Abstrakte Farb- und Nebelkomposition im Ombra-Celeste-Stil: kräftige Übergänge von warmem Rot und Orange zu tiefem Grün, Türkis, Blau und Violett, durchzogen von weichen, wolkigen Strukturen und subtiler filmischer Körnung;

Was Gewohnheiten mit uns tun, wenn wir sie nicht wählen.

Ombra Celeste Magazin


Manche Gesten haben keinen Zweck mehr, den man benennen könnte, und werden trotzdem nie ausgelassen.

Die Herdplatte

Die Hand liegt schon auf der Türklinke, der Mantel ist übergezogen, die Tasche über der Schulter, und trotzdem dreht sich der Körper noch einmal zurück in Richtung Küche, drei Schritte, die Handfläche flach auf die vorderste Herdplatte gelegt, kein Druck, nur Kontakt, eine Sekunde, vielleicht zwei. Die Platte ist kalt. Sie war schon kalt, als der Kaffee vor einer Stunde gekocht wurde, und sie ist seither nicht wieder benutzt worden. Das ändert nichts an der Bewegung.

Es gibt keinen Moment, an dem diese Kontrolle tatsächlich etwas findet. Seit Jahren nicht. Und doch fehlt sie an keinem einzigen Tag, an dem die Wohnung verlassen wird, ganz gleich, ob morgens zur Arbeit, abends zu einem Essen, oder nur für zehn Minuten zum Briefkasten unten im Haus. Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Schuhe, Jacke, Schlüssel, dann diese drei Schritte zurück, die Hand auf dem Metall, erst dann die Tür.

Würde man fragen, warum, käme vermutlich eine Antwort über Sicherheit, über die eine Geschichte, die jeder kennt, ein vergessener Herd, ein Unglück, das jemandem passiert ist, weit weg, vor langer Zeit. Diese Antwort wäre nicht falsch, aber sie wäre auch nicht ganz ehrlich. Denn die eigentliche Herdplatte in dieser Wohnung hat eine Kontrollleuchte, die zuverlässig anzeigt, ob sie heiß ist, sichtbar schon von der Küchentür aus. Die Hand auf dem Metall prüft nichts, was die Leuchte nicht längst beantwortet hätte.

Manche Kontrollen kontrollieren nichts mehr – sie bestätigen nur, dass etwas kontrolliert wird.

Es ist die Sekunde selbst, die zu fehlen scheint, wenn sie einmal ausbleibt. An einem Morgen, an dem der Bus draußen bereits sichtbar an der Haltestelle stand und keine Zeit mehr blieb, wurde die Wohnung ohne diese Berührung verlassen, im Laufschritt die Treppe hinunter. Der ganze restliche Weg zur Arbeit war begleitet von einem unterschwelligen, kaum artikulierten Unbehagen, das sich nicht auf die Herdplatte selbst richtete, denn dort war, das wusste man genau, seit Stunden nichts in Betrieb, sondern auf etwas Diffuseres, ein Gefühl, unvollständig aus der Tür gegangen zu sein.

Dieses Unbehagen ließ sich an jenem Tag durch nichts auflösen, keine gedankliche Versicherung, keine Erinnerung an die Kontrollleuchte, kein rationales Argument. Es blieb, bis am Abend die Wohnung wieder betreten wurde und alles unverändert war, genau wie erwartet. Erst mit dem erneuten Betreten, nicht mit dem Verlassen, löste sich die Anspannung, als hätte der fehlende Handgriff am Morgen eine Lücke offengelassen, die erst durch die Rückkehr selbst wieder geschlossen wurde.

Diese Geste lässt sich nicht auf eine einzelne, benennbare Quelle zurückführen. Sie ist älter als jede bewusste Erinnerung an einen Anlass. Sie war schon da, in der ersten eigenen Wohnung, in einer Zeit, in der der Herd ein anderes Modell war, ohne Kontrollleuchte, mit echten, drehbaren Reglern, bei denen ein Blick tatsächlich nicht ausreichte, um sicher zu sein. Damals hatte die Berührung einen praktischen Sinn. Der heutige Herd hat diesen Sinn längst überflüssig gemacht, ohne dass die Geste selbst davon Notiz genommen hätte.

Was bleibt, wenn der ursprüngliche Grund verschwunden ist, aber die Handlung selbst unverändert weitergeht, ist schwer in einen einzigen Begriff zu fassen. Es ist keine Angewohnheit im schlichten Sinn, denn Angewohnheiten lassen sich meist auch bewusst durchbrechen, ohne größere Folgen. Es ist eher etwas, das sich der eigenen Verfügung entzogen hat, während man selbst nicht hinsah, und das seither ein Eigenleben führt, unabhängig davon, ob es noch einen erkennbaren Nutzen hat.

