die Wohnung neu vermietet und selbst das Haus inzwischen anders genutzt wird, findet sich in Ricordo Vivo wieder: eine Erinnerung, die nicht bewusst abgerufen werden muss, sondern von selbst zurückkehrt, sobald ein hinreichend ähnlicher Duft unerwartet wieder auftaucht.
Am Ende bleibt dieser frühere Erker als fester, aber unauffälliger Bezugspunkt bestehen, kein Ort mehr, den man tatsächlich besuchen könnte, sondern ein Zustand, der sich zuverlässig einstellt, sobald die richtige Kombination aus Wärme, Holz und altem Papier im heutigen Erker erneut zusammentrifft.
Wenn der Erker verändert wird
Vor einiger Zeit stand eine größere Renovierung der Wohnung an, bei der auch der Erker zur Debatte stand, neue Regale, ein anderer Bodenbelag, möglicherweise sogar der Wegfall der halbrunden Nische zugunsten eines offeneren Wohnraumkonzepts. Diese Überlegung löste eine überraschend starke Ablehnung aus, deutlich stärker als bei jeder anderen geplanten Veränderung in der Wohnung, begründet nicht in praktischen, sondern in kaum benennbaren, emotionalen Argumenten.
Die Sorge bestand nicht darin, den Sitzplatz selbst zu verlieren, ein bequemer Sessel ließe sich schließlich überall in der Wohnung aufstellen, sondern darin, dass mit neuen Regalen aus anderem Material und einem ausgetauschten Bodenbelag genau jene spezifische Duftkombination verloren gehen könnte, die sich über Jahre in diesem kleinen, begrenzten Raum aufgebaut hat und die sich, wie die frühere Erfahrung mit dem großmütterlichen Erker zeigt, offenbar nicht ohne Weiteres neu herstellen lässt.
Letztlich wurde entschieden, den Erker in seiner ursprünglichen Form zu belassen, die Regale lediglich zu entstauben und leicht nachzuölen, während andere Teile der Wohnung tatsächlich verändert wurden. Diese Entscheidung fiel nicht aus rein praktischen Erwägungen, sondern aus der klaren Erkenntnis, dass der eigentliche Wert dieses Ortes in seiner unveränderten Beständigkeit liegt, nicht in seiner Funktionalität, die sich anderswo ebenso gut hätte herstellen lassen.
Manche Entscheidungen fallen nicht für das, was ein Ort leistet, sondern für das, was er über die Jahre geworden ist.
Im Nachhinein zeigt sich, dass gerade diese eine, scheinbar unwichtige Entscheidung, den Erker unangetastet zu lassen, mehr zur Zufriedenheit mit der gesamten renovierten Wohnung beigetragen hat als viele der tatsächlich umgesetzten, sichtbareren Veränderungen. Der übrige Wohnraum wirkt heller, moderner, funktionaler, aber gerade dieser eine, unverändert gebliebene Winkel trägt weiterhin jene Kontinuität, die sich durch keine Renovierung ersetzen lässt.
Wer wissen möchte, wie sich solche stillen, kaum erzählbaren Bindungen an einen bestimmten Ort auch klanglich einfangen lassen, findet dazu eine Ergänzung im Voce Podcast, in dem gerade jene flüchtigen, schwer benennbaren Zustände zwischen Erinnerung und Gegenwart eine eigene, hörbare Form bekommen.
Am Ende bleibt ein kleiner, drei Quadratmeter großer Erker, der weder besonders wertvoll noch besonders auffällig ist, aber über die Jahre zu einem der verlässlichsten Orte der gesamten Wohnung geworden ist, allein durch die schlichte, beharrliche Wiederholung eines immer gleichen Duftes aus Holz, Papier und einem Hauch von Vergangenheit, die sich mit jedem neuen Nachmittag im Sessel erneut bestätigt.
Der Erker bei anderem Licht
Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch flach durch das Erkerfenster fällt, wirkt dieser kleine Ort deutlich anders als am Abend, wenn nur die kleine Leselampe neben dem Sessel brennt. Das Licht verändert nicht den Geruch selbst, aber die Art, wie er wahrgenommen wird, verschiebt sich merklich, morgens eher frisch und klar, abends dichter, wärmer, fast schwerer, als hätte sich der Duft im Laufe des Tages selbst verdichtet.
Im Sommer, wenn das Fenster tagsüber häufig offensteht, mischt sich für einige Stunden ein weiterer Ton hinzu, der Geruch von warmem Asphalt und Blättern von der Straße, der durch den schmalen Spalt hereinzieht und sich vorübergehend mit dem vertrauten Grundduft aus Holz und Papier verbindet. Sobald das Fenster am Abend wieder geschlossen wird, verschwindet dieser zusätzliche Ton innerhalb weniger Stunden, und der ursprüngliche, geschlossene Duft des Erkers kehrt zurück.