Ein Zimmer ohne diese Sekunde

In Hotelzimmern gibt es meist keinen Herd, keine Platte, an der sich diese Geste wiederholen ließe. Und doch zeigt sich gerade dort, in der Abwesenheit des eigentlichen Objekts, wie tief diese eine, kleine Kontrolle verankert ist. Beim Verlassen eines fremden Zimmers, auf dem Weg zum Frühstück oder zu einem Termin, wandert der Blick unwillkürlich noch einmal zur Steckdosenleiste, an der über Nacht ein Ladegerät hing, obwohl längst alles ausgesteckt und in der Tasche verstaut ist. Es ist dieselbe Bewegung, nur ohne ihr eigentliches Ziel, ein Reflex, der sich ein Ersatzobjekt sucht, wenn das gewohnte fehlt.

Besonders deutlich wurde das auf einer Reise vor einigen Jahren, in einem kleinen Zimmer mit Blick auf einen Innenhof, dessen einzige elektrische Kochmöglichkeit eine winzige, mitgebrachte Reise-Wasserkocherplatte war, die auf der Fensterbank stand. Diese kleine, fremde Platte, kaum größer als eine Untertasse, übernahm für die Dauer jenes Aufenthalts unerwartet die Rolle der heimischen Herdplatte. Jeden Morgen, beim Verlassen des Zimmers, wanderte die Hand dorthin, legte sich kurz auf das kühle Metall, obwohl der kleine Kocher am Vorabend höchstens für zwei Tassen Tee benutzt worden war und längst ausgekühlt sein musste.

Diese unwillkürliche Übertragung auf ein völlig anderes, viel kleineres Gerät zeigte etwas, das sich zuvor nie so klar beobachten ließ: Es geht der Geste nicht wirklich um die spezifische Herdplatte zuhause, sondern um eine allgemeinere Kategorie, etwas Elektrisches, das potenziell heiß werden könnte, kurz vor dem Verlassen eines Raumes. Der Körper sucht sich, wenn das gewohnte Objekt fehlt, das nächstbeste verfügbare, um dieselbe kleine, abschließende Bewegung auszuführen, fast so, als müsste jeder verlassene Raum mit genau diesem einen Handgriff versiegelt werden, unabhängig davon, was darin tatsächlich zu kontrollieren wäre.

Was einem Ort fehlt, sucht sich manchmal einfach einen anderen.

Ein Freund, dem diese Beobachtung einmal erzählt wurde, reagierte zunächst mit einem Lachen, dann aber mit der Bemerkung, dass er selbst eine sehr ähnliche, wenn auch andere Geste kenne: das zweimalige Ziehen an der Türklinke von außen, nachdem die Tür bereits verschlossen wurde, obwohl das Schloss zuverlässig einrastet und sich akustisch klar bemerkbar macht. Auch bei ihm gebe es keinen konkreten Vorfall, an den sich dieser Reflex zurückführen ließe, nur die schlichte Tatsache, dass er ihn nicht auslassen könne, ohne den ganzen Tag über ein unbestimmtes Gefühl der Unvollständigkeit mit sich zu tragen.

Diese Parallele legt nahe, dass es sich nicht um eine besonders seltene, individuelle Eigenart handelt, sondern um ein weiterverbreitetes Muster, das sich in unterschiedlichen Formen zeigt, aber demselben Grundprinzip folgt: eine körperliche Bestätigung, die dort ansetzt, wo eine rein gedankliche oder visuelle Kontrolle bereits ausreichen würde, aber offenbar nicht ausreicht, um jenes kaum spürbare, aber hartnäckige Gefühl der Unsicherheit tatsächlich aufzulösen.

Interessant ist, wie unterschiedlich stark dieses Gefühl je nach Situation ausfällt. In der eigenen, vertrauten Wohnung stellt sich die kurze Unruhe bei einem Auslassen der Geste zuverlässig ein, wie am erwähnten Morgen mit dem Bus. In einem fremden Hotelzimmer dagegen, an einem Ort, der ohnehin nur für wenige Tage bewohnt wird, bleibt ein Auslassen häufiger folgenlos, ohne dass sich ein vergleichbares Unbehagen einstellen würde. Es scheint, als würde die Intensität dieser Kontrollgeste direkt mit der Dauer und Tiefe der Bindung an einen Ort zusammenhängen, nicht mit der objektiven Gefahr, die von ihm ausgeht.

Diese Beobachtung wirft eine Frage auf, die sich nicht ohne Weiteres beantworten lässt: Ob es tatsächlich um Sicherheit im engeren Sinn geht, oder ob die Geste eher eine Art Abschiedsritual gegenüber dem eigenen Zuhause darstellt, ein letzter, kurzer Kontakt, bevor man sich für Stunden von ihm entfernt, unabhängig davon, was dieser Kontakt objektiv überprüft oder bestätigt.

Woher, bleibt offen

Es gäbe die Möglichkeit, in alten Erinnerungen zu graben, nach einem einzelnen, konkreten Ursprung zu suchen, einem bestimmten Tag, einer bestimmten Person, die diese Bewegung vielleicht einmal vorgemacht hat, einer Mutter oder einem Vater, die vor dem Verlassen der Wohnung dieselbe Kontrolle durchgeführt haben. Doch bei genauerem Nachdenken lässt sich kein solcher einzelner Moment festmachen. Es gibt keine erste, erinnerbare Szene, in der diese Geste zum ersten Mal ausgeführt wurde. Sie war irgendwann einfach da, schon vor der ersten eigenen Wohnung, vermutlich schon in der Kindheit, aber ohne einen datierbaren Anfang.

Dieses Fehlen eines klaren Ursprungs unterscheidet die Herdplattengeste von vielen anderen, bewusst erlernten Gewohnheiten, deren Entstehung sich meist noch grob rekonstruieren lässt, ein bestimmtes Jahr, ein bestimmter Anlass, eine bestimmte Phase des Lebens. Hier fehlt dieser Ankerpunkt vollständig. Die Geste existiert einfach, ohne Geschichte, ohne benennbaren Beginn, und genau diese Unauffindbarkeit macht sie in gewisser Weise beunruhigender als andere, deren Ursprung sich immerhin noch erzählen ließe.

Nicht jede tief eingeschriebene Gewohnheit lässt sich bis zu ihrem Anfang zurückverfolgen.

Vielleicht ist es müßig, nach einem solchen Anfang überhaupt zu suchen. Manche Handlungen entstehen nicht aus einem einzelnen, erinnerbaren Moment, sondern aus tausenden kleinen, für sich genommen bedeutungslosen Wiederholungen, die sich erst in ihrer Summe zu etwas verdichten, das sich wie eine feste, unveränderliche Notwendigkeit anfühlt. Der erste Handgriff, ganz am Anfang, war vermutlich genauso beiläufig wie der letzte gestern Morgen, ohne besondere Bedeutung, ohne bewusste Entscheidung, nur eine von unzähligen kleinen Bewegungen, die ein Tag mit sich bringt.

Was bleibt, ist die schlichte Feststellung, dass diese eine, kleine Sekunde vor jeder verlassenen Wohnung weiterhin geschieht, morgen wieder, übermorgen wieder, ohne dass sich absehen ließe, wann oder ob sie jemals aufhören wird. Ein Ende dieser Geste ist genauso wenig vorstellbar wie ihr Anfang rekonstruierbar ist. Sie gehört inzwischen zum Verlassen jeder Wohnung dazu, so selbstverständlich wie das Schließen der Tür selbst, unabhängig davon, ob sich dafür je eine vollständig zufriedenstellende Erklärung finden lässt.

Diese Art von Kontinuität, die weder einen erinnerbaren Anfang noch ein absehbares Ende kennt, findet sich auch in der Grammatik, die unter Zustände beschrieben wird: kein Ereignis mit klarem zeitlichem Rahmen, sondern etwas, das einfach andauert, sich immer wieder neu einstellt, ohne dass ein Beginn oder ein Abschluss dafür benannt werden müsste.

Auch die Art, wie ein Ritual manchmal fortbesteht, obwohl der ursprüngliche, praktische Grund dafür längst verschwunden ist, lässt sich mit dem Gedanken verbinden, der in Rituale, die sich selbst erschaffen, ohne unser Zutun beschrieben wird: dass manche Handlungen sich unabhängig von unserer bewussten Beteiligung selbst am Leben erhalten, allein durch ihre stete Wiederholung.

Was diese eine Berührung der Herdplatte im Kern tatsächlich bedeutet, lässt sich nicht abschließend klären, weder durch eine erinnerte Ursache noch durch eine plausible rationale Erklärung. Sie bleibt, was sie immer war: eine kleine, wortlose Geste kurz vor dem Verlassen eines Ortes, deren Bedeutung sich der Sprache entzieht, während ihre Ausführung sich der Kontrolle entzogen hat.