Diese jahreszeitlichen und tageszeitlichen Schwankungen zeigen, dass der Geruch dieses Ortes kein starres, unveränderliches Gebilde ist, sondern ein fortlaufender Prozess, der auf äußere Bedingungen reagiert, ohne dabei seine grundlegende Identität zu verlieren. Selbst mit den zusätzlichen Tönen von draußen bleibt der Erker eindeutig als derselbe, vertraute Ort erkennbar, nur in leicht variierender Ausprägung.
Ein Ort bleibt sich selbst treu, auch wenn er sich mit den Jahreszeiten leicht verändert.
Besonders in der Dämmerung, wenn das Tageslicht nachlässt, aber die Lampe noch nicht eingeschaltet wurde, entsteht im Erker ein kurzer, eigentümlicher Zustand, in dem Sehen und Riechen sich fast die Waage halten. Die Konturen der Bücher verschwimmen leicht, während der Duft aus Holz und Papier in diesen wenigen Minuten besonders klar hervortritt, als würde die nachlassende visuelle Wahrnehmung den übrigen Sinnen mehr Raum überlassen.
Diese Übergangsminuten werden selten bewusst gesucht, stellen sich aber fast automatisch ein, sobald man an einem gewöhnlichen Abend etwas zu lange im Sessel sitzen bleibt, ohne rechtzeitig das Licht einzuschalten. Es ist ein kurzer, unspektakulärer Moment, der dennoch regelmäßig als einer der angenehmsten des ganzen Tages in Erinnerung bleibt, ohne dass sich dafür ein bestimmter, benennbarer Grund finden ließe.
Am Ende zeigt sich, dass dieser eine, kleine Erker über den Tag hinweg mehrere unterschiedliche, aber immer erkennbar verwandte Zustände durchläuft, jeder davon mit einer eigenen, leicht variierten Version desselben Grundduftes verbunden, der trotz aller Schwankungen nie ganz verschwindet und der genau dadurch zu einem der verlässlichsten Bestandteile der gesamten Wohnung geworden ist.
Was von einem Nachmittag bleibt
Ein Buch, das im Erker begonnen wird, entwickelt oft eine eigene, spürbare Verbindung zu diesem einen Ort, die über den reinen Inhalt hinausgeht. Wird dasselbe Buch später an einem anderen Ort weitergelesen, im Zug, im Wartezimmer, im Urlaub, fehlt beim Lesen ein subtiler, aber bemerkbarer Bestandteil, der sonst selbstverständlich dazugehört, jener spezifische Duft, der sich beim ersten Lesen der Anfangskapitel mit den Sätzen selbst zu vermischen scheint.
Bei einem erneuten Aufschlagen desselben Buches, Jahre später, im vertrauten Sessel des Erkers, kehrt neben den eigentlichen Erinnerungen an die Handlung auch eine körperliche Erinnerung zurück, die sich schwer von der ersten trennen lässt: die Erinnerung an das Sitzen selbst, an die Haltung, an die Wärme der Heizung unter dem Fenster, an genau jenen Geruch, der schon beim ersten Lesen präsent war.
Manche Bücher werden dadurch untrennbar mit bestimmten Lebensabschnitten verbunden, nicht wegen ihres Inhalts allein, sondern wegen der Umstände, unter denen sie gelesen wurden. Ein Roman aus einem bestimmten Jahr trägt seither denselben Duft wie der Erker in jenem Winter, während ein anderes Buch, das während einer Reise gelesen wurde, eine völlig andere, unabhängige Duftspur in sich trägt.
Manche Bücher tragen nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch den Geruch des Ortes, an dem sie gelesen wurden.
Diese Verbindung zwischen Lektüre und Ort zeigt sich besonders deutlich bei Büchern, die sich über mehrere Jahre hinweg immer wieder zur Hand genommen werden, gelegentlich nur für ein einzelnes Kapitel, gelegentlich für einen ganzen Nachmittag. Jede dieser einzelnen Sitzungen fügt eine weitere, kaum unterscheidbare Schicht zu jener größeren, kumulativen Erinnerung hinzu, die schließlich Buch und Ort untrennbar miteinander verknüpft.
Am Ende bleibt der Erker nicht nur ein Ort zum Lesen, sondern auch ein stiller Speicher für all die Bücher, die dort im Laufe der Jahre begonnen, fortgesetzt oder beendet wurden, jedes einzelne davon auf seine eigene, unsichtbare Weise mit demselben, sich kaum verändernden Duft aus Holz, Papier und einem Hauch von Vergangenheit verbunden.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.