Andere Hände, andere Platten

Bei einem Umzug half vor einigen Jahren eine Nachbarin beim Tragen der letzten Kartons, und in der Hektik dieses Tages, zwischen Möbelpackern und offenen Türen, fiel eine Beobachtung auf, die zuvor nie bewusst gemacht worden war: Auch sie führte, kurz bevor sie ihre eigene, wenige Türen entfernte Wohnung verließ, eine ganz ähnliche, kurze Berührung an ihrer Herdplatte aus, mit derselben flachen Hand, derselben knappen Sekunde, derselben beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der auch die eigene Geste vollzogen wird.

Auf eine vorsichtige Nachfrage hin bestätigte sie, dass sie diese Bewegung schon ihr ganzes Erwachsenenleben lang mache, ohne sich je ernsthaft gefragt zu haben, warum. Sie erwähnte, dass ihre eigene Mutter dieselbe Kontrolle durchgeführt habe, allerdings mit einer zusätzlichen Variante, einem kurzen Griff an den Reglern selbst, nicht nur an der Platte, eine Geste, die sie selbst nie übernommen habe, obwohl sie sie unzählige Male beobachtet hatte, während die reine Handflächenberührung sich offenbar unabhängig von dieser mütterlichen Version bei ihr eingeprägt hat.

Diese kleine Variation innerhalb einer im Kern ähnlichen Geste wirft ein interessantes Licht auf die Frage, wie solche Muster tatsächlich weitergegeben werden. Es scheint keine exakte Kopie zu sein, kein bewusst erlerntes Verhalten, das sich identisch von einer Generation zur nächsten überträgt, sondern eher eine Art grober Bauplan, eine allgemeine Kategorie von Handlung, die sich bei jeder Person leicht anders ausformt, abhängig davon, welche Details ihr besonders im Gedächtnis geblieben sind und welche nicht.

Was weitergegeben wird, ist selten die exakte Geste, sondern eher ihre grobe Form.

Ein Kollege, dem diese Beobachtung später beiläufig erzählt wurde, reagierte überrascht, weil er zunächst überzeugt war, keine vergleichbare Geste zu kennen. Erst nach einigem Nachdenken fiel ihm ein, dass er beim Verlassen seines Büros regelmäßig noch einmal zum Bildschirm zurückblickt, obwohl der Rechner längst heruntergefahren und das Bild schwarz ist, ein Blick, der objektiv nichts mehr bestätigen kann, aber dennoch jeden Abend ausgeführt wird, bevor das Licht gelöscht und die Tür geschlossen wird.

Diese unterschiedlichen Varianten, die Herdplatte, die Türklinke, der leere Bildschirm, das Ladegerät im Hotelzimmer, teilen eine gemeinsame Struktur, auch wenn ihre konkreten Objekte völlig verschieden sind. In jedem Fall handelt es sich um eine kurze, körperliche Bestätigung an einem potenziell kritischen Punkt, kurz vor dem endgültigen Verlassen eines Raumes, ausgeführt, obwohl eine rein gedankliche oder visuelle Prüfung längst stattgefunden hat und eigentlich ausreichen müsste.

Vielleicht liegt genau darin ein Hinweis auf die tiefere Funktion solcher Gesten. Sie scheinen weniger der tatsächlichen Kontrolle eines Risikos zu dienen als vielmehr der Markierung eines Übergangs, ein letzter, kurzer Kontakt mit einem Ort, bevor man ihn für Stunden verlässt, eine Art körperlicher Punkt am Ende eines Satzes, der ohne ihn unvollständig bliebe, selbst wenn inhaltlich längst alles gesagt wäre.

Wer wissen möchte, wie solche stillen, schwer erklärbaren Übergänge auch klanglich eingefangen werden können, findet dazu eine Ergänzung im Voce Podcast, in dem gerade jene kaum benennbaren Momente zwischen Aufbruch und Zurücklassen eine eigene, hörbare Form bekommen, die sich in Worten nur schwer vollständig fassen lässt.

Ein ähnlicher Gedanke, wie bestimmte körperliche Signale einen Moment markieren, ohne dass der Verstand ihn vollständig erklären könnte, findet sich auch in Der Körper, der weiß, wann ein Moment beginnt, dort bezogen auf den umgekehrten Fall, den Anfang statt das Ende einer Handlung, aber getragen von derselben Grundidee: dass der Körper oft früher weiß als der Kopf, was ein Übergang von ihm verlangt.

Am Ende bleibt die Vermutung, dass diese Art von Geste weniger individuell ist, als sie sich anfühlt. Fast jeder scheint eine eigene Version davon zu besitzen, gebunden an einen jeweils anderen Gegenstand, aber getragen von demselben Bedürfnis, einen Ort nicht einfach zu verlassen, sondern ihn vorher noch einmal, kurz und wortlos, zu berühren.

Wenn die Geste selbst zum Objekt wird

Mit den Jahren hat sich etwas an dieser Handlung verschoben, das erst im Rückblick auffällt. In den ersten Jahren nach dem Einzug in die jetzige Wohnung galt die Aufmerksamkeit noch tatsächlich der Platte selbst, ihrer Temperatur, ihrem Zustand, einer echten, wenn auch überflüssigen Kontrolle. Inzwischen hat sich der Fokus verschoben, weg vom Objekt, hin zur Bewegung selbst. Es ist nicht mehr die Platte, die geprüft wird, sondern die eigene, gewohnte Abfolge, die durchlaufen werden muss, damit sich das Verlassen der Wohnung vollständig anfühlt.

Diese Verschiebung lässt sich auch daran ablesen, wie die Hand die Platte inzwischen berührt, weniger prüfend, mit weniger Aufmerksamkeit für die tatsächliche Temperatur, eher wie ein Ritual, das seinen eigentlichen Gegenstand längst hinter sich gelassen hat und nur noch die eigene Form fortsetzt. Würde man an derselben Stelle stattdessen versehentlich die Arbeitsplatte daneben berühren, statt der eigentlichen Platte, würde vermutlich auch das genügen, um dasselbe Gefühl der Vollständigkeit auszulösen, allein durch die Ausführung der Bewegung an ungefähr derselben Stelle.

Diese Beobachtung wurde nie bewusst getestet, aus einer gewissen Scheu davor, das eigene Ritual absichtlich zu stören, aber die bloße Vorstellung, dass es tatsächlich so sein könnte, verändert den Blick auf die gesamte Geste erheblich. Was zunächst wie eine spezifische, objektbezogene Kontrolle erschien, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen eher als eine Art körperlicher Interpunktion, ein Satzzeichen am Ende des Verlassens, dessen genaue Position weniger wichtig ist als die Tatsache, dass es überhaupt gesetzt wird.

Manche Rituale hören auf, von ihrem Gegenstand zu handeln, und beginnen, nur noch von sich selbst zu handeln.

Ein weiterer, damit verwandter Gedanke betrifft die Frage, was geschehen würde, wenn diese Geste eines Tages tatsächlich unmöglich würde, etwa durch einen neuen Herd mit einer anderen, vielleicht berührungsempfindlichen Oberfläche, die eine flache Handauflage gar nicht mehr sinnvoll zuließe. Vermutlich würde sich, ähnlich wie bei der kleinen Reise-Kochplatte im fremden Zimmer, innerhalb kurzer Zeit ein Ersatzort finden, eine andere Fläche, ein anderer Gegenstand, der dieselbe kurze, wortlose Funktion übernehmen könnte, ohne dass sich am eigentlichen Bedürfnis dahinter etwas ändern würde.

Diese Anpassungsfähigkeit zeigt, dass es tatsächlich weniger um die Herdplatte selbst geht als um das dahinterliegende Prinzip, eine kurze, körperliche Bestätigung kurz vor dem Aufbruch, die sich an nahezu jedem geeigneten Gegenstand in der Nähe der Wohnungstür festmachen ließe. Die Platte ist in diesem Sinn austauschbar, obwohl sie sich, solange sie zur Verfügung steht, absolut unverzichtbar anfühlt, eine paradoxe Kombination aus Beliebigkeit des Trägers und Unverzichtbarkeit der Handlung selbst.

Am Ende bleibt eine Geste, die sich weder vollständig erklären noch folgenlos auslassen lässt, weder auf einen konkreten Ursprung zurückführen noch auf ihren eigentlichen, ursprünglichen Zweck reduzieren lässt. Sie geschieht morgen wieder, an derselben Stelle, mit derselben flachen Hand, aus Gründen, die sich mit jedem Versuch, sie zu benennen, ein Stück weiter zurückziehen, als wäre gerade dieses Nicht-vollständig-Erklärbare der eigentliche Kern dessen, was sie so beharrlich am Leben hält.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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